Zwischen fürsorglichem Westbesuch und Hetze gegen die Ostdeutschen

Sven Schulze setzt im Wahlkampf auf Markus Söder und Didi Hallervorden. Aus München kommen derweil Belehrungen für die Ostdeutschen. Funktionäre reden über Bürger, die sie längst nicht mehr verstehen.

IMAGO / Matthias Wehnert

Würde man nicht über die führenden Genossen der SED und über ihre Blockfreunde nur allzu gut Bescheid wissen, dann wäre es schier unbegreiflich, wie wenig Sven Schulze aus Heteborn, am Rand des Hakels im Harzvorland von Sachsen-Anhalt gelegen, versteht, weshalb ihm der Wahlkampf vollständig misslingt. Man gewinnt den Eindruck, dass dem Funktionär das Gespür für die Bürger abhandengekommen ist wie weiland den Bewohnern von Wandlitz und heute denen von Neu-Versailles. Man könnte verkürzt und vergröbert mit Lenin das Heranreifen einer revolutionären Situation feststellen, in der die Herrschenden nicht mehr so weitermachen und die Beherrschten so nicht mehr weiterleben können wie bisher. Die Krise jedenfalls ist objektiv.

Schulzes beeindruckende Helfer im Wahlkampf sind Didi Hallervorden und Markus Söder, man könnte sie fast miteinander verwechseln, Leute aus dem Westen, die den Ostdeutschen mal erklären wollen, was sie zu tun und zu lassen, wen sie zu wählen haben und wen nicht.

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Ein Albernheiten-Produzent des westdeutschen Fernsehens aus den siebziger und achtziger Jahren und ein bayerischer Politiker, der seine besten Tage längst hinter sich hat, greifen Sven Schulze im Wahlkampf unter die Arme und helfen beim Vertreiben der Wähler. Die Zeiten, in denen ein CSU-Politiker in Ostdeutschland noch punkten konnte, gehören der Vergangenheit an. Sie endeten an dem Tag, an dem die CSU es sich mit der CDU gemeinsam in der Mitte zwischen Grünen und SPD bequem machte. Dobrindt, Söders Mann in Berlin, der die Union auf SPD-Linie hält, lanciert gerade ein Stasigesetz 2.0 durch die Sommerpause, möglichst an der Öffentlichkeit vorbei. Das weckt in Ostdeutschland schlechte Erinnerungen.

Gäbe es die AfD nicht, hätte Söder längst kein Thema mehr. Der Mann, der es genoss, dass die Kühltürme des AKW Gundremmingen gesprengt worden sind, der eine große Mitverantwortung für Deutschlands Niedergang, für steigende Energiekosten und Treibstoffpreise trägt, behauptet vollmundig wie immer und wie immer schon fast mit automatenhafter Attitüde, dass es gar nicht anders sein kann, als es der große, weise, erfahrene Markus Söder, eine Art Big Daddy der deutschen Politik, verkündet. Söder schwadroniert darüber, dass die Pläne der AfD „das schlimmste wirtschaftliche Schredder-Programm“ seien. Man darf Markus Söder daran erinnern, dass das „schlimmste wirtschaftliche Schredder-Programm“ die von der Union in trauter Verbundenheit mit den Grünen und der SPD durchgesetzte Energiewende ist, die von der Ampel beschleunigt und radikalisiert, von Merz und dessen Genossen bruchlos weitergeführt wird.

Es ist doch nicht die Frage, ob es die AfD in Sachen Wirtschaft schlecht machen wird, es ist doch hingegen Gewissheit, dass es die Union grottenschlecht aus purem Opportunismus rotgrün macht. Die AfD wird die Wirtschaft aus einem Grund nicht schreddern können, weil sie eine von Merkel, von Habeck, von Merz und eben auch von Söder geschredderte Wirtschaft übernehmen würde.

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Im Jahr 2024 blieb die bayerische Wirtschaftsleistung mit -0,2 % hinter dem Bundesdurchschnitt zurück, 2025 schaffte Bayerns Wirtschaft nach dem Rückgang eine mickrige Erholung von 0,5 %. Für 2026 wird von Berufsoptimisten ein schwaches Wirtschaftswachstum von 0,5 % bis 0,7 % prognostiziert. Doch man dürfte wohl lange suchen, um eine Prognose in Sachen Wirtschaftsleistung in Deutschland zu finden, die schließlich nicht nach unten korrigiert werden musste. Die bayerische Wirtschaft steckt in der Stagnation.

