Wie die arabische Welt den Iran-Krieg sieht

Warum übersieht die „antiimperialistische“ Sicht des Westens den tatsächlichen iranisch-religiös-totalitären Imperialismus? Für die meisten Araber ist Irans Politik des Terrors, der Netzwerke, der Stellvertreter und Einflusszonen nichts anderes als Kolonialismus. Warum blendet der Westen diese Perspektive konsequent aus?

IMAGO / Avalon.red

TE dokumentiert in Abständen außereuropäische Sichtweisen auf den Krieg im Iran, um zur vorherrschenden deutschen, aber auch europäischen bzw. westlichen Darstellung eine Alternative zu bieten. Diese westliche Sicht ist mehrfach polarisiertem Licht vergleichbar, das nach den Filtern, mit deutlich verringerter Energie, nur noch auf einer Ebene und in einer gleichen Frequenz schwingt. Die in den USA lebende Marokkanerin Zineb Riboua, Analystin für den Nahen Osten, China und Russland beim Hudson Institute, beschreibt die im Westen negierte arabische Sicht.

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Die westliche Berichterstattung über den iranischen Krieg ist fast ausschließlich die iranische Darstellung. In dieser Darstellung ist die Islamische Republik ein zu Unrecht angegriffenes Land. Die Berichte schildern weitgehend den iranischen Widerstand, was Iran behauptet, was Iran erleidet und womit Iran zu drohen wagt. Kein Wort darüber, dass der terroristische Gottesstaat tausende seiner eigenen Leute von Terrorabteilungen, die in der Regel keine Iraner sind, abschlachten und hinrichten lässt, dass er den ganzen Nahen Osten mit seinen von ihm finanzierten Terrornetzwerken kolonialisiert, und kein Wort darüber, dass er der Hauptsponsor von Terroraktivitäten weltweit ist.

Die Darstellung der westlichen Medien fehlt, aber nicht nur das, es fehlt auch die Sicht der arabischen Welt. Einer Welt, die seit vierzig Jahren beobachtet, wie die Islamische Republik systematisch ihre institutionellen, theologischen und kulturellen Grundlagen untergräbt.

Was der Westen nicht sehen will

Für die linke westliche Sicht ist der Iran ein Land, das sich gegen die amerikanische Hegemonie auflehnt. Ein schlichtes Bild, das gut in vertraute westliche antikoloniale Denkmuster passt. Ein Bild, das an Universitäten und Schulen, finanziert unter anderem vom Iran, verbreitet wird. Die Sichtweise und die Erfahrungen der Menschen im Libanon, Irak, Jemen, Bahrain, Syrien und im gesamten Golfraum, spielen dabei keine Rolle. Sie kommen in dieser Betrachtung überhaupt nicht vor. Denn dort
 bedeutet die iranische Präsenz Terror. Es bedeutet, dass die Hisbollah den libanesischen Staat kontrolliert, es bedeutet im Irak den Terror von vom Iran finanzierten und gelenkten bewaffneten Gruppen und dass die Terrorgruppen der Huthi den Revolutionsgarden unterstanden, während sie von jemenitischem Boden aus auf arabische Zivilisten schossen. Kein ernsthafter arabischer Beobachter würde in Verbindung mit dem Iran von Freiheit sprechen. Er würde von systematischer Unterminierung arabischer Souveränität durch eine ausländische Macht, die unter dem Deckmantel islamischer Solidarität ein imperial geprägtes Projekt verfolgt, sprechen.

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Das iranische Terrorregime hat in vielen Ländern des Nahen Ostens parallele Staatsstrukturen aufgebaut. Es kontrolliert die dortigen Finanzsysteme und hat eine politische Führung, deren Existenz vollständig von Teheran abhängt, installiert. Die Menschen in diesen Ländern, meist Araber, erleben das als koloniale Besatzung. Sie nehmen die Angriffe der Amerikaner und Israelis auf den Iran deshalb als eigene Befreiung wahr. Nirgends wird die Absurdität westlich woken Wollens deutlicher als hier. Der linke Westen, beseelt von seinem angeblichen anitkolonialistischen Kampf, sieht diese iranischen Netzwerke als legitimen Widerstand gegen den westlichen Imperialismus, übersieht aber den tatsächlich iranischen Kolonialismus und legitimiert ihn in seiner naiven Ahnungslosigkeit auch noch. Der Iran stellt deshalb, auch für arabische Nationalisten, eine größere und unmittelbarere Bedrohung dar als Israel.

