Die chinesische Wirtschaft verharrt in der Deflation. Die sinkenden Preise sind Ausdruck des demografischen Wandels sowie politisch erzeugter Überkapazitäten am Immobilienmarkt und in der Industrie. Als Druckventil fungiert der Exportsektor, der politisch allerdings unter Druck gerät. Auch die Europäer versuchen, ihre Industrie vor Dumping-Exporten zu schützen.
IMAGO / NurPhoto
Chinas wirtschaftlicher Aufschwung manifestiert sich in seiner beeindruckenden Infrastruktur, im enormen urbanen Wachstum und in seinen technologischen Kapazitäten. Seit dem vergangenen Jahr ist auch statistisch nachweisbar, dass das Land inzwischen zum Kapitalexporteur geworden ist und selbst die jahrzehntelang überlegene deutsche Industrie in ihren Kernsektoren technologisch überholt hat. Doch über allem Glanz schwebt das Damoklesschwert einer anhaltenden Deflation.
Die chinesische Wirtschaft steckt nun im dritten Jahr in einem Umfeld fallender Preise fest. Im Schlussquartal des vergangenen Jahres sank der sogenannte GDP-Deflator um weitere 0,7 Prozent, wie Bloomberg berichtete.
China’s GDP deflator fell -0.7% in Q4 2025, marking the 11th consecutive quarterly decline, the longest streak in at least 30 years.
China has been in deflation for 3 consecutive years now, the longest stretch since… pic.twitter.com/djmyEZCsai
— The Kobeissi Letter (@KobeissiLetter) February 14, 2026
Der Deflator misst die durchschnittliche Preisveränderung aller im Inland produzierten Güter und Dienstleistungen und setzt das nominale ins Verhältnis zum realen Bruttoinlandsprodukt – eine präzisere Inflationsmessung als willkürlich zusammengestellte Verbraucherpreisindizes, die Preisveränderungen häufig nicht repräsentativ abbilden.
Das hat Folgen für den Arbeitsmarkt und verfestigt die vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Arbeitnehmern. Ein Problem für die kommunistische Führung in Peking, deren zentrales Versprechen lautet: Ihr verzichtet auf politische Partizipation, wir sorgen für stetig wachsenden Wohlstand.
Fabrik- und Erzeugerpreise, gemessen am PPI, sind seit 40 Monaten in Folge rückläufig. Die Wirtschaft baut nur langsam jene Überkapazitäten ab, die im Zuge politischer Interventionen zur Stabilisierung der Konjunktur – insbesondere nach der globalen Finanzmarktkrise 2008/2009 – aufgebaut wurden.
Konjunkturmaßnahmen und Stabilisierungspolitik
Dass sich die globale Ökonomie nach dem großen Schock vor anderthalb Jahrzehnten vergleichsweise rasch erholte, war vor allem der Entscheidung Pekings zu verdanken, den Immobiliensektor ins Zentrum der binnenwirtschaftlichen Stabilisierung zu stellen. Der Aufbau von rund 65 Millionen leerstehenden Wohneinheiten – etwa 21 Prozent des gesamten chinesischen Immobilienbestands – stabilisierte nicht nur kurzfristig die Binnenkonjunktur.
Er wirkte sich zugleich erheblich auf die globale Nachfrage nach Rohstoffen und Energie aus. Davon profitierten klassische Rohstoffstaaten in Südamerika und im Nahen Osten, für die der chinesische Nachfrageimpuls eine willkommene Unterstützung im Kampf gegen die eminente Schuldenkrise bedeutete.
Seit 2005 verstärkten zudem Zinssenkungen und Maßnahmen zur Ausweitung des Bankenkredits die Blasenbildung an den Immobilienmärkten. Diese entlädt sich bis heute in wiederkehrenden Insolvenzen innerhalb des Sektors und in fallenden Immobilienpreisen. Massive Hypothekenausfälle belasten die Bilanzen des privaten Bankensektors, der dadurch immer wieder in den Fokus der chinesischen Wirtschaftspolitik gerät und neue Stabilisierungsmaßnahmen erzwingt.
Das Fiatgeld-Problem
Fallende Preise in einer Wettbewerbsökonomie sind im Grundsatz Ausdruck von Effizienzgewinnen und kommen den Konsumenten zugute. So sollte es auch sein. Doch in einem Fiat-Kreditgeldsystem, in dem Geld durch neue Kreditschöpfung quasi aus dem Nichts entsteht, wirken sinkende Preise wie ein tödlicher Schlag für die Schuldenmaschine. Kredite müssen samt Zinsen zurückgeführt werden; bei Deflation jedoch schrumpfen Geldmenge und nominale Einnahmen. Schuldner geraten buchstäblich in Bedrängnis, weil jene Erlöse, die die Zinslast tragen sollen, fallen. Die Ökonomie gleitet in eine Bilanzkrise mit sinkendem Cashflow.
