Die Roboter der CDU: Vorne jubeln, hinten fluchen

Wenn man CDU-Politiker fragt, dann legen sie Reformpläne vor, die die deutsche Industrie retten könnten. Dann wird illegale Migration beendet und der NGO-Sumpf ausgetrocknet. Nur, wenn es um Taten geht, liefert die CDU das Gegenteil. Darin ähneln Merz und Co. den Killer-Robotern aus Stanisław Lems Sterntagebüchern.

picture alliance / osnapix / Michael Titgemeyer | Michael Titgemeyer
Friedrich Merz und Gitta Connemann, Landesparteitag der CDU Niedersachen am 23.08.2025 in Osnabrück

Auf dem Planeten Circia haben sich die Roboter unter ihrem Anführer „Der Kalkulator“ gegen ihre menschlichen Herren erhoben und ermorden nun alle Menschen, die sie finden können. Eine Vielzahl menschlicher Agenten wurde schon von der Erde nach Circia entsandt, um die menschliche Herrschaft zu retten – aber zu jedem von ihnen ist der Kontakt abgebrochen. Also soll Kosmonaut Ijon Tichy nun auf den Plan treten. Dazu wird er in eine perfekte, rostfreie Roboterverkleidung gesteckt, um unerkannt dem Treiben des Kalkulators und seiner Roboter ein Ende zu bereiten.

So beginnt die Elfte Reise, ein Kapitel in Stanislav Lems Roman „Die Sterntagebücher“. Wer die CDU verstehen will, kann sich mit Lem gedanklich annähern. Lems Erzählungen waren immer abstrus genug, um veröffentlicht zu werden. Und das war wichtig: Lem war Pole und wirkte unter Sowjetherrschaft. Kritik am System war nur allegorisch möglich.

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Ijon Tichy passiert schon bei seiner Landung auf Circia ein Malheur. In einem Feld vor der Hauptstadt stolpert er in der Dunkelheit über rostigen Schrott, der dort herumliegt. Er wird entdeckt, enttarnt und von Robotern vor ihren Roboter-Diktator gezerrt.

Lems Roman ist eine absurde Parabel. Denn tatsächlich sind die Roboter – Menschen. Die sich aber nicht trauen zu widersprechen und handeln wie meuternde Roboter. Und als solche Dinge betreiben, die sie als absoluten Quatsch durchschauen.

Im Berlin 2026 wirken CDU-Politiker wie Roboter. Sie gehorchen den Vorgaben ihres großen Kalkulators.

Keine Steuerreform kann so verlogen, kein Projekt so wirtschaftsfeindlich sein, dass seine Parteisoldaten es in den sozialen Medien, im Bundestag oder auf Veranstaltungen nicht robotergleich bejubeln. Nun soll also die Grenze, ab der der Spitzensteuersatz fällig wird, von 69.879 Euro auf 70.600 Euro erhöht werden. Der Höchststeuersatz greift damit also 721 Euro später. Hurra. Diese Steuererleichterung gleicht nur gerade mal die Inflation aus. Die Juli-Reform wird einem Durchschnittshaushalt mit vier Köpfen nur 50 Euro im Monat Erleichterung versprechen.

Gleichzeitig hat diese Familie aber am Ende weniger Netto übrig, da steigende Zuckersteuer, Plastiksteuer, Wassercent und was an Lebens-Verteuerungen sonst noch kommen mag, ihr im Jahr deutlich mehr als 50 Euro im Monat abnehmen werden. So werden die Heizkosten für Gas-Wärme um bis zu 1.000 steigen, dank CO2-Abgabe. Die Rentenabgaben steigen um je 30 Euro. Die Krankenversicherung wird teurer, für Kinder und Ehepartner wird wohl ein Zusatzbeitrag fällig.

Eine ziemlich lächerliche Sache, aber wie Roboter feiern CDU-Funktionäre das öffentlich:

 

Nun sind die Roboter-Jubler ja nicht intellektuell unterbelichtet, sondern erfahren und kenntnisreich.

