Millionen, Macht und die Kunst, nicht hinzuwerfen

Nach dem blamablen WM-Aus trennt sich der DFB von Julian Nagelsmann. Der Bundestrainer wollte nicht freiwillig gehen. Nun wird über eine Abfindung von zehn Millionen Euro spekuliert – für einen Abschied zum Spitzenpreis.

IMAGO / ANP

Nun ist es endgültig aus – schneller als gedacht. Das Fußballvolk und die „Bild“ haben die Entscheidung wohl forciert, so tief sitzt der Frust. Julian Nagelsmann wurde an die Wand genagelt, auch weil der DFB-Coach dieser Tage gezeigt hat, dass man für eine politische Karriere gar kein Parteibuch braucht. Es reicht offenbar ein Mikrofon.

Auf die Frage, ob er nach dem blamablen WM-Aus seinen Rücktritt in Erwägung ziehe, kam keine klare Antwort. Stattdessen folgten Gegenfragen, Ausweichmanöver und schließlich der Satz des Tages: „Ich bin keiner, der hinschmeißt. Wenn der DFB nicht mehr mit mir plant, muss er mir das sagen.“

Ein Satz, der klingt, als wäre er direkt aus einem Seminar für Krisenkommunikation gefallen. Übersetzt bedeutet er ungefähr: Ich bleibe so lange sitzen, bis jemand den Stuhl unter mir wegzieht.

Dabei hätte man durchaus argumentieren können, dass der Bundestrainer selbst ein Zeichen setzt. Deutschland schied früh aus, spielerisch blieb vieles Stückwerk, die Stimmung wirkte angespannt. Aus dem Umfeld war immer häufiger zu hören, dass Nagelsmann längst nicht mehr jeden Spieler und auch nicht mehr die gesamte Kabine hinter sich habe. Ob das stimmt? Offiziell natürlich nicht. Inoffiziell reden im Fußball bekanntlich immer alle – nur nie öffentlich. Also: aussitzen.

Warum auch nicht?

Der Vertrag läuft schließlich noch bis 2028, also bis zur Europameisterschaft in England, Schottland, Wales und Irland. Wer da freiwillig aufsteht, müsste entweder Masochist oder Millionär sein. Nagelsmann ist eher Letzteres.

Der DFB hat tatsächlich die Reißleine gezogen, und die Trennung dürfte kein Schnäppchen werden. In gut informierten Fußballkreisen wird über eine Abfindung von rund zehn Millionen Euro spekuliert. Bestätigt ist das nicht. Aber allein die Größenordnung erklärt, warum Gelassenheit plötzlich zur wichtigsten Trainertugend wird.

Dabei gehört Nagelsmann ohnehin zu den Spitzenverdienern unter den Nationaltrainern. Nach einer gerade erst veröffentlichten Übersicht von Sky Sport Italia kassiert der Bundestrainer rund 4,9 Millionen Euro pro Jahr – sogar mehr als Frankreichs Weltmeistertrainer Didier Deschamps.

Der Gehaltsvergleich liest sich durchaus spannend. Er zeigt, wie tief die nationalen Verbände für ein wenig Glanz und Erfolg in die Schatztruhe greifen. Bitte keinen Neid an dieser Stelle, schließlich verhandelt jeder Trainer mit einem juristisch abgesicherten Beraterstab.

Kanadas US-Coach Jesse Marsch liegt bei etwa 2,5 Millionen Euro. Ebenso viel verdienen Javier Aguirre, der Mexiko trainiert, und Nagelsmann-Besieger Gustavo Alfaro. Der Paraguayer ist nun ein Held, selbst wenn seine Mannschaft gegen Frankreich ausscheidet. Darauf hatte Deutschland intern schließlich selbst gewettet: Endstation Frankreich.

Frankreichs Weltmeistertrainer Didier Deschamps kommt dagegen auf lediglich 3,8 Millionen Euro, Portugals Roberto Martínez auf rund vier Millionen. Noch mehr als Nagelsmann verdienen nur erfahrenere Übungsleiter: Mauricio Pochettino, Trainer der USA, erhält fünf Millionen Euro, Champions-League-Sieger Thomas Tuchel als englischer Nationaltrainer 5,8 Millionen Euro.

