Liberalismus und Linksliberalismus – eine kleine Freiheitslehre

Jede politische Richtung bezeichnet sich selber als „freiheitlich“. Selbst die Nationalsozialisten haben 1935 ihren Reichsparteitag unter dem Slogan „Freiheit“ durchgeführt. Daraus ergibt sich die Frage: Welche Definition von Freiheit liegt dem jeweils zugrunde und welche Freiheitsdefinitionen sind wirklich freiheitsförderlich?

Liberalismus ist eine offene Lebenseinstellung, die in Anerkenntnis augenblicklich nicht veränderbarer Unfreiheiten die individuellen Denk-, Sprach- und Handlungs-Spielräume erweitern möchte.

Damit sind Pflöcke eingeschlagen, die für den Liberalismus zentral sind:

  • Der einzelne Mensch ist im Liberalismus wesentlich. Freiheit muss dem Spielraum möglichst aller Individuen zugute kommen.
  • In alle freiheitlichen Bestrebungen sind unfreiheitliche Elemente eingewoben. Wenn ich im Supermarkt einen Joghurt einkaufe, dann kann ich lediglich frei aus den Produkten wählen, die der Supermarkt in seinem Sortiment hat. Meine Vorwörter zum Sonntag sind frei und gleichzeitig durch die unfreiheitlichen Elemente meiner augenblicklichen geistigen, zeitlichen, kreativen und sprachlichen Kapazität eingeschränkt. Und wenn jemand in einem Mehrfamilienhaus Saxophon üben will, ist seine Freiheit durch die zumutbare Lärmbelästigung der Mitbewohner begrenzt.
  • Das Gegenteil von Freiheit ist also nicht Unfreiheit, da jede Freiheit immer auch unfreie Elemente enthält. Das Gegenteil von Freiheit ist Konformismus, der gar nicht mehr auf die Idee kommt, die möglichen Freiheits-Spielräume zu sichten und zu erweitern.

Menschen mögen in sich einen Drang zur Freiheit haben. Doch ebenso haben Menschen den Drang in sich, dazuzugehören und Teil einer Gemeinschaft zu sein; in diesem Drang wurzelt der Konformismus. Liberalismus und Konformismus liegen damit anthropologisch bedingt in einem ständigen Kampf miteinander.

Ein religiöser Glaube mit rigiden und starren Moralvorstellungen ist dem Liberalismus hinderlich. Liberalismus muss darum eine religionskritische Seite haben. Aber der christliche Glaube kann eine Ressource zum Liberalismus sein, sofern er zentral als Geborgenheitsglaube entfaltet wird, wodurch der Gläubige in Gott eine Zugehörigkeit und sichere Bindung hat, die ihn von der konformistischen Anpassung an Menschen und den Zeitgeist befreit.

Auch Linke nehmen für sich den Liberalismusbegriff in Anspruch, wenn sie sich selber gerne als „linksliberal“ bezeichnen. „Freiheit“ ist ein zu angesehener Begriff, sodass Linke diesen Begriff natürlich auch für sich reklamieren wollen. Es ist allerdings die Frage, ob der Freiheitsbegriff überhaupt zu „links“ passt. Bei den Linken steht nicht das Individuum und seine Freiheit im Mittelpunkt, sondern etwa der zwangsnotwendige dialektische Verlauf der Geschichte hin zur kommunistischen Gesellschaft (Karl Marx) oder die sozial gerechte und solidarische Gesellschaft (SPD). Frei ist hier also nur der, der sich der zwangsläufigen geschichtlichen Entwicklung hin zum Sozialismus anpasst oder dem soziale Gerechtigkeit und Solidarität weit wichtiger sind als individuelle Freiheiten.

In diesem linksliberalen Sinne konnte der FDP-Politiker Christian Lindner bei der Windkraft von „Freiheitsenergien“ sprechen. „Frei“ meint dann nicht mehr eine Erweiterung des individuellen Handlungsspielraums, sondern im Gegenteil die Verengung auf eine bestimmte Art der Stromerzeugung. Diese Verengung des Freiheitsraumes kann nur dann als „Freiheit“ interpretiert werden, wenn man eine bestimmte Klimaideologie für absolut wahr und alternativlos hält. Während die Freiheit des Liberalismus jedem Menschen einleuchtet, weil sie unmittelbar als Freiheit erlebt wird, ist die Freiheit des Linksliberalismus an die Anerkennung einer Ideologie gebunden.

