Angela Merkels Erbe: Der Absturz einer Volkspartei

Wenn sich die Union nach der Bundestagswahl in der Opposition wiederfindet, kann sie sich bei ihrer langjährigen Vorsitzenden und Langzeitkanzlerin bedanken.

IMAGO / photothek
Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, bei einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt in Berlin, 31.08.2021

Die einen reagieren panisch, die anderen mit Galgenhumor. Egal, in welchen Regionen der Republik man mit CDU- oder CSU-Mitgliedern spricht: Immer mehr rechnen inzwischen mit einer nicht mehr abwendbaren Niederlage bei der Bundestagswahl. Man macht sich zwar offiziell Mut für den Endspurt, aber die Motivation an der Parteibasis tendiert gegen Null. Denn was der demoskopische Absturz von rund 10 Prozent binnen der letzten Monate zeigt, deckt sich auch mit den Erfahrungen, die viele Unionswahlkämpfer tagtäglich machen. Nicht nur die vielen „links- oder grüngestrickten Journalisten“ in den Leitmedien, so klagen sie, schreiben und senden die Union und ihren Kanzlerkandidaten in den Keller, sondern auch viele Wähler schreckt die Aussicht keineswegs, die Union nach 16 ewigen Regierungsjahren mal wieder in die Opposition zu schicken. Je nach künftiger Gesamtstärke des Bundestags könnte die bisher 245 Abgeordnete starke Unionsfraktion um bis zu 100 Mitglieder schrumpfen, während sich die Grünen mit bisher 67 Mandaten mehr als verdoppeln und die SPD, die bisher über 152 Mandate verfügt, mit bescheidenem Zugewinn die CDU/CSU voraussichtlich als stärkste Fraktion ablöst.

Panisch reagieren im vertraulichen Gespräch vor allem die Unions-Abgeordneten, die ihr noch vor Monaten sicher geglaubtes Mandat zu verlieren drohen. Weil nicht einmal bisher sicher gewonnene Direktwahlkreise den Einzug ins Parlament garantieren, werden manche ihre zusätzliche Listenplatz-Absicherung in Anspruch nehmen müssen und dafür andere Kollegen aus dem Mandat drängen. In diesen Kreisen wird nicht mit Kritik an einer Kanzlerin gespart, deren betonte Distanz zur eigenen Partei immer mehr harsche Reaktionen provoziert. Namentlich will sich in der heißen Wahlkampfphase immer noch niemand zitieren lassen, vielleicht auch, weil nicht wenige von den heutigen Kritikern über Jahre klaglos abgenickt haben, was unter Angela Merkel in der Euro-Krise, der Massenmigration oder der EU-Schuldenvergemeinschaftung als „alternativlos“ durchgesetzt wurde. Peinlich wird dort nicht nur ihre Lobhudelei für Greenpeace empfunden, wo sie persönlich mitten in der heißen Wahlkampfphase zum Fünfzigsten gratulierte, während sie sich bei Parteiveranstaltungen äußerst rar macht. Wohl noch nie hat eine langjährige Parteivorsitzende und Kanzlerin so wenig Herzblut und Leidenschaft für ihre eigene Partei ausgestrahlt wie Angela Merkel. Selbst ihre jüngste kleine Attacke in Richtung Olaf Scholz, mit der sie – allerdings erst auf Nachfrage eines Journalisten bei einem Pressetermin und nicht aus eigenem Antrieb – einer Koalition mit der Linken eine Absage erteilte, im Gegensatz zu ihrem Vizekanzler, ändert an dieser Einschätzung nichts mehr.