Bayerns Wirtschaft wird ausgebremst von hohen Energiekosten, weshalb die Sprengung der Kühltürme des AKW Gundremmingen ein wahrer Geniestreich Söders, des Weisen aus Franken, war. Hinzu kommen staatlich verschuldete Schwierigkeiten für die bayerische Wirtschaft, nämlich hohe Arbeitskosten, eine überschwängliche Söder-Bürokratie und hohe Steuern und Abgaben. Wie befand doch Markus Söder: „Wirtschaft ist Chefsache.“

Und dieses goldene Söder-Wort gab auch das Motto für das historische Treffen der beiden Bundesstaaten-Lenker Markus Söder und Sven Schulze in Wernigerode ab, das die Harzer so sehr begeisterte, dass sie der Veranstaltung doch lieber fernblieben. Wirtschaft ist eben Chefsache. Angesichts des Niedergangs der bayerischen Wirtschaft ergibt das Motto der Veranstaltung doch wirklich Sinn: „Wie viel Bayern kann Sachsen-Anhalt?“ Es ist doch schön, wenn man in der Deindustrialisierung voneinander lernt und sich bei der Schussfahrt in den Abgrund einander die Hände reicht. Denn wie sagte doch im herzlichen Tone von Erich Honecker, als stünde Leonid Iljitsch Breschnew neben ihm, Sven Schulze in unverbrüchlicher Freundschaft zu Markus Söder: „Ihr habt in Bayern echt was erreicht, echt was geschafft. Und ehrlich gesagt, das ist auch ein Stück weit Vorbild für uns.“ Und im reinsten Funktionärsdeutsch fügt er hinzu: „Und das ist für mich der Punkt, der enorm wichtig ist. Man muss hart arbeiten.“ Vorwärts immer, rückwärts nimmer.

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Weder Schulze noch Söder haben begriffen, dass der überhebliche, selbstzufriedene, geistlose Bonzen-Ton in Ostdeutschland ganz und gar nicht gut ankommt. Aber Markus Söder, dem Alleskönner, gelingt es sogar, Didi Hallervorden in puncto Albernheit in den Schatten zu stellen, wenn er ausruft: „Es ist in diesen Zeiten einfach gut, einen als Ministerpräsident zu haben, der von Wirtschaft eine Ahnung hat.“ Man wird von allein nicht darauf kommen, aber er meinte damit tatsächlich Sven Schulze.

Aber bleiben wir in Söders München, wo die Fachkräfte für Agitation und Propaganda die Hände tief im Steuertopf haben. Das Institut für Zeitgeschichte in München war einmal, long, long ago, eine seriöse Forschungseinrichtung, doch dann wurde das Institut unter seinem früheren Direktor Andreas Wirsching, den man wirklich nicht für einen großen oder mittleren Historiker halten muss, immer mehr zu einem rotgrünen Propaganda-Institut mit grünschwarzen Einsprengseln. Nun versuchte der stellvertretende Direktor des Instituts, ein Mann namens Magnus Brechtken, in merzsauerländischer Arroganz die Ostdeutschen abzumeiern. Brechtken behauptet mal eben faktenfrei: „Viele Westdeutsche haben mittlerweile die Nase voll angesichts der ständigen Klagen aus dem Osten – auch angesichts der Kosten.“ Ich höre hingegen von vielen Westdeutschen wie von Ostdeutschen in trauter Einigkeit, dass sie von der Verschuldungs- und Dekadenzpolitik von Brechtkens Landsmann Merz „die Nase voll haben“.

Der bewunderungswürdigen Ratio Brechtkens entzieht es sich offensichtlich, dass auch die Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung Steuern und den Soli bezahlten. Dem sauerländischen Professor aus München ist entgangen, dass der Aufbau Ost auch ein Teil Bereicherung West war, dass der Osten zwar neue Häuser, der Westen aber die Grundbücher bekommen hat und die Gelder teils über Bande in den Westen zurückflossen.

Bleiben wir bei historischen Fakten. Die Operation Ossawakim dürfte dem „Zeithistoriker“ nicht untergekommen sein. Wir sind so freundlich, dem Münchner Zeithistoriker Nachhilfe in Zeitgeschichte zu erteilen. In den frühen Morgenstunden des 22. Oktober 1946 wurden Industrieanlagen in Ostdeutschland demontiert, auf Züge verladen und in die Sowjetunion verfrachtet. Doch damit längst nicht genug. Mehr als 2.500 deutsche Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker – zusammen mit etwa 4.000 Familienangehörigen – wurden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in der sowjetischen Besatzungszone verhaftet und in die Sowjetunion verschleppt, um dort Zwangsarbeit zu leisten. So sah der russische Marshallplan für Ostdeutschland aus.

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Wo standen die Westdeutschen den Ostdeutschen am 17. Juni 1953 bei? Im Herbst 1989 habe ich Herrn Brechtken bei den Demonstrationen doch sehr vermisst. Wo war er da? Stimmt, er kämpfte in Bonn ruhmreich und unerschrocken mit dem Studium der Geschichte und bald schon mit dem Thema des Madagaskarplans. Und aufgrund dieses Fachwissens kann der Herr Professor aus München nur den Kopf schütteln über die doofen Ossis, die zu dumm sind, um rotgrün westdeutsch zu werden, die eine unreflektierte „Abgrenzungsidentität“ pflegen, die auf Geschichtsirrtümern beruhe.

