Sicher lagern statt vertagen: Finnland bringt sein Endlager bei Olkiluoto auf Kurs, während Deutschland bei der Zeche Konrad weiter Jahre verliert. Schweden ist ebenfalls im Bau. Der Norden zeigt, dass Atommüll-Entsorgung planbar ist – wenn man denn will. Von Wolfgang Kempkens
Bild: tvo
Schon in zwei Jahren soll der erste schwach radioaktive Nuklearabfall in ein unterirdisches Lager verfrachtet werden, für das die finnische Strahlenschutz- und Nuklearsicherheitsbehörde (STUK) mit Sitz in Vantaa jetzt die Betriebsgenehmigung erteilt hat.
Damit überholen die Nordländer locker Deutschland, dessen Endlager für strahlende Abfälle, die keine Wärme erzeugen (früher schwach- und mittelaktive Abfälle genannt), bereits seit Jahrzehnten im Bau ist. „Zeche Konrad“, ein ehemaliges Eisenerzbergwerk, soll erst Anfang der 2030er Jahre aufnahmebereit sein. Das finnische Überholmanöver ist umso bemerkenswerter, als das Unternehmen Teollisuuden Voima Oyj in Eurajoki, das das Lager errichtet, mit dem Bau noch gar nicht angefangen hat.
Die unterirdische Anlage, die aus Felsgestein herausgesprengt wird, entsteht nahe Olkiluoto, dem Standort von zwei älteren und einem funkelnagelneuen Kernkraftwerk und in der Nähe eines schon existierenden Lagers für derartige Abfälle, das zu klein zu werden droht. Ein weiteres kleines Endlager befindet sich im Untergrund in der Nähe des zweiten finnischen Kernkraftwerks-Standort Loviisa. Das dritte Endlager wird Platz für 10.000 Kubikmeter Atommüll haben, wobei „Atommüll“ falsche Assoziationen weckt. Eingelagert werden Verpackungsmaterial, Filter und Abfälle aus der Nuklearmedizin, die nur geringe Strahlung aufweisen. Aber sicher und auf Dauer gelagert sollten sie schon werden, was einst auch in Deutschland galt. Doch zu mehr als zu oberirdischen gut belüfteten Hallen hat es bisher nicht gereicht.
Dabei sah es 1977 danach aus, als würde Deutschland als erstes Land der Welt ein schlüssiges Konzept zur Entsorgung und sicheren Lagerung von Atommüll jeglicher Art realisieren. Im niedersächsischen Gorleben sollte ein nukleares Entsorgungszentrum entstehen, in dem die gefährlichsten Inhaltsstoffe in den abgebrannten Brennelementen aus Kernkraftwerken abgetrennt werden, vor allem Plutonium und Uran.
Zudem sollte dort ein unterirdisches Endlager für stark strahlenden Abfall gebaut werden. Massive Proteste sorgten dafür, dass die Wiederaufarbeitungsanlage ins bayrische Wackersdorf abgeschoben, doch nie realisiert wurde. Gorleben als Endlager ist mittlerweile passé, und nach jahrelangem Stillstand lässt das zuständige Bundesministerium jetzt gemächlich nach einem neuen Standort für ein Endlager suchen.
Finnland legt ein ganz anderes Tempo vor. Das Land sorgt konsequent dafür, dass nicht nur die Vorteile der Kerntechnik genutzt werden – die Produktion von zuverlässig verfügbarem emissionsarmem Strom zu erschwinglichen Preisen –, sondern auch die negative Begleiterscheinung – Atommüll – sicher entsorgt wird. Die zuständige Behörde STUK erteilt, so wird erwartet, in Kürze die Genehmigung, das weltweit erste Endlager für hochradioaktive Abfälle zu bauen, die jahrzehntelang Wärme entwickeln. Es wird in Onkalo errichtet, nur wenige Kilometer vom Endlager für schwach radioaktive Abfälle und von den drei Blöcken des Kernkraftwerks Olkiluoto entfernt.
Das Endlager wird aus uraltem Felsgestein in einer Tiefe von 400 bis 430 Metern herausgehauen. Der Atommüll wird, wie es in den meisten Ländern mittlerweile üblich ist, nicht wiederaufgearbeitet – die besonders gefährlichen, zehntausende Jahre strahlenden Bestandteile bleiben also darin. Die ausgedienten Brennelemente werden in kupferne Behälter eingeschlossen und eingelagert. Wenn eine der vielen Kammern voll ist, werden die Zwischenräume mit Bentonit gefüllt, so wie es auch für die Zeche Konrad geplant ist. Bentonit ist tonähnliches Mineral, das besonders gute Dichteigenschaften hat.
Finnlands Nachbar Schweden geht ähnlich verantwortungsvoll mit dem Atommüll um. Seit vielen Jahren betreibt das Land bereits ein großes unterirdisches Endlager für schwach radioaktiven Müll, und vor fast genau einem Jahr begann der Bau eines Endlagers für den „heißen Abfall“. 2037 soll es aufnahmebereit sein. Finnland will deutlich früher fertig sein.
Wolfgang Kempkens studierte an der Technischen Hochschule Aachen Elektrotechnik. Nach Stationen bei der „Aachener Volkszeitung“ und der „Wirtschaftswoche“ arbeitet er heute als freier Journalist. Seine Schwerpunkte sind Energie und Umwelt.

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