Gewalt: Duckmäuserisch statt wehrhaft, wegducken statt aufstehen

Bevor Gruppen irgendwann zur Selbsthilfe greifen, weil sie von Politikern nichts weiter als Besonnenheitsaufrufe hörten, sollten die Verantwortlichen klare Position beziehen und handeln - besonnen und entschlossen zugleich.

© Lennart Preiss/Getty Images
Forensics search the area of a suicide bomb attack at a music festival on July 25, 2016 in Ansbach, Germany.

Dass deutsche Politiker gerne vieles, was in Zusammenhang mit der Gewaltwelle durch Terrorismus und Radikalislamisten steht, kleinreden, ist keine Aufsehen erregende Neuigkeit. Es sind zu wenige, die offen aussprechen, in was für eine blutige Einbahnstraße wir uns manövriert haben. Lieber verschwinden die uns bekannten Gesichter in ihren Nebelbänken aus blumigen Umschreibungen für das Grauen, für das es eigentlich genug ungeschminkte Wörter geben müsste. Und je näher die Einschläge kommen, desto höher scheint der Drang zum sprachlichen Abdrift zu steigen. Leider sind unsere Spitzen nun aber nicht nur für das einschenken reinen Weines zu feige. Um das gefährliche Herumdösen zu beenden, wären kraftvolle Wörter für ein Publikum notwendig, das im Dauerzustand bangend nach Berlin schaut und auf einen wenigstens klitzekleinen Anfang wartet. Dass die handelnden Akteure doch sehr martialisch reden können, haben sie eigentlich immer wieder bewiesen. Zumindest dann, wenn es gegen eine bestimmte Gruppe in diesem Land ging.

Als am 2. Oktober 2000 Brandsätze gegen die Düsseldorfer Synagoge flogen, rief Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Aufstand der Anständigen auf. Die Zivilgesellschaft sollte Widerstand gegen das Unbill leisten, der Kampf gegen Rechts war geboren. Er wurde zum Merkmal einer Gesellschaft, die zugeben musste, dass 62 Jahre nach der damals von den Berlinern so genannten „Reichskristallnacht“ wieder Brandsätze gegen Minderheiten fliegen konnten. Erst mit den Anschlägen von New York knapp ein Jahr später zeigte sich, dass es weitaus mehr gab als rechte Unruhestifter. Während die Gefahr durch den islamischen Terrorismus weiter zunahm, wurde im Krieg gegen Neonazis aufgerüstet: und das vor allem mit Worten.

Maulhelden

Insbesondere die Eingabe der Suchbegriffe „Kampf gegen Rechts“ bei Google zeigt, dass ein genereller Kampfeswille und eine trotzige Rebellion eigentlich gut verankert in den Köpfen der Gesellschaft sind, solange es gegen die korrekteren Gegner unserer Ordnung geht. Überall lesen wir etwa vom Konsens gegen Rechts, Rechten Terror stoppen, Kampf gegen NPD, AfD, Pegida, dem Netz gegen Nazis, Wie wir den Kampf gegen AfD und Rassismus gewinnen und dergleichen mehr. Kampf, Widerstand, ein Gegner von etwas sein, stoppen, löschen, entfernen – Kanonenkugeln aus Buchstaben, entliehen dem Militärischen. Sie signalisieren, dass es an Entschlossenheit und auch an der notwendigen Härte nicht mangelt, wenn die auf der Gegenseite nur Reichsdeutsche Primitivlinge sind. Dass die streitbaren Wörter Früchte tragen, zeigen alleine schon die zahlreichen öffentlichen, halböffentlichen und privaten Initiativen, die den Fehdehandschuh gegen neue und alte Nazis aufgenommen haben. Sobald Politiker jedoch deutliche Worte gegen Axtschwinger oder Bombenbastler aufs Tableau bringen sollten, belassen sie es lieber bei sozialromantischer Kuschellyrik. Kämpferische Parolen? Fehlanzeige.

Richtig wäre es von ihnen nämlich auch, den fanatisierten Moslems zuzurufen: Wir sagen euch den Kampf an. Wir gebieten euch Einhalt. Wir wagen den Aufstand der Entschlossenen. Wir können und wollen auch anders. Für euch gelten die gleichen Grundsätze wie für jeden Feind unseres Landes. Wir stellen uns euch entgegen. Wir sind viele, ihr nur ein paar. Wir kämpfen gegen Salafismus und Hassprediger. Und richtig wäre es vor allem, den Worten Taten folgen zu lassen. Der wortwörtliche Aufstand blieb auch nach Schröders Worten aus. Die hehren Sprüche hatten zwar die Sinne der Gesellschaft geschärft. Trotzdem konnte der NSU ziemlich unbehelligt mordend durchs Land ziehen. Die Befürchtung ist nicht unberechtigt, dass Hassprediger und Salafisten weiter machen, weil sie wissen, welchen zahnlosen Tiger sie vor sich haben. Wenn noch nicht mal so getan wird, als wären die Zähne scharf, wird erst recht nicht zugebissen.

