Parteien-Staat: Und täglich grüßt der Funktionär

Deutschlands Politik vermodert in einer Zeitschleife. Immer dieselben Leute mit immer denselben Sprechblasen in immer denselben Ritualen: Da kann nichts vorangehen. Das Parteiensystem wird unser Land nicht retten. Im Gegenteil.

picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Wahnsinn, hat Albert Einstein einmal gesagt, ist die Weigerung, etwas anders zu machen – aber trotzdem auf andere Ergebnisse zu hoffen.

Nehmen wir die Sozialdemokraten. Am Montagabend haben die beiden Co-Vorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil wörtlich wissen lassen, die SPD dürfe nicht als Partei des „Weiter so“ und des Status quo wahrgenommen werden. Gleichzeitig gaben beide bekannt, dass der Status quo in der Parteiführung beibehalten wird und man dort so weitermacht wie bisher.

Sag zum Abschied leise Servus:
Die SPD ist nur noch ein Apparat
„Ich ducke mich nicht weg“, erklärte Klingbeil mit einem heroischen Unterton. Auch Frau Bas betonte, in Zeiten „mit zwei Kriegen“ laufe man nicht weg. Subtext: Ohne uns würde doch alles nur noch schlimmer werden. Man fragt sich schon, was nach 5,5 Prozent in Baden-Württemberg und der Abwahl des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten in Rheinland-Pfalz sowie des Münchner SPD-Oberbürgermeisters eigentlich noch schlimmer werden könnte. Abgesehen davon, dass sich natürlich niemand – kein einziger Mensch – in der Ukraine oder im Iran dafür interessiert, wer gerade SPD-Vorsitzender in Berlin ist.

Doch lassen wir mal diesen inhaltlichen Quatsch und die hochnotpeinliche Selbstbeweihräucherung der SPD-Chefs beiseite. Das ist gar nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, dass Deutschlands älteste noch existierende politische Partei erkennbar jede Fähigkeit verloren hat, morgen irgendetwas anders zu machen als heute. Und heute konnte sie auch schon nichts anders machen als gestern.

Noch nicht einmal im Angesicht des eigenen politischen Todes.

Routinereflexe

Das ist kein Zufall. Es ist ein Muster. Nicht nur die SPD ist darin gefangen, sondern alle politischen Parteien in Deutschland.

Besonders drastisch führt das in diesen Tagen die FDP vor. Die spielt keine Rolle mehr. Umso erstaunlicher ist es, dass sogar die selbsternannten Liberalen an allen Ritualen festhalten, deretwegen die Partei in die politische Bedeutungslosigkeit gestürzt ist.

Nach dem Rauswurf aus dem Bundestag haben die PR-Berater der FDP den Funktionären aufgeschrieben, dass man nun von „Erneuerung“ reden solle. Das tat auch Christian Dürr. Der Mann ist drei Jahre lang als Fraktionsvorsitzender im Bundestag nicht nur alle, aber auch wirklich alle Irrwege seiner Partei mitgegangen: Nein, er hat sie maßgeblich dorthin geführt. Und ausgerechnet dieser Mann – der für alles verantwortlich war, weshalb die FDP abgewählt wurde – präsentierte sich selbst als die „Erneuerung“.

Das war schon irre. Noch irrer war nur die Tatsache, dass Dürr dann tatsächlich zum Parteivorsitzenden gewählt wurde.

Herles fällt auf
Eine kurze Geschichte des Niedergangs von SPD und FDP
Nur Dummköpfe konnten überrascht davon sein, dass Dürr natürlich überhaupt nichts neu machte und dass mit ihm folgerichtig alles nur noch schlimmer wurde: raus aus dem Parlament im Stammland Baden-Württemberg, raus aus dem Parlament jetzt auch in Rheinland-Pfalz. Nun plötzlich sind Zweifel an der Parteibasis zu hören, ob Dürr wirklich der richtige Mann da oben ist. Welchen tiefen Schlaf haben diese Zweifler in den vergangenen drei Jahren geschlafen?

Den Zustand unseres Parteienstaates zeigt kaum etwas drastischer als die Führungsdebatte bei den Liberalen.

