Die Schließung der Archäologie in Berlin: Symptom einer tieferen Krise

Zivilisationen verschwinden, wenn man sich ihrem Vermächtnis nicht mehr verbunden und verpflichtet fühlt. Die Abschaffung der Archäologie an der Berliner Humboldt-Universität ist das Symbol einer tiefen europäischen Krise.

IMAGO / Ardan Fuessmann
Humboldt-Universität Berlin

Die Nachricht ging in der allgemeinen Flut der täglichen Aufregungen zur Ukraine, zum Iran oder zum Kasperle-Theater der deutschen Politik beinahe unter: Das Winckelmann-Institut für Archäologie der Humboldt-Universität zu Berlin soll im Zuge der aktuellen Sparmaßnahmen schrittweise abgewickelt werden und Mitte 2030 ganz verschwinden. Zwar vermeidet die Universitätsleitung den Begriff der „Schließung“ und spricht stattdessen von einer „Neuaufstellung“, doch die praktische Konsequenz ist klar: Professuren sollen nach dem Ausscheiden ihrer Inhaber nicht mehr neu besetzt werden, sodass das Institut totschrumpfen wird. Langfristig dürfte damit eine Institution verschwinden, deren Geschichte bis in die Gründungszeit der Berliner Universität zurückreicht und engstens mit dem klassischen deutschen Bildungsideal des 19. Jahrhunderts verbunden ist.

Betroffen sind damit nicht nur einzelne Lehrstühle, sondern zentrale Bereiche der Altertumswissenschaften, darunter die Klassische Archäologie, die Ägyptologie und die Sudanarchäologie. Wie zu erwarten war, hat die Entscheidung heftige Proteste von Studenten, Professoren und Fachverbänden ausgelöst und die üblichen offenen Briefe und Petitionen generiert. Zu Recht wird dabei immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich hierbei nicht um irgendein universitäres Randfach handelt: Das Berliner Winckelmann-Institut gehört zu den traditionsreichsten Einrichtungen seiner Art überhaupt und ist eng mit den Staatlichen Museen, der Museumsinsel, dem Deutschen Archäologischen Institut und zahlreichen internationalen Forschungsprojekten verbunden.

Die Universitätsleitung hingegen verweist in einer bereits seit langem eingeübten Rhetorik wie üblich auf finanzielle Zwänge. Tatsächlich sind die Berliner Hochschulen mit erheblichen Kürzungen konfrontiert, und niemand wird bestreiten können, dass begrenzte Mittel schwierige Entscheidungen erzwingen; dennoch lohnt es sich, genauer hinzusehen, was die tatsächlichen Prioritäten von Bund und Ländern betrifft, bedenkt man, dass in den letzten Jahren immerhin 173 Professuren für Gender-Studies geschaffen worden sind. Die Bedeutung dieser Entwicklung erschöpft sich also nicht in der Frage nach einzelnen Haushaltspositionen, sondern verweist vielmehr auf einen grundlegenden Wandel unseres Verständnisses von Bildung, Wissenschaft und Kultur.

Traditionell sollte die Universität sowohl eine Ausbildungsstätte für unmittelbar verwertbare Kompetenzen sein als auch Hüterin des kulturellen Gedächtnisses einer Gesellschaft, wobei es seit dem Mittelalter nie nur um „Ausbildung“ ging, sondern um ganz konkrete individuelle menschliche Selbstentfaltung, bei der Lehrkörper und Studenten sich als wesentlich gleichberechtigt begriffen. Bestimmte Fächer wurden daher nicht deshalb gepflegt, weil sie kurzfristige wirtschaftliche Erträge versprachen, sondern weil sie zur geistigen Selbstvergewisserung und gleichzeitig humanistischen Entfaltung von Einzelmensch und Gemeinschaft beitrugen. Die Erforschung der Antike, des Alten Ägypten oder der anderen Hochkulturen diente natürlich auch der Vermehrung hochspezialisierten Wissens und somit der Stillung menschlicher Neugierde; sie ermöglichte es gleichzeitig aber auch dem Europa der Neuzeit, sich seiner eigenen historischen Stellung bewusst zu werden, die langen Entwicklungslinien zu erkennen, aus denen seine Institutionen, Werte und Denkformen hervorgegangen sind, und seine eigenen Entscheidungen immer wieder an den anderen großen Zivilisationen der Geschichte zu messen.

