Die Kirche bleibt im Dorf, die Randalierer bekommen Verständnis

Nach einer Nacht voller Gewalt entdeckt Friedrich Merz vor allem eine erfreulich politisierte Jugend. Frankfurts Polizeipräsident Stefan Müller spricht von „erlebnisorientierten Jugendlichen und Heranwachsenden ohne politische Motivation“ und Sozialarbeiter haben Verständnis für die um ihre Zukunft bangende Jugend, weshalb sie geradezu plündern müssen.

picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Deutschland hat ein Problem mit Gewalt. Und schlimmer noch ist ihre Verharmlosung. Man muss Friedrich Merz um seine Fähigkeit beneiden, auch in den unerfreulichsten Ereignissen noch Anlass zur Zufriedenheit zu entdecken. Andere sehen ausgeraubte Geschäfte, brennende Barrikaden und verletzte Polizisten. Der Bundeskanzler aber erblickt eine engagierte Jugend. „Ich nehme vor allem eine positive Botschaft vom Wochenende mit: Die junge Generation ist politisch und sie sorgt sich um ihre Zukunft.“

Wie schön. Ein Bundeskanzler, der sich über die politische Anteilnahme der Jugend freut, während in Frankfurt die Scherben zusammengekehrt werden. Merz ist vermutlich der einzige Mensch in Deutschland, der sich die Bilder der vergangenen Krawallnacht ansehen kann und dabei vor allem an die Zukunft denkt. An eine gute Zukunft, versteht sich.

Auch zur Gewalt fällt ihm etwas ein: „Was die Gewalt angeht: Der Großteil der jungen Leute hat friedlich demonstriert, da sollten wir die Kirche im Dorf lassen.“ Ach, die Kirche. Die darf also im Dorf bleiben. Vermutlich eine der letzten Institutionen, denen in diesem Land noch ein fester Standort zugestanden wird.

Ein erfreuliches Wochenende mit über 100 verletzten Polizisten?

In Köln wurden 23 Polizisten verletzt. In Hamburg flogen Pflastersteine, Flaschen und Böller auf die Einsatzkräfte, Barrikaden brannten, 120 Menschen wurden in Gewahrsam genommen. Auch aus Stuttgart und Berlin wurden Angriffe auf Polizisten gemeldet. Allein in Frankfurt am Main wurden nach Angaben des hessischen Innenministeriums mehr als 100 Polizeibeamte verletzt. Einer von ihnen verlor durch einen Steinwurf ins Gesicht mehrere Zähne. Die Polizei hatte es mit bis zu 1.500 gewaltbereiten Störern zu tun. Siebzehn Geschäfte wurden beschädigt, Schaufenster eingeschlagen, Waren gestohlen. Natürlich blieb auch ein Waffengeschäft nicht verschont.

Nun, auch zur Zeit der Studentenbewegung ging es in Frankfurt am Main bei Demonstrationen hoch her, die friedlichen Mitläufer waren die Schutzschilde des sogenannten „schwarzen Blocks“, der sich bestens auf das Ausgraben von Pflastersteinen verstand, darunter ein späterer deutscher Außenminister. Also alles wie immer schon? Jugend ist halt so?

Niemand bestreitet, dass viele junge Menschen tagsüber friedlich demonstriert hatten. Die Veranstalter distanzierten sich von der Gewalt, und längst nicht jeder, der bessere Schulen oder bezahlbare Wohnungen fordert, möchte anschließend einen Schuhladen ausräumen. Allerdings sollte auch ein Bundeskanzler imstande sein, zwischen einer friedlichen Versammlung und den anschließenden Gewaltexzessen zu unterscheiden, ohne Letztere durch die lobende Erwähnung der Ersteren zu relativieren.

Natürlich verurteilt Merz die Gewalt und verspricht den Straftätern die Härte des Gesetzes. Das macht man halt so. Doch auffällig bleibt, welchen Gedanken er seinem Publikum als wichtigste Erkenntnis des Wochenendes präsentiert. Seine politische Botschaft lautet: Die Jugend interessiert sich für ihre Zukunft. Über die Gegenwart möchte man lieber nicht allzu genau sprechen. Und hat es so etwas nicht immer schon gegeben?

