Erbliche Parlamentssitze: Großbritannien gibt einen Teil seiner Geschichte auf

Auf Initiative der Labour-Regierung wurden erbliche Parlamentssitze im britischen Oberhaus abgeschafft. Das ist jedoch kein Ausdruck demokratischen Bewusstseins, sondern der Versuch, die Institution grundlegend umzubauen – im Sinne der Regierung.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Henry Nicholls

Mit der Sitzungsperiode des britischen Oberhauses endete am 29. April ein Stück britische Geschichte: Künftig wird es im House of Lords keine Parlamentarier mit erblichen Sitzen mehr geben.

Bereits mit dem House of Lords Act von 1999 war die Anzahl dieser sogenannten Hereditary Peers auf 92 reduziert worden. Lediglich 25 dieser Sitze werden in Sitze auf Lebenszeit umgewandelt, die anderen Parlamentarier werden in der nächsten Sitzungsphase nicht mehr vertreten sein.

Kontinentaleuropäern mag diese Eigenheit, die sich in der langen parlamentarischen Tradition des Vereinigten Königreichs herausgebildet hat, absonderlich vorkommen. Konstitutionelle Monarchie hin oder her, warum sollte einem Menschen das Recht auf einen lebenslangen Parlamentssitz qua Geburt zukommen?

So werden viele in der Abschaffung der erblichen Parlamentssitze lediglich eine Verwirklichung von Normen sehen, die sich an Gleichheit und Gleichwertigkeit orientieren.

Doch die Mitglieder des Oberhauses werden ohnehin nicht gewählt. Die meisten von ihnen bestimmt letztlich der Premierminister.

Der Bruch mit dieser 700-jöhrigen Tradition ist also kein Ausdruck demokratischen Bewusstseins. Vielmehr handelt es sich im Gegenteil um Machtfestigung seitens der Regierung, die sich das Oberhaus unterwirft.

Allerdings wird hier nicht nur das politische System umgebaut und demontiert, auch kulturell handelt es sich um Selbstdemontage. Denn dem Adel kam eine durchaus bedeutsame Rolle zu: Als Hüter der historischen Identität.

Adel verpflichtet – ein Anachronismus?

Die Redensart „noblesse oblige“ hat sich nicht umsonst herausgebildet. Zwar sind Angehörige des europäischen Adels in seiner wechselhaften und komplexen Geschichte immer wieder an den Ansprüchen gescheitert, die man an sie gestellt hat.

Doch die Existenz und Formulierung dieser Ansprüche spricht für sich: Adel steht für eine Haltung, die aus Rang und Namen die Verpflichtung zu Dienst ableitet. Ein Dienst, der einerseits verknüpft ist mit der Bindung an die eigene Heimat, die – ähnlich wie beim Bauern – ursächlich auf den Besitz von Land zurückgeht, sich aber nicht darin erschöpft. Zum andern versteht sich dieser Dienst als der eines Sachwalters für kommende Generationen.

Beides sind anachronistische Werte. Die postmoderne Geldelite jettet um die Welt, kauft hier eine Villa und dort ein Anwesen, schlägt aber nirgends Wurzeln. Man lässt sich nicht dort nieder, wo man hingehört, sondern dort, wo die Steuern am niedrigsten sind, die Küche am schmackhaftesten oder das Wetter am besten ist.

Der Hedonismus, der Familie und Nachkommenschaft feindselig gegenübersteht, lässt das eigene kurzfristige Wohlergehen als wichtigsten, manchmal einzigen Parameter erscheinen, den es zu beachten gilt.

Politik ohne Wurzeln – Politik ohne Verantwortungsgefühl

Auch Politik ist vor diesem Hintergrund oftmals kaum mehr als ein weiterer Weg, sich zu profilieren und zu bereichern. Liebe zur Heimat oder zum eigenen Volk wird nicht als selbstverständliche Voraussetzung betrachtet, um einer politischen Tätigkeit nachzugehen, ebenso wenig Weitsicht und Wille, Werte für zukünftige Generationen zu sichern und zu erhalten.

Dass sich die Vorsitzende der Konservativen, Kemi Badenoch, zwar über den Rauswurf der Hereditary Peers beklagt, aber keineswegs verspricht, ihn rückgängig zu machen, zeigt, dass auch die Tories sich in erster Linie von machtpolitischen Erwägungen leiten lassen – stellen sie den Premier, nützt ihnen die veränderte Struktur. Zudem weiß Badenoch, dass sie mit diesem Anliegen ohnehin keine Stimmen sammeln würde.

Denn der Impuls, diese Tradition zu zerstören, wird nicht zuletzt befeuert durch einen Blick auf die europäische Geschichte, der dazu angelegt ist, das eigene Erbe für schädlich und menschenfeindlich zu halten. Und in dieser Lesart spielen Adel und Monarchie als düstere Übeltäter eine wichtige Rolle.

