Die Spaßregierung: Gute Vorurteile, schlechte Vorurteile

Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft, EU-Nettozahler ... trotz mehr als 65 (meist) dilettantischer Regierungen. Welche Leistung des italienischen Gemeinwesens. Italien ist nicht stark wegen, sondern trotz seiner Regierungen.

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Es gibt kaum ein Länderverhältnis, um das sich beidseitig mehr Stereotype, Vorurteile und Klischeevorstellungen ranken als Deutschland und Italien. Auch die aktuelle politische Diskussion um die ethische Hegemonie in Europa ist geprägt von mehr oder weniger offenen Verallgemeinerungen und Allgemeinplätzen. So bezeichnete SPD-Vizepräsident Ralf Stegner die (muss man es betonen?) souverän gewählte Regierung Italiens unlängst als „Mischung aus Rechtspopulisten und Spaßpartei“ und bediente sich so gekonnt eingeführter Resonanzmuster des deutsch-italienischen Verhältnisses. Kapitäne, die ihre Schiffe treffsicher gegen Felsen navigieren, weil sie sich eher auf Blondinen, denn auf ihre nautischen Instrumente konzentrieren … und das Wrack nicht als Letzter, sondern als Erster verlassen, Brücken die zusammenfallen und Politiker, die durch ihre Haltungen „unzuverlässig“ handeln, entsprechen nur zu gut dem Bild, dass „typisch für Italien“ ist. Der Historiker Joachim Fest schieb seinerzeit die Italiener seien in der deutschen Wahrnehmung eine Verbindung aus Caprifischern, Mafia und Pavarotti. Pseudo-italienische Restaurantbesitzer pakistanischer oder afghanischer Herkunft bemühen sich auch heute noch mit aller Kraft in ihren Etablissements mit den phantasievollen Namen „Roma“ oder „Italia“ beim kredenzen der „Spaghetti Carbonara“ um Pflege dieser Attribute und dudeln „Nessun`dorma“ im Wechsel mit „Felicitá“ in Endlosschleife.

Macron schlägt Buffon

In Italien dagegen bleibt das ungute und dumpfe Gefühl vom nördlichen Nachbarn stets übergangen, entwertet und vergessen zu werden. Eines der sorgsam inszenierten Themen der neuen italienischen „Spaßregierung“ (O-Ton Stegner) bleibt die immer wieder vorgebrachte Agenda des „Nein“: Italien will in die politischen Diskussionen miteinbezogen werden. Auch gegenüber dem französischen Staatspräsidenten kochte vor gut zwei Monaten die öffentliche Meinung in Italien hoch, als Emmanuel Macron klar machen wollte, was für Italien und die Italiener richtig sei: Bestimmt nicht die jetzige Regierung. Der gute Ratschlag des smarten Weisen aus dem Elysée war so identitätsstiftend für Italien und die Italiener, wie es sonst nur eine Glanzparade von Luigi Buffon zu leisten vermochte. Keine Frage: Italien ist und bleibt ein tief gespaltenes Land – sozial, regional und politisch, dies bedeutet jedoch nicht, dass Italia sich seine ethische Legitimation extern einholen müsste. Es gilt der wunderbare Satz des Grandseigneurs des italienischen Journalismus Indro Montanelli: „Für Italien sehe ich schwarz, aber den Italienern prophezeie ich ein gute Zukunft.“ Man mache sich einmal die eigentliche Leistung deutlich: Italien ist die drittgrößte europäische Volkswirtschaft, EU-Nettozahler … trotz mehr als 65 (meist) dilettantischer Regierungen. Welche Leistung des italienischen Gemeinwesens. Italien ist nicht stark wegen, sondern trotz seiner Regierungen.

