Islamunterricht als Prävention?

Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD wird Islamunterricht als Präventionsmaßnahme ins Spiel gebracht. Doch nicht nur praktische Probleme erschweren die Implementierung. Es ist fraglich, ob Schulunterricht Radikalisierung effektiv vorbeugen kann.

picture alliance / KNA | Harald Oppitz

Seit dem Anschlag auf den Berliner CSD wirkt die politmediale Szene wie ein Ameisenhaufen in Aufruhr. Als hätte es noch nie einen islamistischen Terrorakt gegeben, ist man zunächst bemüht, den Islam zu exkulpieren – und das, obwohl mit der LGBTQ-Bewegung ein zentraler Bestandteil der Diversitätsdoktrin angegriffen wurde.

Scheingefechte und Ablenkungsmanöver

In bester verschwörungstheoretischer Manier wird ein Zusammenhang mit der AfD oder Putin herbeifantasiert. Geraune, das nicht hinter vorgehaltener Hand vorgebracht, sondern flugs in öffentlich-rechtlichen Medien platziert wird.

Als weitere Bewältigungsstrategie werden in aktionistischer Manier Vorschläge in den Ring geworfen. Die vom politischen Islam unterwanderte SPD meint, man müsse nun dringend „sexuelle Identität“ ins grundgesetzliche Benachteiligungsverbot aufnehmen.

Weniger von Realitätsleugnung befallene Akteure sehen ein, dass ein islamistischer Anschlag durchaus und wirklich mit dem Islam zu tun hat. Das ist ein Fortschritt. Doch was ist nun zu tun?

Islamunterricht als Lösung?

Wieder einmal wird Islamunterricht als Lösungsansatz gehandelt. Das ist nicht neu. Seit Jahren gibt es Bemühungen, Islamunterricht zu etablieren. Der Eindruck, hier liege in Sachen Integration ein grundlegendes Defizit oder Versagen seitens der Gesellschaft vor, ist irrig. In allen westdeutschen Bundesländern ist Islamunterricht entweder bereits implementiert oder es existieren Modellversuche – wenn auch nicht flächendeckend.

Allerdings erweist sich Umsetzung als schwierig, und zwar auch im Hinblick auf Islamismus.

Sunna, Schia, Sufi, Ahmadiyya?

Die erste Frage lautet: Soll bekenntnisorientierter Unterricht stattfinden, so wie er für evangelische und katholische Kinder üblich ist? Oder soll Religionskunde gelehrt werden, also Unterricht, der Informationen über den Islam vermittelt, ohne den persönlichen Glauben der Schüler einzubeziehen?

Im ersteren Fall muss entschieden werden, welcher Islam denn gelehrt werden soll. Und da zeigt sich ein Grundproblem: Der Islam funktioniert nicht wie die katholische Kirche oder wie die evangelischen Landeskirchen. Es gibt keine hierarchische Struktur, die Ansprechpartner vorgibt, und keine höchste Glaubensautorität, die Lehrinhalte verbindlich bestätigt.

Fragwürdige Kooperationspartner

Für islamischen Unterricht, der tatsächlich das Glaubensverständnis der Schüler beeinflussen kann, braucht es aber eine Verständigung über die „zu glaubenden“ Inhalte und natürlich – äquivalent zur Kirche oder zu den Landeskirchen – muslimische Partner. Die aber sind selbst fragwürdig. Ditib? Ahmadiyya? Vertretungen ethnisch organisierter muslimischer Gemeinschaften?

In Hessen etwa wird bekenntnisorientierter Unterricht in Zusammenarbeit mit der türkischen Religionsbehörde Ditib angeboten. Gegen eine Beendigung der Zusammenarbeit wegen mangelnder Unabhängigkeit von der Türkei klagte der Verband erfolgreich. Er revanchierte sich, indem er seinerseits gegen den ebenfalls in Hessen eingeführten Islamkundeunterricht klagte, also gegen ein rein religionswissenschaftliches Fach. Diese Klage wurde abgewiesen, das Berufungsverfahren läuft. Dieser Vorgang deutet darauf hin, dass die Ditib wenig überraschend eine Monopolstellung und die Deutungshoheit in Sachen Islamunterricht anstrebt und selbst Treiber der Islamisierung ist.

