Zitternd in den Boom

Der Euro bleibt 2013. Merkel auch. Die Schulden auch. Die Gold-Hausse auch. Die Exporte auch. Die Sorgen auch. Und sonst?

Ob wir zahlen wollen oder nicht: Der Euro wird fortbestehen. Die Kosten werden noch weiter in die Zukunft verschoben, denn im Wahljahr kann kein Politiker die Wahrheit verkaufen. Und das kommende Jahr ist Wahljahr – in Niedersachsen, Hessen, in Bayern und im Bund. Vermutlich bleibt Angela Merkel Kanzlerin, ihr ist es ziemlich egal, welche Parteien sie regiert. Es läuft ja nicht so schlecht in Deutschland, sodass man sich nicht unbedingt nach Änderung sehnt. Gleichzeitig ist aber die Lage so fragil, dass man Experimente des Machtwechsels eher fürchtet – die ideale Mischung für die Prolongation der Regierung, die ohnehin schon so sozialdemokratisch geprägt ist, dass echte Sozis auch nichts mehr verschlimmbessern.

Nun sind Prognosen bekanntlich eine riskante Sache – wenn sie die Zukunft betreffen. Eskalierende Konflikte im Nahen Osten und Nordafrika sind denkbar; dass Silvio Berlusconi Italien ruiniert und den Euro sprengt, ist wahrscheinlicher als eine Reform in Griechenland. Zwar ist die Welt am 21.12. doch nicht untergegangen, aber unser Panikszenario sieht die USA den Fiscal Cliff hinabstürzen, die nächste Euro-Krise kommt bestimmt. Oder ist es der Aufstand chinesischer Wanderarbeiter? Solche Ereignisse lassen die Weltwirtschaft stocken. Bleiben aber solche Katastrophen aus, dann wird die deutsche Konjunktur im ersten Halbjahr vor sich hindümpeln, um nach dem Sommer voller Ungewissheiten in den Boom zu zittern.

Das kommt von der oberflächlichen Beruhigung der Euro-Krise. Die kostet Deutschland viel Geld und langfristig Stabilität. Hört man dem Bundesbank-Präsidenten Jens Weidmann genau zu, dann wachsen die Sorgen: Die Anpassung stockt, die Geldwertstabilität gerät in Gefahr. Aber solche ordnungspolitischen Debatten interessieren in der Wirtschaft wenig. Hier gilt die Maxime: Hauptsache, der Euro-Laden läuft kurzfristig möglichst störungsfrei weiter, und die Sintflut kommt frühestens nach den nächsten Halbjahreszahlen. Deswegen haben die Finanzmärkte mit sinkenden Zinsen für Staatsanleihen und steigenden Aktienkursen schon “Hurra” geschrien. Nach und nach erfasst dieser Optimismus auch die Realwirtschaft. Dort werden jetzt die Investitionsvorhaben aktiviert, die im Sommer, der heißen Phase der Euro-Krise, in den Schubladen verschwunden waren. Die Nachfrage gibt das her, denn das lahmende Europa wird durch Kunden aus Asien und den USA ersetzt. Die Zinsen bleiben niedrig, gemessen an der wirtschaftlichen Lage in Deutschland viel zu niedrig. Aber der niedrige europäische Einheitszins ist der Tribut an die wirtschaftsschwachen Südländer. Deren Strukturwandel wird eher zehn als zwei Jahre Zeit kosten – und die deutsche Wirtschaft zieht davon und damit die Menschen aus diesen Ländern an.

Noch 2008 und 2009 war Deutschland ein Auswanderungsland. In diesem Jahr werden voraussichtlich 400.000 Menschen mehr aus Osteuropa, aber auch aus Spanien und Portugal zu- als abwandern: Eine komplette Stadt, größer als das arme Bochum. Anders als frühere Gastarbeitergenerationen hat jeder zweite der neuen Migranten mitteleuropäischen Hintergrund und Abitur. Statt einfachen Arbeitern kommen Ärzte und Ingenieure. Mit ihren Beiträgen und Steuern füllen sie die Sozialkassen und mästen den Finanzminister. Sie halten die Lohnsteigerung in Schach und treiben die Mietpreise. Deshalb wird wieder gebaut – nicht luxuriöse Seniorenresidenzen, sondern preiswerte Mietwohnungen für junge Familien. Damit wird eine Wachstumsrate von zweieinhalb Prozent erreichbar, und zwar auch 2014 und 2015. Allerdings wird dann auch das hässliche Gesicht des Booms sichtbar: anschwellende Inflation.

Die Wirtschaft als ökonomische Bühne der Menschen wird uns mit Schicksalen von Apple über Daimler bis Opel, mit Frauenquote, Euro und Armutsdiskussion in Atem halten. Nichts bleibt spannender als Wirtschaft – auch 2013 nicht.

(Erschienen auf Wiwo.de am 21.12.2012)

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