Dürr ist inzwischen zwar zurückgetreten – will aber auf dem kommenden Parteitag trotzdem wieder als Parteichef kandidieren. Ansprüche meldet auch Marie-Agnes Strack-Zimmermann an: professionelle Schreihälsin, bei der man nicht so genau weiß, ob sie nun mehr Geld in ihrem Job als EU-Abgeordnete verdient oder durch das quasi berufsmäßige Verklagen von unliebsamen Bürgern.

Bei der FDP kandidiert ein Mann von gestern gegen eine Frau von vorgestern. Und die Frau von vorgestern wird wohl gewinnen.

Dass Berufspolitiker sich an ihren Sesseln festtackern, ist nicht neu. Das sagt etwas über ihren Charakter aus. Neu ist, dass sie damit selbst dann durchkommen, wenn sie ihren eigenen Laden in den Ruin regiert haben. Das sagt etwas über das politische System aus.

Geschlossene Gesellschaft

Der Parteienstaat ist erstarrt. Personell, systematisch, inhaltlich.

Wer einmal drin ist, bleibt drin – und hält alle anderen fern, so gut es geht. Multifunktionäre sind die Regel, das verringert das „Störfeuer“ von Neulingen, denen man machtpolitisch nicht trauen kann, weil man nicht weiß, zu welcher Seilschaft sie gehören.

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Parteisitzungen beginnen um 18.00 Uhr – da können halt nur die Berufspolitiker und deren Referenten sowie andere Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst. Schon die normale Verkäuferin wird dadurch von der politischen Beteiligung ferngehalten, vom selbstständigen Handwerker ganz zu schweigen. Erst recht, wenn die Parteifunktionäre sich beharrlich weigern, Parteisitzungen online durchzuführen.

Demokratie lebt vom Wechsel der Personen. Doch in Deutschland – und in vielen anderen westlichen Industriestaaten – kann der Bürger auch die unfähigsten Politiker nicht mehr loswerden. Es ist eine Kaste, die sich Strukturen geschaffen hat, die sie unabwählbar machen. Längst entscheidet nicht mehr der Bürger darüber, wer ins Parlament einzieht – sondern die Partei.

Parteilisten sind das Schlimmste, was einer Demokratie passieren kann.

Um es einmal deutlich zu sagen: Jedes, ausnahmslos jedes Argument für eine Listenwahl ist vorgeschoben. In Wahrheit geht es dabei immer ausschließlich darum, so viel Macht wie nur irgend möglich in den Händen von Parteiapparaten zu konzentrieren. Die letzte „Wahlrechtsreform“ hat das alles nur noch verschärft.

Festgemauert in der Erden

Deutschlands Demokratie wird ihrem Namen nicht mehr gerecht.

Immer dieselben Figuren, immer dieselben Sprechblasen, immer dieselben Rituale. Und im Ergebnis, nicht weiter verwunderlich, immer dieselbe Politik. Eine materiell übersättigte und intellektuell inzestuös ausgelaugte Politikerkaste hat nur noch den einzigen Daseinszweck, sich selbst an der Macht zu halten.

Landtagswahlen
Die politische Landschaft ändert sich langsam – aber sie ändert sich
In den vergangenen 28 Jahren hat die SPD sage und schreibe 24 Jahre lang den Kanzler oder den Vizekanzler gestellt. Fast ein Vierteljahrhundert mit einer kleinen Unterbrechung in der Regierungsverantwortung: Da kann man mit einiger Berechtigung von einer Staatspartei sprechen.

Wie sehr die Funktionäre sich mental in ihren Staatsämtern häuslich eingerichtet haben, erkennt man schlagartig, wenn sie die Ämter plötzlich verlieren.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter ist gerade nach zwölf Jahren im Amt abgewählt worden. Das ist der normalste demokratische Vorgang der Welt. Aber der bayerische Sozialdemokrat reagiert auf die denkbar verstörendste Weise: Er löscht all seine Kanäle in den Sozialen Medien – und meldet sich krank. Seine Amtszeit dauert noch fünf Wochen. So lange wird er vom Münchner Steuerbürger bezahlt. Deutlicher könnte Reiter seine Verachtung für demokratische Prozesse nicht dokumentieren.

Ähnliches gilt für Alexander Schweitzer. Der Sozialdemokrat wurde gerade als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz abgewählt. Es gibt gute und schlechte Verlierer, Schweitzer ist ein schlechter. Der Wahlnachbesprechung des SPD-Bundesvorstands in Berlin am vergangenen Montag blieb er tief beleidigt fern. Das nennt man wohl zweifelhafte Dienstauffassung: Der Mann ist stellvertretender Bundesvorsitzender seiner Partei.

