Nicht die SPD ist Deutschlands großes Problem, sondern die Union. Unter Angela Merkel und Friedrich Merz ist die CDU das geworden, was sie unter Helmut Kohl nie war: ein rückgratloser Kanzlerwahlverein. Eine Abrechnung.
picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
Wenn wir die erste Strophe des Deutschlandlieds nur ein bisschen umtexten, dann passt die Zeile ideal als neue Parteihymne der Christlich-Demokratischen Union, kurz CDU:
Posten, Posten über alles.
Deutschland scheitert gerade, doch es scheitert nicht an der SPD. Damit wir uns nicht missverstehen: Die Sozialdemokraten verfolgen eine ruinöse Agenda. So gut wie alles, was die Roten wollen, ist schlecht für das Land: dirigistisch (Mindestlohn), autoritär (Meldestellen), bizarr ideologisch (Heizungsgesetz) und lebensfremd („Selbstbestimmungsgesetz“). Einfach falsch eben. Die SPD will den Staat ausweiten, die Bürger bevormunden, die Marktwirtschaft killen und Leistung ächten. Das ist durchweg verheerend.
Aber warum kommt sie damit durch?
Vor ziemlich genau zwei Monaten saß der Bundeskanzler und CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz in der ZDF-Sendung „Was nun?“. Dort hat er wortreich, mit ernster Miene und fester Stimmer erklärt, eine Erhöhung der sogenannten „Reichensteuer“ und des Spitzensteuersatzes werde es mit ihm nicht geben. Merz wörtlich (am 6. Mai 2026): „Die oberen Einkommen noch zusätzlich zu belasten, geht einfach nicht.“
Jetzt geht es doch. Und Merz (am 2. Juli 2026) verkauft das allen Ernstes als Verhandlungserfolg.
Eine Partei als Mogelpackung
Jahrzehntelang hat sich die CDU als Bollwerk gegen Sozialismus und Planwirtschaft inszeniert. Wenn man ehrlich ist, war sie das nie. Spätestens seit der ersten Großen Koalition 1966 machte die Union vieles mit, was mit der Sozialen Marktwirtschaft, einer verantwortungsvollen Haushaltsführung und mit bürgerlicher Gesellschaftspolitik wenig bis gar nichts zu tun hatte.
Doch zugegeben: Immerhin hatte die Union konservatives Tafelsilber. Christliches Menschenbild, Schutz und Förderung von Ehe und Familie, Abtreibungsskepsis, Wehrpflicht, Kernkraft, restriktive Zuwanderung. Das alles gehörte tatsächlich zu den Kerninhalten der CDU.
Dann kam Angela Merkel.
In ihren 20 Jahren als Parteichefin – davon 16 Jahre nebenbei auch noch als Bundeskanzlerin – hat die kinderlose, geschiedene Protestantin die CDU in kleinen Schritten entkernt. Aus Politik wurde Stimmungsmanagement.
- Die Wehrpflicht wurde 2011 ausgesetzt.
Kanzlerin: Angela Merkel. - Der Ausstieg aus der Kernenergie wurde 2011 beschlossen.
Kanzlerin: Angela Merkel. - Die Grenzen für die Massenzuwanderung wurden 2015 geöffnet.
Kanzlerin: Angela Merkel. - Die gleichgeschlechtliche Ehe wurde 2017 eingeführt.
Kanzlerin: Angela Merkel.
Das war keine Modernisierung. Modernisierung bedeutet, ein Profil in neuer Zeit neu zu begründen. Die Methode Merkel hingegen bestand darin, jedwedes Profil einzuebnen.
Was immer gerne vergessen wird: Die CDU hat sich willig einebnen lassen.
Komplizen im Niedergang
Sagen wir es, wie es ist: Spätestens seit der Ära Merkel wird die Union von überzeugungsfreien Karrieristen geführt.
Menschen, die in einem bürgerlichen Beruf niemals das Einkommen erzielen könnten, das sie sich als Politiker aus dem Steuertopf nehmen. Deshalb haben sie geradezu devot alles mitgemacht, was Angela Merkel von ihnen wollte. Das sicherte Amt und Mandat und Diät.
Menschen wie Ex-Kanzleramtsminister Helge Braun. Der ist jetzt Präsident der Universität Lübeck – ein politisches Amt. In der freien Wirtschaft dürfte er kaum irgendwo einen höheren Job bekommen als Abteilungsleiter. Maximal.
Menschen wie Ex-Kanzleramtsminister Peter Altmaier. Der hat die freie Wirtschaft in seinem ganzen Leben niemals von innen gesehen: Er war EU-Beamter.
Menschen wie Ronald Pofalla, noch ein Ex-Kanzleramtsminister unter Angela Merkel. Der durfte zum Dank für seine treuen Dienste an der Kanzlerin in den Vorstand des Staatsunternehmens Deutsche Bahn. Da war er für die Infrastruktur zuständig – heute mit einiger Sicherheit das größte Sorgenkind des Konzerns. Danach folgte eine Tätigkeit als Geschäftsführer eines Immobilienunternehmens. Auch die war so erfolgreich, dass die Zusammenarbeit schon nach zwei Jahren wieder endete.