Echte Missstände und Propaganda

Wie gesagt: Immer wieder sind Adlige ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden. Eine kitschig-romantisierende Verklärung, wie sie Serien wie Downton Abbey pflegen, ist weder angebracht noch notwendig. Nicht zuletzt zeigt die Situation in Großbritannien, dass auch unter Mitwirkung der Peers Gesetze erlassen wurden, die die Zukunft der britischen Völker aufs Spiel setzen.

Dennoch lässt sich die Popularität idealisierter Darstellungen kaum übersehen. Man sehnt sich anscheinend nach dem, wofür der Adel stand.

Dass diese Sehnsucht sich kaum politisch äußert, liegt unter anderem daran, dass aufklärerische, revolutionäre und republikanische Propaganda den Anteil des Adels vor allem an sozialen Missständen in Europa durchweg übertrieben dargestellt hat – man denke an die Erfindung des „ius primae noctis“, von dessen historischer Faktizität selbst gebildete Menschen teils fest überzeugt sind; oder auch an den ebenfalls unausrottbaren Satz „Sollen sie doch Kuchen essen“, der die in einem Schauprozess verurteilte und hingerichtete französische Königin Marie-Antoinette bis heute diskreditiert.

Demgegenüber werden die Verdienste dieses Standes als Selbstverständlichkeit hingenommen. Das umfasst nicht nur zahllose Schulen, karitative Einrichtungen und Stiftungen: Wir joggen durch Parks, die es ohne Könige und Adlige nie gegeben hätte, Kulturaffine flanieren durch Gemäldesammlungen und hören Musik, die es ohne das großzügige Mäzenentum des Adels nie gegeben hätte – und wer würde ernsthaft lieber einen sowjetischen Plattenbau besichtigen als ein Schloss?

Durch diese schiefe Darstellung wirkt es elitär und atavistisch, dem Adel eine Daseinsberechtigung zuzuerkennen. Die Abschaffung der erblichen Sitze im Oberhaus scheint da nur folgerichtig.

Der Staat als Beute

Andersherum wird genau gegenteilig verfahren: Es wird einfach ignoriert, dass es keineswegs blaublütiger Herkunft bedarf, um sich den Staat zur Beute zu machen.

Pikanterweise gilt dies auch für die von der Labour-Partei vorangetriebene Abschaffung der Erb-Parlamentarier. Denn bislang stellten ausgerechnet sie ein unabhängiges Gegengewicht zur reinen Parteipolitik dar. Nun werden, bis auf die Lords Spiritual, also die im Oberhaus vertretenen anglikanischen Bischöfe, sämtliche Mitglieder des Oberhauses durch ein Verfahren bestellt, das dem jeweiligen Premier untersteht. Dieser kann nun die Zusammensetzung noch stärker nach den eigenen Präferenzen steuern – ein „Griff nach der Macht“, wie Kritiker bemängeln, zugunsten der jeweils regierenden Partei.

Viele Europäer leiden seit Jahrzehnten unter Politikern, die raffgierig, gewissenlos und voller Verachtung für das eigene Volk Raubbau an den Ressourcen und an der Zukunft des eigenen Landes betreiben.

Die eigenen Privilegien abzubauen, kommt dieser Kaste so wenig in den Sinn, wie einst Adligen, deren Privilegien sich überlebt hatten.

Betrachtet man die Bilanz der Zerstörung, die etwa Deutschland heimgesucht hat, so ist auch bei hiesigen Politikern häufig kein gesteigertes Verantwortungsgefühl für die Bevölkerung und ihre Zukunft wahrnehmbar.

Demokratie und Gleichheit sind eben nicht per se Garanten für eine politische Ordnung, die sich dem Wohl der Bevölkerung verpflichtet fühlt, auch wenn die Profiteure sich gern als alternativlos darstellen.

Historische Erinnerung: Erst getilgt, dann überschrieben

„Ein Land, das seine Geschichte vergisst, vergisst seine Verantwortung“, versucht Charles Courtenay, der 19. Earl of Devon, im Interview mit Channel 4 einem Journalisten zu vermitteln, der ihm ins Wort fällt und nicht dazu in der Lage scheint, dem scheidenden Hereditary Peer zuzuhören.

Die Erb-Parlamentarier waren ein lebendiges Stück Geschichte, das den Gesetzgebungsprozess mitgestaltet, und auf die Verantwortung des Parlaments über parteipolitische Erwägungen hinaus hingewiesen hat. Dieses Stück Geschichte wird nun zur bloßen Erinnerung und über kurz oder lang keine Wirksamkeit mehr entfalten.

Das ist auch angesichts der Islamisierung des Vereinigten Königreichs ein beunruhigendes Signal: Eine Überschreibung der historischen Erinnerung wird signifikant erleichtert, wenn diese Erinnerung bereits aus eigenem Antrieb getilgt wird.

Für Deutsche, die diesen Vorgang auf den britischen Inseln beobachten, ist es wohl kaum tröstlich, dass auch andere Nationen ihr Erbe willentlich aufgeben und geschichtslos in die Zukunft streben.

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Rasparis
1 Stunde her

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