Das Personal der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) fordert mehr Polizei in den Zügen und auch eine Ausstattung mit Stichschutzwesten. Die Übergriffe auf die Bahnmitarbeiter werden immer brutaler. In Deutschland ist die Situation ähnlich: Allein im Vorjahr wurden fast 28.000 Gewaltdelikte im Bahnbereich dokumentiert.
IMAGO / Martin Wagner
Die Zugbegleiter der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) sind immer häufiger brutalen Übergriffen ausgesetzt. Nun fordert der Betriebsrat mehr Polizei in den Zügen, die Verteilung von Stichschutzwesten und eine bessere Absicherung.
Ein Vorfall am vergangenen Wochenende in St. Pölten hat das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht: Zwischen Wilhelmsburg und St. Pölten soll eine Jugendbande nicht nur Sachbeschädigungen verübt, sondern auch Zugbegleiter attackiert haben. Ein 15-Jähriger soll einen Schaffner mehrfach ins Gesicht geschlagen haben. Derartige Gewalttaten häufen sich.
„Der Vorfall hat in der Belegschaft tiefe Betroffenheit und spürbare Verunsicherung ausgelöst“, schreibt dazu Martin Hofmann, Vorsitzender des Zentralbetriebsrats der ÖBB-Personenverkehr AG, in einem internen Brief an das Management, berichtet die Tageszeitung Kurier. Viele Kollegen hätten konkrete Angst, im Dienst Situationen allein gegenüberzustehen, auf die sie nicht ausreichend vorbereitet seien.
Martin Hofmann drängt auf die konsequente Umsetzung eines bereits vereinbarten Zehn-Punkte-Plans, der unter anderem Doppelbesetzungen in Risikozügen vorsieht. Speziell auf Strecken mit bekannten Gefährdungslagen müsse diese Maßnahme sofort greifen.
Bodycams und Stichschutzwesten
Die ÖBB reagieren: Bahn-Sprecher Daniel Pinka betont, dass das „ernstzunehmende Problem“ der Aggression im öffentlichen Raum umfassende Strategien erfordere. Derzeit werden Bodycams auf Praktikabilität und flächendeckenden Einsatz geprüft. Stichschutzwesten werden bei Sicherheitsmitarbeitern getestet. Zudem plant man einen stillen Alarm für Mitarbeiter, der ein rasches Eingreifen der Einsatzkräfte ermöglichen soll. In den Tagesrandzeiten wird zusätzliches Sicherheitspersonal in den Zügen eingesetzt.
Die aktuelle Situation in Österreich spiegelt einen europaweiten Trend wider, der besonders in Deutschland die Exekutive beunruhigt: Laut Zahlen der Bundespolizei gab es allein im Jahr 2025 im Bahnbereich (Züge und Bahnhöfe) 27.818 Gewaltdelikte, das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren. 2025 wurden im Bahnbereich 980 Messerdelikte und 2.200 Sexualdelikte dokumentiert.
Die Gewalt richtet sich zunehmend ganz gezielt gegen das Personal: Die Bundespolizei verzeichnete 2025 insgesamt 2.689 Gewaltdelikte gegen Bahnbeschäftigte (das ist ein Plus von 11 Prozent gegenüber 2024). Die Deutsche Bahn selbst zählte mehr als 3.000 Angriffe auf ihr Personal – im Schnitt sind das etwa acht pro Tag. In den ersten zehn Monaten des Jahres waren es allein 2.987 Fälle von Bedrohung oder Körperverletzung, darunter auch 324 gefährliche Körperverletzungen. Besonders betroffen sind Zugbegleiter im Regionalverkehr.
Gewerkschaften wie vida in Österreich fordern jetzt einen „Sicherheitsgipfel“ mit Regierung und Bahnbetreibern. Roman Hebenstreit von vida warnt vor einer Eskalation, die nicht nur Zugbegleiter, sondern das gesamte System bedrohe. Ähnlich äußern sich deutsche Vertreter: Die Durchsetzung des Hausrechts bei Fahrkartenkontrollen oder an Hotspots werde immer riskanter. Und während das Bahnpersonal nun Stichschutzwesten und Bodycams erhält, fragen sich wohl viele Bahnkunden: Wo bleibt der spürbare Schutz für uns?



Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein