Hundert Meisterwerke. Diesmal: Merkels Hofmalerei

Seit der Entwicklung der Fotografie sind Gemälde im Grunde nicht mehr nötig, um Politiker abzubilden. Sie sollen erkannt werden, nicht verehrt.

picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Seit der Antike lassen sich Herrscher abbilden. Nicht, wie sie wirklich aussehen und auf ihre Umgebung wirken. Sie stellen ja weniger ein Individuum, einen Charakter dar, als eine Rolle: Könige, Kaiser, Päpste. Ihre Porträts wurden oft von berühmten Künstlern gemalt, doch sie sind keine freie Interpretation, sondern Auftragsarbeiten. Ahnengalerien sind sinnvoll, solange sich Herrschaft auf Genealogie gründet. Von Gottes, nicht von Bürgers Gnaden.

Der Künstler stellt sich in den Dienst dieser Aufgabe. Sie besteht darin, den Porträtierten mit den Mitteln der Kunst zu erhöhen, zu überhöhen. So möchten sie gesehen werden. Das Abbild ist idealisierte Wirklichkeit. Der kritische, psychologische Blick des Künstlers ist nicht gefragt. Der Hofmaler ist ein Höfling, ein Propagandist, ein gut bezahlter Lakai.

Seit es Fotografie gibt, besteht eigentlich kein Grund mehr, Präsidenten und Regierungschefs in Öl auf Leinwand zu präsentieren. Sie sollen nicht verehrt werden, sondern erkannt. Doch so ein Gemälde „adelt“ den Dargestellten, ist die Fortsetzung eines höfischen Verehrungsrituals – also im Grunde anachronistisch. Die Künstler der Kanzlergalerie haben sich auf unterschiedliche Weise bemüht, eigenes Empfinden und Auftrag miteinander zu vereinen. Am besten gelang es Bernhard Heisig mit Helmut Schmidt und seinem Meisterschüler Albrecht Gehse mit Helmut Kohl. Sie lassen Interpretation zu, legen sich nicht fest, deuten Abgründe zumindest an. Anders ist das bei dem bisher völlig unbekannten, deutsch-französischen Maler Jérémie Queyras (28), den Angela Merkel auserkoren hat, einem eigentlich abstrakt darstellenden Künstler, der sich aber natürlich den enorm publicityträchtigen Auftrag nicht entgehen ließ.

Das bin ich, sagt das Bild. Mein Wille ist mir Befehl, behauptet es – obwohl es kein Wahlplakat mehr ist, aber so daherkommt. Als Propaganda, nicht als Blick hinter die Fassade in das vielleicht doch nicht so ganz unkomplizierte Seelenleben einer Frau mit mysteriöser Vergangenheit.

Der Maler hat geliefert. Der mächtige Kopf Merkels erscheint schmaler als in Wirklichkeit, jedenfalls im Verhältnis zum mächtigen Korpus. Die voluminöse Masse übersetzt die Worte: Ich schaffe das. Eine reine Frage der Physik. Das Verhältnis zwischen Kopf und Körper stimmt nicht – es sei denn, man nimmt es als bewussten Ausdruck. Merkels Antlitz tief zerfurcht, tiefer als in Wirklichkeit, nicht etwa aus Uneitelkeit. Die Falten signalisieren die Sorge einer Aufsichtsperson. Unermüdlich grübelt sie zum Wohle Deutschlands. Jeder kennt sie mit herabhängenden Mundwinkeln. Nicht auf dem Gemälde. Die Lippen besitzen beinahe etwas Flehentliches, verraten tiefe Melancholie, trostlosen Ernst statt wie gewohnt schnoddrige Besserwisserei. Nicht einmal ein Anflug von Lächeln. Augen wie Stahl.

Aber sie blicken den Betrachter, den Bürger nicht mit einer gewissen Wärme an, sondern an ihm achtlos vorbei, leicht nach oben. Sie kommuniziert, wenn überhaupt, dann nicht mit ihren Untertanen, sondern wahrscheinlich direkt mit der Geschichte. Die Finger der linken Hand auf eine nicht identifizierbare Fläche gestützt, nicht in Ruhe, sondern vermutlich voller Ungeduld klopfend. Auf dem Eck des Tisches, an den sich die rechte Hand stützt, als suche sie Halt, ein paar Papiere. Immer nur Arbeit. Protestantisches Pflichtethos. Diese Figur nimmt gewissermaßen Haltung an, wie vor sich selbst. Die Haltung ist frei von Gelassenheit. Die kragenlose Jacke erinnert fast an eine Uniform. Rangabzeichen sind hier nicht nötig. Die Farbe ließe sich als royales Blau bezeichnen.

