Integrationspolitik und Dutschkes Revolution

Das Zusammenwachsen der Türken mit der deutschen Kultur hätte sicher viel länger gedauert als bei Italienern und Südslawen. Aber sie sollten durch „Integration“ neue Bürger werden, ohne mental Deutsche zu sein, „deutsch“, ohne deutsch zu sein.

© Keystone/Getty Images

Eigentlich sollte man dankbar sein. Dankbar dem türkischen Diktator-Präsidenten. Dankbar dafür, dass Erdogan vor Augen geführt hat, mit welchem politischen Irrtum wir in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten gelebt haben. Dankbar dafür, dass er den Beweis erbracht hat: Deutschlands Integrationspolitik war – vermutlich ungewollt – entgegen landläufiger Auffassung erfolgreich. Zumindest dann, wenn man den Thesen Rudi Dutschkes folgt.

Der klassische Weg des Zusammenwachsens

Jeder, der sich mit Geschichte, Soziologie und Psychologie beschäftigt, sollte erkennen können, dass das Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen irgendwann zwangsläufig darauf hinausläuft, eine gemeinsame Identität zu bilden.

Israel Finkelstein, Archäologe an der Universität Tel Aviv, hat mit seinen Forschungen den Nachweis erbracht, dass die Israeliten der Antike letztlich nichts anderes waren als das Ergebnis des Zusammenlebens der im Tanach so befeindeten Kanaanäer mit den Semiten. Sie lebten, die einen Nachkommen südosteuropäischer Einwanderer, die anderen seit je in der Region siedelnde Nomadenstämme, erst gegeneinander, dann nebeneinander, zuletzt miteinander – und sie verschmolzen zu einer gemeinsamen Siedlungsbevölkerung, der die unterschiedliche Zusammensetzung ihrer Urväter nicht einmal mehr bewusst war.

Ähnlich ergeht es den Deutschen. Entgegen den wissenschaftlich unhaltbaren Vorstellungen von einer „deutsch-germanischen Rasse“ stellen auch sie eine Siedlungsbevölkerung, die sich über die Jahrhunderte immer wieder durch „fremden“ Zustrom veränderte, erweiterte, neue Einflüsse in sich aufnahm.

Solche Prozesse existieren, seitdem Menschen miteinander Handel treiben, sich gegenseitig unterwerfen, miteinander Kinder zeugen. Sie laufen unkontrolliert und ungesteuert und dennoch konsequent am Ende darauf hinaus, dass ständig in verbundenen Gemeinschaften lebende Populationen auch unterschiedlicher Herkunft irgendwann eine gemeinsame Identität entwickelt haben und ihre Kultur als das, was menschliche Zivilisation ausmacht, die Einflüsse all jener in sich aufgenommen hat, die zu dieser gemeinsamen Identität verschmolzen.

Gangs of New York

Solche Prozesse, die als Assimilation auf Gegenseitigkeit bezeichnet werden können, benötigen häufig viele Generationen. Manchmal allerdings laufen sie auch deutlich schneller ab. Das Opus „Gangs of New York“ zeigt diesen Prozess auf radikale Weise, indem es am Vorabend des Sezessionskriegs den Konflikt der „Natives“ mit den ihnen verhassten irischen Einwanderern aufzeigt. Die „Natives“, die „Einheimischen“, sind als Europäer selbst nichts anderes als die Kinder von Einwanderern – nur waren die ein paar Dekaden früher in der „Neuen Welt“.  Mit den tatsächlichen Einheimischen, den als Indianern bezeichneten Nachkommen der früheren Welle menschlicher Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents, haben diese „Natives“ von New York nicht das Geringste zu tun. Doch für sie, „die schon länger da waren“, sind die Neuankömmlinge, aus Irland geflohen weil die britisch-anglikanische Krone die Kartoffelfäule bewusst zur Disziplinierung der ständig aufrührerischen, katholischen Papisten einsetzte, ebenso unerwünschte „Eindringlinge“ wie dereinst den nahöstlichen Semiten die wörtlich so zu übersetzenden kanaanäischen Philister. Sie gehören nicht dazu, stellen eine Konkurrenz um die nur mäßigen Erwerbsmöglichkeiten dar.

Gut eine Dekade nach den Kämpfen zwischen Natives und Iren finden sich zahlreiche Iren selbst in den Reihen der Natives wieder. Wer sich mit der Geschichte der europäischen Besiedlung Amerikas beschäftigt hat, der kann sich den Faden des Filmepos‘ von Martin Scorsese selbst weiterspinnen. Als nächstes werden die irisch aufgefrischten „Natives“ Front gegen die unerwünschten und wenig integrationsbereiten Einwanderer aus Deutschland – verächtlich als „Dutchman“ bezeichnet – und Italien machen. Dann geht es gegen die Osteuropäer, zum Thema gemacht in „Heaven’s Gate“ von Michael Cimino. Heute sind es die Latinos, die den weißen US-Europäern derzeit noch schwer  im Magen liegen, während sich eine Mehrheit der weißen US-Bürger stolz auf ihre deutsche Herkunft beruft.