Während die Beteiligung solcher Partner der einzige Garant dafür ist, dass derartiger Unterricht unter Muslimen überhaupt auf Akzeptanz stößt, verringert sie zugleich den präventiven Nutzen, den er in den Augen des Staates haben kann; denn ob das, was dort dann gelehrt wird, verfassungsgemäß ist und islamistischer Gewalt und anderen problematischen Glaubensinhalten vorbeugt, ist fraglich.

Religionskundlicher Unterricht wiederum würde sicherlich bei dem einen oder anderen interessierten Schüler Fragen wecken und zu kritischer Auseinandersetzung anregen. Gerade Kinder aus frommen Elternhäusern würden allerdings kaum erreicht. Die Renitenz, mit der unter Muslimen historische und wissenschaftliche Erkenntnisse abgelehnt werden, wenn es um Religion geht, ist unter europäischen Christen so gut wie unbekannt – eine absolute Randerscheinung vor allem in sehr radikalen freikirchlichen Milieus. Die meisten Nichtmuslime haben also gar keine Vorstellung davon, wie unbeeindruckt gläubige Muslime davon sind.

Das Problem liegt im Islam selbst begründet

Und können die Inhalte, die praktisch vermittelt würden, zu einer positiv-gemäßigten Identifikation beitragen? Mohammed ist nun alles andere als ein Vorbild.

Das führt zum Kern des Problems. Zwei grundlegenden Annahmen des Islam, nämlich, dass der Koran das direkte, vollkommene und unveränderliche Wort Gottes sei und Mohammed der Gottgesandte, dessen Beispiel nachzueifern ist, lassen sich nicht aus dem Islam wegunterrichten.

Der Islam muss sein Vernunft- und sein Gewaltproblem selbst lösen. Wenn sich Lesarten des Islam, die ihn zum Beispiel seiner Gewaltaffinität berauben, nicht aus der muslimischen Gemeinschaft heraus entwickeln, sind sie wertlos. Die atemberaubende Re-Islamisierung der Türkei zeigt, dass die Anwendung säkularer Prinzipien zwar oktroyiert werden kann, dass zur Stabilisierung aber beständiger Druck von oben notwendig ist, während das „reformmuslimische“ Bewusstsein bestenfalls oberflächlich bliebe.

Aufklärerische Arroganz

Wer meint, Religionsunterricht beuge per se Extremismus vor, betrachtet den Islam als eine Art nicht domestiziertes Christentum: Alles, was wir brauchen, ist ein bisschen „Aufklärung“, „historisch-kritische Methode“, und, in Anlehnung an die Entmachtung der Kirche im 19. Jahrhundert, ein bisschen staatliche Kontrolle.

Allerdings kann man gegen Islamismus wohl kaum Lösungen entwickeln, wenn man den Islam als solches nicht ernst nimmt und anerkennt, dass er eben nicht ein archaisches Christentum darstellt, sondern eine Religion, die eigenen Prinzipien gehorcht. Kurz: Die säkular-aufklärerische Arroganz muss sich korrigieren. Zeitgenössische Konzepte von Religion sind weder universal noch unanfechtbar; es ist nicht hilfreich, Religionen umgehend die eigenen Prämissen überzustülpen.

Verbunden mit dieser Einsicht muss sein, dass man Ungleiches nicht gleich behandeln muss bzw. darf. Das Prinzip der Religionsfreiheit schließt nicht jegliche Praxis ein, die als religiös betrachtet wird, und wurde im Hinblick auf das Christentum entwickelt – eine Religion, in der zwischen göttlichem und weltlichem Recht und zwischen Kirche und Staat unterschieden wird, auch dann, wenn sie eng miteinander verknüpft sind. Einer Religion, die ihrem Wesen nach Staat, Recht und Religion miteinander identifiziert, kann man diesen Parameter betreffend nicht freie Hand lassen.