Der Kanzler beschwichtigt, sein Innenminister wird deutlich

Nein, das hat es nicht immer schon gegeben, jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Parteifreunde des Kanzlers haben durchaus verstanden, was geschehen ist. Hessens Innenminister Roman Poseck spricht von einem enormen Gewaltpotenzial linksextremistischer und – siehe da: migrantisch geprägter Tätergruppen. Er will weitere vergleichbare Demonstrationen in Frankfurt verhindern und kündigt eine härtere Gangart an.

Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt nennt die Täter beim Namen: gewaltbereite linke Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu. Er spricht von Landfriedensbruch und fordert harte Strafen. Das ist für deutsche Verhältnisse bemerkenswert: Zwei Unionspolitiker wagen es, über Kriminelle „mit Migrationshintergrund“ zu sprechen, ohne deren mögliche seelische Traumata zu erwähnen!

Doch da schreitet Verteidigungsminister Boris Pistorius ein. Was seien denn überhaupt migrantische Gruppen? Ob darunter auch Menschen fielen, die in dritter Generation in Deutschland lebten und deutsche Staatsangehörige seien? Na klar, da muss differenziert werden! Bleibt die Frage, warum junge Männer in Deutschland glauben, Innenstädte nach Einbruch der Dunkelheit zu ihrem persönlichen Kampfgebiet erklären zu dürfen. Egal: In Deutschland ist es wichtiger, die Täter korrekt zu bezeichnen. Für die verletzten Polizisten dürfte das von untergeordneter Bedeutung sein.

Erlebnisorientiert mit Pflastersteinen

Weitere Glanzleistungen des Wochenendes wurden allerdings im öffentlich-rechtlichen Rundfunk erbracht. Dort verfügt man über einen Wortschatz, der offenbar eigens dafür geschaffen wurde, unerfreuliche Wirklichkeit in gesellschaftlich verträgliche Formulierungen zu verwandeln. Oder war das mal ironisch gemeint?

Die HR-Gerichtsreporterin Heike Borufka berichtete von den Frankfurter Ausschreitungen als „Katze- und Mausspiel“ zwischen Demonstranten und der Polizei, einem Adrenalinkick, an dem einige großen Spaß hatten, und bezeichnete die Demonstranten als „erlebnisorientierte junge Menschen“, einen Begriff, den, siehe oben, auch die Polizei benutzt. Vor allem junge Männer hätten sich „ein bisschen ausgetobt“.

Fairerweise muss man hinzufügen, dass Borufka ihre Bemerkung mit „Wenn es nicht so schlimm wäre“ einleitete und die Gefährlichkeit der Situation ausdrücklich schilderte. Gerade deshalb ist die Wortwahl so aufschlussreich. Selbst angesichts offenkundiger Gewalt drängt sich offenbar die Vorstellung eines etwas übermütigen Freizeitvergnügens auf. Auch im NDR war von „erlebnisorientierten Jugendlichen“ die Rede. Man darf gespannt sein, welche Bereicherung die deutsche Sprache als Nächstes erfährt.

Vielleicht sind Einbrecher künftig eigentumsinteressiert, Brandstifter wärmeorientiert und Messerstecher kontaktfreudig. Der Vorteil solcher Begriffe liegt auf der Hand: Sie ersparen dem Publikum jede unangenehme moralische Bewertung. Ein Plünderer ist schließlich etwas ganz anderes als ein junger Mensch auf der Suche nach Erlebnissen. Mit dem einen beschäftigt sich die Polizei, mit dem anderen die Jugendsozialarbeit.

Wer plündert, hat offenbar gute Gründe?