All das zeigt nur eines: Einwanderung und Bildung einer gemeinsamen Identität sind Prozesse so alt wie die Menschheit – und sie laufen nur selten ohne Konflikt ab. Und doch können schon innerhalb einer Generation unterschiedliche Herkünfte überwunden werden, wenn das Erkennen gemeinsamer Ziele das Miteinander unvermeidbar werden lässt.

No Gangs of Germany

Derartige Prozesse prägen seit eh auch das zentraleuropäische Deutschland. Seit der Steinzeit trafen hier Menschen unterschiedlicher Kulturen aufeinander, bekämpften sich oder kämpften gemeinsam gegen andere, vermischten sich und irgendwie wurde aus diesem Gemisch, in das französische Protestanten ebenso wie sephardische Juden, nordgermanische Wikinger, osteuropäische Slawen und zahllose andere hineinwirkten, das Volk der Deutschen.

Nach 1949, als im Westen des kriegsgeteilten Landes das Wirtschaftswunder Fahrt aufnahm, kamen wieder „Fremde“. Sie kamen aus Italien, Spanien, Portugal, Jugoslawien, Griechenland. Erst als misstrauisch beäugte Neuankömmlinge, moderne Arbeiter, die man gegen Bezahlung auf Zeit im Land dulden wollte. Doch die klassischen Prozesse des gegenseitigen Austausches konnten nicht ausbleiben, und sie begannen oftmals durch den Magen. So entstanden erst Pizzerien, der preiswerte „Grieche“ um die Ecke, der „Spanier“ undsofort. Der Dank Wirtschaftswunder mit gut gefülltem Portemonaie ausgestattete Deutsche wiederum wurde neugierig und sonnenhungrig, besuchte die Heimatländer seiner Gastarbeiter und stellte fest: Die haben nicht nur eigene, beachtenswerte Kulturen – sie sind auch liebenswert und manche von ihren Gewohnheiten könnten uns in Deutschland auch nicht schaden.

Wie seit der Frühantike wirkten die Kulturen aufeinander ein und übernahmen vom Gegenüber das, was als angenehm empfunden wurde. Welcher heute 20-jährige kann sich noch vorstellen, dass selbst in den Sechzigern die Italienische Eisdiele noch etwas Exotisches war? Dass die heute flächendeckend vertretene Pizza bis in die Siebziger überaus kritisch beäugt wurde und weit davon entfernt war, ganze Tiefkühlreihen zu belegen? Dass Gyros erst in den Achtzigern die deutsche Speisekarte belebte?

Anders als in den Gangs of New York liefen diese Prozesse gegenseitiger Einflussnahme in Deutschland weitestgehend friedlich ab – auch wenn heimatliche Identitätsstrukturen wie bei der süditalienischen Mafia ein Problem im Bereich der Kriminalität darstellen. Doch das hat keinen Einfluss darauf, dass jene Italiener, Spanier, Portugiesen, die seinerzeit vom Gastarbeiter zum Mitbürger wurden, heute fester Bestandteil dieser deutschen Kultur sind. Selbst diejenigen, die aus Fernost zu uns kamen, werden von der allergroßen Mehrheit der Deutschen nicht als Fremdkörper wahrgenommen. Ganz im Gegenteil – sie stellen eine Bereicherung des Landes dar und einer von ihnen, adoptiert von deutschen Eltern, brachte es sogar bis zum deutschen Vizekanzler.

Die Deutschen, auch das macht die Geschichte der Nachkriegszuwanderung deutlich, waren in ihrer großen Mehrheit weder fremdenfeindlich noch rassistisch. Sie hießen die Neuen willkommen ohne sie blauäugig-naiv gleich in die Arme zu schließen. Sie hießen sie willkommen, wenn „die Neuen“ bereit waren, die deutschen Spielregeln zu akzeptieren – und sie merkten dabei nicht einmal, wie die Einflüsse „der Neuen“ sie selbst und ihr Land veränderten. Gleichzeitig – auch das sind normale menschliche Prozesse – sind es immer die Menschen der jüngsten Zuwanderungswelle, die es am Schwersten haben, dazu zu gehören. Methusalix aus der Asterix-Saga brachte es  einmal treffend auf den Punkt: „Ich habe nichts gegen Fremde, solange sie von hier sind.“ So ungefähr war das auch in Deutschland – und das „Fremdsein“ beschrieb dabei mehr die Aufnahme in die eigene Kultur als tatsächlich Trennendes.

