Erdgasspeicher: Halbvoll oder halbleer?

Die Ablehnung deutscher Energierohstoffe wie Braunkohle und heimisches Erdgas führt zu massiver Abhängigkeit vom Ausland. Ein kalter Winter lässt die Füllstände der Erdgasspeicher sinken. Regierung und Behörden zeigen Gelassenheit. Ist sie berechtigt?

picture-alliance/ dpa | Uwe Zucchi

In diesen Tagen haben die Füllstände der deutschen Gasspeicher die 50-Prozent-Marke unterschritten. Das macht nachdenklich, aber der grüne Chef der Bundesnetzagentur (BNA), Klaus Müller, beruhigt: „Die winterlichen Witterungsverhältnisse bereiten uns bei der Gasversorgung keine Sorgen“, so führte er aus. „Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil und die Versorgungssicherheit ist aktuell gewährleistet.“

Das lässt kurz innehalten, denn was heißt aktuell? Bis übermorgen, nächste Woche oder bis zum Ende des Winters? Die Zielmarke zum 1. Februar heißt 30 Prozent. Dann kommen noch vier Wochen Februar und ein eventuell kalter März. Meteorologen rechnen nach der jetzigen kleinen Erwärmung mit einer Rückkehr der kalten oder einer noch kälteren Wetterlage.

Wird das Gas reichen?
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Aus Sicht der BNA und der Gaswirtschaft hat die Bedeutung der Speicher abgenommen, da nicht mehr so viel Röhrengas wie früher konstant fließt, dafür tiefgekühltes Erdgas (LNG), das schon mit einem hohen CO2-Fußabdruck angelandet wird, flexibel geliefert werden könne. Auch hier setzen Zweifel ein. Sollte es tatsächlich jetzt im Winter an den LNG-Lieferterminals und den Tankern freie Kapazitäten für zusätzliche Lieferungen geben? Liegen leere LNG-Tanker irgendwo auf Reede und warten auf Aufträge oder sind sie für die nächsten Wochen und Monate nicht vielleicht ausgebucht?

Die Gasspeicherwirtschaft ist in Deutschland immer noch privatwirtschaftlich organisiert. Der vergleichsweise niedrige Speicherstand zu Beginn des Winters (1. November, 75 Prozent) ist Folge relativ hoher Gaspreise im Sommer, die zu Zurückhaltung beim Einspeichern führten. Für 2027 ist sogar die Stilllegung zwei weiterer Speicher in Bayern aus Gründen fehlender Wirtschaftlichkeit geplant. Obwohl sich der Staat gefühlt in jedes Detailproblem des täglichen Lebens einmischt, ist eine strategische Sicht beim Erdgas nicht erkennbar. Dabei wäre gerade hier eine nationale Gasspeicherreserve analog zum Erdöl sinnvoll, zumal ebenfalls Ende 2027 EU-weit alle Importe von russischem LNG entfallen sollen.

Neue Sorgen deuten sich an. Nach den russischen Angriffen mit Hyperschallraketen auf die Erdgas-Infrastruktur in der Westukraine wird es Einschränkungen der dortigen Speicher-Verfügbarkeit geben. Da die Ukraine vom mitteleuropäischen Netz aus, in dem Deutschland die Drehscheibe ist, versorgt wird, wird es hier einen stärkeren Abfluss in Richtung Ukraine geben.

Geben und Nehmen

Auf der Verbraucherseite gibt es Bewegung. Einerseits wirken Stilllegungen in der Glasindustrie als eine Branche von Großverbrauchern „entlastend“. 2025 schlossen ersatzlos das Behälterglaswerk in Drebkau bei Cottbus (in die Gläser kamen auch Spreewaldgurken), das Behälterglaswerk Bernsdorf bei Kamenz (hier kamen die „Jägermeister“-Flaschen her) und das Solarglaswerk in Tschernitz bei Spremberg, der letzte Solarglashersteller in Europa. Ebenfalls stellte Produzent Saint-Gobain in Herzogenrath den Betrieb ein. Damit entfällt Bedarf an Gas – es entfallen auch Wertschöpfung, Steueraufkommen und Arbeitsplätze, geopfert dem Oberziel CO2.

