Tumulte vor Keller-Gefängnis in Kiew – Selenskyjs Präsidialamtsleiter muss vermitteln

Die Video-Clips gehen über Social-Media-Kanäle um die Welt: Ein Teenager taumelt nahe Kiew aus einem bisher geheimen Gefangenenlager der Armee ins Freie, die Augen starr vor Schock. Die Augenzeugen dieser Szenen sind außer sich, Kiew spricht von russischer Propaganda.

War bei den Tumulten vor Ort: Kyrylo Budanow, der Leiter des Präsidialamtes von Wolodymyr Selenskyj.
War bei den Tumulten vor Ort: Kyrylo Budanow, der Leiter des Präsidialamtes von Wolodymyr Selenskyj.

In Petropawliwska Borschtschahiwka, nur 20 Kilometer westlich vom Stadtzentrum von Kiew, versammelten sich in der Nacht auf heute zahlreiche Zivilisten vor einem Gebäude, in dem Angehörige der Nationalgarde stationiert waren. Es kursierten Berichte, Dutzende Männer würden dort rechtswidrig festgehalten und schwer misshandelt – die ukrainischen Behörden widersprechen diesen Behauptungen, zugleich räumten sie aber ein, dass vier Soldaten verletzt worden seien und nun medizinisch untersucht werden müssen.

Die auch auf der Social-Media-Plattform X veröffentlichten Video-Clips von Augenzeugen sind jedenfalls keine Werbung für die ukrainische Regierung und Armeeführung: Ein in Decken gewickelter Jugendlicher muss gestützt werden, als er aus dem Keller kommt, sein Blick ist starr in den Himmel gerichtet – ob er tatsächlich in diesem Kellergewölbe gefangen gehalten wurde, kann derzeit nicht objektiv geklärt werden. Andere Rekruten haben offensichtliche Verletzungen im Gesicht. Trotz allem bleibt die Regierung der Ukraine dabei, dass dieser Vorfall von Russland als Propaganda-Aktion geplant gewesen sei.

Armee spricht von Deserteuren

Das 1. Korps der bekannten „Asow“-Einheit bestätigte dann aber, dass sich in dem Gebäude tatsächlich Soldaten befanden: Es handelte sich um Männer, die erst vor kurzem mobilisiert worden waren und auf ihre weitere militärische Verwendung warteten. In den Kellergewölben seien aber auch Soldaten untergebracht gewesen, die nach einem unerlaubten Verlassen ihrer Einheit aufgegriffen und zu ihrem Truppenteil zurückgebracht worden seien. Diese Deserteure hätten auf die Zuteilung zu neuen Einheiten gewartet.

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Der Kommandeur der Nationalgarde, Oleksandr Piw­nenko, erklärte laut kyivindependent, vier Soldaten hätten tatsächlich medizinische Hilfe benötigt und seien nun in ein Militärkrankenhaus gebracht worden. Der Kommandeur wies den Vorwurf von Misshandlungen zurück, er kündigte aber eine Überprüfung des Falls an. Auch die Nationalgarde betonte, dass die Verletzungen der vier Männer untersucht würden und weitere Informationen folgen sollten.

Die Lage vor dem bisher geheimen Stützpunkt eskalierte dann aber: Nach Berichten von Journalisten des kyivindependent warfen Teilnehmer Eier auf Polizisten und Nationalgardisten, sie beschädigten Fahrzeuge und durchbrachen eine Absperrung, um zum Gebäude zu gelangen. Die Einsatzkräfte reagierten mit Tränengas und mit Warnschüssen in die Luft. Ein Bus, der etwa ein Dutzend Soldaten abtransportieren sollte, wurde beschädigt: Demonstranten versuchten offenbar, die Abfahrt zu verhindern.

Sanitäterin flehte um Zugang zum Keller

Nach Angaben der Polizei hatte eine Betreiberin des privaten Rettungsdienstes „Med-Prestige“ die ersten Vorwürfe gegen die ukrainische Armee vor diesem Stützpunkt erhoben. Video-Clips auf X zeigen die Sanitäterin, wie sie vor den Wachsoldaten kniete – sie flehte darum, zu den Verletzten durchgelassen zu werden.

Die Frau wurde als 49-jährige Mitarbeiterin einer Klinik für plastische und ästhetische Chirurgie identifiziert. Ihr wird nun vorgeworfen, falsche Informationen über die Armee verbreitet zu haben.

— NEXTA (@nexta_tv) November 2, 2026

Selenskyjs Präsidialamts-Leiter vor Ort

Dass dieser Vorfall vor dem Keller der Armee für die ukrainische Staatsführung alles andere als ein kleiner Tumult war, zeigte auch das Erscheinen eines der engsten Mitarbeiter von Wolodymyr Selenskyj bei diesem Armee-Stützpunkt: Am späten Abend war auch Kyrylo Budanow, der Leiter des ukrainischen Präsidialamtes, vor dem Keller-Areal. Gegenüber dem Nachrichtenportal UNIAN erklärte er, er sei gekommen, um zu klären, „was hier eigentlich wirklich los ist“. Nach seinen Angaben befanden sich zu diesem Zeitpunkt 14 Soldaten in dem Gebäude. Der Abtransport verletzter Männer sei, so Budanow, durch die Blockade der Demonstranten behindert worden. Gegenüber dem Sender Channel 24 kritisierte Budanow deutlich die aktuelle Situation vor Ort.

Auch Innenminister Iwan Wyhivskyj schaltete sich ein: Er ordnete eine amtliche Untersuchung an, bei der nicht nur die Gerüchte über eine angebliche Geiselnahme, sondern ausdrücklich auch die Haftbedingungen geprüft werden sollen, unter denen die Soldaten in dem Gebäude untergebracht waren. Familienangehörige erhielten nach Angaben des Ministers die Möglichkeit, mit den Männern zu sprechen, außerdem ist dann auch medizinisches Personal in das Gebäude gelassen worden.

Die Regierung in Kiew steht nun massiv unter Druck, so sind zwei zentrale Fragen noch immer nicht klar beantwortet: Wurden junge Soldaten tatsächlich schwer misshandelt? Und unter welchen Bedingungen wurden sie in diesem Keller festgehalten?

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