Auch im April setzt sich die katastrophale Entwicklung der deutschen Industrie fort. Der Auftragseingang geht in die Knie, Industrievertreter schieben den Nahost-Konflikt als Begründung vor. So kommen wir in diesem Land nicht mehr weiter.
IMAGO / Westend61
Ganz gleich, welche Kreditsummen Friedrich Merz und sein Finanzminister Lars Klingbeil aktivieren mögen: Es gelingt ihnen nicht einmal mehr, ein konjunkturelles Strohfeuer in der deutschen Industrie zu zünden. So schwer wiegt der Schaden, den Klima- und Energiepolitik sowie Überbürokratisierung den einst am Weltmarkt so erfolgreichen deutschen Betrieben zugefügt haben.
Monat für Monat ist es das gleiche Schauspiel: Die Kernsektoren der deutschen Industrie melden trotz massiver Investitionen des Staates in den Rüstungssektor verheerende Zahlen. Im April las sich der Auftragseingang der deutschen Industrie erneut wie eine wirtschaftliche Horrorshow. Unterm Strich steht ein gesamter Rückgang bei den Industrieaufträgen im Vergleich zum März um 3,8 Prozent.
Die Krise der deutschen Industrie wird seit dem Jahr 2018 immer sichtbarer. Seitdem stagniert die Arbeitsproduktivität, inzwischen ist sie sogar leicht rückläufig. In Kernsektoren wie der Chemie ist die Produktion seither teilweise um mehr als 20 Prozent eingebrochen. Das entspricht einer ökonomischen Depression und keinem lehrbuchartigen Konjunkturverlauf.
Was er verschweigt: Die gegenwärtigen Probleme sind hausgemacht. Sie haben nichts, aber auch rein gar nichts mit dem Preiseffekt infolge der Sperrung der Straße von Hormus zu tun, deren Auswirkung auf die Energiepreise bislang begrenzt blieb. In Wahrheit scheut die deutsche Funktionärsebene den Konflikt mit Politik und Medien und hält krampfhaft an einem politischen Status quo fest, der nur allzu oft mit Subventionen und staatlichen Hilfszahlungen einhergeht.
Wie irreführend der Verweis auf die Iran-Krise tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt, der seit dem Jahr 2018 unter massivem Druck geraten ist. Seit dem Spitzenjahr der Industrie unmittelbar vor den Corona-Lockdowns strichen die Firmen in diesem zentralen Sektor der deutschen Wirtschaft 341.000 Arbeitsplätze zusammen. Und dieser Trend hat bis heute nicht nachgelassen. Auch in diesem Jahr werden wieder Zehntausende von Industriejobs aus Deutschland auf andere Standorte in der Welt, vorzugsweise die Vereinigten Staaten, verlagert.
Die Folgen reichen weit über den Verlust einzelner Arbeitsplätze hinaus. Mit jedem verlagerten Entwicklungszentrum und jedem geschlossenen Werk geht produktives Wissen verloren, das kaum noch zu ersetzen ist.
Aus dem anhaltenden Brain Drain ergibt sich der Verlust von Ingenieurswissen – ein unabschätzbarer Schaden, der eines Tages dazu führen wird, dass es möglicherweise am Know-how fehlt, wenn sich die Gesellschaft auf den Weg zurück zur wirtschaftlichen Vernunft machen sollte. Bereits jetzt ist es kaum noch möglich, Großprojekte wie den Berliner Flughafen BER oder den Stuttgarter Bahnhof Stuttgart 21 auf eine Weise auszuführen, die weder die öffentlichen Haushalte überstrapaziert noch im Anschluss an die Arbeiten zu anhaltenden Problemen und Reparaturarbeiten führt.
Deutschlands industrieller Abstieg schreitet dabei mit wachsender Geschwindigkeit voran. Der Ökonom Thorsten Polleit berechnet zur Visualisierung des entstehenden ökonomischen Schadens in regelmäßigen Abständen die Abweichung der deutschen Industrieproduktion vom ursprünglich etablierten Wachstumspfad. Aktuelle Auswertungen zeigen eine Lücke von rund 25 Prozent gegenüber dem hypothetischen Produktionspfad, der sich ohne die strukturellen Belastungen der Energie- und Standortpolitik fortgesetzt hätte.
Deutschland ist zum toxischsten Wirtschaftsstandort unter den großen Wirtschaftsnationen mutiert. Die Firmen, das zeigte die Nettoinvestitionsquote schon zum Jahreswechsel, ziehen ihr Geld ab und erhalten nicht einmal mehr den bestehenden Kapitalbestand. Im Vergleich zur Jahrtausendwende fehlen über drei Prozent des am BIP gemessenen Investitionsvolumens der Privatwirtschaft, also etwa 140 Milliarden Euro im Jahr. Eine Debatte über die Rolle des Staates, der mit seinem massiven Schuldenprogramm und seinen andauernden Interventionen die Privatwirtschaft regelrecht aus dem Markt drängt, wird in Deutschland auf allen Ebenen der Gesellschaft verweigert. Doch liegt eben hier der Schlüssel zum Verständnis der Krise.




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