Die Hexen von Ghana und die letzten Zauberer des Fußballs

In Ghana gehören Geschichten über spirituelle Kräfte und Ahnengeister zur Folklore des Fußballs. Vor dem Spiel gegen England hatte sich Medizinmann Nana Kwaku Bonsam zu Wort gemeldet: „Ich arbeite an Harry Kane.“ 2014 will er per schwarzer Magie Ronaldo eine Verletzung verpasst haben. Der tanzt derzeit noch einmal durch den Scheinwerferkegel der Weltbühne, so auch Messi.

picture alliance / Sipa USA | Lev Radin

Lionel Messi ist 39 Jahre alt. Zumindest behauptet das sein Pass. Auf dem Rasen wirkt der Argentinier derzeit eher so aktiv, als sei der Weltklassespieler versehentlich in einen Jungbrunnen gefallen, um es allen zu zeigen und die Fußballwelt noch einmal zu verzaubern.

Alle argentinischen Tore bei dieser WM gehen bislang auf sein Konto. Österreich bekam neulich die volle Messi-Behandlung verabreicht. Der kleine Magier dribbelte, tänzelte und dirigierte das Spiel, als hätte er die Fernbedienung dazu in der Hosentasche. Und noch etwas fällt auf: Zieht Messi mit Ball am Fuß los, scheinen Schiedsrichter gelegentlich in eine Art Trance zu verfallen. Ein kleiner Rempler hier, ein taktisches Foul dort – vieles verschwindet im Nebel seiner Genialität. Manche Spieler reklamieren. Messi bekommt den Freistoß.

Zauberei? Vielleicht. Jedenfalls wird bei dieser WM wieder erstaunlich viel über Magie gesprochen.

England startete unter Thomas Tuchel gegen Kroatien furios und ließ seine Fans bereits vom Titel träumen. Wenige Tage später folgte gegen Ghana ein zähes 0:0, garniert mit einer ganzen Sammlung vergebener Großchancen. Die millionenschweren Stars der Three Lions wirkten plötzlich, als hätten sie ihre Navigationsgeräte verloren. Pässe irrten orientierungslos durch die Gegend, Abschlüsse fanden alles – nur nicht das Tor.

Schnell war für manche englische Fans die Ursache gefunden: Juju. Oder besser gesagt, Ghanaisches Juju. Denn in Ghana gehören Geschichten über spirituelle Kräfte und Ahnengeister bis heute zur Folklore des Fußballs. Vor dem Spiel hatte sich einmal mehr Nana Kwaku Bonsam zu Wort gemeldet, die Social-Media-Kanäle rotierten, Rauch stieg auf, der selbst ernannte Hexendoktor mit Hang zur großen Bühne. Bereits 2014 hatte er behauptet, Cristiano Ronaldo per schwarzer Magie eine Knieverletzung verpasst zu haben. Diesmal nahm er sich Harry Kane vor.

„Ich arbeite an Harry Kane“, verkündete der Mann, dessen Name übersetzt passenderweise „Teufel des Mittwochs“ bedeutet. Als Kane kurz vor Schluss eine hundertprozentige Chance Richtung Tribüne feuerte, drehte sich ein englischer Fan zu seinem ghanaischen Sitznachbarn um: „Der Fluch wirkt offenbar doch.“ Kane wirkte etwas neben der Spur und als wären seine Schnürsenkel miteinander verknotet. Die Antwort kam trocken zurück: „Kein Fluch, mein Freund. Er braucht einfach Schusstraining.“ Besser lässt sich Fußball wahrscheinlich nicht erklären.

Überhaupt waren die Dialoge auf den Rängen unterhaltsamer als manches auf dem Platz. Als ein weiterer Engländer fragte, ob die Ghanaer ihre Zauberkunst auch exportieren würden, soll die Antwort gelautet haben: „500 Pfund pro Sitzung. Sonderpreis für Engländer.“ Vielleicht hätten sie bezahlen sollen.

Das Schöne an einer Weltmeisterschaft? Die Fans reden miteinander und respektieren die Geheimnisse anderer Kulturen. Während England also über Geister, Ahnen und Hexendoktoren philosophierte, meldete sich auf einer anderen Bühne ein weiterer Veteran eindrucksvoll zurück. Cristiano Ronaldo. Der Portugiese ist inzwischen 41. Ein Alter, in dem die meisten Fußballer Fernsehexperten werden, Golf spielen oder Autobiografien schreiben. Ronaldo dagegen sprintet immer noch, als hätte er einen persönlichen Vertrag mit der Zeit abgeschlossen.