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Diese arabische Sicht der Dinge kontrastiert deshalb mit der antijüdischen westlich-linken Sicht zusammen. Für diese ist seit Jahrzehnten ausschließlich Israel für alle Probleme im Nahen Osten verantwortlich und mit dem Verschwinden Israels würde dort Frieden einkehren. Eine Sichtweise, die derjenigen, die sie ständig behaupten bekämpfen zu wollen, verblüffend gleich ist. Wenn westliche Regierungen oder Gesellschaften sich gegen Israels Maßnahmen gegenüber dem Iran stellen, glauben sie, an der Seite der arabischen Welt zu stehen. Nichts ist falscher. Sie vertreten tatsächlich die Position der Feinde der arabischen Welt.

Die arabische Welt sieht deshalb etwas vollkommen anderes als der Westen. Die arabische Welt sieht, wie die vom iranischen Terrorstaat über Jahrzehnte aufgebauten Stellvertreter-Netzwerke zerfallen. Sie sieht die überraschende militärische Stabilität einiger Golfstaaten, die trotz massiver Angriffe ihr ziviles Leben aufrechterhalten können.
 Sie sieht die reale Möglichkeit, dass arabische Staaten erstmals seit einer Generation ohne äußere Einmischung regieren könnten.

Die USA und Israel – von linken westlichen Medien grundsätzlich als Unterdrücker dargestellt – werden von Teilen der arabischen Öffentlichkeit zunehmend differenzierter gesehen. Sogar als Kräfte, die eine Art Erleichterung bringen und die den iranischen Terror, unter dem zuallererst die Araber litten, besiegen könnten.

Würde der Westen den Nahen Osten wirklich verstehen wollen, muss er diese Perspektive berücksichtigen. Auch wenn es allen lieb gewonnenen schlichten links-woken Erklärungsversuchen widerspricht.

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Kommentare ( 4 )

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Thorsten Maverick
4 Stunden her

Da fehlt aber komplett die religiöse Komponente, die auch beim Konflikt um Israel so gut wie nie berücksichtigt wird. Die Araber sind größtenteils Sunniten, Persien wird von Schiiten beherrscht, die von weiten Teilen der Bevölkerung als Besatzer empfunden wird. Sunniten und Schiiten sind verfeindet, sehen sich gegenseitig als Abtrünnige an, die bekämpft werden müssen. Es gibt im Orient aber auch noch zig andere Gruppen, von Schiiten und Sunniten als Kuffar und damit minderwertig angesehen. Insbesondere gibt es arabische Christen, die nur in Israel frei leben können. Linke einschließlich der Nationalsozialisten waren immer antiamerikanisch, gegen die Freiheit, gegen Israel und die… Mehr

Kassandra
4 Stunden her

Danke für diese Betrachtung.
Hilfreich scheint mir tatsächlich auch der Artikel in wikipedia über den Iran – der verdeutlicht, wie sich das Regime versteht und wie es agiert – samt der Bestrafung anders Denkender: https://de.wikipedia.org/wiki/Iran
Insbesonders die Absätze, ab denen die Politik beschrieben wird, scheinen grundlegend.
Dass der Islamstaat Iran aber mit der Bildung der Umma innerhalb der angrenzenden Länder begann und damit stark in deren Innenpolitik eingriff, das war mir neu.
.
Danisch schreibt von jüngsten Betätigungen am weltweiten Aktienmarkt, worüber, wie es scheint, Erträge generiert werden: https://www.danisch.de/blog/2026/04/18/der-oelpreis/#more-74576

Marcel Seiler
7 Stunden her

Die Darstellung dieses Artikels halte ich für glaubwürdig und richtig. Dieser Sichtweise zufolge sollte die arabische Welt erheblich aktiver in den Krieg gegen den Iran eintreten, als sie es bisher tut. Sie sollte nicht einfach Israel und die USA die militärische Drecksarbeit für sie machen lassen.

Retlapsneklow
9 Stunden her

Der Westen blendet doch andere expansionistische Bestrebungen gar nicht aus. Er blendet seine eigenen aus – und kommt nicht auf die Idee, dass die Gegenreaktionen die Antwort darauf sind.

Wer nicht vereinnahmt werden will, muss Puffer schaffen. Sonst würde er isoliert. Das ursächliche Problem ist der, der damit ohne Not anfängt, und nicht weiß, was er tut.