„Saturday Review“ vom 11. September 1897: „Überall, wo die Flagge der Bibel und der Handel der Flagge gefolgt ist, liegt ein deutscher Handlungsreisender mit dem englischen Hausierer im Streit.“ Dieser Streit mündete im 1. Weltkrieg.
Anders als 1870 war sich Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Unmöglichkeit bewusst, den ungeliebten Nachbarn militärisch allein überwinden zu können. Deshalb suchte und fand es den Schulterschluss mit den Briten. Beide einte die Angst vor der wirtschaftlichen Dynamik und der militärischen Stärke der seit 1871 bestehenden kleindeutschen Demokratie.
Von Entente cordiale zur Triple Entente
Das 1904 als „Entente cordiale“ („Herzliche Verbindung“) mit dem Königreich geschlossene Abkommen zwischen England und Frankreich über die Regelung der jeweiligen Interessen auf dem afrikanischen Kontinent sollte sich zu einer maßgeblich gegen das Deutsche Reich gerichteten Allianz entwickeln. Spätestens mit dem Beitritt Russlands zur nun „Triple Entente“ genannten Koalition befanden sich das Reich ebenso wie die Österreich-Ungarische Doppelmonarchie ab 1907 in der Zange. Sollte es zu einem bewaffneten Konflikt mit einem der drei Länder kommen, stand auf europäischem Boden ein Zweifrontenkrieg ins Haus – flankiert von einem Seekrieg gegen die immer noch mächtigste Flotte der Erde.
III. Das Deutsche Reich als Konkurrent
Die infolge der drei Kriege der sechziger und siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts entstandene, erste deutsche Demokratie hatte mit der von Preußen betriebenen Trennung von der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Führung der Habsburger und der Abgrenzung zum Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn 1871 zum modernen Nationalstaat gefunden. Durch den militärischen Sieg über Frankreich hatte es sich neben Franzosen und Briten als dritte Großmacht Westeuropas etabliert.
Der junge Nationalstaat entwickelte eine erstaunliche Dynamik in Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung. In den Achtzigerjahren war die Sozialversicherung eingeführt worden, was deutlich zur Bevölkerungsdynamik beitrug. Zwischen 1875 und 1913 wuchs die deutsche Bevölkerung von 43 auf 67 Millionen. Das Bruttosozialprodukt war in demselben Zeitraum von 17,7 auf 48 Milliarden Mark gestiegen, die Reallöhne der gewerblichen Arbeitnehmer hatten sich verdoppelt, wobei insbesondere Fachkräfte sozial aufstiegen. Dennoch lagen die deutschen Löhne unter denen in Großbritannien und den USA auf dem Niveau Frankreichs – ein globaler Wettbewerbsvorteil gegenüber den beiden Hauptkonkurrenten. Um die wirtschaftliche Dynamik abzusichern, wurden 1913 bereits sieben Prozent der Arbeitskräfte von Gast- und Saisonarbeitern aus dem russischen Teil Polens, Italien und Provinzen der österreichischen K.u.K.-Monarchie gestellt.
Die deutsche Forschung und damit die Innovationsfähigkeit hatte Schwerpunkte in der Herstellung hochwertigen Stahls und den jungen Industriezweigen der Elektrotechnik und der chemischen Industrie entstehen lassen. Deutschlands erste Demokratie war in gewisser Weise das Silicon-Valley des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Wesentliches Standbein der Dynamik war die Energieerzeugung. Allein in den sechs Jahren zwischen 1907 und 1913 wurde die zur Verhüttung notwendige Steinkohleförderung von 143 Millionen Tonnen auf 191 Millionen Tonnen gesteigert. Deutschland war 1913 zum zweitgrößten Stahlhersteller der Welt avanciert. Belegten die USA mit 32 Millionen Tonnen Platz Eins, so betrug die deutsche Bilanz 17,8 Millionen Tonnen. Großbritannien folgte mit 7,8 mio t abgeschlagen auf dem dritten Platz; Frankreich, obgleich es seine Stahlproduktion zwischen 1890 und 1913 versechsfacht hatte, mit 4,7 mio t auf Platz 4.