König der Großverdiener in Turnhosen ist der mehrfache Europapokalsieger Carlo Ancelotti, der diese Titel sowohl als Spieler als auch als Trainer gewann. Der brasilianische Nationaltrainer kassiert zehn Millionen Euro, hat dafür aber auch eine klare Aufgabe: den WM-Sieg.

Die Zahlen schwanken je nach Quelle zwar leicht. Andere Medien nennen für Nagelsmann knapp fünf bis rund sieben Millionen Euro jährlich. Die Reihenfolge bleibt jedoch nahezu identisch: Nagelsmann gehört zur Elite der bestbezahlten Nationaltrainer der Welt.

Nun lässt sich über Gehälter trefflich streiten. Millionen schießen keine Tore. Sonst müsste Brasilien jedes Turnier gewinnen und Kanada dürfte gar nicht erst antreten.

Was allerdings hängen bleibt, ist die Außendarstellung. Wer Verantwortung für eine Mannschaft übernimmt, trägt auch Verantwortung für Misserfolge. Im Fußball gehört das zum Geschäft. Manchmal bedeutet Führung eben auch, selbst Konsequenzen zu ziehen, bevor andere sie ziehen müssen.

In diesem Fall dachte das gemeine Fußballvolk, das sich um weitere Partys und öffentliche Fußballfeste betrogen fühlte, diametral anders als Nagelsmann und Bundeskanzler Merz. Von wegen: Deutschland sei in der Welt toll vertreten. Und Nagelsmann hätte womöglich noch bis zur Europameisterschaft weiteren Schaden anrichten können. Die Fans waren so richtig angefressen. Ja, die Millionarios blieben ehrliche Leistung schuldig.

Nagelsmann sah das offenbar bis zuletzt anders – vor Selbstbewusstsein nur so strotzend. Nun hat der DFB doch schnell den Stecker gezogen. Am Ende bleibt die Nagelsmann-Erkenntnis: Man muss nicht immer Weltmeister werden. Manchmal reicht es offenbar schon, einen sehr guten Vertrag zu haben.

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Kommentare ( 35 )

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BellaCiao
15 Tage her

Also, für 10 Millionen € wäre ich auch nicht freiwillig zurückgetreten!
Nagelsmann wird gewusst haben, was sein Nicht-Rücktritt wert ist.

mediainfo
15 Tage her

Nun ist es endgültig aus – schneller als gedacht. Das Fußballvolk und die „Bild“ haben die Entscheidung wohl forciert, so tief sitzt der Frust. 

Sie glauben dass diese Entscheidung erst in den letzten drei Tagen gefällt wurde? Meine Vermutung geht dahin, dass Nagelsmann nach dem verlorenen Spiel gegen Paraguay, selber keine Sekunde daran geglaubt hat, zwei Wochen später noch Bundestrainer zu sein.

Es wäre jedoch im Bezug auf die nun erzielte „Einigung“ unklug gewesen, sich nicht als bereit zum Weitermachen zu zeigen.

Michaelis
15 Tage her

Idiotenfußball ist nichts anderes als Geschäftemacherei!!! Vor allem deshalb interessiert mich dieser „Sport“ nicht die Bohne. Auch beim Deutschland-Kurier findet man das hier:

„Goldener Handschlag: Julian Nagelsmann tritt als Bundestrainer zurück – 7 Mio. Euro Abfindung“.

EIN SKANDAL!!!

Sonny
15 Tage her

In ein paar Monaten ist Nagelsmann vergessen. Genauso wie Löw und Flick.
Der Unterschied zwischen solchen Menschen und dem normalen Bürger, der seinen Job verliert ist, dass dem Normalo bei einem Rauswurf kein Millionenbonbon hinterhergeworfen wird.
Könnte ich mich mit 10 Millionen Euro in die Arbeitslosigkeit verabschieden, fühlte sich solch ein Rauswurf eher wie eine Belohnung an.
Halloooo! Wenn das nicht klappt mit Klopp – ich hätte Zeit.

Retlapsneklow
16 Tage her

Verträge sind einzuhalten. Gegen „Abfindungen“ bei vorzeitiger Entlassung ist nichts einzuwenden. Das sind vereinbarte Gehälter.

