„Ein Krieg mit der Ukraine ist ein Schritt ins Leere“

Während in Deutschland Politik und Medien mit wohlfeilen Worten um sich werfen, riskieren Demonstranten und Dissidenten in Russland ihre Karriere. In einem Offenen Brief protestieren Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten gegen den Ukraine-Krieg und zeigen damit, dass es ein europäisches Russland gibt.

IMAGO / SNA
Festnahmen von Demonstranten in Moskau, 24.02.2022

Deutsche Politiker aller Parteien befinden sich derzeit in einem knallharten Überbietungswettbewerb von hohlem, aber unverbindlichem Pathos. Hört man die in ihrem Mund zu Phrasen verkommenen Worte von Freiheit und Demokratie, die „am Ende“ immer über die Diktatur siegen werden, und sieht man auf das Leid der Menschen in der Ukraine, die statt Waffen warme Worte von deutschen Politikern, die in behaglicher Sicherheit sitzen, bekommen, befällt einen Scham. Sicher lösen diese Worte erhabene Gefühle aus, aber nur bei denen, die sie aussprechen.

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Was würden die Ukrainer denken, wenn sie den Tweet der Bundestagsabgeordneten Sara Nanni lesen würden. Die Grüne ist über die Landesliste NRW in den deutschen Bundestag gekommen. Die studierte Konfliktforscherin ist Sprecherin für Sicherheitspolitik. Am 26. Februar um 11.06 Uhr konnte man von ihr auf Twitter sehen: „Lass uns daran arbeiten, dass wir in zwei Wochen ein Russland haben, gegen das wir nicht aufrüsten müssen, sondern mit dem wir den Rüstungskontrollwinter überwinden können. Falls es nicht so kommt, sehen wir weiter.“ Hat sie einen Termin bei Wladimir Putin?

Was werden die Russen, die in Sankt Petersburg und in Moskau gegen den Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, protestieren, über diesen Tweet denken, was über die wohlfeilen Worte deutscher Politiker? Eines wissen sie, dass sie auf der Demonstration verhaftet werden, dass sie Repressalien eines Diktators ausgesetzt sein werden, der mental wahrscheinlich nie den geistigen Raum des KGB verlassen hat. In Moskau, in Sankt Petersburg, in 24 weiteren Städten fanden gestern Proteste gegen den Krieg statt. Es wird von über 560 Festnahmen berichtet. Am Donnerstag fanden Proteste in über 40 Städten statt, 1700 Menschen wurden verhaftet. Es drohen Haft und hohe Bußgelder. Die russischen Sicherheitsbehörden warnen vor der Teilnahme und drohen den Bürgern. Begründet werden die Verbote der Demonstrationen mit der Ansteckungsgefahr durch die Corona-Pandemie.

Nun haben über 2.000 russische Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftler, unter ihnen Mitglieder der hochangesehenen Lomonossow-Universität und der Russischen Akademie der Wissenschaften einen Offenen Brief gegen den Krieg mit der Ukraine veröffentlicht. Stündlich werden die Unterschriften mehr. Man muss dazu wissen, dass man mit der Unterschrift seine berufliche Existenz aufs Spiel setzt.

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Diese mutigen Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftler retten wie die Demonstranten die Ehre Russlands. Sie zeigen der Welt, dass es noch ein anderes Russland, das Russland Puschkins und Gogols, der Ukrainer war, Mussorgskys und Tschaikowskis, Lermontows und Tolstois, das Russlands Dostojewskis und Pasternaks, das Russland von Solschenizyn und Sacharow gibt – und nicht nur das kalte Reich eines Wladimir Putins und seiner Oligarchen. Sie zeigen, dass es ein europäisches Russland gibt.

Der Inhalt des Briefes ist klar und deutlich. Deshalb werden wir ihn nicht kommentieren, sondern hier dokumentieren. Es lässt sich nicht besser ausdrücken, lesen Sie selbst:

Offener Brief von russischen Wissenschaftlern und Wissenschaftsjournalisten gegen den Krieg mit der Ukraine

24.02.2022

Wir, russische Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten, protestieren nachdrücklich gegen die von den Streitkräften unseres Landes eingeleitete Militäraktion auf dem Gebiet der Ukraine. Dieser fatale Schritt führt zu enormen Verlusten an Menschenleben und untergräbt die Grundlagen des etablierten Systems der internationalen Sicherheit. Die Verantwortung für die Entfesselung eines neuen Krieges in Europa liegt allein bei Russland.

Es gibt keine vernünftige Rechtfertigung für diesen Krieg. Versuche, die Lage im Donbass als Vorwand für eine Militäroperation zu nutzen, sind nicht glaubwürdig. Es ist offensichtlich, dass die Ukraine keine Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes darstellt. Der Krieg gegen sie ist unfair und offen gesagt sinnlos.

Die Ukraine war und ist ein Land, das uns nahe steht. Viele von uns haben Verwandte, Freunde und Kollegen in der Ukraine. Unsere Väter, Großväter und Urgroßväter haben gemeinsam gegen den Nationalsozialismus gekämpft. Die Entfesselung des Krieges für die geopolitischen Ambitionen der russischen Führung, getrieben von zweifelhaften geschichtspolitischen Phantasien, ist ein zynischer Verrat an ihrem Andenken.