Werfen wir doch mal einen Blick darauf, was Herr Brechtken so als „Geschichtsirrtümer“ benennt: „Wenn Ostdeutsche heute klagen, in den Ländern der ehemaligen DDR gebe es ja nichts zu vererben und die Leute seien ärmer als im Westen, dann liegt das nicht daran, dass die Westdeutschen ihnen etwas weggenommen haben, sondern dass die DDR 40 Jahre lang von der Substanz gelebt hat und nicht in der Lage war, ein dem Westen vergleichbares Wirtschaftsvermögen aufzubauen.“ Selber schuld, ihr blöden Ossis, dass ihr von der Substanz gelebt habt. 40 Jahre? Apropos, von welcher Substanz, Brechtken? Stimmt: Berlin, Magdeburg und Dresden lagen nicht in Schutt und Asche. Welch Glück für die Ostdeutschen, dass sie in Rostock einen niegelnagelneuen Überseehafen von den Heinzelmännchen übernehmen konnten, den sie in typischer Ossidummheit zerfallen ließen. Und es war doch wirtschaftlich zutiefst förderlich, dass Ostdeutschland das schlesische Bergbaurevier verlor, sodass es die eigene Braunkohle entdecken konnte. Was weiß Brechtken darüber, wie die Oder-Neiße-Grenze tatsächlich zustande gekommen ist?

Brechtken will an historische Fakten erinnern. Etwa an die Leute, die ihre Häuser verloren, weil sie sich in der DDR nicht in Grundbücher eintragen konnten, die Häuser, die sie gebaut hatten? Oder an die historischen Fakten, dass der Osten inzwischen dem Westen gehört? An die historischen Fakten etwa, dass an den ostdeutschen Universitäten und Hochschulen ostdeutsche Wissenschaftler gegauckt, evaluiert und entlassen wurden, um Platz zu schaffen für die dritte Garnitur aus dem Westen? An die historischen Fakten, dass sich in Sachsen-Anhalt, gleich nachdem die doofen Ossis das SED-Regime gestürzt und die Mauer zu Fall gebracht hatten, die Niedersachsen-Gang breitgemacht hatte. Übrigens auch das ein Grund für die Zustimmung zu Ulrich Siegmund. Um das zu erkennen, müsste man allerdings Historiker sein und mit Fakten und nicht mit Ressentiments agieren.

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Doch das Schlimmste an den faktenfreien Äußerungen des Professors aus Söders Landeshauptstadt ist, dass er spaltet, getreu dem römischen Grundsatz divide et impera. Denn die Trennlinie läuft eben nicht zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen. Die AfD erreicht nach neuesten Umfragen auch im noch reichen Bayern 20 % und würde damit zweitstärkste Partei. Die Trennlinie verläuft zwischen einerseits den dysfunktionalen Eliten und ihren Mandarinen und andererseits den zunehmend mehr Bürgern in der Bundesrepublik, die mit der Brandmauerpolitik nicht einverstanden sind.

Brechtken hat, hoch finanziert und subventioniert, im Mangel seiner Urteile und in der Fülle seiner Vorurteile nicht mitbekommen, dass es inzwischen egal ist, ob jemand aus Ostdeutschland oder aus Westdeutschland stammt, von der Isar oder von der Tanger, von der Oder oder vom Rhein, von der Elbe oder von der Donau. Mit nicht wenigen Freunden und Kollegen, die aus dem Westen stammen, verbindet mich weit mehr als mit den ostdeutschen Funktionären Schneider oder Schulze.

Den Unterschied macht, ob man Geschichte und Gesellschaft analysiert und versteht, nicht dem Brandmauerkombinat nach dem Munde redet, oder ob man sich die Wirklichkeit nach ideologischen Maßstäben zurechtbiegt. Die einzige Ostdeutsche, die Brechtken vermutlich schätzen mag, dürfte Angela Merkel sein. Doch die wird in Ostdeutschland nicht als Ostdeutsche wahrgenommen, die ist nur das, was sich Brechtken und Co. als Ostdeutsche wünschen. Wo die Ostdeutschen im Harz Sven Schulze haben, haben die Westdeutschen im Sauerland Friedrich Merz. Zieht man einen Strich unter das Interview, das Brechtken der FAS gegeben hat, dann wird deutlich, dass nicht die Ostdeutschen Sehnsucht nach einem starken Mann verspüren, sondern Magnus Brechtken. Man nennt das eine klassische Projektion.

Die dysfunktionalen Eliten können ihren Status quo offensichtlich nur noch durch Spaltung, Verunglimpfung, Repression und Zensur aufrechterhalten. Stellen wir schon einmal eine Tüte Popcorn bereit, die Klamotte „Ossi-Bashing“ geht gerade wieder in Serie.

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