Blühende Landschaft

Ein Gutes hat ja dieser Tsunami an DDR-Reportagen, Mauerbildern und Wendezeit-Beichten, der aus allen Fernsehern und Medien schwappt: Immer wieder sieht man noch einmal die graugiftigen Industrieruinen, in denen damals irgendwie irgendwas zusammengebastelt wurde, unter grausamer Ausbeutung von Menschen und Umwelt; die tristen Städte, stinkenden Trabis und deprimierenden Fließbänder, an denen freudlose Frauen in Kittelschürzen stehen; die bröckelnden Hausfassaden im alten Ost-Berlin mit den musealen Reklameaufschriften aus den Dreißigerjahren und den niemals reparierten Einschusslöchern der Schlacht um Berlin. Man spürt noch einmal die Freudlosigkeit und das Duckmäusertum, aber auch die Erleichterung der Menschen in dem Augenblick, als sie gegen die sozialistische Bedrückung aufstanden. Ostalgie? Lange war zu befürchten, dass die Verklärung, menschlich verständlich und politisch bewusst betrieben von Ewiggestrigen der Linken, wie ein schleichendes Gift das demokratische Land zersetzen würde. Davon ist neuerdings nichts mehr zu spüren.

Früher war alles besser? Das erzählen nicht einmal mehr die Betonköpfe der Ost‧elite mit Westrente, davon distanzieren sich mittlerweile sogar die gewendeten Stasi-Offiziere und selbst die SED-Funktionäre im schicken New-Look der Linken. Mit den Erinnerungsbildern aus der DDR wird der ungeheure Erfolg der Wiedervereinigung deutlich.

Ich höre schon das „ja, aber“, während ich diese Zeilen schreibe. Richtig, die Erfolge wurden durch immense Transferleistungen erkauft. Und nach wie vor gibt es Armutsregionen im Osten. Zwar gibt es beeindruckende Beispiele von mutigen Unternehmern, die sich mit ihren Produkten und Dienstleistungen zu kleinen Weltmarktführern in ihren Nischen entwickelt haben. Aber generell sind dort heimische Unternehmen noch nicht zu Riesenkonzernen herangewachsen, der Aufschwung ist noch nicht selbsttragend. Aber solche Zahlen und Beispiele gibt es auch für Landstriche im Westen. Auch dort gibt es Schrumpfregionen und Wohlstandsreviere, Städte mit vergleichbar hoher Arbeitslosigkeit und schäbiger Tristesse.

Aber vergleicht man Lebensstil und Lebensqualität – dann wird die gesamtdeutsche Landkarte buntscheckig, werden neue Grenzen und neue Brüche sichtbar, die aber immer seltener mit der Linienführung des Todesstreifens zusammenfallen, dafür aber oft alten Traditionslinien folgen: Der Süden bleibt anders als der Norden, während Ost und West sich angleichen. Der Osten steht nicht mehr nur für Abwicklung und Krise, der Westen nicht mehr nur für Wohlstand und Fortschritt. Wo es sich besser leben, arbeiten und studieren lässt, ist nicht mehr so sehr davon abhängig, ob früher dort ein Honecker-Bild neben dem von Marx und Engels in Amtstuben hing, sondern mehr von der Tüchtigkeit der jeweiligen Verwaltungen und Unternehmer, die sich heute beweisen muss – jeden Tag aufs Neue.

Leider aber folgen Politik und die öffentliche Debatte vielfach immer noch dem Denken nach den Himmelsrichtungen der Windrose. Es werden sich immer Beispiele für Unterschiede zwischen Ost und West finden; die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen ist nie und nimmer völlig herstellbar. Aber immer deutlicher wird, dass wir einer Chimäre nachjagen. Gewinnen kann man so einen Gespensterwettlauf nicht. Es wird nur teuer und produziert immer neue Unzufriedenheiten und immer neuen Interventionsbedarf. Nehmen wir einfach zur Kenntnis: „Blühende Landschaften“ hatte Helmut Kohl in den Tagen der Wiedervereinigung versprochen und wurde dafür verlacht und verhöhnt. Heute sind sie Wirklichkeit geworden.

(Erschienen am 07.11.2009 auf Wiwo.de)

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