So konnte der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach im Bundestag in seinem Plädoyer für die allgemeine Impfpflicht sagen: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit (…) Die dreifache Impfung ist der sichere Weg, diese Freiheit zurückzuerlangen.“ Die Impfpflicht als Aussetzung der individuellen Freiheit auf körperliche Unversehrtheit wurde von Lauterbach als Freiheit uminterpretiert. Linksliberale wollten im Namen der Freiheit individuelle Handlungsspielräume beenden zugunsten einer Notwendigkeit, die auf bestimmten Vorurteilen zur Gefährlichkeit von Covid und zur nebenwirkungsfreien Wirksamkeit der Gen-Impfung beruhte.

Und wenn der linksliberale CDU-Ministerpräsident Daniel Günther Parteienverbot und Zensur von liberal-konservativen Portalen als wichtig für „unsere freiheitliche Demokratie“ kennzeichnet, dann widerspricht das sämtlichen individuellen Erfahrungswerten von Freiheit, in denen eine Vielfalt der Presse positiv geschätzt wird. Günthers Äußerungen sind nur verständlich auf dem Hintergrund einer Weltsicht, in der die Staatsbürger als eine verführbare und dumme Masse angesehen werden, die von Aufwieglern gelenkt wird. Darum müsse man das Volk vor falschen Ansichten schützen, um seine Freiheit zu erhalten. Günther fällt dabei nicht auf, dass man mit seiner menschenverachtenden Ideologie keine echte Demokratie verwirklichen kann, sondern höchstens „UnsereDemokratie“.

Wenn Zensur, Parteienverbote, Zwangsimpfung, Windräder und Steuererhöhungen zur großen Freiheit hochstilisiert werden, dann ist das eine „Sprache mit orwellschem Beigeschmack“, „die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist“ (Papst Leo XIV).

Angesichts dieser Verdrehungen plädiere ich dafür, allen Linksilliberalen den Adelsbegriff des „Linksliberalismus“ zu verweigern. „Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei vier ist. Wenn das gewährt ist, folgt alles weitere“ (George Orwell). In diesem Sinn bedeutet Freiheit zu sagen, dass Unfreiheit Unfreiheit ist, selbst wenn sie unter dem Etikett „progressiver Linksliberalismus“ daherkommt.


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Kommentare ( 4 )

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4 Comments
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Werner Meier
1 Stunde her

Die Person, die den Begriff »Freiheit« am nachhaltigsten missbraucht hat, ist Merkel. Während Merkel autoritär bis alternativlos durchregiert und sich selbst alle Freiheiten und Frechheiten genommen hat, wurden den Bürgern wesentlich Freiheiten genommen, zuerst die Meinungsfreiheit, die es plötzlich nicht mehr zum Nulltarif gab. Personen mussten sich plötzlich gut überlegen, ob sie sich die Freiheit nehmen sollten, sich mit der falschen Person zum Mittagessen zu treffen. Der Tarif konnte der Verlust der Arbeitsstelle sein. Die Freiheiten der Kinder an islamisch geprägten Schulen werden eingeschränkt und Frauen sollten sich zweimal überlegen, welchen Tarif sie für die Freiheit eines abendlichen Spaziergangs im… Mehr

Andres
1 Stunde her

„Linksliberal“ ist ein klassisches Oxymoron.

Last edited 1 Stunde her by Andres
Jatoh
1 Stunde her

Freiheit besteht in der bewussten Ausnutzung der bestehenden Gesetze.
Außerhalb der Gesetze besteht keine Freiheit.
Da sich Gesetze ändern können, ändert sich auch dass, was Freiheit ist.

Deutscher
1 Stunde her

Selten solchen Quark gelesen, sorry!

Der Mensch ist soweit frei, wie er für das, was er tut, die Verantwortung übernimmt, nicht mehr und nicht weniger. Weder Jesus noch Gott noch Luther noch Marx noch Orwell nimmt ihm diese Verantwortung ab – auch nicht der sog. „Erlöser“.

Last edited 1 Stunde her by Deutscher