Es ist ein ins Bürgerliche verharmloster königlicher Wams, in dem Merkel steckt. Verehrungswürdig möchte der Maler sie zeigen. Es ist ein Altarbild für die in den Augen ihrer Bewunderer zur Ehre der Altäre erhobene Hl. Angela. In dieser Tradition steht dieses offizielle Staatsporträt von Bundeskanzlerin Merkel. Die Auftraggeberin verehrt sich in ihm selbst. So will Mutti sich der Nachwelt überliefert wissen. Dieses Bild beantwortet alles. Lässt nichts offen. Und zeigt deshalb: Nichts. Es ist halbwegs gut gemalte, doch schlechte Kunst.

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Kommentare ( 41 )

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Demokratius
13 Tage her

Zwei Dinge finde ich bemerkenswert – die Farbe des Blazers ist genau von dem königlichen Blau, mit dem auf Gemälden die Robe oder der Mantels der Heiligen Mutter Maria dargestellt wird. Die gewählte Kopfhaltung dagegen hat`s dem Künstler ermöglicht, dem Gesicht eine helle und eine dunkle Seite zuzuweisen. Möchte der Künstler dem Publikum damit etwas sagen?

jensberndt
14 Tage her

Also meinetwegen könnten sich „Ende Gelände“, „Letzte Generation“ oder irgendwelche selbsternannte Weltenretter an dem Schinken ankleben, ihn besprühen oder anderweitige Dinge tun, zu denen mir die Phantasie fehlt.

cernunnos
14 Tage her

Was soll eigentlich im Hintergrund auf dem Tisch dieser schwarze kleine Würfel auf dem blauen…Papier(?) darstellen? Da es außer Merkel selber das einzige sichtbare auf diesem Bild ist, muss es ja eine Bedeutung haben.

Dundee
14 Tage her

„Protestantisches Pflichtethos“

Herr Herles, mit Verlaub, Sie haben eine Macke, mit Ihrem Protestantenhass. Fragen Sie doch mal einen Psychologen, was Sie damit wohl kompensieren !

Außerdem ist Merkel keine Protestantin. Ihr Vater war Stasispitzel, der den „Beruf“ des Pfarrers zur Tarnung nutzte.

Merkel ist durch und durch Kommunistin. Merkels Mutter war Jüdin. Merkels „Protestantismus“ ist eine irrige Projektion Ihrerseits.

Eine echte journalistische Schwäche.

Last edited 14 Tage her by Dundee
Nibelung
14 Tage her

Fehlt nur noch die Schulterklappe mit roten Knöpfen und Hammer und Zirkel garniert, mit blutenden Händen untermalt, wo man der Realtiät am nächsten gekommen wäre. So macht man sie zur freigeistigen Ikone, was der Wahrheit wiederspricht und so wird die Lügerei für die Nachwelt festgehalten, wie das generell bei allen Potentaten der Fall ist, die sich gerne nach Vollendung mit dem Nimbus der Erleuchtung umgeben und das Gegenteil der Fall ist und eine Beleidung aller bedeuted, die sich in gleicher Reihe befinden und gegenteiliges bewirkt haben. Das unterscheidet sich wesentlich von einer Kommunistin, die in diese Ahnengalerie ebenso wenig rein… Mehr

Edwin Rosenstiel
14 Tage her

Besser hätte als Portait ein Hosenanzug gepasst, aus dessen Kragen eine sabbernde Alien-Fratze herausschaut, die eierlegende Alien-Königin, die zahllose Alien-Eier produziert, die Tod und Zerstörung bringen.
Und schon im ersten „Alien“-Film war das Mistvieh nicht totzukriegen.

BellaCiao
14 Tage her

Wenn ich das Foto zum Artikel sehe, dann höre ich vor meinem geistigen Ohr schon die Musik der Sendung »Die 100(0) Meisterwerke« und dann sogleich die markante Stimme des Sprechers, der die Kunstwerke in der Zeit und Stilrichtung würdevoll einordnet. Es wäre die perfekte Darstellung Merkels und deren Einordnung in den Beginn der spätrömisch-deutschen Epoche von 2006 bis 2021, wenn der Kunstexperte das Selbstbildnis der Auftraggeberin ganz im Stile großer historischer Persönlichkeiten vorstellen würde. Eine mehr als angemessene Verballhornung der ungeheuer „bedeutsamen“ europäischen Fürstin Merkel, als Begründerin der deutschen woken Zeitenwende. Zu dumm nur, dass selbst dann immer noch zu… Mehr

Will Hunting
15 Tage her

Man hätte auch einen A…..malen können

Der Ingenieur
15 Tage her

Das Gemälde sieht m.E. genauso aus wie ein Foto von Merkel, das man in der Bildbearbeitungssoftware „Photoshop“ der Firma Adobe mit einem der „künstlerischen Filter“ oder mit dem „neuromalen Filter“ bearbeitet und das Ergebnis dann einfach abgemalt hätte.

Ho.mann
15 Tage her

Viele Betrachter dieser Hofmalerei, die noch den eigenen Verstand bemühen, werden beim Anblick dieses Gemäldes unweigerlich von Gefühlswallungen heimgesucht, die nur schwer eine druckreife Bewertung zu der volksschädigenden Raute des Grauens zulassen.