„Das ganze Unglück der Menschen kommt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können“ (Blaise Pascal, französischer Mathematiker und christlicher Philosoph, 1623-1662). Die Pfingsttage schenken uns Zeit, zumindest mal für eine Stunde alles Planen und Machen hinter sich zu lassen, um Ruhe und Frieden zu tanken.
Im Altenheim läuft mir die Pflegedienstleitung „Frau Herzenspflege“ über den Weg. Sie ist eine alleinstehende Frau, die mit Leib und Seele mit ihrem Beruf und mit ihren Bewohnern verheiratet ist. Heute ist sie sichtlich angefressen. „Was ist los?“, will ich wissen. Sie schimpft: „Die Bewohnerin X, die im Sterben liegt und bei uns dazu gut aufgehoben war, ist von ihren Angehörigen noch einmal auf die übliche Ehrenrunde ins Krankenhaus geschickt worden. Immer wieder derselbe Mist. Statt die Leute in Ruhe und vertrauter Umgebung und mit Begleitung sterben zu lassen, zwingt man sie, medizinisch noch einmal durchgenudelt zu werden.“ Wie so oft, hatte „Frau Herzenspflege“ auch dieses Mal einen feinen siebten Sinn. Die Bewohnerin X verstarb nach drei Wochen im Krankenhaus.
Fast jeder wünscht sich, in vertrauter Umgebung versterben zu können; doch fast 50 Prozent versterben in Deutschland in einem sterilen Krankenhaus. Bei einigen von ihnen ist das kontraproduktiv und nicht gerade human.
Ich erinnere mich an den ersten „Coronatoten“, den ich Mai 2020 miterleben musste. Herr K. wohnte im Altenheim und war 99 Jahre alt, todkrank, bettlägerig, palliativ begleitet. Man erwartete seinen Tod in den nächsten 8 Tagen. Dummerweise testete man ihn Corona-positiv, obwohl er neben einer gewöhnlichen Erkältung keine weiteren Corona-Symptome hatte. Und dann ging die Maschinerie los. Es holten ihn Pfleger ab, die in Plastik eingehüllt wie Astronauten aussahen. Sie brachten ihn zur speziellen Quarantänestation des Trägers, die vom Staat pro Person jeden Tag mit reichlich Geld finanziert wurde. Herr K. schrie laut: „Lasst mich in Ruhe. Lasst mich sterben.“
Doch die Bewahrung der Menschheit vor der mörderischen Seuche hatte natürlich Vorrang. Nach 14 Tagen ist Herr K. auf der Quarantänestation unter Obhut der penibel eingetüteten Plastikpfleger verstorben. Immerhin hatte ihm die staatliche und kirchliche Devise „Lebensschutz hat jetzt absoluten Vorrang“ wahrscheinlich sechs zusätzliche Sterbenstage beschert. Die Intensivmedizin macht’s möglich.
Wenn sich der Mensch so schwer tut mit dem Sterben, dann sollen es Wale auch nicht besser haben. Mit viel Aufwand und Geld wird der Buckelwal „Timmy“ vor seinem sicheren Tod am Strand der Ostsee gerettet. Das ist Ehrensache für die tierliebenden Menschen mit einer Überdosis „Empathie“. Mit einem speziellen Schiff wird „Timmy“ unter Begleitung einer Tierärztin zur Nordsee transportiert. Für den äußerst lärmempfindlichen Wal wird die Fahrt direkt an dem lauten Schiffsmotor nicht gerade ein Vergnügen gewesen sein. Böse Experten, die bestimmt alle rechtsextrem sind, nennen es gar Tierquälerei. Aber für ein paar Tage Sterbensverlängerung muss nun mal auch der Sterbende seinen Preis bezahlen. Wenig später stirbt der Wal auf offener See und wird in Dänemark an Land gespült. „Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel“ (Matthias Claudius).
Beim allerersten Pfingstfest, bei dem Gott die Christen mit dem Heiligen Geist beschenkt (vgl. Apostelgeschichte 2,1-13), hält Petrus eine Freiluftpredigt (Apg 2,14-36), die vielen Pilgern und Einwohnern in Jerusalem zu Herzen geht. Und reflexartig stellen die Menschen Petrus die Frage: „Was sollen wir tun?“ (Apg 2,37)
„Was sollen wir tun?“, das ist die typische Frage, weil Menschen sich schwer damit tun, Schwäche, Ohnmacht und Endlichkeit aushalten zu können. Der starke „homo faber“ ist gefragt, der Mensch als Macher, der mit seinem Tun alle Probleme löst. Doch es gibt Lebensbereiche und Lebensmomente, die gerade nicht hysterische Überaktivität brauchen, sondern das Gegenteil: das Hören, das Schweigen, das Lassen, das Loslassen, das Zulassen, das Mitleiden (= „Sympathie“).
Das ist die erste Aufgabe am Sterbebett: die Hände in den Schoß zu legen und wahrzunehmen, die Atmung des Sterbenden und seine Bedürfnisse. Die Wahrheit am Sterbebett liegt in der ruhigen WAHRnehmung. Alles andere, Tun oder Nichttun, ergibt sich daraus.
Die Ruhe ist ebenso im Bereich der Freundschaft zu Gott die entscheidende Aufgabe. Darum gibt Petrus auf die Frage „Was sollen wir tun?“ die erstaunliche Antwort: „Tut Buße.“ Und damit die Menschen die Buße nicht aktivistisch missverstehen, im Sinne von sich irgendwie büßerisch abrackern, entfaltet Petrus direkt, worin die Buße besteht: „Tut Buße: Ein jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesus Christus zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes“ (Apg 2,38). Man tauft sich nicht selber, man lässt sich taufen. Vergebung ist ein Geschenk, das von außen kommt. Und den Geist Gottes empfangen braucht leere Hände und Herzen, die sich von Gott beschenken lassen.
In einer Leistungsgesellschaft, wo man alles über Leistung meint regeln zu können, hört sich das an wie von einem anderen Stern. Sicherlich gibt es viele Bereiche, wo praktisches Tun entscheidend sind. Aber Sterben, Trost, Selbstfürsorge oder Gottesfreundschaft sind kein Leistungssport. Es gibt Dimensionen des Lebens, wo andere Qualitäten gefragt sind. „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft“ (Psalm 62,2).
Die Pfingsttage schenken uns Zeit, zumindest mal für eine Stunde alles Planen und Machen und allen Freizeitstress hinter sich zu lassen, um mit einem Bibelvers Ruhe und Frieden zu tanken. „Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott. Hoffet auf ihn, allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsere Zuversicht“ (Psalm 62,8-9).


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