All diese Figuren haben die Politik gebraucht. Nicht wegen ihrer Leidenschaft für irgendwelche Inhalte, sondern für den ganz persönlichen Lebensunterhalt. Und derselbe Menschenschlag bevölkert die CDU bis heute.
Das größte Problem des bürgerlichen Lagers in Deutschland ist die Partei, die dieses Lager vertreten sollte.
Kardinalproblem Kanzler
Friedrich Merz hat in seinem Leben genug Geld verdient. Ihn treibt etwas anderes an: Er will nicht der Kanzler mit der kürzesten Amtszeit in Deutschlands Geschichte sein.
Das ist ein Denkfehler. Denn dieser Rekord wäre seine einzige Chance, überhaupt irgendwo in den Geschichtsbüchern aufzutauchen.
Aber weil er so denkt, wie er denkt, leitet er pro forma die Kabinettssitzungen und winkt jeden Unfug durch, den die SPD auf die Tagesordnung setzt. Die Sozis wollten die Mietpreisbremse verlängern. Die Regierung hat sie bis Ende 2029 verlängert. Tor SPD. Die Sozis wollten die Minijobs abschaffen. Formal bleiben die jetzt zwar erhalten – faktisch macht die Regierung sie aber so teuer, dass sie verschwinden werden. Tor SPD. Die Sozis wollten einen höheren Mindestlohn. In den Koalitionsverhandlungen wurde ein mittelfristiger Anstieg auf 15 Euro als Ziel verankert. Die Union, die früher einmal die Tarifautonomie gegen politische Lohnsetzung verteidigte, steht wieder daneben und nickt. Tor SPD.
Merz ist sicher der schwächste Bundeskanzler in der deutschen Geschichte. Und der unehrlichste. Kein deutscher Regierungschef vor ihm hat seine Wähler und Anhänger so dreist und so oft belogen wie er (Stichwort: Schuldenorgie). Das Regieren ist für den Kanzler und für seine Partei ein Selbstzweck. Hauptsache Ministerien. Hauptsache Dienstwagen. Hauptsache Macht, obwohl man gar nicht weiß, was man damit anstellen soll.
Die CDU ist in Wahrheit keine Partei, sondern eine Interessengemeinschaft zur gegenseitigen Vermittlung von öffentlichen Ämtern.
Produktenttäuschung
Friedrich Merz ist nicht der Bruch mit der Merkel-Politik. Er ist ihre Pointe.
Unter ihm wird die Inhaltsleere der CDU nicht korrigiert, sondern vollendet. Der Bundeskanzler ist nicht der Retter der bürgerlichen Union. Er ist ihr Liquidator.
Die Inhaltsleere der Union bildet sich in ihrer Sprache ab. Die Standardwörter sind Verantwortung und Stabilität und Mitte und Zusammenhalt. Alles abstrakte Begriffe, in die man nahezu alles hineininterpretieren kann. Keine Festlegung, nirgends. Wer „Mitte“ sagt, muss nicht sagen, ob er Freiheit oder Staat will. Wer „Verantwortung“ sagt, muss nicht sagen, wofür. Wer „Stabilität“ sagt, muss nicht sagen, ob er überhaupt vorwärts gehen will.
Das ist alles nichts als Wahlkampfdeko.
Die Union verrät das, was einmal ihre Grundsätze waren (und wovon sie in erkennbarer Täuschungsabsicht behauptet, dass es noch immer ihre Grundsätze sind): Sie kritisiert Schulden und beschließt neue Schulden. Sie kritisiert Bürokratie und beschließt immer neue Regulierungen. Sie beschwört Leistung und beschenkt die, die nichts leisten. Sie beschwört den Mittelstand und erwürgt ihn mit Energiepreisen, Abgaben und Vorschriften.
Die SPD bringt Inhalte. Die CDU bringt Stimmen. Die SPD bringt Projekte. Die CDU bringt Mehrheiten. Die SPD bekommt Politik. Die CDU bekommt Ämter. Die CDU will nicht gestalten. Sie will einfach nur bleiben.
Das ist der Deal. Es ist ein Geschäft zu Lasten Dritter. Die Dritten – das sind wir.

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Ich gestehe. Ich habe mein Leben lang CDU gewählt. Und dann kam Merkel. Dann wars das mit der CDU. Heute ist die CDU keine Wirtschaftspartei mehr, sondern eine linksextremistische Partei. Leicht einzuordnen zwischen den Linksextremisten der SPD, den Linken und den Grünen. Es besteht kein Unterschied mehr.
Er kam spät, aber er kam: der Bruch auch der treusten Tichy-Redakteure mit der CDU! Willkommen in der Freiheit! 😉
Spät, aber doch, Herr Heiden findet bei Tichys Einblick glasklare Worte Richtung CDU. Bravo.
CDU braucht keiner, diese „Partei“ schadet unserem Vaterland. Gestalten wie Merkel, Merz, und wie die Politikdarsteller auch alle heißen, betreiben Zerstörung und Islamisierung.
Wer hat uns verraten?
Und verrät uns immer noch?