Die italienische Wirtschaftspolitik zeichnet sich durch Pragmatismus aus und sieht sich den nationalen Interessen verpflichtet. Auch gegenüber China zeigt man sich realistisch. Eine Qualität, die in Deutschland mittlerweile Seltenheitswert hat.
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Tutto il mondo è un paese – die ganze Welt ist ein Dorf. Momentan wohl mehr denn je, die enge globale Verzahnung der Märkte bedingt es. Italien macht in dieser Gemengelage etwas, das man in Deutschland kaum noch erlebt: Es verfolgt Interessen – klar, ruhig und ohne moralisches Dauerfeuer. Zum Nutzen der eigenen Bürger und Unternehmen.
Während Berlin sich in Transformationsdebatten, Lieferkettenethik, und politischer Selbstvergewisserung verliert, setzt Giorgia Meloni auf ein altmodisches Konzept: wirtschaftliche Stärke durch Identität. „Made in Italy“ ist eine Kampfansage an die Beliebigkeit. Und schon ganz zu Beginn ihrer Regierungszeit setzte Giorgia Meloni auf eben diese Strategie.
Ein Land, das weiß, was es kann, wofür es auch weltweit geschätzt wird, verhandelt anders. Und genau so tritt Italien auf. So reiste Antonio Tajani, Melonis Vize und Außenminister als Interessenvertreter Italiens nach Peking – weder als Moralapostel noch in devoter Anbiederung.
China sei kein Partner nach westlichen Wunschvorstellungen, aber ein Markt, an dem man nicht vorbeikomme, so Tajani gegenüber der Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore. Also will und muss Italien im Spiel bleiben. Der Ausstieg aus der „Neuen Seidenstraße“ war deshalb kein Rückzug, sondern eine Korrektur der Spielregeln.
Die strategische Partnerschaft hinegegen bleibt bestehen. Das ist Realpolitik. Während sich Deutschland gern in moralischen Grundsatzfragen verheddert, will Italien konkrete Ergebnisse. Leichteren Zugang für italienische Produkte zum chinesischen Merkt und weniger regulatorische Hürden. Ganz besonders für wichtige italienische Sparten.
Keine Schlagworte – sondern Märkte
Dabei lohnt sich ein Blick auf die Zahlen. Ungefähr 1.500 italienische Unternehmen sind in China aktiv, sie bieten circa 130.000 Beschäftigten Arbeit und Auskommen. Und 33 Milliarden Euro Umsatz sprechen für sich. Der bilaterale Handel liegt bei etwa 75 Milliarden Euro, Tendenz steigend.
Und dennoch hat Italien ein Problem: Das Handelsdefizit beträgt rund 46 Milliarden Euro. Der Unterschied liegt im Umgang damit. Im Gegensatz zu Deutschland, das stets Risiken diskutiert, verhandelt und sucht Italien lieber Lösungen.
So etwa beim „Italian Sounding“ – den unzähligen Pseudo-Produkten, die italienische Namen tragen, aber nichts mit Italien zu tun haben. Etwa der Parmesan ohne ein Hauch von Parma. China signalisiert nun von selbst, man wolle stärker gegen solche ‚Missbräuche‘ vorgehen.
Der chinesische Markt ist stark reguliert, oft nur schwer zugänglich. Doch statt sich zurückzuziehen, drängt Italien hinein. Dabei ist natürlich von Vorteil, dass gehobene Mittelschicht und Oberschicht in China Produkte „Made in Italy“ schätzen.
Mit politischer Unterstützung, durch Netzwerken, und gezielte Exportförderung will Italien noch stärker Präsenz zeigen.
Der Staat als Ermöglicher.
Ein Konzept, das in Deutschland zunehmend unter Ideologieverdacht steht.
Besonders sichtbar wird der Unterschied im digitalen Handel. Schon 27 Prozent des chinesischen Handels laufen über E-Commerce. Das entspricht rund 2.400 Milliarden Dollar jährlich. Wer dort nicht vertreten ist, findet schlicht nicht statt.