Religion muss dem Staat nicht dienen

Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, die dem politischen Islam Paroli bieten, wissen das und gehen daher rigide gegen derartige Bestrebungen vor. Teils unterliegt die Religionsausübung dort generell starken Einschränkungen, was dann auch religiöse Minderheiten in Mitleidenschaft zieht. Demokratisch verfasste Gesellschaften können aber nicht zu totalitären Maßnahmen greifen.

Der Staat muss Mittel und Wege finden, um sich der Islamisierung entgegenzustellen. Aber er darf – will er seinen freiheitlichen Charakter nicht verraten – nicht unmittelbar in die Religion eingreifen und diese nach seinem Gusto gestalten und lenken wollen.

Zur Freiheitlichkeit gehört die Freiheit von staatlicher Intervention

Ganz generell wäre zu fragen, ob der Staat hier nicht dazu ansetzt, seine Macht zu überdehnen und sie zugleich überschätzt, wenn er meint, Radikalisierung durch staatlich kontrollierten Religionsunterricht beikommen zu können.

Freiheitliche Gesellschaften stimmen theoretisch darin überein, dass die Familie die erste und vornehmliche Institution ist, in der ein Kind geformt wird. Wie konsequent dieses Prinzip ausgestaltet wird, ist von Land zu Land unterschiedlich. In jedem Fall aber kommt es dem Staat nicht zu, Kinder zu indoktrinieren.

Gerade in muslimischen Milieus wird innerfamiliäre Loyalität gewöhnlich weitaus stärker und bedingungsloser eingefordert als unter nichtmuslimischen Europäern. Angesichts dessen ist unwahrscheinlich, dass ein paar Unterrichtsstunden pro Woche das, was Kinder in ihrem Umfeld wahrnehmen, gänzlich umschreiben könnte, und nicht vielmehr in den Familien genutzt würde, um Abgrenzung zu stärken.

Prägende Kraft der Schule lässt nach

Letztlich würde der Versuch, den Islam über die Schule unter staatliche Kontrolle zu bringen, nur dazu führen, dass Muslime, die eine traditionelle Auslegung ihres Glaubens bevorzugen, parallele Strukturen in Anspruch nehmen und die Kinder zum Koranunterricht in die Moschee schicken oder sich anders organisieren.

Überhaupt nicht berücksichtigt wird der Einfluss von Influencern: Die Prägekraft der Schule ist angesichts der heute im Überfluss verfügbaren außerschulischen Informationsformate deutlich geringer als früher. Dies scheint noch nicht im allgemeinen Bewusstsein angekommen zu sein.

Sicher können Islam- oder Religionskunde Kindern aus säkularen Familien eine Stütze bieten, die sie vor Radikalisierung durch ihre Peergroup bis zu einem gewissen Grad schützt, wenn denn alle beteiligten Akteure hier an einem Strang ziehen.

Aber selbst wenn sich ein Modus findet, der flächendeckenden Islamunterricht im Einklang mit westlichen Werten ermöglicht: Thematisierung in der Schule wäre auch dann maximal ein Tropfen auf dem heißen Stein. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dadurch effektive Islamismusprävention betreiben zu können.



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Kommentare ( 2 )

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2 Comments
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Martin Mueller
53 Minuten her

Islamismus ist immer die Vorhut auf der der Islam folgt. Seit rund 1400 Jahren…. Wer Islamunterricht fördert, schafft ja das Fundament für Islamismus. Die Logik: Wer keinen Islamismus haben will, der muss auch keinen Islam wollen. Victor Orban hat dies banal ausgedrückt: „No Muslim, no problem.“ Darum hört man und sieht man auch nichts von den Islamverbänden nach islamistischen Terror. Es ist eben die Vorhut, die Aventgarde des Islam. Und die wird hofiert. Und generell, wo sind denn die ganzen Muslime, die gegen Islamismus in einem westlichem Land demonstrieren. Man kann sie fast an einer Hand abzählen, obwohl Millionen in… Mehr

Last edited 51 Minuten her by Martin Mueller
deltacenter
1 Stunde her

Und in Bayern die Kreuze aus den Klassenzimmer entfernen…..bückt eich nur noch tiefer und schön locker lassen !!!!!ich kotz hier nur noch ab