Wir respektieren die ukrainische Staatlichkeit, die sich auf wirklich funktionierende demokratische Institutionen stützt. Wir haben Verständnis für die europäische Entscheidung unserer Nachbarn. Wir sind überzeugt, dass alle Probleme in den Beziehungen zwischen unseren Ländern friedlich gelöst werden können.

Durch die Entfesselung des Krieges hat sich Russland selbst zur internationalen Isolation, zur Position eines Pariastaates verurteilt. Das bedeutet, dass wir Wissenschaftler nicht mehr in der Lage sein werden, unsere Arbeit richtig zu machen: Wissenschaftliche Forschung ist ohne eine umfassende Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Ländern nicht denkbar. Die Isolierung Russlands von der Welt bedeutet eine weitere kulturelle und technologische Degradierung unseres Landes, die keine positiven Perspektiven bietet. Ein Krieg mit der Ukraine ist ein Schritt ins Leere.

Wir sind uns bitter bewusst, dass unser Land, das entscheidend zum Sieg über den Nationalsozialismus beigetragen hat, nun zum Anstifter eines neuen Krieges auf dem europäischen Kontinent geworden ist. Wir fordern die sofortige Einstellung aller Militäraktionen gegen die Ukraine. Wir fordern die Achtung der Souveränität und territorialen Integrität des ukrainischen Staates. Wir fordern Frieden für unsere Länder.

Die Unterschriften sind auf der Seite von trv-science.ru einzusehen.

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Kommentare ( 17 )

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Karl Schmidt
7 Monate her

Ist es nicht erstaunlich, wie kraftvoll ein Text sein kann, der nicht als Kulisse für eine (ganz andere, verlogene) Politik dient, kein Narrativ darstellt, sondern Sachverhalte und zeitlose, gelebte Werte ganz unverstellt offenbart?

Alf
7 Monate her

„Man muss dazu wissen, dass man mit der Unterschrift seine berufliche Existenz aufs Spiel setzt.“
Unsere Politdarsteller müssen nichts befürchten. Seit Merkel ist Schwurbeln und Fehlleistung Voraussetzung für einen weiteren Aufstieg. Man muß nicht einmal zurücktreten.
„Lass uns daran arbeiten, dass wir in zwei Wochen ein Russland haben, gegen das wir nicht aufrüsten müssen, sondern mit dem wir den Rüstungskontrollwinter überwinden können. Falls es nicht so kommt, sehen wir weiter.“
Unglaublich.
„Die Ukraine war und ist ein Land, das uns nahe steht.“
Dieser Satz wäre in Deutschland und für Deutschland nicht möglich.

Hannibal Murkle
7 Monate her

„Eines wissen sie, dass sie auf der Demonstration verhaftet werden, dass sie Repressalien eines Diktators ausgesetzt sein werden, der mental wahrscheinlich nie den geistigen Raum des KGB verlassen hat“

Droht Ähnliches nicht etwa den Spaziergängern in München? Vage erinnere ich mich, dass es dazu TE-Berichte gab. Zuerst daheim aufräumen, dann mit dem Finger zeigen.

„Begründet werden die Verbote der Demonstrationen mit der Ansteckungsgefahr durch die Corona-Pandemie“

Welch üble Diktatur, die Demo-Verbote mit Corona rechtfertigt. Jedes solcher diktatorischen Länder sollte sofort von SWIFT abgekoppelt werden.

Last edited 7 Monate her by Hannibal Murkle
Stuttgarterin
7 Monate her

„Sie zeigen, dass es ein europäisches Russland gibt.“ Genau das wurde in der US-westlichen Politik nicht gewollt. Die Wissenschaftler schreiben alles richtig. Und trotzdem werden die Russen vor allem geschmäht, selbst bei Olympia. Wie soll sich da in Russland eine starke bürgerschaftliche Bewegung aufbauen können?

Soeren Haeberle
7 Monate her

„Wir respektieren die ukrainische Staatlichkeit, die sich auf wirklich funktionierende demokratische Institutionen stützt.“
Ja ne, klar, wirklich, großes Ehrenwort.

P.Reinike
7 Monate her

Wer die 400 Panzerfäuste als Verteidigungswaffen über NL geliefert moralisch anklagend erwähnt, aber kein Wort über den Überfall Putins mit Tausenden Angriffswaffen erwähnt, rotiert ohne Kompass im Bereich der moralischen Bigotterie, mit welcher Motivation auch immer. Für exakt solch einen Überfall haben GB und F 1939 Hitler den Krieg erklärt.

Schwabenwilli
7 Monate her

statt durch einen Aggressor von außen, werde der Westen an seinen inneren Widersprüchen und Opportunismus zugrunde gehen?

…. und der Feind wird jährlich in Halbmillionen Stärke herein gelassen.

Manfred_Hbg
7 Monate her

Mhh, und wieviele Menschen bitte tötet ein zu Unrecht in einen anderen Staat kriegerisch eingedrungener Panzer wenn dieser nicht gestopt würde??
Ich behaupte mal. ein nicht gestopter Panzer tötet dann mehr Menschen als die 4-5 Mann am Besatzung.

Reinhold
7 Monate her

Einfach unfassbar.

Reinhold
7 Monate her

Wie wäre es denn, wenn wir gemeinsam mit Polen und oder der NATO Königsberg zurückholen würden?