Andererseits wird mehr Gas für Heizung und Verstromung gebraucht. Die meisten kraft-wärme-gekoppelten Anlagen im Land laufen auf Basis von Erdgas. In der ersten Kalenderwoche des neuen Jahres erzeugten Gas- und Gasheizkraftwerke zwischen 4 und 10 Gigawatt (GW) Strom. Stein- und Braunkohlekraftwerke lieferten zwischen 6 und 16 GW. Aber da wollen wir raus und als Ersatz Gaskraftwerke bauen.

Damals und heute

Dieser Winter wird der deutschnationalen Energiewende Grenzen aufzeigen. Wie lief es in früheren, noch härteren Wintern? Der Winter 1962/63 war einer der kältesten des Jahrhunderts. Ich erinnere mich an den glücklicherweise nicht weiten Weg zur Schule, von der Mutter maximal verpackt, durch den Schnee stapfend. An einer Apotheke gab es ein großes Außenthermometer, dessen Quecksilbersäule deutlich unter -20 Grad anzeigte. Unterrichtsausfall gab es nicht. Wohnungen und Industrie nutzten überwiegend Kohle als Energiequelle, im Westen die Steinkohle, im Osten Braunkohle und -briketts, dann sogar sogenanntes Stadtgas aus der Braunkohlevergasung. Die Kohle kam aus heimischen Gruben und Tagebauen, Sanktionen von außen waren nicht möglich.

Erdgas als Kriegsziel
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Es war für die Menschen eine schwere Zeit, ihnen wurde aber keine CO2-Schuld zugesprochen. Kohle wurde aus eingefrorenen Waggons gestochert und gemeißelt, die Kraftwerke liefen meist sicher und die Kachelöfen heizten. Es war eine Zeit, in der es mehr (West) oder weniger (Ost) bergauf ging. Heute geht es in West und Ost bergab. Es soll künftig nur nach Angebot verbraucht werden. Wie wird morgen das Wetter? Die Gasimporte sind politisch riskant. Äußerungen unserer durch den globalen Porzellanladen trampelnden Außenminister können diesbezüglich Folgen haben. Ein Konflikt um Grönland, Taiwan oder im arabischen Raum kann bei uns die Lichter ausgehen lassen.

Ungeachtet dieser Lage geht der Kohleausstieg weiter. Das Kohleverstromungsbeendigungsgesetz (KVBG) ist inzwischen fast sechs Jahre alt. Als es beschlossen wurde, gab es noch keinen Krieg in der Ukraine, einige Kernkraftwerke liefen noch und die Winter waren mild. Die Hoffnung auf die „Erneuerbaren“, sie könnten so etwas wie Versorgungssicherheit herstellen, hat sich seitdem nicht erfüllt. Deren Lieferungen sind zum Teil erbärmlich niedrig. Nach 2025, dem windschwächsten Jahr seit 80 Jahren, wird deutlich, dass weiterer Zubau solcher Anlagen nicht mehr Ertrag erbringt, sondern im Gegenteil das System zunehmend unbezahlbar macht.

Die Verhältnisse haben sich geändert, die Regierung nicht. Starrsinn und die Weigerung, Fehler auch zuzugeben, verhindern eine Kurskorrektur. Der Kohleausstieg geht weiter. Zum 31. Dezember letzten Jahres gingen mit dem Block A im Kraftwerk Jänschwalde weitere 500 Megawatt (MW) vom Netz. Die entfallende Kapazität an Strom und Wärme muss durch Gaskraftwerke oder Stromimport ersetzt werden. Zufällig helfen manchmal auch „Erneuerbare“, nicht aber bei der Fernwärme, hier wird nur Gas bleiben mit Spurenelementen von Wärme aus Großwärmepumpen. Als äußeres Zeichen der regierenden Ahnungslosigkeit sind die Abschalttermine im KVBG zu sehen, sie wurden fast alle auf einen 31. Dezember gelegt. Hinweis für Politiker und Bundestagsabgeordnete: Das ist mitten im Winter.