Aussichten zur Bundestagswahl
Die Union wird Opfer ihrer Unterschiedslosigkeit zu SPD und Grünen
Bei nicht wenigen regiert der Galgenhumor. Sie erinnern an die Sonthofen-Strategie, die einst in den Siebziger Jahren Franz Josef Strauß gepredigt hatte, um die damalige rot-gelbe Regierung Helmut Schmidt in ihrem Problemsumpf ersticken zu lassen. Die Union, damals in der Opposition, sollte keine eigenen Rettungsvorschläge mehr unterbreiten, sondern die Sozialdemokraten und Liberalen ihren Augiasstall selbst ausmisten lassen. Wenn jetzt die Linken und Grünen an die Regierung kommen, sollen die doch die Suppe auslöffeln, die zwei Große Koalitionen angerichtet haben. Sie werden daran scheitern, weil Linke und Grüne noch nie mit Geld umgehen konnten. Je länger Olaf Scholz dann im Kanzleramt sitzt, umso mehr wird die Mitverantwortung der Union für die ökonomische Malaise in Vergessenheit geraten. Dann können sich CDU und CSU in der Opposition wieder regenerieren und das Ruder wieder übernehmen, weil Linke und Grüne das Staatsschiff doch nicht besser durch die Klippen schiffen können.

Wenn sie sich nur da nicht täuschen. Die Siebziger Jahre der alten Bonner Republik, in der sich die Union in der Opposition tatsächlich regenerierte, sind vorüber. Die konservativen Volksparteien CDU und CSU sind ausgeblutet, haben ihre Markenkerne längst verloren. Die Sklerose der Union ist in den vergangen eineinhalb Jahrzehnten in atemberaubenden Tempo vorangeschritten, weil sie fast ausschließlich Themen der politischen Konkurrenz übernommen und keine eigenen Visionen formuliert hat. Dass die Unionsparteien vor allem Regierungsparteien sind, die ohne Regierungsmacht buchstäblich implodieren, belegen die Länder, in denen die Union einst der Platzhirsch war. In Baden-Württemberg ist die CDU nur noch ein Schatten ihrer alten Herrlichkeit, obwohl sie sich – nach einer fünfjährigen Auszeit in der Opposition – zum zweiten Mal als Juniorpartner der Grünen wenigstens noch Ministerposten gesichert hat. Berlin, Hamburg, Rheinland-Pfalz oder die ostdeutschen Länder: die CDU ist meilenweit von der Regierungsfähigkeit entfernt. Über Jahre sonnte sie sich im Glanz der letztverbliebenen Volkspartei Deutschlands und merkte nicht, wie sie personell und programmatisch immer mehr ausblutete. Plötzlich wird sie selbst von den totgesagten Sozialdemokraten überholt, auch wenn die SPD deshalb lange nicht zur Volkspartei aufsteigt. Wie überhaupt die Bonner Republik mit ihrer alten Volksparteienherrlichkeit, wo sich Union und SPD um die Herrschaft stritten und meist die kleine FDP als Steigbügelhalter brauchten, endgültig vorüber ist. Denn auch die Grünen werden diese Rolle nicht ausfüllen. Die Berliner Republik wird sich an ein sehr heterogenes Mittelparteien-Spektrum gewöhnen müssen, in dem Dreier-Koalitionen zur Normalität werden.

Anzeige
Unterstützung
oder

Kommentare ( 106 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

106 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Klarofix
13 Tage her

Wieviele Gelegenheiten in 16 Jahren Kanzlerschaft gab es, um sie davonzujagen?
Merkel hätte ohne ihre treuen Mitglieder und Wähler gar nichts machen können.
Im Prnzip das gleiche wie vor 88 Jahren, nur mit dem Unterschied, das da bis zum Kriegsausbruch was gewaltig voranging.

November Man
17 Tage her

Merkel hat nicht nur Deutschland und Europa in ein Chaos gestürzt, sie hat die letzte, neben der AfD, frühere konservative Partei die CDU zerstört.
Merkel ist eine Linke.

Schraubenberny
17 Tage her

Selber schuld,es konnte den CDU/CSU Politchargen gar nicht mehr ökosozialistisch genug sein.Gewählt werden jetzt die Orginale. Die Werteunion steht ja auch in der Ecke. Wissen sie übrigens,warum der Beton in diesem Land so knapp und teuer ist??? Die rechte Ecke wird ständig erweitert