Auch wenn man die politische Willensbildung der Italiener nicht teilt und die (durchdacht-inszenierten) Auftritte des italienischen Innenministers für äußerst fragwürdig und angesichts grauenhafter menschlicher Schicksale auf dem Mittelmeer für inadäquat hält, so offenbart die politische Kategorisierung als „Hassfigur“ (Zeit), „Oberhaupt“ (Welt) oder „feiernder Strandurlauber“ (Bild) eine sorgsam kultivierte Überheblichkeit, die die politischen Verantwortungsträger und Kommentatoren in Deutschland kennzeichnet. Wie ähnlich sind doch solche Kategorisierungen mit einer „vor kurzem“ erschienen Kommentierung in der Allgemeinen Zeitung: „Kein Land in der Welt stellt gegenwärtig dem Auge des Beobachters ein so chaotisches Gewühl von Leidenschaften aller Art, so viel Keime naher großer Ereignisse, so schreiende Kontraste dar, wie Italien […].“ Haben Sie es gemerkt? Das Zitat ist schlappe 220 Jahre alt …

Vorurteile sind überlebenswichtig – gerade in Zeiten der Globalisierung

Völker sind „soziale Lebewesen“, deren Charakterisierungen auch und gerade in Zeiten der Globalisierung erstaunlich stabil sind. Gegen juristisch-politische Änderungen der Staatsform sind Nationen immun: Frankreich zählt die fünfte Republik, Deutschland hat im 20. Jahrhundert sechs Staatsformen erlebt … die Urteile, die sich Völker voneinander machen, haben sich aber in all dieser Zeit kaum verändert. Der italienische Historiker Gian Enrico Bolaffi schrieb in diesem Zusammenhang: „Die alten Stereotype nehmen unter den jeweils neuen Bedingungen andere Formen an, ändern sich jedoch nie grundsätzlich.“

Die Bilder von der chaotischen und unseriösen italienischen Regierung und die Entwertung der aktuellen italienischen Positionen verfängt, weil tief verwurzelte Vorurteilsbilder gerade jetzt von denen bedient und genutzt werden, die sich in anderen Bereichen vehement gegen Pauschalisierungen und Verallgemeinerungen wehren. Fakt ist, dass das normale Leben nur deshalb funktioniert, weil wir fast ausschließlich in Vorurteilen denken (müssen). Wissenschaftlich gewendet: Die Reduktion von Komplexität ist die Voraussetzung für den Bestand moderner Gesellschaften. Max Horkheimer, immerhin Impressario der Frankfurter Schule, verdeutlichte es plastisch: „Ohne die Maschinerie der Vorurteile könnte einer nicht über die Straße gehen, geschweige denn einen Kunden bedienen.“ Das hört man ungern, aber kein Vorurteil ist bedenklicher als das Vorurteil, keine Vorurteile zu haben.

Eine Auseinandersetzung wird verhindert

Die aktuelle politische Diskussion zwischen Deutschland und Italien kennzeichnet erneut den Einsatz altbekannter Bilder und Motive. Eine „unreife“ und „spaßige“ Politik ist eben genau das Bild, dass seit Jahrhunderten von Italien gezeichnet wird. Der italienische Philosoph und Germanist Angelo Bolaffi hat diesen Zusammenhang prägnant auf den Punkt gebracht, als er vor einigen Jahren ausführte, „Die Deutschen ihrerseits lieben Italien so sehr, dass sie das Land am liebsten von ihren Bewohnern `befreien´ möchten. Sie bewundern alles an diesem bel-paese, dem wunderschönen Land: die Küche, das Klima, die Kunst und die Gutherzigkeit. Die gebräuchlichsten italienischen Worte in Deutschland sind diejenigen, die auf die geschätzte Leichtigkeit des Seins anspielen: Pizza, dolce far niente, bel canto – aber sicher nicht seine Bewohner.“ Zwar hat Italien für Deutschland durchaus eine Leitfunktion, allerdings erstreckt sich diese meist auf die korrekte Zubereitung von Pizza und Pasta. Die durchaus wohlwollende Haltung gegenüber Italien und den Italienern erinnert bisweilen an den Habitus eines gütigen Großvaters, der seinen Enkeln beim Spielen zusieht, aber Wehe, die Kinder werden unwirsch … oder gar erwachsen.