Guter Rat

Am Ende noch ein guter Rat an alle Leser: Bilden Sie Rücklagen für die nächste und übernächste Heizkostenabrechnung, für die nächste Öl- und Gasrechnung. Oder nutzen Sie Sondervermögen. Die Stromrechnung sollte nach der staatlichen Intervention (Stützung der Netzentgelte) wohl keine Überraschungen bringen. Das ist aber eher eine Vermutung, gesichert ist jedoch, dass die Gasspeicherstände in nächster Zeit weiter sinken werden.

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Kommentare ( 48 )

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48 Comments
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Peter Pascht
1 Monat her

Erdgasspeicher: Halbvoll oder halbleer? Das ist wie mit meinem Bierglas. Da weiß ich auch nie ob es halbvoll oder halb leer ist.

fluffy_bird
1 Monat her

Selbst wenn wir ohne die Abschaltung großer Verbraucher bis zum Ende der diesjährigen Heizperiode mit unseren Gasvorräten gelangen, bleibt ein anderes wichtiges Problem: die deutlich stärker geleerten Gasspeicher müssen ja wieder bis in den Oktober gefüllt werden. Das gelang schon im vergangenen Jahr aus den im Artikel genannten Gründen nicht. Aber da kann man von deutlich höheren Restständen Anfang April. Diesmal werden wir sehr viel weiter tiefer anfangen mit der Neubefüllung der Speicher.

Verzeihtnix
1 Monat her

Wenn es schon keinen Strom mehr gibt, dann soll wenigstens auch das Gas ausgehen. Nix Energie für alle. Links-grün-schwarze Gerechtigkeit.

Last edited 1 Monat her by Verzeihtnix
Peter Pascht
1 Monat her
Antworten an  Verzeihtnix

Was für ein Hasskommentar. Die sich hier vermehren wie die Pilze nach dem Regen.

Emsfranke
1 Monat her

Ich befürchte, dass das nächste „Sondervermögen“, welches diese elitären Jubelperser in die Welt verteilen werden, aus den „billionenschweren“ Sparvermögen der Deutschen gezogen wird. Unser hochgeschätzter Herr Bundeskanzler hat damit bereits vor seiner „Secondhand-Wahl“ ins begehrte Amt geliebäugelt. „Stellen sie sich vor, wir könnten nur einen Teil der Sparvermögen der Deutschen mobilisieren…..“ Mit dieser Aussage des „Foxtrott Maik“ ist alles Notwendige für eine persönliche Lagebeurteilung schon längere Zeit bekannt.

WGreuer
1 Monat her

„Starrsinn und die Weigerung, Fehler auch zuzugeben, verhindern eine Kurskorrektur.“ Herr Henning, danke für diesen Artikel, aber Sie gehen anscheinend immer noch davon aus, dass das Fehler sind, Opportunismus, Dummheit oder Unvermögen. Meiner Meinung nach stimmt das, aber nur für die unteren Chargen in den Parteien sowie deren Fans und treuedoofe Wähler – diese Leute sind nicht in der Lage zu erkennen, was die katastrophalen Resultate sein werden und was da gespielt wird. Sie sind die – frei nach Stalin – die Stupid Idiots, die „nützlichen Idioten“ derjenigen, die genau wissen, was sie tun. Die Führungen der Parteien befolgen hingegen… Mehr

hoho
1 Monat her

Die strategische Sicht beim Gas ist sehr wohl sichtbar – die Wansinnigen wollen das ganze Gasgeschäft abschaffen. Für das Klima. Dass das radikale Idioten sind, der durch den Todeskult befallenen Bevölkerung immer noch nicht klar.
Lustig fan ich in den Nachrichten heute, dass die Deutschen dermaßen bekloppt sind, dass sie Wasserstofftechnik wegen der Kosten in Ungarn ausbauen wollen, weil die Anlagen ja so erfolgreich in D. waren.

