Erster Weltkrieg: Interessen und Kriegsschuld – Ursachen und Folgen

„Saturday Review“ vom 11. September 1897: „Überall, wo die Flagge der Bibel und der Handel der Flagge gefolgt ist, liegt ein deutscher Handlungsreisender mit dem englischen Hausierer im Streit.“ Dieser Streit mündete im 1. Weltkrieg.

Sultan Mehmed V. begrüßt Kaiser Wilhelm II. bei seiner Ankunft in Istanbul. Auf der linken Seite des Sultans ist Hakki Pascha, der türkische (osmanische) Botschafter in Berlin

Vor einhundert Jahren tobte auf dem europäischen Kontinent ein verheerender Krieg, der am Ende die Weltvorherrschaft der europäischen Zivilisation ebenso brechen sollte, wie er eine Generation junger Männer vernichtete.

Es war ein Krieg, der aus scheinbar nichtigem Anlass begann, und dessen Schuld nach dem Ende des Waffengangs den Deutschen angelastet wurde. Bis heute wird die Legende gepflegt, es sei der König von Preußen als deutscher Kaiser gewesen, der kriegslüstern die Welt ins Verderben zog. Doch war es tatsächlich so?

Wenden wir uns der zum Verständnis der Situation spannenden Frage zu: Welcher der beteiligten Staaten konnte 1914 ein tatsächliches Interesse an dem Konflikt haben – welches Land glaubte, sich von einem Sieg Vorteile erwarten zu können, die ihm ohne diesen versperrt geblieben wären? Konzentrieren wir uns dabei auf die „big six“, die sich in Europa die Köpfe einschlagen sollten: Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich-Ungarn, Russland und Vereinigtes Königreich.

I. Die Vorgeschichte

Um die Situation zu verstehen, ist es hilfreich, einen Blick auf das 19. Jahrhundert zu werfen, welches das eigentliche europäische Jahrhundert war. Es startete im wesentlichen mit dem Dualismus Frankreich-England, der seit dem Ende des Hundertjährigen Krieges im Jahr 1453 einen vorläufigen Abschluss der unmittelbaren Kriegshandlungen zwischen den beiden Ländern gebracht hatte. Beide Staatswesen etablierten sich in der Folgezeit als das, was wir heute Nationalstaaten nennen, wobei beide, Franzosen wie Engländer, bis dahin weitgehend autonome Nachbarvölker und Regionalidentitäten quasi zwangsnationalisierten.

Das keltisch geprägte Wales hatten die Engländer – oder besser: Die englischen, gut zweihundert Jahre zuvor als Normannen aus Frankreich ins Land der Angelsachsen eingefallenen Herrscher – bereits 1283 militärisch angeschlossen und 1536 zum Teil des Königreichs erklärt. 1707 wurde das in jahrhundertelangen Kleinkriegen übernommene Schottland mit England formell vereint – die Geburtsstunde des „Union Jack“.  Die irische Insel wurde 1800 integraler Bestandteil des Vereinigten Königreichs. Auch hier war eine lange Phase der Übernahme durch die Engländer vorausgegangen, begonnen mit dem Einfall der englischen Normannen im Jahr 1169. Im Nordosten der Insel waren protestantische Angelsachsen angesiedelt worden – Ursache des bis heute schwelenden Konflikts zwischen den beiden christlichen Konfessionen ebenso wie zwischen Briten und Iren im immer noch britischen Nordirland.

Parallel zur Übernahme der britischen Inseln löste England seit 1588 die bisherige Weltmacht Spanien ab. Um 1800 waren die Iberer in der Weltpolitik weitgehend in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Die Engländer hingegen hatten bis 1800 ein weltumspannendes Kolonialreich aufgebaut, welches dem Inselstaat ebenso weltumspannende Handelsgewinne und trotz des Verlustes der Kolonien der späteren USA den Zugriff auf Ressourcen aller Art sicherte.