Ein erfolgloser Trainer muss nicht „moralisch“ freiwillig darauf verzichten. Das hat verschiedene, gute Gründe. Erfolglosigkeit einzig am Trainer festzumachen? Die Dinge sind komplexer. Der Trainer kann ein Bauernopfer sein.

Schließlich kicken viel schwergewichtigere Millionäre auf dem Platz. Wieviel wird von Seiten der DFB-Granden in die Spielerauswahl, die Aufstellung und die Taktik hineingeredet, wo jeder seine Duftmarke setzen will?

Wer den falschen Trainer anstellt, hat den Fehler gemacht.

maps
16 Tage her

Die Deutschen sind mehrheitlich Bücklinge, die sich selbst als Fussball-Fans ausrauben lassen, um irgendwelchen Losern Millionen hinterher zu schmeissen. Nicht einen Cent würde ich für dieses Mafia-System bezahlen.

Michaelis
15 Tage her
Antworten an  maps

👍👍👍

November Man
16 Tage her

Man wird den Eindruck nicht los, die Mannschaft wollte mit dem Ausscheiden eine richtige Klatsche gegen die Franzosen vermeiden.

mediainfo
16 Tage her

Übrigens hat der Herr Bundeskanzler anlässlich der Ablösung von Nagelsmann, diesem durch seinen Sprecher ausdrücklich danken lassen, für „sein Engagement und den Einsatz in den letzten Jahren als Bundestrainer der Nationalmannschaft“. Und da frage ich mich: Wie kann jemand so daneben liegen in dem, was er für notwendig und richtig erachtet? Nagelsmann hat wenig bis nichts gebracht als Bundestrainer, riesige Summen kassiert, ist bei der aktuellen WM grandios gescheitert, und der deutsche Regierungschef erweist ihm dafür seine Ehrerbietung. Oder geht es darum eine neue Regel zu etablieren, von der auch andere profitieren könnten: Dass ein Misserfolg nicht mehr Misserfolg, und… Mehr

Sonny
15 Tage her
Antworten an  mediainfo
  1. Der „Bundeskanzler“ schreibt so was nicht selbst. Wenn überhaupt liest er nur ab.
  2. Dafür hat er einen riesigen Referentenstab, die sich für ihn um alles kümmert.
  3. Man kann auch noch den größten Scheiß mit etwas Honig umdeuten. Darin hat Deutschlands Politikertum richtig Routine. Weil jeder Mißerfolg auf die selbst zurückstrahlt.
Michaelis
15 Tage her
Antworten an  mediainfo

Der Lügenkanzler liegt mit ALLEM daneben, was er sagt und was er tut, MIT ALLEM!!!

mediainfo
16 Tage her

Das Motiv für sein scheinbares Festhalten an der Tätigkeit als Bundestrainer liegt aus meiner Sicht auf der Hand: Hätte er direkt nach der Niederlage seinen Rücktritt erklärt, hätte er gegenüber dem DFB keinerlei Verhandlungsspielraum mehr bzgl. Abfindung gehabt. Und hätte mit dem gehen müssen, das für diesen Fall vertraglich vorgesehen war. Dadurch dass dies erst mit Abstand zum Spiel passiert, war genug Zeit, sich im Zusammenspiel mit seinen Beratern, vom DFB, zum Abschied die Taschen noch mal richtig füllen zu lassen. Er hat wie ein Angestellter gehandelt, der sein Vertragsende optimiert.

Last edited 16 Tage her by mediainfo
Dundee
16 Tage her

Seit 2014 geht’s mit dem Fußball bergab. Seit 2014 geht’s mit dem Land bergab. In beiden Fällen bis heute verantwortlich, ohne dass das gesehen wird, weil die Journaille es bis heute totschweigt: Merkel Kein Fußballtrainer hätte einen Sané aus der türkischen Provinz geholt und in die Startelf JEDEN Spiels gestellt, obwohl dieser in KEINEM Spiel eine Leistung brachte, die über der seiner nationaltürkischen Spielerkollegen gelegen hätte. Wie kommt ein Sané also in die Mannschaft? Und vor allem, wie bleibt er darin – ohne Leistung? Mama Merkel hat einen Narren an dem Bub gefressen, seit sie ihn einst halbnackt in der… Mehr

Last edited 16 Tage her by Dundee