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  hoho

H2 ist vollkommen aus dem Blickfeld – und noch Volker Wissing hat in der Ampel sämtliche Forschungsgelder gestoppt. Die Milliarden, die Habeck der Illusion hinterher warf, sind allerdings für den Steuerzahler verloren. . „Ricarda Lang will die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland kappen. Es gehe nicht „um eine Verschnaufpause, was europäische Souveränität angeht“, sagte die Grünen-Co-Parteichefin. „Es geht um einen kompletten ökonomischen Bruch mit Wladimir Putin. Wenn einmal kein russisches Gas mehr fließt, dann soll nie wieder russisches Gas fließen.“ Sie fügt hinzu, dass perspektivisch auch kein Gas aus Katar oder den USA fließen solle. „Es geht um nicht weniger als um… Mehr

Nihil Nemo
1 Monat her

Früher glaubte man an Hexen, Feen und Zauberer. Heute an Klima und Erneuerbare.

BKF
1 Monat her

Wenn die Regierung die Netzentgelte mit Milliarden stützt, muß das Geld aber auch irgendwoher kommen und es wird nicht aus dem Privatvermögen der Regierung kommen, es muß also früher oder später irgendwo eingenommen werden von der Regierung, die einzige wesentliche Einnahmequelle der Regierung sind aber Steuern.

BKF
1 Monat her

Hat es denn übethaupt so viel mit dem Wetter zu tun? Der Verlauf ist doch eigentlich parallel zum letzten Jahr, nur von niedrigerem Niveau, es sollten also die gleichen Ursachen wie letztes Jahr diese steile Abnahme begründen, die ja auch schon im letzten Jahr zu beobachten war.

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  BKF

Ist es kälter, wird mehr geheizt, also steigt der Verbrauch. Und, wie man sagt, bei Millionen sogar bei offenen Fenstern. Glück wird sein, dass die industrielle Produktion einbrach – was Energie spart – einerseits – andererseits aber für Arbeitslose und weniger Steuereinnahmen sorgt. Und je nach dem, wie sich der Winter weiter hinzieht, ist damit zu rechnen, dass es kalt und dunkel wie in Berlin halt dann in ganz Deutschland sein wird. Der grüne Herr Müller von der Bundesnetzagentur, der sich auch um Falschmeinungen zu kümmern hat und islamische „trusted flagger“ zusammen mit dem grünen Herrn Habeck in Amt bringt,… Mehr

Last edited 1 Monat her by Kassandra
gast
1 Monat her

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Werbung für Erdgasheizungen. Es wurden überall Anschlüsse gelegt und für die Bewohner einer Straße wurde der Anschluss billiger, je mehr mitmachten. Wir machten nicht mit und blöd haben uns die Nachbarn angeschaut. Dann drohte Habeck, alle Gasleitungen rauszureißen und jetzt drohen sie, nicht genug Gas zu haben.

Last edited 1 Monat her by gast
AlexR
1 Monat her
Antworten an  gast

Und vor der Werbung für Erdgas war es das Heizöl und dazwischen die Nachtspeicheröfen. Elektrisch arbeitend, mit Asbest bis unter die Dachlatten verseucht. Aber die Politik-Experten haben das ja als Lösung auf die Ölkrise lauthals schreiend dem Bürger verkauft. Die Asbest-Entsorgung dieser Stromfresser durfte dann der für dumm verkaufte Bürger tragen. Nach dem Gasboom, der laut der grünen Ideologie ja pöhse ist, verkaufte uns Habeck die Wärmepumpe. Natürlich profitieren da manche, wie z.B. ein Herr Graichen. Der nächste Flop wird kommen. Haben dann alle ihre Wärmepumpe, kann man die Kosten für Wärmepumpenstrom nun herrlich erhöhen und noch eine Steuer auf… Mehr

BKF
1 Monat her
Antworten an  AlexR

Die Ölkrise bescherte Deutschland auch die Wiedereinführung der Sommerzeit, die es davor nur zeitweise während der großen Kriege gab. Die Ölkrise ist vorbei, warum ist die Sommerzeit also noch da? Oder ist das wie bei Steuern in Deutschland, daß einmal eingeführtes nie mehr abgeschafft wird – plakatives Beispiel ist da immer die Schaumweinsteuer.