Gerade die Archäologie besitzt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung: Die Materialität der Vergangenheit ermöglicht es, die Einseitigkeit vieler literarischer Zeugnisse aufzubrechen; gleichzeitig machen Tempel, Gräber, Münzen, Keramik oder Wasserleitungen immer wieder sichtbar, dass jede Kultur auf den Leistungen zahlloser Generationen beruht und keineswegs „spontan“ entsteht, sondern das Ergebnis langer Prozesse kultureller Verdichtung ist. Wer archäologisch denkt, entwickelt zwangsläufig ein Gespür für historische Tiefe, für Kontinuität und für die Zerbrechlichkeit kultureller Errungenschaften.

Genau diese Perspektive scheint jedoch in unserer Gegenwart zunehmend verlorenzugehen, seitdem Universitäten immer häufiger nach Kriterien bewertet werden, die ursprünglich aus der Unternehmenswelt stammen, und aufgrund derer Effizienz, Drittmittel, Verwertbarkeit und kurzfristige Nachfragen in den Vordergrund treten. Fächer, deren Nutzen sich nicht unmittelbar in ökonomischen Kennzahlen ausdrücken lässt, geraten somit selbstverständlich unter Rechtfertigungsdruck und werden regelmäßig hochmütig als „Orchideenfächer“ belächelt. Die Frage lautet dann nicht mehr, welchen Beitrag eine Disziplin zum geistigen Selbstverständnis einer Gesellschaft leistet, sondern welchen unmittelbaren Nutzen sie in einem bestimmten Haushaltsjahr erzeugt.

Eine solche Sichtweise verkennt jedoch den eigentlichen Charakter kultureller Institutionen, deren Wert gerade darin liegt, dass sie langfristige Aufgaben erfüllen, wie zumindest im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert noch allgemein bekannt waren. Eine Gesellschaft investiert in Archive, Bibliotheken, Museen oder altertumswissenschaftliche Institute nicht deshalb, weil deren Nutzen jederzeit quantifizierbar wäre, sondern weil sie das kulturelle Gedächtnis bewahren, ohne das keine dauerhafte Gemeinschaft bestehen und sich weiterentwickeln kann, indem sie sich an der eigenen Vergangenheit wie auch der Vergangenheit anderer Zivilisationen misst. Eine Zeitlang bemühten sich bedrohte Fächer dann, durch eine Abstimmung von Lehre und Forschung mit hochideologisierten Modethemen wie Migration, Klima oder Gender politische Unterstützung zu erbetteln, doch auch hier sollte der Mohr, nachdem er seine Schuldigkeit getan haben, zur Hintertür herausgeschickt werden.

Die Symbolik des Berliner Falls ist dabei eine ganz besondere, denn die Schließung erfolgt ausgerechnet an jener Universität, die wie kaum eine andere für das klassische abendländische Bildungsideal steht: Wilhelm von Humboldt, wahrscheinlich wie so viele große Denker außerhalb seiner Heimat bekannter als innerhalb, verstand Bildung als einen Prozess der geistigen Formung des Menschen durch die Begegnung mit Geschichte, Sprache, Kunst und Philosophie. Die Beschäftigung mit der Antike bildete dabei keinen Luxus, sondern aufgrund ihres einzigartigen Bezugs zum Denken des christlichen Mittelalters und der Aufklärung einen Kernbestandteil humanistischer Selbstentfaltung. Wenn heute also ausgerechnet an der Humboldt-Universität die Grundlagenfächer der Altertumswissenschaften zur Disposition stehen, dann zeigt dies, wie weit wir uns bereits von diesem Verständnis entfernt haben.