Die wiederkehrenden Kreditblasen treffen im Übrigen auch die Sparer. Wer sein Vermögen ausschließlich in Bargeld oder in Anlagen des Geldmarkts hält, muss erleben, wie seine Kaufkraft durch die fortwährende Ausweitung der Kreditmenge wie ein Eisblock in der Sonne dahinschmilzt.
Exportsektor als Druckventil
Die chinesische Politik hat sich sichtbar in eine klassische Fiat-Geldfalle manövriert. Es muss ihr gelingen, einerseits Luft aus den zahlreichen Kreditblasen – etwa am Immobilienmarkt – entweichen zu lassen und zugleich durch gezielte Interventionen sowie eine präzise Steuerung der Kreditvergabe den Kollaps einzelner Branchen zu verhindern, ohne, dass die heimische Währung dabei in eine Vertrauenskrise abrutscht. Ist eine Volkswirtschaft erst einmal in dieser Interventionsspirale angekommen, gibt es im Grunde keinen Ausweg mehr, ohne weitreichende Schocks zu riskieren.
Mit dieser Politik spielt Peking die internationale Konkurrenz förmlich an die Wand – Wettbewerber, die häufig weder über vergleichbare fiskalische Mittel verfügen noch in der Lage sind, Löhne und Gehälter per Dekret festzulegen, wie es in China möglich ist. Die Folgen sind unübersehbar. Chinas Handelsbilanzüberschuss durchbrach im vergangenen Jahr erstmals die magische Marke von einer Billion US-Dollar und erreichte 1,189 Billionen US-Dollar – rund ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts.
Die Reaktion der amerikanischen Führung, mit massiven Zollbarrieren den chinesischen Exportmotor aus der eigenen Volkswirtschaft zurückzudrängen, bleibt nicht ohne Auswirkungen auf andere Regionen der Welt, etwa auf den europäischen Binnenmarkt. Dieser fungiert inzwischen gewissermaßen als Ersatz-Dumpingground für China, was zu erheblichen Spannungen zwischen Brüssel und Peking beiträgt. Auch der Konflikt um chinesische Exportkontrollen bei Seltenen Erden – einem Bereich, in dem das Land eine globale Dominanzposition innehat – ist Ausdruck dieser zunehmend aufgeheizten Entwicklung.
Chinas innenpolitische Verwerfungen übersetzen sich damit unmittelbar in wirtschaftspolitische Komplikationen in Deutschland, wo die heimische Automobilindustrie unter dem Druck der chinesischen Konkurrenz und den selbstverursachten Problemen im Energiesektor zunehmend in die Knie geht. Es hat den Anschein, als würden uns Handelskonflikte auf die Dauer begleiten. Bereits im Juli des vergangenen Jahres verabschiedete das Europäische Parlament Gegenmaßnahmen wie Exportbeschränkungen für strategische Güter, von denen die chinesische Wirtschaft abhängig ist – etwa Solarpaneele oder Wechselrichter.
Seit Oktober wird zudem die Einführung von Sachzöllen, also Abgaben auf kritische Rohstoffe bei Exporten, geprüft. Strafzölle sowie der Ausschluss chinesischer Unternehmen von strategisch wichtigen Beschaffungsmärkten sollen in das strategische Instrumentarium der europäischen Handelspolitik aufgenommen werden.
Inwieweit diese Strategie angesichts der offenkundigen Abhängigkeit Europas von ausgewählten Importen aus China trägt, bleibt abzuwarten. Und ob es klug war, sich zugleich auf einen dauerhaften Konflikt mit der amerikanischen Regierung einzulassen, erscheint vor dem Hintergrund der harten Linie Pekings mehr als fraglich.




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Nur wer nicht weiß, dass die sehr schnell wachsende Wirtschaft mit Schulden erkauft wurde, wundert sich über den möglichen Einbruch wenn die Zinsen infolge Inflation steigen müssen. Die Löhne in China sind kaum die Ursache; denn diese liegen im Durchschnitt bei 1.450 Dollar pro Monat. Die Konzerne in den Ballungsräumen bezahlen auch umgerechnet rund 2.000 Dollar. Es sind mithin die Zinsen die in Bälde auch in China steigen müssen.