Riffelblech
18 Tage her

Die CDU hat sich selbst zugrunde gerichtet ! Jeder der Parteigranden der CDU der ein wenig christliches Parteigefühl sein Eigen nennen wollte hätte sofort nach den ersten 4 Jahren dieser Kanzlerschaft die Notbremse ziehen müssen . Zu faul ,zu plump,zu feige die Herrschaften dort oben in der Parteiführung . Merkel hätte ob ihrer Fehlleistungen ( zT. aufgezählt) achtkantig rausfliegen müssen . Statt dessen hat sie sich einen Seehofer ,einen Söder einen Laschet geknetet ,weich wie Lehm zur Chefin; brutal zu den Wählern ( siehe Coronapolitik ) . Auf diese Weise wurden die Werte der CDU geschreddert und das Tafelsilber Richtung… Mehr

Thomas Jacobs
18 Tage her

Die CDU war seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Partei meines Vertrauens und meiner Wahl. Rund zehn Jahre lang war ich zudem vor Ort in der CDU aktiv, bis ich dann nach einer weiteren Wahl Angela Merkels zur Bundeskanzlerin nach langem Zögern aus der CDU und einer ihrer Unterorganisationen ausgetreten bin, da ich das Desaster, das Herr Metzger beschreibt, kommen sah. Was mich zudem bis heute beunruhigt, ist die vermeintlich stoische Gelassenheit vieler CDU-Mitglieder und auch Wähler, mit der sie die Entkernung der „erfolgreichsten und wichtigsten Partei Europas“ (sinngemäßes Zitat aus der NZZ) nicht nur hinnahmen, sondern um… Mehr

Deucide
18 Tage her

An einen Absturz glaube ich nicht… das hätte sich längst gezeigt zuletzt in S-A, R-P. Also kein Wechsel, weiter so und nicht anders ! Ob die oder eine andere, völlig egal, alle Parteien außer einer die marginalisiert, mit allen Mitteln bekämpft mit 10, 12% aussichtslos zuschauen darf, glauben alle dasselbe, wollen dasselbe: Null-CO2-„Industrie“, Migrationspakt, Massenmigration, EU-Einheitsstaat, außer DE: Welt-und Menschheitsrettungen aller Art… In welcher Farbenkombination auch immer, parallel zur Islamo-Migranisierung werden sie nach der Wahl das Transformationsobjekt Deutschland entindustralisieren; aus echter Energie, aus echter Industrie heraus und hinein 100& in das grüne Sonne&Windparkparadies was auch immer die Kosten, Schäden, Zerstörungen,… Mehr

Last edited 18 Tage her by Deucide
Klarofix
13 Tage her
Antworten an  Deucide

Das Problem sind leider die vielen „Alten“, die gemäß Tagesschau treu der Union hinterherlaufen und die Zukunft eines ganzen Landes mit aufs Spiel setzen.
Wenn man schon eine über neunzig Jährige wegen ihrer Bürotätigkeit als Achtzehnjährige über 75 Jahre später anklagt, sollte es doch möglich sein, selbiges den „Alten“ in Aussicht zu stellen. Vielleicht werden sie dann mal wach.

Last edited 13 Tage her by Klarofix
andreas donath
18 Tage her

Natürlich wäre Laschet eine Art kleineres Übel für unser Land, doch von sogenannten kleineren Übeln habe ich nach 16 Jahren Merkel-Regiment die Nase gestrichen voll und will nur noch, dass die Unionsparteien die verdiente Quittung für ihren Verrat am Bürgertum und an den bürgerlichen Werten erhalten.

Scotty60
18 Tage her

Quasi alles richtig kommentiert! Nur eine Sache wurde zu kurz bedacht: Deutschland ist dank 16 Jahre Merkel ein Komplettsanierungsfall, da kann es sich unser Land nicht leisten, 4 Jahre von rot-blutrot-grün regiert zu werden, das würde man dann Euthanasieprogramm für Deutschland nennen! Die Industrie würde verstärkt ins Ausland abwandern, Multikulti ginge dann erst so richtig los, die Energieversorgung wäre ein Abenteuer. Ach ja, die fehlende Affinität Merkels zu ihrer Partei und zu Deutschland wird zurecht bemängelt. Aber was erwartet man von einer extrem linientreuen ehemaligen FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda, die totalitäre Systeme propagiert(e) und somit bestens hier einführen konnte?… Mehr

Last edited 18 Tage her by Scotty60
privilegierter Erpel
18 Tage her
Antworten an  Scotty60

Die CDU hat das Land in diese Lage geführt. Die CDU hat dieses Land zu einem Sanierungsfall gemacht. Und die gleiche CDU soll uns da wieder herauslotsen?

