50 Grad im Kühlfach: Erneut Cyber-Attacken auf Supermärkte

Das wirkt wie ein Test-Angriff auf die Lebensmittelversorgung der Europäer: Nach Cyber-Attacken auf Supermärkte in Frankreich im Oktober heizten Hacker jetzt auch in Belgien und Schweden tausende Tiefkühlregale auf 50 Grad auf.

Nach Frankreich nun auch in Schweden und Belgien Cyber-Angriffe auf Supermärkte. IMAGO / Anadolu Agency
Nach Frankreich nun auch in Schweden und Belgien Cyber-Angriffe auf Supermärkte.

Die Serie gezielter Cyber-Angriffe auf Supermärkte in Europa ist langsam beängstigend: Nach den schweren Vorfällen in Frankreich sind nun auch Schweden und Belgien betroffen. Hacker sollen in zahlreichen Supermärkten die Steuerung von Kühl- und Tiefkühlsystemen manipuliert haben. Die Temperaturen in den Anlagen stiegen teilweise auf bis zu 50, in Belgien sogar auf 70 Grad Celsius. Die teuren Folgen: Berge an verdorbenen Lebensmitteln und beschädigte Geräte.

Attacke auf die Ukraine und Russland
Alarmsysteme gehackt: Millionen Menschen in Angst vor Nuklearangriff
In Schweden meldeten die Supermarktketten ICA und Coop am heutigen Montag Störungen an ihren Kühlanlagen. Bei Coop waren nach Angaben des Unternehmens gegenüber der Zeitung Aftonbladet sechs Filialen betroffen. Die Financial Times berichtete unter Berufung auf Informationen aus dem Handel von sieben Coop-Geschäften und mindestens vier ICA-Filialen. Der Sprecher eines betroffenen Marktes erklärte in sozialen Medien, die Temperatur seiner Kühl- und Gefriergeräte sei auf 50 Grad Celsius eingestellt worden – er denkt an einen Cyber-Angriff. Eine abschließende Bestätigung der technischen Ursache lag zunächst nicht vor.

In Belgien wurden in der Nacht von Sonntag auf Montag ebenfalls zahlreiche Filialen verschiedener Handelsketten angegriffen: Nach Angaben von Euronews waren etwa 40 Delhaize-Märkte, mindestens 15 Carrefour-Filialen und fünf Spar-Geschäfte betroffen. Auch ein Fleischereibetrieb meldete Probleme mit seinen Kühlanlagen. Die Angreifer sollen die Temperatursteuerung manipuliert haben. Der entstandene Lebensmittelverlust wurde in ersten Medienberichten auf etwa 100.000 Euro beziffert. Delhaize bestätigte einen IT-Vorfall, der die Kühlsysteme in mehreren Dutzend Geschäften beeinträchtigt habe. Das Unternehmen habe umgehend Maßnahmen ergriffen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Frankreich bereits im Oktober angegriffen

Die neuen Vorfälle erinnern an die massive Angriffswelle in Frankreich vom 11. auf den 12. Oktober. Damals wurden bei einer Cyber-Attacke die Kühlanlagen von Hunderten Supermärkten manipuliert. Betroffen waren unter anderem Filialen von Intermarché, Netto, Coopérative U, Carrefour, E.Leclerc und Monoprix. Nach Berichten von Le Monde waren mehr als 700 Geschäfte betroffen. Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein, die französische Cybersicherheitsbehörde ANSSI wurde eingeschaltet.

In Frankreich hatten die Hacker offenbar Zugriff auf die Steuerungssysteme der Kühlanlagen und konnten deshalb die Einstellungen gezielt verändern. In einzelnen Geschäften stiegen die Temperaturen auf 50 Grad Celsius. Teilweise wurden auch die Abtauzyklen der Gefriergeräte manipuliert und so verlängert, dass Warnmeldungen später ausgelöst wurden. In einem dokumentierten Fall erreichte ein Kühlraum sogar 80 Grad. Ein Supermarktbetreiber aus Gradignan sagte, allein in seiner Filiale seien Waren im Einkaufswert von 21.000 Euro vernichtet worden.