Italien hilft seinen Unternehmen aktiv, auf Plattformen, wie Alibaba präsent zu sein.
Gerade für kleine und mittlere Betriebe ist das entscheidend. In Deutschland diskutiert man hingegen noch über Plattformregulierung.
Auch beim Thema Investitionen zeigt sich der Kontrast. Das „Golden Power“-Instrument, ein spezielles Vetorecht der Regierung, um ausländische Übernahmen und Kontrolle in strategisch bedeutsamen Sparten zu überwachen und gegebenenfalls zu blockieren, schützt italienische Unternehmen, wird aber dosiert eingesetzt. So wurden 2025 bei rund 1.000 Meldungen lediglich vierzig Fälle geprüft, letztendlich ergingen nur zwei Vetos: Augenmaß statt Abschottung.
Das Signal an chinesische Investoren ist klar: Ihr Kapital ist willkommen, aber nicht um jeden Preis.
Auch geopolitisch bleibt Italien nüchtern
Im Konflikt um die Straße von Hormus nimmt Italien ebenfalls eine klare Position ein und setzt sich dafür ein, den Welthandel zu schützen. Das ist keine moralische Pose,
sondern wirtschaftliche Notwendigkeit, denn auch die italienische Energiewirtschaft wird durch die Blockade schwer getroffen.
Und dann sind da die vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die in Wahrheit strategisch sehr wichtig sind: Neue Direktflüge zwischen Venedig und Peking. Mehr Tourismus, mehr Geschäftsreisen, mehr Austausch.
Kulturelle Großoffensiven, Renaissance-Ausstellungen, Uffizien in Hightech-Inszenierung, der „Palazzo Treccani“, ein multimediales Großprojekt, in Shanghai: Italien stellt sich den Chinesen vor, lockt mit dem kulturellen Vermächtnis des Landes.
Das ist keine Folklore. Das ist Einfluss. Denn Märkte öffnen sich nicht nur über Verträge, sondern auch über Sympathie.
Fast 40 Prozent des italienischen BIP hängen am Export. Grund genug, auf verschiedenen Ebenen darauf hinzuwirken, Handelsbeziehungen zu stärken. In Deutschland scheint diese Erkenntnis gegenüber ideologischen Erwägungen unterzugehen. Klimaziele, Regulierungsdebatten, Selbstzweifel.
Italien dagegen vertraut seiner eigenen Stärke. Nicht naiv. Nicht blind.
Aber entschlossen. Besonders die vielen mittelständischen Familienunternehmen im Norden Italiens bis in die Emilia-Romagna sind selbstbewusst und stolz darauf, durch Fleiß auf Errungenschaften und Erfolg hinweisen zu können.
China braucht Europa – für Marken, Qualität, und kulturelles Verständnis. Europa braucht China – als Markt, als Produktionspartner.
Die Frage ist nicht, ob man miteinander arbeitet. Sondern ob man die Kooperation gestaltet – oder sich treiben und China die Initiative überlässt.
Italien hat sich längst entschieden. Für Gestaltung, Präsenz und Interessen.


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Diese Entwicklung ist in Italien keineswegs so neu, wie man vermuten könnte. Beispiel: Die Sparte Weinbau. Hier dominieren die Kellereimaschinenproduzenten für die Weinbereitung in höchstem Maß, und schon sehr lange, Jahrzehnte. Die Qualität wurde stets verbessert und gewann schließlich am Markt entscheidende Positionen. Dass man diese Entwicklung in Italien schon lange als mentalen Hintergrund für seine Produktargumentation benutzt, ist Tatsache. Während den deutschen Herstellern die Margen nicht mehr ausreichten, konnte Italien mit moderaten Angeboten den Markt in diesem Segment der industriellen Fertigung adressieren. Heute ist Italien im Segment ‚ Kellereimaschinen‘ eine der führenden Produzenten weltweit. Die technischen Lösungen haben Hand… Mehr