Gitra Connemann zum Beispiel ist nicht nur Bundestagsabgeordnete, sondern auch Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Beauftragte der Bundesregierung für den Mittelstand und Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT). Viele Posten, viel Macht.

 

Erst in der vergangenen Woche warb sie vor Journalisten und Unternehmern für Wirtschaftsreformen. Für Lockerungen und Bürokratieabbau. Zwei Stunden fuhr sie im Bus des Wirtschaftsverbandes Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) mit Journalisten und Freunden der CDU-nahen Stiftung durch Berlin und erklärte: „Wenn die Möglichkeit bestünde, die AKWs zu reaktivieren, dann müsste man das tun.“ Müsste? Wieso müsste? Warum nicht einfach machen? Ihre MIT schrieb noch am 27. Juni: Eine Erhöhung des Spitzen- und Reichensteuersatzes dürfe es nicht geben, denn: „Damit würden wir mitten in der Krise die Steuerlast für die meisten unserer Unternehmen erhöhen.“ Gut gebrüllt. Und was geschieht? Es kommt eine Erhöhung der Reichensteuer.

Zweifellos wusste Connemann zu diesem Zeitpunkt schon von den Anti-Reförmchen, die ihr „größter Wirtschaftsförderer Merz“ (O-Ton-Connemann) und die SPD-Kollegen verhandelten. Wenn nun das Gegenteil von dem gemacht wird, was Connermann für richtig erkannt und benannt hat: Wird Connemann nun dazu beitragen, den Kanzler zu stürzen? Nein, sie hat ja auch Angela Merkel über all die Jahre mitgetragen, trotz des desaströsen Atomausstiegs (den Connemann immerhin zu verhindern versuchte). Hört man Connemann reden, freut man sich schon auf die kommenden Reformen. Kommen sie dann, die Merz-Reformen, ist keine Connemann drin. Aber Connemann ist nicht allein, Connemann geht voran.

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Kann man mit Unionspolitikern im Vertrauen sprechen, dann hört man viele gute und schlaue Sachen von ihnen. Dann ist die SPD ein unmöglicher Koalitionspartner, dann müssen sofort massive Reformen her, dann muss die Neuverschuldung sofort beendet werden. Hört man die CDU/CSU-Abgeordneten reden, dann will man sich an ihrer Seite aufmachen und die Kettensäge mit ihnen anwerfen. Dann werden gemeinsam die NGOs ausgetrocknet, dann werden EU, Klimabürokraten- und lähmende Beamte in ihre Schranken verwiesen. Misst man die Union an ihrer Rhetorik, dann wird sie die AfD bald rechts überholen. Doch wenn dieselben CDU-Politiker im Bundestag abstimmen, dann kommen Friedrich Merz und diese „Reformen“ dabei raus. Sieht ein CDU-Politiker eine Kamera, dann spricht er nur, wenn dahinter ein grüner ARD-Reporter steht, und gefällig verspricht der CDU-Mann oder die CDU-Frau mit der AfD im Kopf dann, den Kampf gegen Rechts zu intensivieren.

In den Sterntagebüchern soll Ijon Tichy exekutiert werden. Denn alle Menschen auf Circia werden exekutiert. Und dann geschieht das Sternen-Wunder: Er überlebt es. Er überlebt es, weil sich herausstellt: Es gibt nur einen einzigen Roboter auf dem Planeten. Der Kalkulator, der Roboter-Diktator ist es. Die anderen Roboter waren nämlich nicht rostfrei. Ohne menschliche Wartung gingen sie kaputt. Ihre Schrott-Karkassen sind es, über die Ijon Tichy bei seiner Ankunft gestolpert ist, sie liegen in den Feldern um die Hauptstadt verstreut. Die Roboter, die Tichy enttarnten und festnahmen, die ihn festnahmen, verurteilten und exekutieren wollten: Sie waren menschliche Agenten in Roboter-Verkleidungen, die ihre Tarnung nicht aufgeben wollten und die Rolle als Menschenhasser so vollkommen ausfüllten, dass sie einander nicht erkannten. Bis Kosmonaut Tichy über die Überreste eines wahren Roboters stolperte und die Menschen sich wieder trauten, wie Menschen zu handeln.

Frau Connemann und die zahllosen Abgeordneten der Union kennen die Probleme dieses Landes. Sie benennen die Lösungen, solange sie nicht danach handeln müssen. Im Bundestag agieren sie wie Roboter in den Sterntagebüchern. Sie wissen, dass Deutschland nicht an zu wenig Staat, zu niedrigen Abgaben und zu viel wirtschaftlicher Freiheit leidet. Sie sprechen es sogar laut aus – aber verkriechen sich in ihre Roboter-Rüstungen, sobald es zur Abstimmung kommt. Ijon Tichy ist schon über die toten Karkassen der SPD gestolpert. Jetzt muss die Union handeln und sich zur Wirklichkeit bekennen – oder untergehen. Hoffentlich reißen sie Circia nicht mit in den Abgrund.

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Kommentare ( 45 )

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ceterum censeo
7 Tage her

Mit Verlaub, werter Herr Tichy, WARUM sollten die Jubelperser der CDU (wie aber auch der Rest des Politbüros) ihr Verhalten ändern? Zum Wohle Deutschlands? Um „das Richtige und Notwendige“ für Deutschland zu machen? Um diese Schlichtgestalt vom Lügengroßmeister in die Schranken und den Abgrund zu weisen? Ha!. Denen geht es doch, so wie es ist, ausgezeichnet! Besser kann es doch für das Parteivieh gar nicht sein! Zwangsfinanzierter, leistungsloser Wohlstand, der sonst nur auf einer Managementebene eines mittelgroßen Unternehmens mit viel Arbeit zu erlangen wäre, garantiert bis zum Lebensende, da z.B. Kürzungen durch Produktionsverlagerung/-abbau oder Insolvenz nicht drohen. Nein, Herr Tichy,… Mehr

Privat
7 Tage her

Connemann – Die himmelt den dürren BlackRock Mann förmlich an.
Wie peinlich ist denn das ? Das ist die heutige CDU/CSU – nämlich unwählbar.

Marcus Tullius
7 Tage her

Der einzige Staat in der Geschichte, der Selbstzerstörung als Staatsziel hat, ist der sozialistische Staat. Die Union möchte Teil dieses Staates sein. Ob aus persönlicher Feigheit oder aus persönlicher Gier, ist egal.

ThomasP1965
7 Tage her

Lems brilliante Erzählung ist eine über das Mitläufertum. In der Tat gibt es das. Gerade auf der rechten Seite ist es weit verbreitet. Man denke nur an die Nazizeit, die „Märzgefallenen“. In autoritären Regimen gilt das generell. Es ist kein Phänomen eines Landes, sondern wohl global gültiges Prinzip. Sich anpassen, feige sein liegt in der Natur des Menschen. Den Weg des geringsten Widerstands gehen, Konflikten ausweichen, z.B. indem man sich nur mit der Meinung der eigenen Blase auseinandersetzt gehört ebenso dazu, wie z.B. die Feigheit im Verwandtenkreis sich die Meinung zu sagen / mit abweichenden Meinungen umzugehen. So sind viele… Mehr

Last edited 7 Tage her by ThomasP1965
Haba Orwell
7 Tage her
Antworten an  ThomasP1965

> Man denke nur an die Nazizeit, die „Märzgefallenen“.

Für die „Helden“ dieser Zeit soll in Kiew eine „Ruhmeshalle“ gebaut werden, vermutlich mit dem Geld aus Schland. Ein Wunder, dass diese Zeit nicht auch hier glorifiziert wird – sondern nur die Ukro-Stellvertreter, die selber diese Zeit glorifizieren.

