TAZ-Mitgründer Ulli Kulke und Publizist Reinhard Mohr haben ein interessantes Buch herausgegeben: „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“. Es versammelt 14 prominente Personen des öffentlichen Lebens: ein Stück Zeitgeschichte, schreibt Jörg Hackeschmidt.
Sammelbände sind unbeliebt – bei Verlegern wie beim Publikum. Warum diese Sammlung von biographisch gefärbten, sehr politischen Essays anscheinend zwei Jahre keinen Verlag fand, dürfte andere Gründe haben: Sie ist ein Dokument des Renegatentums. Vierzehn teils prominente Intellektuelle erzählen und begründen darin, warum sie nicht mehr links sind. Warum sie ausgebrochen sind aus ihren alten Milieus, und die dort herumgereichten politischen Theorien samt Aktivismus nicht mehr teilen. Was dazu führt, dass sie heute alle von den links-grün-woken Diskurswärtern als irgendwie „rechts“ oder gar als „Nazi“ verunglimpft werden.
Mathias Brodkorb, ehemaliger SPD-Spitzenpolitiker, zählt ebenso zu den Autoren wie die Kabarettisten Monika Gruber, Dieter Nuhr und Andreas Rebers. Die Kolumnisten Harald Martenstein und Henryk M. Broder haben ebenso zum Sammelband beigetragen, der kürzlich verstorbene Schriftsteller Peter Schneider, der Ex-Grünen-Politiker Hubert Kleinert oder die Hannah-Arendt-Expertin Antonia Grunenberg. Die wenigsten von ihnen sehen heute ihre politische Heimat rechts der Mitte. Vielmehr schildern sie fast alle einen Punkt, einen Moment in ihrem Leben, an dem sie sich an der Doppelmoral, der Heuchelei oder schlicht der intellektuellen Dürftigkeit linker Organisationen und Freundeskreise wund stießen – und ihr Denken schließlich die Richtung änderte.
Quatsch und Comedy als Rettungsanker
Meinungsfreiheit sollte schon damals in erster Linie „für die eigene Meinung gelten“, und nicht für die der „Abweichler“. Dieser Gesinnungsdruck habe ihn renitent gemacht, so Dieter Nuhr. Geholfen habe ihm, dass die ideologische Verbohrtheit der deutschen Kabarettistenszene durchlöchert wurde vom neuen „Comedy“-Trend. Comedy war damals eine neue, ideologiefreie Kunstform und ziemlich lustig – der GAU für alle linken Diskurswächter und Polit-Kommissare.
Als besonders schockierend erlebte Nuhr einen Besuch in der thüringischen Stadt Nordhausen am 10. November 1989. So schlimm wie es die westdeutschen Konservativen immer geschildert haben, werde es im „linken Mauerdeutschland“ schon nicht sein. Jedoch: Es war sogar schlimmer. „Die DDR war nicht erobert oder gekauft worden. Sie war unter ihrer Dysfunktionalität zusammengebrochen. Kaputt. Verstunken. Am Ende.“ Da war er: Dieter Nuhrs Moment der nicht mehr zu leugnenden Wahrheit. Und der Einsicht, dass mit den linken Parolen etwas sehr grundsätzlich nicht stimmte.
Nach dem Kollaps der Sowjetunion und der DDR mutierte der Kampf der Linken endgültig zum „absurden Theater“, so Nuhr: „Antikapitalisten erklärten sich solidarisch mit religiösen Fundamentalisten, Antisemiten sowie Frauen- und Schwulenhassern, die sie zu Opfern des Westens verklärten“. Mittlerweile, so Nuhr, ist Linkssein am ehesten mit der „Mitgliedschaft in einer Sekte“ zu vergleichen.
Der Begriff „Täter-Opfer-Umkehr“ war 1976 noch nicht erfunden
Auch Henryk M. Broder, deutlich älter als Nuhr und ein echter Zeitzeuge der wilden linken 68er-Jahre, beschreibt eine Phase, in der er ein klassischer Mitläufer war. Noch als Schüler machte er bei Störaktionen mit (zum Beispiel gegen den braven Sozialdemokraten Carlo Schmid), und war stolz darauf, mit älteren Genossen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes politisieren zu dürfen.
Broders Moment der Erkenntnis und des Bruchs mit dem linken Milieu fällt auf den 27. Juni 1976. An diesem Tag entführten palästinensische zusammen mit linksradikalen deutschen Terroristen eine Air-France-Maschine auf dem Weg von Tel Aviv richtung paris nach Entebbe in Uganda, damals regiert von Idi Amin und seinen Totschlägern. Die Entführer separierten die Geiseln in Juden und Nichtjuden – in der Absicht, die jüdischen Geiseln besonders grausam zu behandeln und sie für den Israel-Hass der Entführer büßen zu lassen. Besonders eifrig dabei: die linken deutschen Entführer. Gewissermaßen stand die Rampe von Auschwitz also plötzlich in Entebbe, organisiert von linken Genossen.
