Schweine tragen keinen Panama-Hut

Sollten Finanzminister pflichtgemäß Panamahüte tragen? Der Hut, das Hirn, die Steuern, wie das alles zusammenhängt und warum Panama der Aasgeier des Steuerwettbewerbs ist.

@ Fotolia

Lieber Wolfgang Herles,

diese Woche muss ich Ihnen widersprechen. Der aus Toquillastroh geflochtene Panama-Hut ist eines der wertvollsten Kleidungsstücke, das die Menschheit je innoviert hat.

I.

ER ist leicht, lässt sich zusammenrollen und im Koffer in jene Länder transportieren, in denen es immer regnet. Er schützt den Kopf vor Hitzeeinstrahlung. Gerade der Kopf ist doch unser wichtigstes Produktionsmittel! Und kein anderes Futteral ist besser für dieses unser wertvollstes Asset als der Panamahut im Sommer und im Winter übrigens der Tiroler. Ich hätte Ehrerbietung erwartet. Ja, ich weiß, man trägt nicht mehr Hut. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es in modernen Garderoben nicht einmal mehr Haken für den Hut gibt? Man steht mit dem Hut in der Hand hilflos vor der Garderoben-Mamsell und weiß nicht wohin damit. Wenn Sie schreiben: „Die Sau trägt Panama-Hut“ dann halte ich Ihnen entgegen: Kein Schwein trägt mehr Hut, aber unvermeidlich wird zum Schwein, wer keinen Hut trägt, das ist ein echter was? Zirkelschluss? Nein, die Wahrheit. Denn wenn es dem Kopf im Winter so sehr zu kalt wie im Sommer zu heiß wird, dann fördert das nicht das Denkvermögen. Der Zustand dieses Landes ist ein Reflex auf die Verachtung des Hutes. Gönnen Sie sich einen Panama! Und spätestens nach drei Sommern Eingewöhnungszeit werden Sie mir Recht geben.

II.

Überhaupt Panama. Ich habe auch eine Briefkastenfirma. Alles, womit diese Kolumnen entstehen, passt zwischen Zeitungen und Briefe, nur Werbesendungen verstopfen meinen Briefkasten. Er ist klein, aber mein. Aber ich brauche einen rechtlichen Sitz im Briefkasten, damit die Zahlungsaufforderungen vom Finanzamt mich finden.

Beim Schreiben und Nachdenken sitze ich woanders; meist im Zug, im Kaffeehaus, oft im Flieger und neuerdings wieder auf dem Balkon. Übrigens mit Panama-Hut, denn sonst fällt mir nichts ein oder verdampft sofort.

Ich ärgere mich daher jedesmal, wenn ich GEZ-Gebühren für meine Briefkastenfirma zahlen muss, denn der Abstand zum Bildschirm ist wirklich verdammt eng. Im Briefkasten Tatort schauen? Das geht nicht. Aber zahlen muss ich trotzdem – und es wird kontrolliert. In Deutschland wird eben alles kontrolliert und abkassiert, auch der kleinste Briefkasten (Bald gibt es auch eine DIN-Norm für Paketstationen, war diese Woche zu lesen. Dabei ist der 1. April schon vorbei, nur für die deutsche Bürokratie ist immer 1. April).

III.

Ist es jetzt also das „Ende des Kapitalismus“, wie manche behaupten, weil mit den Panama-Papieren die Briefkastenfirmen in der Karibik auffliegen? Respekt: Es ist schon toll, wer jetzt mit fragwürdigen Geldschiebereien auffliegt. Unternehmen sind wenige dabei, denn die brauchen wie ich tatsächliche Briefkästen, ganz legal.  Aufgeflogen sind je ein Geheimagent und ein Autorennfahrer, viele Dikatoren, Potentaten, Politiker und ein König. Das hat einen guten Grund: Die müssen ihr Geld in Sicherheit bringen, weil sie fürchten, dass ihre Nachfolger sie sonst enteignen. Das gilt vermutlich für Putin ebenso wie für den saudischen König, der sein ganzes Land als persönliches Portemonnaie betrachtet und auch so ausnimmt.


Brief an den Blogwart
Die Sau trägt Panamahut! Warum mich heute wirklich der Zorn packt.
Kaiserin Sissi von Österreich, das Traumidol, war am Genfer See auf dem Weg vom Hotel Beau-Rivage zum Schiff war, mit dem sie nach Crux weiterreisen wollte, als  sich der italienische Anarchist Luigi Lucheni auf sie stürzte und ihr eine von ihm selbst zugespitzte Feile ins Herz stieß. Sissy wollte ihren Briefkasten besuchen, wo  ihr Privatvermögen versteckt war. Alle Menschen versuchen, ihr Eigentum in Sicherheit zu bringen. Wir leben und arbeiten, um zu leben, nicht um Steuern zu zahlen. Diese Banalität muss man aussprechen, denn sie geht in der deutschen Diskussion verloren wie das Bewusstsein um die Wichtigkeit der Kopfbedeckung. Und wie die zunehmende Gehirnerweichung wegen falscher Temperierung geht das Wissen darum verloren, dass wir eben keine Stallhasen der Finanzminister sind, sondern umgekehrt uns Finanzminister halten, dass sie unsere öffentlichen Kassen in Ordnung halten statt sie zu versauen.

IV.

Je unsicherer die Staaten  – umso findiger die Fluchtrouten. Deshalb sind die Reichen Chinas auf der Flucht: Ihre Kinder studieren in Amerika, ihr Vermögen wandert via Panama in die USA und nach Deutschland. Nachhaltig erfolgreich sind nur Gesellschaften, die ein stabiles Rechts- und Wirtschaftssystem haben, in dem die Menschen reich werden können – und in dem für die weniger Erfolgreichen  sozial gesorgt wird. Das ist seit Ludwig Erhard das Erfolgsrezept für Deutschland. Schlampige Gesetze, Schlupflöcher, politische Willkür, aber auch zu hohe Steuern zerstören die Balance. Deshalb sind Steuerparadiese die Aasgeier der Wirtschaft: Wenn die Unsicherheit oder Lust der Politiker am Besteuern zu groß wird, flieht der Reichtum und lässt alle ärmer zurück. Das mag ungerecht sein. Die Reichen fliehen in den Wohlstand, die Armen bleiben ungeschützt vor ihren Finanzministern zurück.

V.

Diese Woche forderten Landesfinanzminister, alle Dieselautofahrer höher zu besteuern, weil VW geschummelt hat. Kein Unsinn ist zu blöd, als dass er von den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht gefällig als Grund für Steuererhöhungen weiterverbreitet werde. Die OECD weißt darauf hin und Sie, lieber Herles aus, dass unser Steuersystem erstens ungerecht ist und zweitens zu hohe Steuern kassiert. Ich wäre daher für eine allgemeine Hut-Pflicht für Finanzminister. Am Ende leiden aber nur die Kleinen unter ihrer Schikane, Regelwut und Gier. Deshalb ist die Aufregung so scheinheilig. Das letztere habe ich übrigens bei Ihnen abgeschrieben, nur mit erfinden kommt man nicht weiter. Ich muss ja schließlich verdienen für den Finanzminister und die GEZ. Denn meinen kleinen Briefkasten kann ich nicht nach Panama umhängen, das geht nur mit ganz großen.  Bei den Kleinen dagegen klappt die Kontrolle – bis hin zur unvermeidlichen GEZ-Gebühr. Obwohl, ein Versuch wäre es wert, oder?

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