Der französische Nationalstaat hatte 1481 die Provence im Süden, 1482 die Picardie im Norden und 1491 die Bretagne im Westen angegliedert. 1527 folgten die zentralfranzösischen Gebiete La Marche, Bourbon und die Auvergne. Die spanischen Niederlande – das heutige Belgien – Savoyen, Burgund, Luxemburg und die Reichslande zwischen Metz und Straßburg gehörten 1588 wie seit dem Frühmittelalter zum Heiligen Römischen Reich (HRR) der Habsburger. Die französischen Kardinäle Richelieu und Mazarin befeuerten im 17. Jahrhundert die konfessionellen Konflikte im HRR und Frankreich annektierte bis 1800 die habsburgischen Reichsgebiete Burgund als Franche Comté um Besancon (1679, zuvor seit 1033 HRR), Lothringen (1766, zuvor seit 843 HRR) und das Elsass (1648, ebenfalls zuvor seit 843 HRR). Diese Gebietserweiterungen wurden 1815 auf dem Wiener Kongress nach der militärischen Niederlage Frankreichs weitestgehend den Franzosen zugesprochen. Napoleon hatte das HRR zu Grabe getragen – und die neue Westgrenze des nunmehr Deutschen Bundes entsprach weitgehend dem heutigen Grenzverlauf zwischen Nordsee und Schweiz. Lediglich Luxemburg gehörte seinerzeit noch zum Bund, während das friesische Königreich der Vereinigten Niederlande unter den deutschen Oraniern das heutige Brüssel ebenfalls umfasste.

Der Wiener Kongress brachte 1815 insgesamt eine Neuordnung auf dem Kontinent – neben dem Kaisertum Österreich, welches weiterhin von der Habsburgischen Monarchie verwaltet wurde, hatte maßgeblich das Preußen der ursprünglich südwestdeutschen Hohenzollern die Nachfolge des HRR angetreten.

Die modernen Nationalstaaten

Im neunzehnten Jahrhundert folgten die Völker Italiens und Deutschland der Nationalstaatsidee ihrer westlichen Nachbarn: 1861 rief der König von Sardinien-Piemont das italienische Königreich aus. Bis 1870 gehörten diesem jungen Staat so ziemlich alle Regionen auf dem Stiefel an – lediglich Trient/Südtirol und Istrien/Triest verblieben im Nordosten beim Habsburger Reich, während Frankreich das 1769 besetzte Korsika behielt und im Vertrag von Turin 1860 das Herzogtum Savoyen sowie die Grafschaft Nizza gegen die den Österreichern 1859 abgerungene Lombardei tauschte.

1871 gründete sich nach dem Überfall des französischen Usurpators Kaiser Napoleon III auf Preußen das demokratische Deutsche Reich als Bundesstaat unter Ausschluss des Habsburgischen Österreich, wobei es sich infolge des Krieges die ehemaligen Reichsgebiete Elsass und Lothringen von Frankreich zurückholte.

In Mittelwesteuropa war damit die Bildung von Nationalstaaten im Wesentlichen abgeschlossen. Lediglich dem Habsburger Reich – ein klassischer Vielvölkerstaat in der Tradition des von Ostsee bis Mittelmeer reichenden HRR – vermochte mangels österreichischem Staatsvolk diesem Weg nicht zu folgen. Statt dessen traten in der Kaiserlich-Königlichen Doppelmonarchie zunehmend mehr Differenzen zwischen den Völkerschaften auf: Tschechen, Slowaken, Ungarn, Rumänen, Slowenen, Kroaten verlangten nach Autonomie und Selbstverwaltung in dem von Deutsch-Österreichern geprägten Staatsgebilde. Die im Kern immer noch mittelalterliche Reichsidee der Habsburger sollte Österreich zum eigentlich zu spät gekommenen Staat in Europa machen – ein Prädikat, das zu Unrecht gern dem Deutschen Reich als angeblich „verspäteter Nation“ zugewiesen wird.

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Kommentare

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  • Medley63

    Sehr richtig. Deutschland profitiert nur vordergründig vom Euro. Hintergründig bahnt sich allerdings eine – ich übertreibe nicht- epochale(!) Katastrophe an und wenn der große Knall kommt -und der MUSS aufgrund der enormen Ungleichgewichte, die aufgebaut wurden und weiter aufgebaut werden, irgendwann kommen- wenn also diese gigantomanische Blase platzt, dann werden sich all die ökonomischen „Erfolge“ Deutschlands, die die Politik jetzt noch eitel als ihr Werk für sich beansprucht, als lächerlicher Kleckerkram gegenüber den gigantischen negativen Folgen des Zusammenbruchs des Euro-Systems aufzeigen.

  • Andrea Dickerson

    Gern geschehen