ThomasP1965
7 Tage her
Antworten an  Haba Orwell

Wenn Sie die Unterstützung von Banderas & Co. in der Ukraine meinen, finde ich sie auch schwierig. Nationalhelden sind eben oft problembehaftet und eigentlich Kriegsverbrecher. Wie wird Alexander gesehen, wie Cäsar, Napoleon? Was sie für das eine Land zum Helden macht, macht sie für das andere Land zum Verbrecher. Alle haben klassische Kriegsverbrechen begangen. Stalin z.B. wird in Russland heute noch verehrt – ist aber eindeutig einer der größten Massenmörder des letzten Jahrhunderts. Mao desgleichen. Im Balkan gibt es jede Menge solcher Fälle aus dem letzten Jahrhundert und viele werden verehrt. Auch die USA sind nicht frei davon. Ich erinnere… Mehr

BerndN.
7 Tage her

ALLEN Politikern geht es mittlerweile nur noch um eins: Am Futtertrog zu kleben unter allen Umständen. Sie können NICHTS und würden in der freien Wirtschaft Teller waschen (KGE, Grüne) oder Bürgergeld beziehen. Also machen sie sich den Staat zur Beute und werden alles dafür tun das dieser Zustand erhalten bleibt – ALLES!

VollbeschaeftigtmitNichtstun
7 Tage her
Antworten an  BerndN.

Kann Ihnen nur zustimmen. Aber es wäre mir zu wenig, wenn die Verantwortlichen nur arbeitslos werden würden. Ihr Vermögen gehört eingezogen, und sie müßten den Schaden, den sie angerichtet haben, in Ketten gelegt bis zum Lebensende abarbeiten. Und das von Hayali bis zu Habarth.

BerndN.
7 Tage her

Bleiben wir realistisch! Mir würde es schon reichen wenn dieses Gesockse in der Versenkung verschwindet und nicht mehr die Geschicke von D und seinen Bürgern bestimmt.

Wilhelm Roepke
7 Tage her

Ich war schon in den 80er-Jahren in der Union zu Besuch. Schon damals war das Duckmäusertum nach oben ausgeprägt. Heute ist das auf gigantisches Format gewachsen.

Haba Orwell
8 Tage her

> So beginnt die Elfte Reise, ein Kapitel in Stanislav Lems Roman „Die Sterntagebücher“.  In seiner Heimat gibt es Zweifel an den Kosten des Ukrostan-Kriegs: >>>Wir können uns diesen Krieg nicht leisten | Polnisches Denken<<< > „… Der scharfe politische Konflikt … zwischen Warschau und Kiew … ist eine Tatsache, die nicht länger zum Schweigen gebracht oder übertönt werden kann. … Ich möchte Sie daran erinnern, dass Polen damals Mitglied der Anti-Hitler-Koalition war und an allen Fronten des Zweiten Weltkriegs gegen Deutschland und seine Kollaborateure kämpfte, einschließlich der UPA, die auf der Seite unseres gemeinsamen Feindes, also Deutschland, stand. Ich… Mehr

Last edited 8 Tage her by Haba Orwell
mbam
8 Tage her

Schön, dass Tichy in der genannten Geschichte von Lem überlebt. Das gibt Hoffnung für die Gegenwart…😉

Dreiklang
8 Tage her

„Tichys Einblick“ klammert sich immer noch an die CDU. Erst sollte „Merkel weg“, jetzt soll „Merz weg“. Daran, dass die CDU ein grundsätzliches schweres Substanzproblem hat, traut sich niemand heran. Die CDU ist die Partei der größtmöglichen Bequemlichkeit. Hauptsache, es klappt mit den Posten, dahinter gibt es nichts.

Dr. Rehmstack
8 Tage her

Ich wünsche mir von Tichys Einblick zu Weihnachten einen Bilder Kalender, in dem für jede Woche eines dieser ikonographisch Fotos eingestellt wird; für die dritte Augustwoche hätten wir hier schon ein hervorragendes Exemplar gefunden.