Ralph Sauer
18 Tage her

Die CDU ist doch schon seit Jahren keine „Volkspartei“ mehr. Die BK ist der damaligen SPD, unter Sigmar Gabriel mit großen Schritten hinterhergeeilt und hat sie am Ende sogar in den Zustimmungswerten überholt. Das Ergebnis ist ein %-Plus für das rote Pack, weil … tja … keine Ahnung … Vorschläge? Also ich kann das nicht nachvollziehen. Fazit: Die heute „normal“ gewordene Dystopie, mit verborgenen Gesichtern, Spaltung von Familien, Gesellschaft und Werteverlusten auf allen nur erdenklichen Ebenen, haben sich alle Parteien meine Stimme auf Jahrzehnte verbaut. Die neue normal gewordene Begrifflichkeit „Sozialschädlinge“ oder „Covidioten“, ist in meinen Augen die Sprache Goebbels.… Mehr

Hesta
18 Tage her

Ihre kopf- und hirnlosen Entscheidungen hat die gesamte Union mitgetragen, auch Herr Laschet. Nun mit einem Kompetenzteam anzutreten, nach dem die Umfragewerte im Keller sind, duerfte auch nichts mehr bewirken. Dass die SPD bessere Umfragewerte hat, ist völlig unverständlich. Bis auf die AFD sollten alle Parteien in der Versenkung verschwinden, jede von ihnen schadet dem Bürger.

Thomas Jacobs
18 Tage her
Antworten an  Hesta

Eine in zu weiten Teilen völkisch-nationalistische Partei führt nur zu weiteren, zu anderen Krisen! Nationalismus und Internationalismus sind nur zwei Seiten einer Medaille: Mangelnder Patriotismus!

Hesta
17 Tage her
Antworten an  Thomas Jacobs

Sie haben schon Recht. Zum Abschrecken bräuchte eine bestimmte Partei mal ordentlich Zustimmung. Vielleicht fällt ja dann bei den Etablierten der Groschen und sie kümmern sich mehr ums eigene Volk.

egal1966
16 Tage her
Antworten an  Thomas Jacobs

Nun, mir ist eine völkisch-nationalistische Partei hundertmal lieber, als Parteien, die Deutschland quasi nur noch als ein „Stück Scheiße“ sehen und es abschaffen wollen.

Sie müssen sich nun endlich mal entscheiden, was sie wirklich wollen, denn ein „weiter so“ wird das Ende Deutschlands sein.

Entschuldigung, aber ihr Kommentar ist eine typische “ wasch mich, aber mach mich nicht nass“ Aussage, wo kräftig mit Wörtern hantiert wird, die durch den sogenannten Mainstream verbrannt wurden.

So wird das nichts…

Hesta
18 Tage her
Antworten an  Hesta

Ich fasse es nicht. Soeben lese ich im Münchner Merkur, dass laut ARD Deutschland-Trend 64% mit Merkel und ihrer Regierungsarbeit sehr zufrieden sind. Demnach können wir TE-Leser all unsere Hoffnung auf einen Regierungswechsel begraben. Deutschland ist anscheinend unrettbar verblödet.

Scotty60
17 Tage her
Antworten an  Hesta

Glauben Sie an solche Zahlen? Siehe Wahlerfolge der SED, die bei ca. 98 % lagen, oder 100 % in Nordkorea für Kim Jong-un. 2014 entlarvte das „Handelsblatt“ das ZDF, indem ersteres die riesige Manipulation bei der Beliebtheitsskala von Deutschen aufdeckte. Es ging um die Sendung „Deutschlands Beste“, bei der angeblich Angela Merkel die beliebteste Frau war. Hierzu interviewte das Meinungsforschungsinstitut Forsa viele Deutsche, aber auch die Leser der „Hör zu“ waren aufgerufen. Letzteres Medium wurde völlig vom ZDF ignoriert, und auch die Forsa-Ergebnisse wurden heftig manipuliert. Der Sender bestreitet nicht diesen „Irrtum“! Hier ging es nicht um marginale Änderungen in… Mehr