Weg damit

Der Berufspolitiker mag in der Gründungsphase der Bundesrepublik eine sinnvolle Idee gewesen sein. Wenn man sich heute umsieht in der Welt, dann kann man aber nur feststellen: Nirgendwo, wirklich nirgendwo ist eine Demokratie zu sehen, in der die möglichen Vorteile des Berufspolitikertums größer wären als die ganz realen Nachteile.

Wenn wir wollen, dass unser Land nicht endgültig den Bach runtergeht, dann müssen wir neue Dinge probieren. Alles andere wäre, mit Einstein gesprochen, eben einfach nur Wahnsinn.

Warum sollten wir es nicht ohne Berufspolitiker versuchen – und ohne Parteien? Schlimmer, mit Verlaub, kann es ja nicht mehr werden.

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Kommentare ( 44 )

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44 Comments
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bfwied
15 Tage her

Keine Listen mehr, keine Zweitstimme, nur direkt gewählt. Diejenigen beiden mit den meisten Stimmen, kommen ins Parlament!! Und sie sind direkt verantwortlich vor den Wählern. In unserem verkorksten System kommen Leute in Führungspositionen, die weder den Wählern verantwortlich sind noch mit den Erststimmen nennenswert gewählt wuden, s. u. a. Fäser in der letzten Regierung! Wie losgelöst die von der Wirklichkeit und den Bürgern sind, sah man an ihrer Kandidatur zur Ministerpräsidentin!!! Praktisch niemand wollte sie.

Polit-Legastheniker
15 Tage her

Demokratie heute ist wie eine alte Ehe.
Funktioniert aus Gewohnheit
Regierung und Volk haben sich auseinander gelebt.
Streiten ständig und haben sich nicht mehr viel zu sagen.
Drohen gegenseitig mit der Scheidung.
Regierung geht fremd und verschwendet das Haushaltsgeld, sagt aber zu dem Volk, es soll sich noch eine Nebenbeschäftigung suchen.

Last edited 15 Tage her by Polit-Legastheniker
yeager
15 Tage her

Dass die Politik handeln kann, wenn sie will hat sie bei COVID gezeigt, bei der Schließung von KKW und Kohlekraftwerken, beim Finanzieren von NGOs über „Demokratie leben“, dem eifrigen Vorantreiben von Zensur, der Wiedereinführung der Majestätsbeleidigung und ganz beeindruckend bei Merz‘ massiven Sonderschuldenpaket. Es geht durchaus vieles voran, und wir sind auch nicht in einer Zeitschleife gefangen. Es geht nur in die falsche Richtung und die Beschwichtigungsrituale bleiben gleich. Wenn sich also bei manchen Themen absolut nichts bewegt, immer nur Sprechblasen abgesondert werden um die Leute zu beruhigen, aber dann der alte Kurs beibehalten oder gar verschärft wird, dann deshalb,… Mehr

M.Peter
15 Tage her

Sehr gute Analyse.
Leider fehlt mir der Glaube, dass die Klatschhasen und Schlafschafe „unserer Demokratie“ aufwachen, und gegen den Parteienstaat revoltieren.

H. Priess
15 Tage her

„Schreihälsin, bei der man nicht so genau weiß, ob sie nun mehr Geld in ihrem Job als EU-Abgeordnete verdient oder durch das quasi berufsmäßige Verklagen von unliebsamen Bürgern.“ Und als Lobbyistin für Rheinmetall und der Rüstungsindustrie. Ich glaube da „verdient“ sie die meißte Kohle. Sei es wie es sei, die Parteien haben sich den Staat zur Beute gemacht und werden diese mit Zähnen und Klauen verteidigen. Sie tun sich zusammen um ihre Pfründe zu sichern wobei irgendwelche Politikrichtungen, sei es grün, rot, links oder schwarz, überhaupt keine Rolle mehr spielen. Natürlich bekämpfen sie alles und jeden der ihnen dabei in… Mehr

Juergen P. Schneider
15 Tage her

Die Frösche sollen also den Sumpf trockenlegen? Wird nicht funktionieren. Die Wähler hätten ja eine Alternative zum links-grünen Kartell, sie könnten Veränderung wählen. Tun sie aber nicht. Sie maulen über die Zustände im Land, die sie an jedem Wahlsonntag immer wieder bestätigen, indem sie diejenigen wählen, die diese Zustände geschaffen haben. Die Blödheit in den Wahlkabinen hat auch Konsequenzen. Das System selbst ist nicht reformierbar, da die Reform von den Nutznießern durchgeführt werden müsste und zu ihrem Nachteil wäre.

