Der DFB-Kader für die kommende Fußball-Weltmeisterschaft ist ein Abbild des deutschen Dramas: Politisch korrekte Kompromisse ersetzen das Leistungsprinzip, und dem Hauptübungsleiter fehlt es an Charakter.
picture alliance / Sportpics | Marc Schueler
So wie Deutschland gerade ist, so ist immer auch seine Fußball-Nationalmannschaft. Das ist gar keine so steile These, wenn man genauer darüber nachdenkt. Vielleicht stimmte sie nicht in jedem einzelnen Moment der Nachkriegsgeschichte. Aber im Großen und Ganzen hat sie gestimmt.
Und heute stimmt sie vollständig.
So augenfällig wie lange nicht zeigt sich das bei der Vorstellung des deutschen Kaders für die kommende Fußball-Weltmeisterschaft in den USA. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) inszeniert das nicht als Fest der Vorfreude auf das größte Sportereignis der Welt, sondern als woke Werbenummer für sich selbst.
Simulation eines Interviews
Auf der Bühne „befragt“ DFB-Pressesprecherin Franziska Wülle den Bundestrainer Julian Nagelsmann. Das ist ungefähr so interessant, als würde auf dem CDU-Parteitag die CDU-Pressesprecherin mit dem CDU-Bundesvorsitzenden ein „Interview“ führen. Man kennt diese maximal gestellten und maximal gestelzten Pseudo-Gespräche.
Der DFB hätte auch einen gestandenen Sportreporter für die Veranstaltung engagieren können. Da hätte zumindest die Chance bestanden, dass irgendetwas Unvorhergesehenes passiert und vielleicht zumindest ein bisschen Spannung aufkommt. Aber unter seinem Präsidenten Bernd Neuendorf – der vor seiner Verbandskarriere Pressesprecher der SPD und dann für seine Sozialdemokraten Staatssekretär in Nordrhein-Westfalen war – ist der DFB so geworden wie die SPD: ein glattgekieselter, bürokratischer Moloch, der nur noch um sich selbst kreist und seinen eigentlichen Daseinszweck (den Fußball) schon lange verfehlt.
Und Julian Nagelsmann passt da perfekt hinein.
Chefcoach der Eitelkeit
Der 38-Jährige ist für viele Dinge bekannt – Kritikfähigkeit und Selbstzweifel gehören nicht dazu.
In seiner Karriere als Herrentrainer hat Nagelsmann einen einzigen ernstzunehmenden Titel geholt: die Deutsche Meisterschaft mit Bayern München in der Saison 2021/2022. Allerdings hätte vermutlich auch kein anderer Trainer diesem Erfolg ausweichen können, denn die Bayern waren zuvor bereits zehnmal in Folge Meister geworden.
Trotz der Meisterschaft wurde die Kritik an Nagelsmann, an seinem Auftreten, an seiner Selbstdarstellung und an seinem Umgang mit den Spielern immer lauter. Der Verein zog die Reißleine und feuerte den Trainer mitten in der Saison. Ein halbes Jahr lang blieb Nagelsmann arbeitslos. Es hätte den DFB stutzig machen können, dass nun so überhaupt kein anderer Spitzenverein in Europa den Mann engagieren wollte. Tat es aber nicht. Im Gegenteil: Im September 2023 wurde Julian Nagelsmann neuer Bundestrainer.
Beim DFB ist er der passende Deckel auf dem Topf.
Die Kadervorstellung macht er zu einer großen Ego-Performance. Nagelsmann spricht nicht wie ein Trainer, der das Spiel liebt. Er spricht wie ein Unternehmensberater auf einem Leadership-Seminar. Bei ihm geht es um „Energie“ und „Gruppendynamik“ und „Profile“ und „Botschaften“ und „Entwicklung“. Fußball klingt bei ihm nicht nach Leidenschaft, sondern nach Excel-Tabellen.
Der Mann ist ein Technokrat in Turnschuhen.
Haltung statt Leistung
Die klammheimlichen ideologischen und politischen Vorgaben seines Arbeitgebers setzt er bedenkenlos um. Dabei führt er durchaus eindrucksvoll vor, wie man auch ohne Rückgrat laufen kann.
Ohne jede sportliche Not schiebt er den Hoffenheimer Torhüter Oliver Baumann – den er erst vor einem halben Jahr vollmundig zur Nummer 1 im deutschen Kasten ausgerufen hatte – wieder ins zweite Glied zurück. Stattdessen fügt er sich dem diplomatischen Druck von Bayern München auf DFB-Chef Neumann und nimmt den Münchner Manuel Neuer als Stammtorwart mit. Der ist inzwischen 40 Jahre alt und hatte im August 2024 ganz offiziell seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt.