Beim Weltchemieexport lag Deutschland 1913 mit 28 % ebenfalls deutlich vor den Engländern mit 16 %. In der Elektrotechnik hatten sich das bereits 1847 gegründete Unternehmen „Siemens“ und die 1883 geschaffene „AEG“ an der Weltspitze etabliert.
Die Dynamik der deutschen Produktion spiegelt sich wider in den Zahlen der Weltindustrieproduktion. Kamen die Staaten des Norddeutschen Bundes um 1860 gerade einmal auf einen Anteil von knapp 5 %, so war Deutschland in den 90ern bereits auf Platz 3 vorgerückt. Erstmals 1913 überholte das Reich die Briten, lag mit einem Anteil von 14,8 % spürbar vor der Inselkonkurrenz mit 13,6 %. Einsam an der Spitze lagen zu diesem Zeitpunkt bereits die USA mit einem Anteil von 32 %.
Territorial hatte das Reich 1871 seine kontinentaleuropäischen Ambitionen erfüllt. Im Norden war das ursprünglich dänische Schleswig mit seiner mehrheitlich deutschsprachigen Bevölkerung eingemeindet. Im Osten grenzte das Reich mit den polnisch-sprachigen Gebieten Westpreußens und Zentralpolens an das russische Zarenreich. Im Westen waren mit Lohringen und dem Elsass die in Folge des 30-jährigen Krieges von Frankreich annektierten Reichsgebiete zurückgeholt worden.
Das Reich hatte seine territorialen Ansprüche infolge der wirtschaftlichen Dynamik, der Rohstoffgewinnung und der Absicherung der Seewege auf andere Kontinente verlegt und verfügte als kolonialer Nachzügler über Stützpunkte nebst deutsch verwaltetem Hinterland in Zentral-, Süd- und Ostafrika, China und Ozeanien. Die „Schutzgebiete“ entwickelten sich schnell zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. So steigerte sich das Handelsvolumen zwischen dem deutschen Kernland und den überseeischen Gebieten im Zeitraum zwischen 1906 und 1913 von 72 auf 264 Millionen Mark. Im diesem Zeitraum verdoppelte sich die Produktion von Palmöl und Kakao, und es vervierfachte sich die Kautschuk-Produktion – unverzichtbarer Grundstoff für das Hochtechnologieprodukt Kraftfahrzeug. Deutsch-Ostafrika, das spätere Tansania, verzehnfachte seine Baumwollproduktion.
Weitere Player im europäischen Game of Thrones
Neben den „Erbfeinden“ Frankreich und Deutschland und der Weltmacht des Vereinigten Königreichs gab es mit Italien, Russland und dem Habsburger Reich drei weiter wichtigte Player auf dem europäischen Kontinent, die um Macht, Anerkennung und Bedeutung kämpften. Gleichzeitig jedoch unterschieden sie sich von den drei dominierenden Staaten sowohl in ihren Möglichkeiten wie in ihrer Staatsphilosophie.
Italien
Ähnlich dem Deutschen Reich als nördlicher Teil des früheren Heiligen Römischen Reichs war auch Italien als dessen südlicher Teil erst im 19. Jahrhundert infolge französischer Besetzung zum Nationalstaat geworden. Im Zuge des „risorgimento“, der „Wiedererstehung“, hatten national-italienische Kräfte unter Führung des Königreichs Sardinien, zu welchem neben der Mittelmeerinsel auch Savoyen-Piemont mit den Metropolen Turin und Nizza gehörte, 1861 das „Königreich Italien“ ausgerufen. Der Einheitsprozess wurde 1870 mit der militärischen Besetzung Roms als Zentrum des bis dahin autonomen Kirchenstaats vorläufig abgeschlossen.