Noch problematischer erscheint jedoch eine andere Entwicklung. Parallel zum institutionellen Rückzug aus der Erforschung der eigenen kulturellen Wurzeln wächst die Tendenz, Tradition generell mit Misstrauen zu betrachten. Die Beschäftigung mit europäischer Geschichte, klassischer Bildung oder kultureller Kontinuität gerät nicht selten unter den Verdacht politischer Rückwärtsgewandtheit. In Teilen des öffentlichen Diskurses wird jede positive Bezugnahme auf das eigene historische Erbe rasch als Ausdruck eines vermeintlich problematischen Konservatismus interpretiert, auch und gerade in den Altertumswissenschaften, die oft genug gerade im angelsächsischen Raum in den Ruch gekommen sind, angeblich zivilisatorischen Patriotismus und identitäres Selbstverständnis zu fördern und wesentlich auf „kolonialistischen“ Fiktionen zu basieren.

Die Folge ist eine eigentümliche Entfremdung vom Eigenen; nicht unähnlich der Feststellung Ciceros, der in einer nicht unähnlichen Situation beklagte, zusammen mit seinen Zeitgenossen durch die eigene Heimatstadt Rom zu wandern „wie Fremde“. Während andere Zivilisationen wie China oder Indien ihre Vergangenheit weiterhin und sogar zunehmend als Quelle von Identität, Legitimität und Orientierung begreifen, entwickelt Europa zunehmend Schwierigkeiten, das Eigene überhaupt noch zu benennen. Die Kenntnis der antiken Kultur, des Christentums, der mittelalterlichen Tradition oder der neuzeitlichen europäischen Geistesgeschichte schwindet im Rekordtempo; gleichzeitig wird von den Bürgern erwartet, sich in einer immer komplexeren und kulturell vielfältigeren Welt souverän zurechtzufinden und sie aus eigenem Anstoß auch noch zu bejahen.

Doch wie soll eine Gesellschaft fremde Kulturen verstehen, wenn sie die eigene nicht mehr kennt? Wirklicher kultureller Dialog setzt stets ein Bewusstsein der eigenen Identität voraus. Nur wer weiß, woher er kommt, kann auch verstehen, worin er sich von anderen unterscheidet und was ihn mit ihnen verbindet – eine Aussage, die dadurch nicht falscher wird, dass man sie seit tausenden von Jahren in vielerlei Abwandlungen immer wieder zu hören und lesen bekommt. Wer hingegen den Zugang zur eigenen Geschichte verliert, dem fehlt der Maßstab, um kulturelle Unterschiede überhaupt sinnvoll wahrzunehmen, im Guten wie im Schlechten. Und schlimmer noch: Mittlerweile ist es ja nicht nur die Beschäftigung mit der „eigenen“ Zivilisation, die an den meisten europäischen Universitäten immer randständiger wird, sondern auch die anderen Zivilisationen werden, etwa im Gegensatz zur wissenschaftsgeschichtlichen Realität des so verschrieenen 19. Jahrhundert, ebenfalls kaum noch in Lehre und Forschung behandelt. Während vorher jede größere Universität, die etwas auf sich hielt, neben der klassischen Altertumswissenschaft selbstverständlich auch Lehrstühle für Assyriologie, Ägyptologie, Indologie, Sinologie und Islamistik unterhielt, muss man diese Fächer heutzutage, gerade im Zeitalter des „Multikulturalismus“, überall mit der Lupe suchen.

Die schrittweise Auflösung der Archäologie an der Humboldt-Universität mag im Berliner Haushalt nur eine Randnotiz darstellen. Kulturgeschichtlich betrachtet könnte sie sich jedoch als Sinnbild einer tieferen Entwicklung erweisen, nämlich der allmählichen Ablösung des Abendlands von den geistigen Grundlagen seiner eigenen Existenz. Denn Zivilisationen verschwinden selten dadurch, dass einfach nur ihre Bauwerke oder Bücher zerstört werden; häufiger verlieren sie zunächst die Fähigkeit, den Sinn ihrer eigenen Überlieferung überhaupt zu erkennen; und wenn das kulturelle Gedächtnis einmal erlischt, werden auch die materiellen Zeugnisse bedeutungslos, egal, ob sie formal noch eine Weile weiterbestehen oder nicht.

Gerade deshalb sollte die Debatte um die Berliner Archäologie nicht als Spezialinteresse einiger Wissenschaftler verstanden werden, betrifft sie doch die grundsätzliche Frage, ob Europa seine Vergangenheit weiterhin als Last betrachtet oder wieder lernt, sie als Voraussetzung seiner Zukunft zu begreifen.

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