Wie dankbar wären wir wohl, strömten solche Sätze regelmäßig aus den Mündern des Spitzenpersonals. Und möglichst auch dann, wenn es keinen Anschlag gegeben hätte. Ja, selbst wenn danach wenig passieren würde, gäbe es einmal die Hoffnung, dass es niemand mehr nur bei einem wehrlosen Aufruf zur Besonnenheit beließe. Es würde deutlich machen, dass man endlich akzeptiert hätte, auf welchen Ebenen wir uns bewegen müssten, um siegreich zu sein. Es wäre ein Signal an die Welt, dass die Deutschen in Sachen Einwanderung zwar Fehler gemacht haben, nun aber bereit sind, die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Moderne, moderate und liberale Muslime könnten so zeigen, dass sie es doch ernst meinen mit der Ablehnung eines Steinzeitislams.

Das Schweigen der Maulhelden

Doch lieber scheuen sie alles, was irgendwie entfernt nach Blut, Schweiß und Tränen klingt. Als der Terrorakt in einer französischen Kirche bekannt wurde, eilte Hollande sofort dahin. Obwohl mit dem Anschlag in Ansbach das erste islamistisch motivierte Selbstmordattentat auf deutschem Boden verübt wurde und die Sicherheitslage nun zur grundlegen Neubewertung ansteht, hört man von Angela Merkel nichts. Und das, obwohl sie im Alleingang und ohne Rücksprache mit anderen Europapolitikern das Dublin-Abkommen außer Kraft setzte und damit jetzt in der Verantwortung steht. Dass sie nicht nach Ansbach flog und auch sonst keinen Mucks von sich gibt, wird zum einen damit zusammenhängen, Angst davor zu haben, in die Nähe eines Bürgerkriegshetzers gerückt werden. Widerstand, Revolution, und als nächstes brennen die Barrikaden? Zum anderen vielleicht daran, dass sie und ihre Berater erkennen, welche neue Qualität Verbrechen hierzulande inzwischen erreicht hat.

Dabei geht es nicht um den Aufruf zur ungezügelten Gewalt gegen Fremde, sondern um das zur Wehr setzen gegen alles, was so gar nicht zu unserer liberalen Gemeinschaft passt. Konzerte gegen Rechts: wo sind die gegen Terrorismus? Netz gegen Nazis: wo sind die Aktivitäten gegen islamistische Hetzseiten? Wo sind Sitzblockaden gegen antisemitische Demos von Islamfaschisten? Könnten mit den Geldern nicht nur verirrte Nazis in die gesellschaftliche Mitte zurückgeholt werden, sondern auch Muslime, die uns so sehr hassen?

Deutliche Worte Prominenter, die in großformatigen Anzeigen gegen Steinzeitislamisten Stellung bezögen – wo sind sie? Eine nicht zu übersehende, ernst gemeinte Positionierung für ein Auflehnen gegen die schleichende Islamisierung könnte all das als Ergebnis hervorbringen. Eben das, was man beim Kampf gegen Nazis bisher so alles aus der Tasche zog. Aber dafür müssten viele in den Eliten erst einmal den Mumm haben, solche Begrifflichkeiten nicht nur einseitig zu verwenden.

Der sprachliche Weckruf zu einem Aufstand der Anständigen gegen eine mittlerweile reellere Gefahr fällt ihnen schwer. Keine Frage: Merkel, de Maiziere, Herrmann oder Gabriel sprechen gerne vom Kampf gegen den Terrorismus. Aber es ist rein verbales pflichtgemäßes Abspulen einer Selbstverständlichkeit, kein unterstützender, Mut machender Appell an die eigene Bevölkerung, die angesichts der Vorfälle in Köln, Istanbul, Brüssel, Paris, Würzburg, Ansbach und vielen weiteren Städten dieser Welt zunehmend die Nerven verliert. Wer aber nicht will, dass Gruppen irgendwann zur Selbsthilfe greifen, weil sie von Politikern nichts weiter als Besonnenheitsaufrufe hörten, sollten die Verantwortlichen klare Position beziehen und handeln – besonnen und entschlossen zugleich.

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