Im Zuge des Einheitsprozesses trat Victor Emmanuel II 1860 als Dank für die französische Unterstützung beim Risorgimento das alpine Savoyen zwischen Rhone und Mont-Blanc-Massiv sowie die Grafschaft Nizza an Frankreich ab. Der junge italienische Nationalstaat erhob auch nach dem vorläufigen Abschluss seines Einigungsprozesses weiterhin Ansprüche auf die zu Österreich-Ungarn gehörenden Gebiete Trient und Südtirol sowie Istrien und dem wichtigsten Habsburger Mittelmeerhafen Triest. Nationalistische Kreise träumten davon, auch die ehemals venezianischen Besitzungen entlang der kroatischen Küste sowie die Grafschaft Nizza heim ins Königreich zu holen.
Ähnlich dem Deutschen Reich kam es im geeinten Italien zu einem wirtschaftlich-industriellen Aufschwung, auch wenn dieser mit der Dynamik der Nordeuropäer nicht mithalten konnte. Dennoch erwuchsen daraus italienische Ansprüche an der Beteiligung der Aufteilung der Welt durch die Europäer. Ab 1882 wurden Äthiopien, Eritrea und der Norden Somalias zur Kolonie Italienisch-Ostafrika erklärt. 1912 übernahm Italien nach Angriffskriegen von den Osmanen die Ägäis-Inseln der Dodekanes sowie Tripolitanien – das heutige Libyen. Ansprüche erhoben die Italiener auf das seit 1881 französische Protektorat Tunesien. Auch in Fernost und am Indischen Ozean strebte das Stiefelreich nach Stützpunkten, scheiterte dabei jedoch an den Widerständen vor allem Großbritanniens und der USA.
Die Konkurrenz vor allem zu Frankreich sowie der unterschwellige Konflikt um das seinerzeit abgetretene Nizza hatte das junge Italien trotz der Ansprüche auf habsburgische Gebiete im frühen 20. Jahrhundert zunehmend mehr auf die Seite von Reich und Doppelmonarchie gedrängt – diese fragile Einigkeit sollte jedoch dem Seitenwechsel nach Kriegsbeginn nicht entgegen stehen, als seitens der Alliierten bessere „Angebote“ für den Fall des Sieges über die Mittelmächte gemacht wurden.
Österreich-Ungarn
Die Habsburger Doppelmonarchie war zur Wende zum 20. Jahrhundert gleichsam der Dinosaurier unter den Staaten Europas. Wie kein anderer Staat verharrte er entgegen den nationalen Bewegungen der Zeit auf der Idee des Vielvölkerstaats. Da jedoch unter der Ägide des Kaisers Franz Josef I eine von den Nationen geforderte Demokratisierung und größere Autonomie der Habsburger Besitztümer ausblieb, verschärften sich die inneren Konflikte im Kaiserlich und Königlichen Österreich-Ungarn.
Der K.u.K.-Staat sah sich außenpolitisch einerseits von Italien bedrängt, das zu seinen Lasten bereits die Regionen Lombardei und Venetien in das Königreich Italien übernommen hatte. Vor allem Österreichs wichtigster Überseehafen Triest wurde von den nationalen Interessen Italiens bedroht, das gleichzeitig mit einer Annektion Trients und Südtirols die Alpengrenze am Brenner anstrebte.
Auf dem Balkan, den die K.u.K.-Monarchie als ihr Einflussgebiet betrachtete, kollidierten die Habsburger Interessen sowohl mit denen Russlands wie denen des Osmanischen Reichs. Zwar waren im Südosten mit Moldavia, der Walachei und Serbien Pufferstaaten entstanden, doch die Konflikte vor allem mit Serbien und den auf dem Balkan um mehr Einfluss bemühten Russen sollten 1914 mit der Ermordung des Habsburgischen Kronprinzen durch einen serbischen Terroristen jenen Funken zünden, der das Ende der europäischen Weltherrschaft einläuten sollte.