Beim Spiel gegen Usbekistan platzte endlich sein Tor-Knoten. Das halbe Stadion sprang auf, Ronaldo riss die Arme hoch und Sekunden später donnerte das berühmte „Siuuuuu“ durch die Arena. Selbst neutrale Zuschauer stimmten ein. Manche Phänomene funktionieren eben weltweit.

Ronaldo will sich nicht lumpen lassen. Will Messi Argentinien Richtung Titel führen, dann hat CR7 exakt denselben Plan mit Portugal. Der Ehrgeiz des Portugiesen ist ohnehin größer als jede Magie. Seine Fitness braucht keinen Hexendoktor, keinen Schamanen und keinen Voodoo-Zauber. Sie gründet auf Disziplin, Training und einem geradezu fanatischen Willen.

Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte dieser WM. Während die Jüngeren über Datenanalysen, Pressinghöhen und Expected Goals diskutieren, tanzen zwei Fußball-Dinosaurier noch einmal durch den Scheinwerferkegel der Weltbühne. Messi, 39. Ronaldo, 41.

Der eine wirkt wie ein Straßenkünstler mit göttlicher Eingebung, der andere wie ein Hochleistungsprojekt aus dem Fitnesslabor. Der Argentinier lässt den Ball laufen, als würde er ihm Geheimnisse zuflüstern. Der Portugiese behandelt seinen Körper wie andere Menschen einen Oldtimer: täglich polieren, warten und niemals dem Rost überlassen. Beide eint derselbe Gedanke: Wenn dies schon der letzte WM-Tanz sein soll, dann bitte nicht als Statisten. Sie wollen nicht Abschied feiern. Sie wollen Geschichte schreiben.

Und vielleicht liegt genau darin die Faszination. In einer Zeit, in der Fußball immer schneller, taktischer und berechenbarer wird, stemmen sich zwei Ausnahmekönner gegen die Uhr. Gegen die Statistik. Gegen die biologische Vernunft. Und sollte am Ende tatsächlich einer von beiden den Pokal in den Nachthimmel stemmen, werden die einen von Schicksal sprechen, die anderen von Genialität.

Die Ghanaer hätten vermutlich eine dritte Erklärung. Juju.

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Kommentare ( 5 )

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Harry Charles
40 Minuten her

JUHU, HALLO, GUTMENSCH! Die Durchschnitts-Studienrätin-gegen-rechts wid sagen „man muss Ghana ohnehin gewinnen lassen, weil Drittweltland“. Dass das angebliche Drittweltland den bourgeoisen Gutmenschen was pfeift interessiert Letzere wenig. Dass viele angeblich so arme afrikanische Länder große, hochgerüstete Armeen und eigene Airlines haben wissen die Studienrätinnen auch nicht. Passt nicht in ihr Narrativ. Für jeden Gesamtschulfatzke ist doch gerade das 0:0 ein perfektes Ergebnis. Eigentlich sollte jedes Spiel so enden und der World Cup am Ende allen teilnehmenden Mannschaften verliehen werden. Ergänzt um jene, die schon bei der Vorausscheidung rausgeflogen sind (ach wie bitter, wie unmenschlich!). Gerade im Sport zeigt sich immer… Mehr

karlotto
1 Stunde her

Der „Schwarze Adler“ ein propaganda Dokumentation vom ÖRR .
Wenn uns ein ghanaischer Natinalspieler ,die Deutschen fur ihren Rassismus kritiesiert , ist das bedenklich , die Kritik am eigenen Land erfolgt nie.
Wir erfahren in dieser Doku , wie schön doch alles in Ghana ist.
Human Rights Watch zu Ghana.
„Kinderarbeit bleibt in Ghana ein schwerwiegendes Menschenrechtsproble“.
Es existieren immer noch Formen der Sklaverei.

Landgraf Hermann
2 Stunden her

Vielleicht heißt die Magie in Wirklichkeit Doping (bei Drinkation?)?
Gibts bei der WM eigentlich Kontrollen?

Emanreztuneb
2 Stunden her

Auf dem Bild sind die Franzosen, nicht Ghana!

roffmann
2 Stunden her

Absolut guter Artikel der die Genialität der beiden „Spieler“ würdigt , die aber auch an Arbeit nichts auslassen was möglich ist. Talent und Arbeitswillen perfektioniert ! Neider sehen es anders , auch davon gibt es genug.