Dutzende Attacken in Europa

Cyberkriminalität
Versorgungskrise – ein Hacker-Angriff ängstigt Frankreich
Die internationale Dimension ist inzwischen deutlich größer als zunächst angenommen: Reuters berichtete bereits Mitte Oktober unter Berufung auf einen Cybersicherheitsexperten, dass neben Frankreich auch Spanien, Portugal, Polen, Deutschland und Belgien von ähnlichen Vorfällen betroffen gewesen seien. Die jeweiligen Fälle sind allerdings nicht alle gleich gut dokumentiert und müssen nicht zwingend auf denselben Angriff zurückgehen.

Die Deutsche Welle berichtete ebenfalls über Sicherheitsprobleme in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden. In den USA waren bereits Ende August Kühlanlagen in rund einem Dutzend Militärverkaufsstellen betroffen gewesen. Auch dort kam es zu Lebensmittelverlusten.

Bei den französischen Attacken waren vor allem Steuerungssysteme des dänischen Herstellers Danfoss betroffen: Nach Angaben des Unternehmens waren die Kühlgeräte teilweise mit veralteter Firmware ausgestattet. Schlecht geschützte, über das Internet einfach erreichbare Steuerungseinheiten und schwache Passwörter hätten den Zugriff erleichtert. Danfoss verwies darauf, dass Kunden ihre Systeme regelmäßig aktualisieren und nicht mehr unterstützte Geräte ersetzen sollten.

Wer hinter den Angriffen steckt, das ist bislang ungeklärt: Es gibt keine gesicherte öffentliche Zuordnung zu einem bestimmten Staat, einer Hackergruppe oder einem kriminellen Netzwerk. Auch ein einheitliches Motiv ist nicht bekannt. Anders als bei klassischen Erpressungsattacken wurden zunächst keine Lösegeldforderungen bekannt. Dass die Täter immer wieder und auch in dieser Dimension zuschlagen, wirkt wie ein Test-Angriff auf die europäische Grundversorgung.

Anzeige

Unterstützung
oder €

Kommentare ( 3 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

3 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Kraichgau
34 Minuten her

Die unlogische Schlussziehung,es wäre ein Angriff auf die Versorgung,ist absurd.
Es geht um die Kühlgeräte von Danfoss,das sich bei älteren Gerätegruppen weigert,noch software-updates durch zu führen,die dadurch eben für Angriffe verwundbar werden.
DAS ist ein Firmen-basiertes Problem,das durch Regress gegen die Firma gelöst werden könnte!
Es ist logisch,das diese Geräte online kontrolliert werden können,denn ansonsten müsste in jedem Markt eine Person als Nachtschicht die Funktionsfähigkeit der Kühlgeräte,die Waren in extrem hohem Wert beinhalten,garantieren.
Da ist ein online-Alarm günstiger,allerdings MUSS die Sicherheit an erster Stelle kommen.
Diese anti-russische Panikmache überlast mal besser der Bild

Last edited 33 Minuten her by Kraichgau
Haba Orwell
36 Minuten her

> Wer hinter den Angriffen steckt, das ist bislang ungeklärt: Es gibt keine gesicherte öffentliche Zuordnung zu einem bestimmten Staat, einer Hackergruppe oder einem kriminellen Netzwerk.

Vermutlich wird bald (wie üblich) Putin beschuldigt. Vielleicht geht es darum, es Russland anzuhängen? Meist werden solche Beschuldigungen ohne den geringsten Beweis ausgesprochen.

Hannibal ante portas
45 Minuten her

Es gibt täglich einen ( heute schon der zweite!) Beweis, dass die komplette Digitalisierung die menschliche Gesellschaft in den Abgrund stürzen wird! Sicherer Datenschutz und Digitalisierung schließen sich aus.