Der Wettbewerb um politische Ideen ist hart, denn die Motive der Überzeugung greifen auf Elemente zurück, die sich einer rationalen Bewertung entziehen. Vorurteile sind massiv, fundamental und (fast) ewig. Und so wird deutlich, dass die Verwendung der negativen Stereotype gegen die italienische Regierung vor allem dem Ziel dient, den inhaltlichen Diskurs über Fragen eines „neuen Europas“ zu umgehen. Machen wir uns nichts vor: Gegen 500 Jahre alte Vorurteile hat kein Politiker und kein kluges Argument eine Chance …

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Kommentare ( 23 )

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Herr Errichiello. Die Vorurteile über Italien und die Italiener würde ich als liebenswerte Charakter bezeichnen. Wen Italien wählt sei ihnen überlassen. Was die Deutschen gewählt haben, nun ja, sie haben schon immer ein unglückliches Händchen gehabt. Es soll immer noch die Welt nach ihrem Wesen genesen. Ob die Deutschen Regierungsparteien Trump hassen oder Italien belächeln, die SPD war schon immer Partei des Neides und der Erfolglosen. Auch der Dummschwätzer. Grumpy ist so einer Auch die Medien sind hier wie Hündchen, die hinter den Ball der Ideologie hinterher rennen. Die Deutschen sind lieber Hessen, Berliner oder Hamburger oder lieber Europäer, aber… Mehr

Das Verlangen, nur ungern Deutscher zu sein, wird oftmals durch die Presse befeuert. Nicht durch Ablehnung von allem deutschen, sondern durch maßlose Übertreibung. So wurde zum Beispiel bis kurz vor dem WM in Russland jeder Brasilien-Reisende von der ARD und dem ZDF als Weltmeister gefeiert, obwohl er schon längst in der Versenkung verschwunden war. Das Ausscheiden von Dortmund gegen Salzburg ist ein anderes Beispiel. Da wurde flächendeckend von einer Blamage gefaselt, als ob man außerhalb von Deutschland zu blöd ist um Fußball zu spielen. Die Liste lässt sich nahezu beliebig erweitern.

Ich bin den Italienern sehr dankbar. Mit Lega und M5S kommt jetzt wenigstens mal Bewegung in die falsche europäische Politik. Die Deutschen würden Merkel auch noch nach ihrem 90. Geburtstag wählen…

Unsere beiden Völker setzen diametral andere Akzente – wir setzen auf Rationalität – die Italiener auf Emotionen. Beides sind Punkte die sich eigentlich sehr gut ergänzen – Italiener haben ihre Stärken im Design, verarbeiteten Lebensmitteln- wir bei der Technik. Allerdings wird das Verständnis dadurch erschwert, daß wir erst denken und dann reden und in den lateinischen Ländern das umgekehrt ist (die Aussage wird zur besseren Einschätzung des Gegenüber gemacht – wie er darauf reagiert). Für beides gibt es Argumente dafür und dagegen – man muß es bloß wissen, daß das so ist. Keine Vorurteile: – Italien hat 30% Selbstständige –… Mehr
Als Zusatz: Natürlich glaube ich, dass es in Italien (oder den südlichen Ländern) mehr Korruption und Vetternwirtschaft als in nordischen Ländern gibt. Wobei die dank EU langsam aufholen. Andererseits ist in Deutschland dieses oberstreberhafte nach Oben buckeln sehr weit verbreitet. In Italien haben sich z.B. einige „populistische Bürgermeister“ geweigert bei sich „Flüchtlinge“ aufzunehmen. In Deutschland haben sich die Bürgermeister in „Planübererfüllung“ überboten. Auch dieses „Weltverbesserertum“, „Weltrettungstum“, und sonstiges streberhaftes Zeigen der Obrigkeit „wie gut man ist“, ist hier leider sehr verbreitet und sooo peinlich. Kurz gesagt, man kann entscheiden, was man lieber mag. Besserwisserische Oberlehrer, die im Grunde total dumm… Mehr
Nichts für ungut, aber Italien kommt doch in den Gazetten des Hochmoral-Landes relativ gut weg. Vergleichen sie das mal mit dem Polen- Ungarn-, Osteuropäer-, Sachsen-, Österreicher-, Ostdeutschen-, …-Bashing. Das liegt sicherlich an der Toskana-Fraktion in der politisch-medialen Kaste, die sich ihr Traumland nicht kaputt reden lassen, denn sonst würden sie ja Urlaub in einem „Naziland“ machen und das können sie vor ihrer eigenen „Hochmoral“ nicht verantworten. Wenn ich Chemnitzer oder Sache wäre, würde ich sagen: „Ich sch… auf die mediale Berichterstattung über uns.“ Als Polen, Ungar, Österreicher, Italiener, … würde ich das gleiche denken. Das Grundproblem ist die Gefallsucht der… Mehr

“ Kapitäne, die ihre Schiffe treffsicher gegen Felsen navigieren, weil sie sich eher auf Blondinen, denn auf ihre nautischen Instrumente konzentrieren“ – Der Copilot von Germanwings-Flug 9525 hat dagegen in einer tiefen Depression 150 Passagiere mit in den Tod genommen. Der Kapitän der Costa Concordia war für 32 Tote verantwortlich und litt sicherlich nicht an einer Depression, sondern war zu lebensfroh.

In der Tat würde gerade dem modernen Deutschland etwas Bescheidenheit und Selbstreflexion gut stehen: Sie erwähnten Flug GW 9525. Wir hatten auch ein paar Einstürze bei uns – wo zum Glück nicht so viele Opfer wie in Genua zu beklagen waren – die aber trotzdem Chaos hinterließen: – Einsturz einer im Bau befindlichen Brücke an der A7 bei Schweinfurt – Tunneleinsturz bei Rastatt unterbrach den Nord-Süd- Eisenbahnverkehr in Europa für mehrere Monate – Einsturz U-Bahn Köln mitsamt Stadtarchiv – noch nicht eingestürzt aber trotzdem schon eine Ruine: BER Auch eine Mafia haben wir mittlerweile bei uns – sie kommt zwar… Mehr
Ein Vorteil, sagt man, wäre ein Urteil, dass sich jemand bildet, ohne die Tatsachen geprüft zu haben. Vorurteile beruhen meistens auf Lebenserfahrung. Vorurteile schützen. Als junger Bub wurde ich von einem Hund gebissen. Kommt mir heute ein Hund entgegen, wird sofort mein Vorteil „wach“: Vorsicht, Hunde beißen! Ich mache dann einen großen Bogen um den Hund, ohne vorher mein Vorurteil zu prüfen (also ohne festzustellen, ob der Hund mich beißt). Es gibt aber nicht nur Vorurteile, die schützen, sondern auch Vorurteile, die dumm machen: Vorteile, die sich in den Köpfen der Menschen bilden durch die Meinungsmache der Journalisten von den… Mehr

„Ein Vorteil“ …. soll natürlich „Ein Vorurteil“ heißen.

Ich habe 5 Jahre aus beruflichen Gründen in Italien verbracht. Wenn ich heute daran denke, war mein größter Fehler die Rückkehr nach Deutschland. Ein weiteres Vorurteil ist übrigens, das die Italiener alle Faulenzer sind, bei denen sich alles ums Essen und „La dolce Vita“ dreht. Man vergleiche dieses Klischee nur mit den „eifrigen Aktivitäten“ von Touristen aus Deutschland bei 45 Grad im Schatten am Strand von Amalfi und sonst wo in Italien. Bevor die morgens ihren Allerwertesten aus der Kiste gehoben haben, haben die Italiener schon das erste Hemd durch geschwitzt. Oder kurz gesagt sind der Herr Stegner und Co.… Mehr

Ich war kürzlich in Italien und ich bewundere den Gleichmut und die Freundlchkeit der Menschen die sie uns trotz allem entgegenbringen.

Sehr gut geschrieben. Wir sind alle Italiener. Uns Deutschen gegenüber ist der besserwisserische Duktus der Politik ja auch Alltag. Natürlich ohne zu pauschalisieren oder eben Vorurteile. Die haben immer nur die Anderen.