Die vergangenen 70 Jahre zeigen, dass Deutschland ihnen, den „Fremden“, alle Türen offengehalten hat. Wer die Tür nutzte und das Land bewusst betrat, dem gelang es schnell, kein Fremder mehr zu sein – er war eben „von hier“. Insofern kann Deutschland heute ohne jeden Abstrich stolz sein auf seine Weltoffenheit und seine Bereitschaft, Zuwanderer in seine Gesellschaft aufzunehmen. Wie schwer sich manch andere Länder damit tun – das zu sehen bedarf es keinen Weit-Blicks.

Das türkische Problem

Und doch gab und gibt es eine Gruppe, die bei all der Weltoffenheit der Deutschen nur schwer in der Lage war, trotz offener Türen ihren Weg in die deutsche Gesellschaft zu finden. Die Abstimmung über die Einführung einer Präsidialdiktatur in der Türkei hat es gezeigt: Jene, die sich als Nationaltürken definieren, scheinen mental in Deutschland auch nach 50 Jahren nicht angekommen zu sein. Sie verharren in einem Denken des autokratischen Patriarchats, verneinen Demokratie – und damit auch kulturelle und geistige Vielfalt.

Wer Türken in seinem Bekanntenkreis hat, dem wird diese Erkenntnis nicht neu sein. Ich selbst erinnere mich noch gut an ein freundschaftliches Gespräch mit einem türkischen Nachbarn, in dem mein Hinweis, seine drei wohlgeratenen, in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Kinder seien doch eigentlich bereits Deutsche, auf vehementen Widerspruch stieß. Nein, hieß es, sie seien Türken und das blieben sie auch. Es passte dazu, dass die Mutter dem deutschen Klassenlehrer ihrer einzigen Tochter schon in Klassenstufe 3 erklärt hatte, als späterer Gatte des aufgeweckten und lebenslustigen Mädchens käme nur ein Türke – gemeint war türkischer Sunnit – in Frage.

Geplatzte Lebenslügen?

Nun aber platzte über das türkische Referendum scheinbar eine deutsche Lebenslüge. Die Lebenslüge davon, dass die Türken in Deutschland – propagandistisch schon vor Jahren wider die Regeln der deutschen Sprache zu „Deutschtürken“ umgestaltet – zu Deutschland gehören. Die Naiven dieser Republik, die nicht begreifen können, dass jene, denen sie doch all ihre Zuwendung haben zuteil werden lassen, mit deutlicher Mehrheit einen undemokratischen Diktator feiern, fragen sich: Was haben wir falsch gemacht bei der Integration? Warum sind sie immer noch undemokratisch? Kurz: Warum sind die Fremden nicht wie wir?

Der Antworten darauf gibt es viele. Oder vielleicht auch keine. Kaum eine davon allerdings deckt sich mit dem, was jene unbelehrbare Krone deutscher Einfalt namens Claudia Roth dazu jüngst medial zum Besten gab, als sie die „Schuld“ einmal mehr ausschließlich bei den bösen Deutschen suchte.

Doch beginnen wir mit der reinen Fragestellung. Beginnen wir mit dem tatsächlichen Fehler Nummer Eins – dem „wir“. Dieses „wir“ impliziert im Sinne Roths, dass ausschließlich die Deutschen etwas „falsch“ gemacht hätten. Und es verleugnet jene oben dargestellten, manchmal über Generationen laufenden Prozesse des Zusammenwachsens. Dazu gehören nun einmal zwangsläufig beide Seiten – weshalb das „wir“ nur dann Sinn macht, wenn es die anderen mit umschließt – aber es kann keine Relevanz haben, wenn eine Seite offensichtlich zu diesem „wir“ überhaupt nicht gehören will.

Integration kann man nicht „machen“

Fehler Nummer Zwei findet sich ebenfalls bereits in dieser kurzen, als Frage verkleideten Selbstanklage. Er ist das „machen“. Die deutschen Naiven gingen und gehen davon aus, dass man „Integration machen“ könne. Das aber würde bedeuten, etwas künstlich zu produzieren – und wer etwas künstlich Produziertes Menschen aufzwingt, die dieses vielleicht gar nicht wollen, der organisiert Fremdbestimmung und will am Ende nichts anderes, als dass seine Opfer genau das tun, was er ihnen verordnet. Es ist dieses die klassische Logik der selbsternannten Progressiven. Sie allein sind diejenigen, die wissen, was zum Wohle des Menschen zu tun ist. Ausgestattet mit dieser einzigartigen Weisheit sind ausschließlich sie in der Lage darüber zu befinden, was zum Glücke des nicht so weisen, seiner Führung notwendigen Menschleins  von diesem zu tun und zu lassen ist.

Aus gutem Grunde führen deshalb manche jener Zugewanderten, die tatsächlich hier angekommen sind, ebenso wie zunehmend mehr Nicht-Zugewanderte die ständige Klage darüber im Munde, dass sie als erwachsene Menschen der ständigen Gängelung durch Staat und Gutmensch mehr als überdrüssig seien.

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