Abschied vom „manichäischen Weltkampf“
Auch wenn es letztlich willkürlich und ein wenig ungerecht ist, einzelne Beiträge des Sammelbandes herauszuheben, soll auf den Beitrag von Antonia Grunenberg, Politikwissenschaftlerin und Hannah-Arendt-Kennerin, an dieser Stelle noch kurz hingewiesen werden. Denn er wirkt sehr persönlich, dabei bemerkenswert ehrlich und selbstkritisch. Und gleichzeitig analytisch, denn er bemüht sich um zeitgeschichtliche Einordnung und grundsätzliche Erkenntnis.
Grunenberg, geboren 1944, schildert ihren Weg durch einen „ideologischen Irrgarten“ in den 60er und 70er Jahren, der schließlich in einer Art ideologischer Menschenverachtung mündete. Bestes Indiz: die Sprache wurde „eisern“ und manichäisch. „Wir gegen die Schweine“ und das Schweinesystem. Politische Texte jener Jahre kannten bald nur noch „ein einziges Ziel: Aktionen zu rechtfertigen“. Und mit „Aktionen“ war linke Gewalt und der beginnende Links-Terrorismus gemeint. Kaufhausbrände, Anschläge gegen die Infrastruktur und bald auch auf Menschen.
„Alle Revolutionen scheitern an der Gewaltfrage, wenn sie das Rechthaben absolut setzen, wenn sie den Prozess der Meinungsbildung kontrollieren und beschleunigen wollen“, so Grunenberg. – Es kommt einem alles auf beklemmende Weise bekannt vor, blickt man auf Phänomene wie die sogenannte Hammerbande, linksradikale Anschläge auf die Bahn oder die Stromversorgung.
Antonia Grunenberg war klug genug, sich abzuwenden und nicht nur ihre falschen Freunde, sondern auch das komplette Gedankengebäude in Frage zu stellen, das sie umgab. Eine wichtige Etappe war die Niederschlagung des Protestes der Tschechen und Slowaken 1968. Die Sowjetunion (und die DDR) begründete ihren brutalen Militäreinsatz in der Tschechoslowakei damit, es müsse dort der „Faschismus“ bekämpft und „ausgemerzt“ werden.
Grunenberg interessierte sich zunehmend für Bücher, die vor den Gefahren totalitären Denkens warnten. Doch der „Prozess der Ablösung von der schwarz-weißen Ideologie des Antifaschismus“ war nicht nur für sie ein langwieriges Unterfangen. Ihre „Illusion von einem ‘menschlichen Sozialismus‘“ sei noch lange intakt gewesen.
Seitdem treibt Antonia Grunenberg die Frage um, wie der „Selbsterhaltungstrieb“ einer Demokratie am Leben erhalten werden kann. Und wie man verhindert, dass aus der „Zerstörungswut der Systemgegner eine selbstzerstörerische Erosion wird, die niemand aufhält, weil sie unabwendbar scheint“.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf publicomag.
Jörg Hackeschmidt, promovierter Historiker, war u. a. im Kanzleramt und im Bundesgesundheitsministerium als Redenschreiber und politischer Berater tätig. Er ist Mitgründer der liberal-konservativen Denkfabrik R21. Mit „Der Sound unserer Jugend“ veröffentlichte er kürzlich ein Buch über die Popmusik der 80er Jahre und das Lebensgefühl der Babyboomer.
Ulli Kulke / Reinhard Mohr (Hrsg.), Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind. Verlag W. Kohlhammer, 259 Seiten, 24,00 €




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Für mich kam der emotionale Abschied, als ich Ende der 80ger mit der offenen Arbeitnehmerverachtung innerhalb der Linken konfrontiert wurde. Und als ich nach der Ostöffnung Verständnis für jene aufbrachte, die gegen die Einwanderung opponierten, weil ihnen klar war, dass diese Entwicklung ihre ökonomischen Möglichkeiten einschränken würde, fiel mir die offene Arroganz meiner damaligen Genossen auf. Wogegen ich in der Privatwirtschaft damals erlebte, dass binnen zweier Jahre 1/3 der Belegschaft aus Osteuropa kam, arbeiteten meine Mitgenossen sämtlich im konkurrenzbefreiten Sektor, also beim Staat oder seinen Suborganisationen. Nach diesen Erlebnissen brauchte ich allerdings noch einmal 10 Jahre, bis ich mein Wahlverhalten… Mehr
Ich habe vor 2015 die Linkspartei gewählt. Als seinerzeit Ramelow Ministerpräsident in Thüringen wurde, fand ich dies gut; die Linken wurden damals in ähnlicher Weise angefeindet wie heute die AfD. Ich bin aus allen Wolken gefallen als ich merkte, dass -außer Wagenknecht, Stegemann und ein paar anderen-nicht nur alle diesen Willkommens-Irrsinn begrüßten, sondern auch noch jeden braun umlackierten, der nur fragte:“ Warum?“ Das war der Moment, wo ich sagte: Ahoi Freunde, das war’s. Ihr habt sie nicht mehr alle. Die Grünen konnte ich noch nie ausstehen, und die Annahme, es könne bei den Sozis noch so etwas wie Restverstand geben,… Mehr
Die Linken kennen noch nicht einmal mehr ihre eigenen Klassiker. Marx wäre entschieden gegen Masseneinwanderung gewesen. Er hätte darin zutreffend das „Lumpenproletariat“ erkannt, das die Einheimischen disziplinieren und unten halten soll.
