Fußball: 11 Niemande müsst ihr sein!

Immer das Team, nie der Star. Das ist die herrschende Lehre beim deutschen Fußball. Dabei waren es immer Einzelne, die überzeugt und die Mannschaft zum Sieg geführt haben. Weniger Mittelmaß - mehr Könner an den Ball!

Die Bundesliga läuft wieder, und schwups wird bei Katrin Müller-Lüdenscheid & Co. wieder artig von allen Seiten der Rosenkranz des deutschen Fußballs runtergebetet: Lobpreisung mannschaftlicher Geschlossenheit bis zur totalen Selbstaufgabe. Ich kann diesen Mist nicht mehr hören! „Der einzelne ist nicht wichtig, nur das Team zählt“ oder „Uns fehlen die großen Stars, doch das gleichen wir aus im Kollektiv, bei uns kämpft einer für den anderen“, solch fade Taktik-Beichten gab’s gleich am ersten Kick-Tag aus nahezu allen siegreichen Spielerkehlen – sogar die prominenten Neuzugänge des FC Bayern waren offenkundig schon perfekt abgerichtet. Achten Sie drauf: Jedes noch so schüchterne Reporterlob für eine gute Leistung, für individuelle Klasse wird in Deutschland reflexhaft und barsch abgeblockt mit einem fast anklagenden „wichtig ist nur die Mannschaft“, egal wann, egal wo. Die Nationalelf ist Vorreiter:

Es sind Spieler-Persönlichkeiten, die gewinnen

Spätestens seit der WM 86 (bis hin zum jüngsten Triumph in Rio) lautet die Parole „der Star ist nur die Mannschaft“ – dass das DFB-Team sich seit Neustem ganz offiziell „die Mannschaft“ schimpfen lässt, bringt der schalen Schale nun auch einen harten Markenkern. Wer die Gleichschritt-Doktrin des DFB fügsam einhält, wird belohnt, Rebellen werden geschasst. Günter Netzer galt in den 70ern als eines der größten Genies im Weltfußball. Der Dank: 20 Minütchen als Einwechselspieler bei der WM 74 gegen die DDR. Bevorzugt auf seiner Position wurde der schmiegsame Wolfgang Overath, klaro. Bernd Schuster war in den 80ern ein gefeierter Stratege, er spielte bei allen drei großen Klubs in Spanien, und das als Ausländer, nur zwei Spielern war dies je vergönnt. Beim DFB flog er nach 21 Einsätzen raus. Der bockige Stefan Effenberg prägte die Erfolgsära des FC Bayern in den 90ern und krönte diese als Kapitän mit dem Champions-League-Triumph. Zeitgleich „glänzte“ im Nationalteam ein gewisser Dieter Eilts, ein reiner Spielzerstörer. Michael Ballack erlaubte sich als Capitano die Frechheit, zu häufig das entscheidende Tor in wichtigen Spielen zu erzielen und das Geschehen auf dem Platz zu prägen – seine unehrenhafte Entlassung war da nur folgerichtig. Twitter-August Lukas Podolski macht seine Buden (wenn er denn mal trifft) meist nur gegen Liechtenstein und San Marino, lobt aber stets brav die Mannschaft – für ihn stehen gefühlte 1000 Länderspiele zu Buche, kein Ende in Sicht.

Was bringt dieses Runterreden der wahren Könner?

Mal ehrlich: Was bedeutet dieser deutsche Brigadenfetisch zumindest AUCH? Es bedeutet, dass jeder austauschbar ist, jederzeit gleichwertig ersetzbar und damit als Individuum nicht viel wert. Es bedeutet, dass sich alle Beteiligten gefälligst unauffällig geben müssen, statt besondere Stärke zu erkennen, zu entwickeln und DANN in den Dienst einer Mannschaft zu stellen. Hat sich Deutschland nicht schon immer am liebsten kritiklos eingereiht, lediglich mit wechselnden Leitsätzen? Ist „Die Mannschaft“ nicht Ausdruck einer typisch deutschen stromlinienförmigen Ideologietreue, ganz gleich, was da von höchster Stelle als Götzenbild ausgegeben wird?

Wie ein drückender Schnürschuh ist derlei Mannschaftelei allgegenwärtig im deutschen Werdegang vertreten. Kennen Sie Willy Hellpach? Der Mann war Arzt und Politiker und veröffentlichte in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts beachtliche geisteswissenschaftliche Werke. (Keine Bange: nach ihm ist heute noch eine Schule in Baden-Württemberg benannt.)

Es lebe das Mittelmaß?

In der Bibliothek meines Vaters fand ich ein Buch von ihm aus dem Jahre 1928 und staunte nicht schlecht. „Die Deutschen“, schreibt Hellpach, „haben eine Vorliebe für lebende Mittelmäßigkeit, (…) der achtenswerte Durchschnitt liegt ihnen besser als bewunderungswürdige Dämonie. (…) Der Deutsche ist immer misstrauisch gegen etwas, das sich übers Mittelmaß erhebt, immer krittelnd und nörgelnd an außergewöhnlicher Leistung, ewig abwartend und absprechend. (…) Eine allgermanische, sicherlich sehr deutsche Eigenschaft, die keinem einzelnen und keinem Glied eine führende Rolle gönnt und ewig auf den Eigenwert auch der Winzigsten und Spießigsten pocht.“ Politische Parallele: „Die wählende Masse der Deutschen (wird) immer am liebsten mittelmäßige Männer an ihrer Spitze sehen, hölzern im Auftreten, ungewandt im Reden, ohne Ideen, ohne Schwung, nüchterne Aufarbeiter eines fachlichen Pensums.“ Treffer!

Wie wohltuend (da äußerst selten) ist es, wenn ein Fußballspieler mal ganz offen als Nonkonformist daherkommt; unerreicht bleibt dahingehend ein gewisser Georg Koch. Der war 2005 Torwart des MSV Duisburg und hatte für den souveränen Aufstieg seiner Zebras eine erfrischende Erklärung: „Es liegt vor allem an mir. Was ich in dieser Saison geleistet habe, ist unvergleichlich, ich bin stolz auf mich.“

Wahrscheinlich erholt sich der damalige DSF-Reporter heute noch im Sanatorium von diesem Antwort-Schock.

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