Wie weit sich dieses Denken bereits durchgesetzt hat, ließ sich in den Tagesthemen besichtigen. Dort erklärte der Sozialarbeiter Burak Caniperk, er finde die Plünderungen zwar nicht gut, könne sie allerdings verstehen. Die jungen Männer seien wütend gewesen und hätten ihrer Wut Nachdruck verleihen wollen. Als Erklärung dienten Armut, soziale Ungleichheit, Bildungsbenachteiligung, Diskriminierung und Rassismus. Das gesellschaftliche Standardbesteck, mit dem sich nahezu jede Straftat in eine Anklage gegen die Verhältnisse verwandeln lässt.

Gewiss gibt es arme Jugendliche, schlechte Schulen und soziale Benachteiligung. Die meisten Menschen, die darunter leiden, kommen allerdings ohne Plünderungen aus. Sie stehen morgens auf, gehen zur Arbeit oder zur Schule und haben möglicherweise selbst Angst vor jenen, deren Verhalten öffentlich so einfühlsam erklärt wird.

Caniperk empfiehlt, den jungen Männern auf Augenhöhe zu begegnen. Das klingt ausgesprochen vernünftig. Allerdings dürfte der Polizeibeamte, dem ein Pflasterstein entgegenfliegt, mit Begegnungen auf Augenhöhe ungute Erfahrungen gesammelt haben. Auch der Deutschlandfunk hatte einen Experten zur Hand. Der Protestforscher Felix Anderl kritisierte, die Bundesregierung habe versucht, die Jugendproteste zu delegitimieren. Die jungen Menschen hätten ihre Anliegen gut zum Ausdruck gebracht. Offenbar sind wir inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem selbst nach schweren Ausschreitungen zunächst die Frage gestellt wird, ob die Gesellschaft genügend Verständnis für die Anliegen der Jugend aufgebracht hat.

Die bemerkenswerte Umkehrung der Verantwortung

Natürlich darf und soll man nach den Ursachen von Gewalt fragen. Bemerkenswert ist allerdings die geradezu zwanghafte Bereitschaft, die Verantwortung von den Handelnden auf ihre Umgebung zu verlagern. Irgendjemand hat den jungen Männern offenbar zu wenig zugehört, ihnen zu wenig geboten oder sie in ihrer Entwicklung unzureichend begleitet.

So entsteht eine eigentümliche Arbeitsteilung. Die einen werfen Steine, die anderen suchen nach Gründen, warum sie dazu eigentlich irgendwie gezwungen waren. Und am Ende steht die Gesellschaft vor der Aufgabe, sich bei ihren Angreifern für deren Unzufriedenheit zu entschuldigen.

Eine Zivilgesellschaft beruht jedoch auf der ziemlich einfachen Übereinkunft, dass jeder Mensch für sein Handeln verantwortlich ist. Wer einen Laden plündert, hat sich für einen Diebstahl entschieden. Wer einen Polizisten angreift, begeht eine Straftat. Das gilt für wohlhabende Akademikersöhne ebenso wie für Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen und ganz unabhängig von ihrer Herkunft. Gerade wer junge Menschen ernst nimmt, sollte ihnen diese Selbstverständlichkeit zutrauen.
Stattdessen werden aus Gewalttätern Fälle für Sozialarbeiter, aus Ausschreitungen Kommunikationsprobleme und aus einer Nacht, in der der Staat seine Straßen nur mit größter Mühe unter Kontrolle brachte, ein erfreuliches Zeichen politischen Interesses.

Für den 20. November sind weitere Proteste angekündigt. Man wird sehen, was daraus wird. Für den Fall erneuter Ausschreitungen hat das Kommentariat jedenfalls vielfach bewährte Erklärungsmodelle. Der Bundeskanzler kann sich unterdessen darüber freuen, dass die Jugend politisch ist. Die Journalisten dürfen neue freundliche Wörter für Gewalt erfinden. Die Sozialarbeiter werden Verständnis aufbringen.

Und die Polizisten? Die müssen wieder hinaus auf die Straße. Und die Nerven bewahren. Die Kirche bleibt schließlich im Dorf. Irgendjemand muss ja dafür sorgen, dass wenigstens der Rest stehen bleibt.

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