Baumanns anlasslose Degradierung – und die dahinterstehende menschliche Schweinerei – verkündet Nagelsmann, wie er alles verkündet: mit einem breiten, selbstgefälligen Grinsen.
Laut, wie es seine Art ist, sagte Nagelsmann im Oktober 2025: Bei ihm in der Nationalmannschaft gehe es ausschließlich nach dem Leistungsprinzip. Wer spielt, muss liefern. Wer patzt, fliegt raus. Und wer das Trikot mit dem Adler trägt, hat nicht nur Tore zu schießen, sondern muss auch ein Mindestmaß an Disziplin und Vorbildfunktion zeigen.
Nach diesem Maßstab müssten Leroy Sané und Antonio Rüdiger zuhause bleiben.
Sané spielt mittlerweile beim international zweitklassigen Club Galatasaray Istanbul in der im europäischen Vergleich drittklassigen türkischen Liga. Selbst dort sitzt er in wichtigen Spielen nur auf der Bank – oder wird in entscheidenden Spielphasen ausgewechselt. In der Nationalmannschaft hat er in zwei Jahren in keinem einzigen Spiel auch nur ansatzweise überzeugt. Seine Körpersprache schwankt zwischen lustlos und beleidigt. Wenn es drauf ankommt, verschwindet er wie das W-LAN in der Deutschen Bahn.
Andere Spieler liefern Woche für Woche verlässlich ab, kämpfen, arbeiten defensiv, reißen Kilometer ab. Doch Nagelsmann hat die Mission zu beweisen, dass er Leroy Sané zum Funktionieren bringen kann. Damit macht er die Nationalmannschaft zu einem Rehabilitationsprojekt.
Leistung?
Rüdiger ist ein Sicherheitsrisiko. Mittlerweile hat er bei Real Madrid mehr Skandale als sportliche Erfolge gesammelt. Selbst der DFB hat den unbeherrschten Mann öffentlich schon mehrfach angezählt.
Auf seiner Position hat der Freiburger Matthias Ginter eine sensationelle Saison gespielt. Er verkörpert jene Eigenschaften, die früher einmal selbstverständlich für deutsche Nationalspieler waren: Seriosität, Professionalität, Verlässlichkeit, Integrität. Kein Lautsprecher, kein Selbstdarsteller, kein Dauerprovokateur. Einer, der einfach konstant seine Leistung bringt. Aber Ginter muss zuhause bleiben, Rüdiger darf zur WM.
Disziplin?
Nagelsmann macht die Nationalmannschaft zu einer Verhaltenstherapie.
Schlechter Chef in schlechter Firma
Der Bundestrainer zeichnet von sich selbst stets das Bild vom taktischen Wunderkind. Er versucht gar nicht erst zu verhehlen, dass er seine eigene Genialität für die wichtigste Qualität in seinem Job hält.
Jeder Zweifel an seinen Entscheidungen scheint ihn innerlich zu beleidigen. Kritiker hält er erkennbar für Idioten. Wer ihm widerspricht, versteht nichts vom modernen Fußball.
In Wahrheit versteht er nichts von moderner Menschenführung.
Beim FC Bayern hinterließ er nach nur anderthalb Jahren eine tief gespaltene Kabine mit verfeindeten Grüppchen voller Misstrauen. Spieler fühlten sich öffentlich bloßgestellt, ausgehorcht oder kalt aussortiert. Der Trainer gerierte sich an der Seitenlinie wie ein Achtjähriger mit Zuckerschock. Beim DFB geht es jetzt genauso weiter. Nagelsmann entscheidet nicht nach Leistung, sondern nach persönlichen Vorlieben.
Und er ist die Stimme seines Herrn. Für den ist sportlicher Erfolg höchstens ein Nebenprodukt. Für Bernd Neumann sind Haltungskampagnen wichtiger als Leistung. Er hat den DFB in den vergangenen Jahren zu einer moralischen Eventagentur umgebaut – mit geschniegelten politischen Symbolfotos für die Sozialen Medien. Er und seine urbane Funktionärskaste halten sich für progressiv und unangreifbar.
Andere Nationen spielen schlicht Fußball.
Der DFB hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter von seinem Publikum entfernt. Die Nationalmannschaft ist künstlich geworden und berührt immer weniger Menschen.
An der Seitenlinie steht mit Julian Nagelsmann ein Trainer, der diese Fehlentwicklung nicht korrigiert, sondern verkörpert.

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Na, da werden sie doch mit der Regenbogenbinde auflaufen. Das ist doch das Wichtigste.