So sehe ich das auch.
Abgesehen von meiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber derartigen „Bekenntnissen“ und Konversionen gibt es hinreichend Anlass, zumindest in etlichen Fällen über die Tiefe der Distanz nach “ links“ zu zweifeln. Vor allem was die Verbindungen zum System und der Blase betrifft. Ob hier das Problem tatsächlich erfasst wird, das weit über die ohnehin fragwürdige Etikettierung “ links“ hinausgeht, ist bestenfalls offen. Es ist dieses “ ja , aber“ oder „nein, aber“, welches immer noch mitschwingt und zweifeln lässt. Diese Zweifel beruhen auch auf dem Umstand, dass „fortgeschrittene Erwachsene“ links sind bzw “ eigentlich“ sein wollen, dass sie einer Ideologie bzw deren “… Mehr
Moin,
die Stimmen von denen zählen doch nicht. Und wenn doch, wird nicht neu ausgezählt.
Das hat man Frau Wagenknecht schon mal beigebracht.
Interessant ist jedoch die Zusammenstellung der Autoren. Die eine Hälfe ist schon länger politisch „auffällig“, wie z. B. Monika Gruber, und die andere will es auf einmal schon immer gewesen sein (Nuhr).
LG
Falsche Zeitangabe: Den „Coronaleugner“ bringt er bei 02:48:31
Dieter Nuhr ist einer der ganz großen Könner auch im Vertuschungsgewerbe. „Nuhr zur Erinnerung“ hier nochmal seine Entgleisungen als der Impfwahn ausgebrochen und der Lockdown ausgerufen worden war, in seiner Sendung „Nuhr im Ersten“ vom 18.11.21: “Man hört von Impfgegnern immer, es seien mehr Menschen an der Impfung gestorben als an der Krankheit, das IST aber nicht so … Über Impfopfer findet man auch nur sehr selten Statistiken, man HÖRT immer nur davon … statistisch läßt sich feststellen: Impfen HILFT!… Die Inzidenz ist da am höchsten, wo die Impfquote am niedrigsten ist!“ (Anm.: Es wird eine mehrfarbige D-Karte eingeblendet, auf der… Mehr
Dieter Nuhr verkörpert nicht die Gesamtheit der Menschheit. Hier liegt Ihr Irrtum zu einem Buch, dass Sie nicht gelesen haben.
JA, DAS DENKEN, es ändert sichtbar die Richtung, weg von Linksgrün. Und vor allem auch die Wirklichkeit ändert sich, man sieht es am Niedergang der Wirtschaft, die letztendlich den Staat ja trägt. Was allerdings sehr gefährlich ist: das Linksgrüne, das eigentlich keiner mehr will, hat es verstanden, einen sehr effektiven „deep state“ aufzubauen, der eine enorme zerstörerische Wucht entwickelt hat. Nur: Beamte erwirtschaften ja keine Gewinne, sie verzehren nur. Es ist auch da mehr und mehr wie in der „DDR“: die war auch wirtschaftlich bankrott, auf dem Niveau eines Drittweltlandes, was auch verursacht wurde durch eine strangulierende Bürokratie, die aber… Mehr
Super Buch. Man kann nur hoffen, daß noch mehr Leute aus der linken Blase ausbrechen. Bekannten von mir geht es genau so wie hier von Broder, Grunenberg & anderen beschrieben wird. Es dauerte teilweise sehr lange, bis sie sich von allem linken ideologischen Schwachsinn befreien konnten. Und dann erzählten sie mir war es ein geiles Gefühl, wie klar man plötzlich wieder sehen konnte, man fühlte sich wieder richtig gut geerdet. Dann die Konsequenz: Trennung von falschen Freunden. Das kann schmerzen aber muß sein. Wenn sie nicht schon von selbst angefangen haben, einen wie Aussatz zu behandeln. Etliche meiner Bekannten sind… Mehr
„Ihre „Illusion von einem ‚menschlichen Sozialismus‘‘ sei noch lange intakt gewesen.“ Es kann KEINEN menschlichen Sozialismus geben, das schließt sich gegenseitig aus. Denn Menschlichkeit stellt das INDIVIDUUM in den Mittelpunkt – als Souverän und als Träger von Menschenwürde und Menschenrechten. Im Sozialismus aber kreist das Denken um gruppenbezogene Zugehörigkeit, die entlang von Besitzständen und Hautfarbe – neuerdings auch an sexuellen Ausdrucksformen – rein materialistisch definiert wird. Der Mensch als geistig-spirituelles Wesen kommt nicht vor und wird negiert. Damit wird ein wichtiges Identitätsmerkmal ausgeschlossen. Aber auch der Mensch als ein der Natur zugehöriges Wesen wird nicht erkannt und abgelehnt. Aktuell wird… Mehr
„Seitdem treibt Antonia Grunenberg die Frage um, wie der „Selbsterhaltungstrieb“ einer Demokratie am Leben erhalten werden kann.“
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