Reinhard Schroeter
15 Tage her

Die , die da so dämlich in die Kamera grinsen dürften samt und sonders Westdeutsche sein.
Die und ihre Wähler haben Buntschland in den Ruin getrieben und bis auf die Grundfesten zerstört.
Kommt mir keiner mit Merkel. Die Stimmen aus dem Osten hätten niemals gereicht sie auch nur in die Nähe des Kanzleramtes zu bringen. Das sie 16 Jahre darin hocken konnte hat sie nur dem Wähler aus dem Westen zu verdanken.

Riffelblech
16 Tage her

Schaut in diese Gesichter und vergesst sie niemals !
Es wird die Zeit kommen wo man wieder fragt – was hast du gemacht ?

Mikmi
16 Tage her

Ich erkläre die Wahlen in Baden- Württemberg und Rheinland-Pfalz für ungültig, es liegt eine klare Wählertäuschung vor. Das was jetzt geplant ist, ist eine Unverschämtheit. Und wieso kann man jetztnicht mehr früher in Rente gehen, warum trifft dasdenn nicht auch auf Pensionäre? Und die Priv. Krankenversicherung, warum höre ich da nichts von Kürzungen?

Michael M.
16 Tage her
Antworten an  Mikmi

Ich vermute Sie sind nicht in der PKV, denn sonst würden Sie hier nicht so eine Neiddebatte anzetteln. Ich bin in der PKV (und kein Beamter), gerne lasse ich ihnen eine Aufstellung der jährlichen Beitragserhöhung aus den letzten 10 Jahren zukommen (und nicht das wir uns falsch verstehen, ich will hier nicht rumjammern, denn ich habe mich bewusst für einen Wechsel in die PKV entschieden und würde es jederzeit wieder tun, mich ärgert nur, dass viele meinen dort bekommt etwas geschenkt bzw. umsonst). Und wer, nach alledem was der Bundeskanzler (der 2. Wahl) vor der Wahl versprochen und dann nicht… Mehr

Last edited 16 Tage her by Michael M.
Mikmi
15 Tage her
Antworten an  Michael M.

Unter einer Neiddebatte verstehe ich etwas anderes und ja, warum werden Migranten nicht über die PKV versichert, das volle Programm? Es wird sich immer an der Rentenkasse bedient, an der Pflegekasse und an den Krankenkassen? Geld schein es bei der PVK ja genug zu geben, Mio. Gehälter für die Chefs? Was soll ich mit ihrer Aufstellung, wollen sie etwas jammern? Und was man uns als Reform jetzt anbietet, ich könnte kotzen und die dummen Wähler aus diesen zwei Ländern hoffentlich auch.

Thilo Braun
15 Tage her
Antworten an  Michael M.

In der PKV haben Sie immerhin einen großen Vorteil. Sie bekommen eine Gegenleistung für Ihre Beiträge. Sie sind bei Ärzten ein gern gesehener Patient und bekommen zeitnah Termine wenn Sie diese benötigen. In der GKV ist das ganz anders. Im Älter mag sich wegen zunehmender Beschwerden eine GKV auszahlen, aber wenn Sie vorher Termine haben möchten oder ärztliche Leistungen benötigen, haben Sie das Nachsehen. Nun kommen die neuen Pläne und die lauten zusammengefasst „Immer mehr zahlen für immer weniger Gegenleistung“. Und warum? Damit die ganzen Leistungsempfänger auch morgen noch optimal versorgt sind.

Retlapsneklow
16 Tage her

Warum redet man von „Regierungsverantwortung“? Dort trägt keiner Verantwortung und kann auch nicht zur Verantwortung gezogen werden. Maximal tritt einer zurück oder wird nicht mehr gewählt. Getragen wird nichts.

Politische „Verantwortung“, ein euphemistischer Begriff für beherrschen und kontrollieren.