Russland
Das russische Zarenreich hatte sich im 19. Jahrhundert schwer getan, den politisch-gesellschaftlichen Anschluss an die Ideen der westeuropäischen Staaten zu finden. Obgleich auch in Russland der industrielle Fortschritt nach einer Überwindung der klassischen Ordnung strebte, tat sich das Zarenreich der Romanows schwer damit, bürgerlichen und sozialen Erneuerungsbestrebungen gerecht zu werden. So kam es auch angesichts außenpolitischer Rückschläge 1905 zur Revolution, die jedoch vom zaristischen System mit Waffengewalt unterdrückt wurde. Erst 1917 sollte der Zusammenbruch der Zarenherrschaft über eine kurze Phase bürgerlicher Republik zur Machtusurpation durch die Marxisten unter Lenin führen.
Außenpolitisch strebte Russland, nachdem es sich mit der Übernahme Finnlands (1809), des Baltikums (1714) und Ostpolens (1795) bereits deutlich nach Westen erweitert hatte und zur Ostseemacht geworden war, weiterhin nach einem unmittelbaren Zugang zu Atlantik und Mittelmeer. Befördert durch den Russisch-Orthodoxen Klerus sah es in den bis 1867 vom osmanischen Reich dominierten Serben ein slawisches „Brudervolk“ mit einer nationalistisch-emotionalen Bindung, die jenseits rationaler Überlegungen die russische Politik bestimmen konnte. Daraus ebenso wie aus dem Streben an das Mittelmeer resultierte jene beständige, geopolitische Konkurrenz zu habsburgischen Interessen vor allem auf dem Balkan.
Traditionell richtete sich russische Politik gegen das islamisch geprägte, Großtürkische Reich entlang seiner Südwestgrenze, dessen Einfluss bis weit in den russischen Kaukasus reichte.
Im Osten des größten, zusammenhängenden Kolonialreichs der Erde strebte Russland nach Erweiterung der von ihm beherrschten Territorien nach Süden, wodurch es mit dem kolonialen Konkurrenten Japan in Konflikt geriet und 1905 sowohl auf See (Tsushima) und an Land (Mukden) die mit größten Niederlagen seiner Geschichte hatte hinnehmen müssen.
Verspätete Nationen?
Gern wird im Rückblick auf die europäische Situation des jungen 20. Jahrhundert von Deutschland als „verspäteter Nation“ gesprochen. Tatsächlich allerdings führt diese Bezeichnung an der Sachlage vorbei. Denn während die angeblich „frühen“ Nationen England und Frankreich ihren Nationalstaat maßgeblich auf monarchistischem Zentralismus begründeten und zwecks Gebietserweiterung die Territorien anderer Staaten oder Volksidentitäten annektierten, entstand in den deutschen Ländern nach Napoleon tatsächlich ein deutsch-nationaler Volkspatriotismus, der bis 1920 auch die Deutsch-Österreicher ergriff. Während Schotten und Iren sich niemals als „Briten“ fühlten und Korsen wie Bretonen der Pariser Zentralstaat weitgehend fremd blieb, organisierte der deutsche Föderalismus nach 1871 tatsächlich eine deutsche Identität, unterhalb derer die regionale nicht erdrückt oder zwangsunterworfen wurde: Das Reich der Deutschen war insofern nicht nur in seiner Verfassung demokratisch – es fußte trotz regionaler, in der Bundesstaatskonstruktion berücksichtigter Unterschiede auch auf dem demokratischen Willen der deutlichem Mehrheit seiner Bürger.
Das wiederum unterscheidet das Reich maßgeblich selbst vom italienischen Nationalstaat, dessen Nationalbewusstsein im 19. Jahrhundert eine weitestgehend auf die intellektuellen Eliten beschränkte Idee blieb.

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