Der Artikel ist unlogisch und fehlerhaft. Deflation kann nicht zur Vermögensschrumpfung bei Bargeldhaltern führen, im Gegenteil. Die EU hat auch nicht den Export von Solarzellen begrenzt, sondern allenfalls den Import. Richtig ist lediglich, daß Deflation die Entschuldung von Kreditnehmern erschwert.
Es gibt keine Deflation.
Es gibt eine totale Marktsättigung.
Alle Elektrospielereien sind überall angekommen und niemand braucht sie mehr.
Die Schlangen vor den Applestores,um das neueste Smartphone zu bekommen, sind längst Vergangenheit.
Nahrung und nur das,zählt heutzutage, wird ständig teurer…
Überproduktion infolge mangelnden Absatzes ist immer Deflation, weil die Unternehmen die Preise senken müssen und dies auch tun!
das verzinste Schuldgeldsystem zeigt seine häßliche Fratze. Egal in welcher Ökonomie. Die Amis haben jahrzehntelang sehr gut davon gelebt. Die Chinesen haben erkannt dass sie sich von den amerikanischen Staatsschuldenschrott distanzieren müssen. Daraus folgt dass die Amis ihre Staatsschuldenpapiere mangels anderer Abnehmer ihre Papiere jetzt selbst kaufen müssen. Da kommt aber Freude bei den amerikanischen Bürgern auf. Inflation die man bisher exportieren konnte bleibt jetzt im Land. Die BRICS handeln in den eigenen Landeswährungen. Sie brauchen den Dollar nicht mehr. Gold und Rohstoffdeckungen sind angesagt. Das bisherige Vertrauen in den Dollar schwindet rasant. Das einzige worauf man bisher vertrauen konnte… Mehr
Die strategische Zerstörung der westlichen Industrie ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass es den Chinesen am Ende egal sein kann. Es gibt kein Zurück mehr. Und da Menschenwürde in China ohnehin keine Rolle spielt, wird sich die Regierung im Ernstfall entsprechende Maßnahmen einfallen lassen um Umsatz zu erzwingen. China ist ein riesiges Geheimprojekt, selbst solche Nachrichten können eine falsche Fährte sein. Niemand wird jemals erfahren, was dort tatsächlich passiert. Selbst in China nicht.
Als sich Deutschland Jahrzehnte lang den Papporden für den Exportüberschussweltmeister ans Revers heften durfte, war man hierzuland jedesmal ganz aus dem Häuschen. Jetzt, wo man selbst die bittere Medizin schlucken muss, sind plötzlich alle ganz empört.
> Der Deflator misst die durchschnittliche Preisveränderung aller im Inland produzierten Güter und Dienstleistungen und setzt das nominale ins Verhältnis zum realen Bruttoinlandsprodukt
Lieber sinkende Preise als hohe Inflation wie 2022 in Westeuropa und aktuell zunehmend wieder.
So einfach ist es nicht.
Sinkende Preise und eine damit verbunde Kaufzurückhaltung sind für die Wirtschaft wesentlich schädlicher, als eine moderate Inflation.
Für die Wirtschaft, aber nicht für die Konsumenten …
Vor allem nicht bei bestimmten Produkten ausserhalb der sogen Luxusgüter. Wobei die Unerschwinglichkeit z.B. bei Nahrungsmitteln und Energie das eine ist, das Ausbleiben von z.B. Medikamenten das andere. Wobei gut Alimentierte resp “ Gesunde“ hier vermutlich gelassener bleiben. Der „Rest“ kann ohnehin weg.
Die Freude des Konsumenten könnte aber ganz schnell in böses Erwachen umschlagen. Spätestens dann, wenn er wegen Unrentabilität seinen Arbeitsplatz verliert, wird ihm der Gedanken kommen, dass das mit dem Spekulieren auf immer weiter fallende Preise doch keine allzugute Idee gewesen sein könnte.
> als eine moderate Inflation.
2022 gab es in etlichen Ländern Westeuropas um 15-20%, das nennen Sie „moderat“? Viele Ersparnisse wurden weitgehend pulverisiert.
Wenn Öl und Gas dieses Jahr bereits 60% teurer wurden (und es geht weiter), wird die Inflation nicht „moderat“ bleiben.
Der Unterschied zwischen Inflation wegen einer ausgeweiteten Geldmenge und Teuerung wegen eines zu knappen Angebots, scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben.