Vom Leben, Sterben und dem Tag des finanzpolitisch jüngsten Gerichts

Hören wir auf zu leben, weil wir irgendwann sterben werden? Warum hören wir dann auf anzulegen, nur weil irgendwann ein neuer Crash kommen wird? Mein Plädoyer lautet für einen intelligenten Optimismus. Wir lachen den Gefahren der Zukunft ins Gesicht, denn wir werden im Hier und Jetzt die anlagetechnisch richtigen Dinge tun.

Was ein reißerischer Titel, aber doch passend. Denn heute möchte ich mit Ihnen darüber sprechen was passieren wird, wenn dieses finanzielle Kartenhaus, das Staaten und Notenbanken im Duett gebaut haben, zusammenbrechen wird. Ich will aber auch darüber sprechen, warum kluge Anleger trotz dieses Wissens die Chancen der Gegenwart ergreifen. Denn hören wir auf zu leben, weil wir irgendwann sicher sterben werden? Ich hoffe hier ist Konsens, dass die Antwort *Nein* lautet, selbst wenn man die Lebensmitte schon weit hinter sich gelassen und die Uhr zu ticken begonnen hat.

Warum hören wir dann aber auf anzulegen, nur weil irgendwann ziemlich sicher ein neuer Crash kommen wird? Die Antwort ist klar, weil zu viele der Überzeugung sind, dass dieser Tag des finanzpolitisch jüngsten Gerichts sozusagen *morgen* kommen wird, also sozusagen gleich um die Ecke ist. Und weil diese Meinung den Anlegern auch an jeder Ecke eingeflüstert wird und keineswegs eine Außenseitermeinung, sondern die der Herde ist. Diese Anleger glauben also die Zukunft zu kennen, weil sie fest gefügte Überzeugungen haben, sie wollen also klüger als der Markt sein. Es kommt höchst selten vor, dass diese Haltung zu Erfolg führt und dieser Artikel ist eine erneuter Versuch, das klar zu machen.

Zunächst aber muss ich wohl diesen Tag des finanzpolitischen Gerichts betrachten, auch damit Sie mir überhaupt zuhören. Denn hier ist schon eine hohe Zahl Leser, die die finanzpolitischen Entwicklungen der Gegenwart sehr skeptisch sehen, was ja auch angemessen und in Ordnung ist. Nur wird dann von einigen der Fehler gemacht, gleich alle Chancen der Gegenwart zu ignorieren, nur weil irgendwann vielleicht die Rechnung präsentiert werden wird. Irgendwann sind wir aber alle tot. Ich weiß, das hört man nicht gerne, wahr ist es trotzdem.

Und natürlich reden wir da nicht über einen Tag, wir sprechen über eine Phase von vielen Monaten und wenigen Jahren, in denen vieles zusammenbrechen wird, was wir uns so noch nicht vorstellen können. Ich hatte Ihnen ja auch zuletzt in Wie die Assyrer mir das Geheimnis der nächsten Börsenkrise offenbarten aufgezeigt, dass so ein Crash sich vorbereitet, durch diverse Signale ankündigt und nicht einfach aus dem Nichts auftritt. Aber das mit dem „jüngsten Gericht“ ist halt so ein schöner Titel.

Der Weg bis zum jüngsten Gericht

Letzten November hatte ich schon in Zu früh ist am Markt nur ein anderes Wort für falsch mit Ihnen besprochen, dass bis zu diesem Tag des „jüngsten Gerichts“ noch viel Zeit vergehen kann, in denen die Märkte weiter steigen. Sicher, er kann auch 2018 kommen, wenn die richtigen bzw. falschen politischen Entscheidungen getroffen werden, es kann aber ebenso noch bis 2028 dauern, wir wissen es nicht, und jeder, der anderes behauptet, ist ein Scharlatan.

Ich habe Ihnen da aber auch geschrieben, dass selbst dieser Crash nicht sicher ist, denn Zitat:

„Vielleicht kommt es auch nie zu einem katastrophalen Zusammenbruch, weil die Scherkräfte langsam und stückchenweise auf Kosten der Bürger via „kreativer“ Geldpolitik, Inflation und Steuern abgebaut werden – Macron und die Südländer arbeiten ja kräftig an diesem Modell. Wir sehen doch an den aktuellen, massiven Veränderungen der deutschen Gesellschaft, dass man den Menschen auch Extremes ohne Aufbegehren auferlegen kann, wenn man es nur langsam und stückchenweise tut und die Folgen nicht sofort erlebbar sind. Auch der Frosch springt bekannterweise nicht aus dem heißen Wasser, wenn man es langsam auf Kochtemperatur erhitzt.“

Tja, so ist das mit dem Frosch, auch als deutscher Michel bekannt. Da kann man ein wenig zynisch werden, aber es nützt ja nichts. Und mit der kommenden großen Koalition, wird sehr wahrscheinlich, dass dieser „Macron-Weg“ auch beschritten wird, der die Blechkanne ein gutes Stück die Straße weiter herunter treten wird. Ob man individuell nun das Wissen und die Kraft hat, diese vielen Jahre noch mit den Wölfen zu heulen und mitzunehmen was geht, bis dann der finanzielle Winter kommt – zu tanzen also, solange die Musik spielt – das muss jeder für sich selber entscheiden.
Gehen wir für diesen Artikel aber nun mal davon aus, dass dieser Tag der Abrechnung irgendwann kommen wird und das Kartenhaus zusammenbricht, denn das erscheint wahrscheinlich. Woraus das Kartenhaus besteht und wer gerade daran mitwirkt, will ich hier jetzt nicht erneut aufwärmen. Das wurde auf TE vielfach treffend beschrieben, die Notenbanken spielen dabei eine zentrale Rolle, weil sie die Welt und ihre Bürger in ein historisch einmaliges geldpolitisches Experiment gepresst haben, aus dem es wohl kein Entrinnen mehr gibt. In Warum der Zins nicht wieder kommt habe ich davon hier einen Teilaspekt beleuchtet. Und dieses Experiment haben die Notenbanken natürlich nicht ohne Grund begonnen, die Interessen der Staaten und die Angst vor einer Systemkrise waren und sind dabei entscheidende Treiber.

Das Truthahn-Leben

Ich habe aber eine Ahnung davon, wie das Ganze ablaufen wird, denn der Markt hat sich sehr verändert und daran hat das Aufkommen und die sich entwickelnde Dominanz der Algos und der passiven Anlagevehikel wie der ETFs einen wesentlichen Anteil. Auch das habe ich Ihnen in den Konsequenzen schon dargestellt und zwar in Algos, ETFs, Robo Adviser und ein Truthahn-Leben. Denn das Bild des Truthahn-Lebens ist besonders passend, denn der lebt fröhlich und gut bis irgendwann überraschend das Messer kommt. Oops!

Der Inhalt dieses Artikels wurde uns in der aktuellen Korrektur Anfang Februar dann schnell vor Augen geführt, als die Auflösung des „Short-Vola“ Trades zu schnellen Marktverwerfungen geführt hat. Aber das war nur ein Vorbote dessen, was wohl kommen wird.

Kein Ort zum Verstecken

Schon immer war es aber so, dass in einer Krisensituation alle gleichzeitig zum Ausgang wollen, aber das nächste Mal wird es besonders brutal werden. Denn die Algos werden mit den gleichen Mechanismen, mit denen sie nun alle dem Trend nach oben folgen, alle permanent verkaufen wollen. Und noch schlimmer die boomenden passiven Anlagevehikel wie die ETFs, werden wie riesige Abrissbirnen alles mitreißen – wirklich alles, auch die stabilsten Unternehmen der Welt. Denn wenn ETFs massive Verkaufsaufträge bekommen, müssen sie halt alle Aktien im ETF anteilig verkaufen und damit wird alles ausgekehrt, völlig unabhängig davon, ob das Unternehmen von der Krise betroffen ist oder nicht.

Auch das wurde uns Anfang Februar bewiesen, schauen Sie sich nur mal die Kursentwicklung von Apple an, eine Aktie die in unzähligen ETFs ist. Mit Änderungen an der Geschäftsentwicklung von Apple hat diese Bewegung nichts zu tun. Diese Verkaufswellen werden dann zu einer sich selbst verstärkenden Feedback-Schleife, die immer wieder um die Welt laufen wird, ganz analog zum jetzigen gnadenlosen Marktanstieg, nur invers und viel schneller. An den Märkten geht es runter immer viel schneller als hoch. Man könnte auch sagen, hoch ins Hochhaus geht es schnaufend die Treppe hoch, runter dann mit Fenstersturz und Flugversuch.

Es wird dabei – da bin ich absolut sicher – keinen Ort zum finanziellen Verstecken geben. Alles wird brutal fallen. Alles. Und sicher wird die Politik dann die Börsen und Banken schließen und viel warme Worte verbreiten, es wird aber nicht viel nutzen, wenn die Märkte wieder aufmachen, kommt die nächste Welle. Denn wenn das Vertrauen in die Notenbanken und damit in das Geldsystem weg ist, wenn der „Lender of the last resort“ im Zweifel steht, dann gibt es keine Haltelinie mehr.

Auch Du mein Sohn Aurum

Jetzt denken einige von Ihnen dabei natürlich nur an die Börsen und die ach so „gefährlichen“ Aktien und lehnen sich beruhigt zurück und denken, gut ich habe ja Gold. Leider falsch, auch Gold wird dann erst einmal brutal in den Boden gestampft werden, weil der berühmte „Margin-Call“ – die Aufforderung Wertpapier-Kredite zurück zu zahlen – dazu führt, alle Sicherheiten aus dem Tresor zu nehmen und alles panisch auf den Markt zu werfen. Schon 2008 konnten wir das beobachten, bei dieser Krise wird es noch extremer. Erst später im Verlauf der Krise kann und wird Gold dann relativ zu anderen Anlagen steigen.

Und für die, die in Gold das Allheilmittel sehen, sei mein Artikel Das Wort für Gold ist Geld empfohlen. Dort lesen Sie von mir einen durchaus positiven Blick auf Gold, aber eben auch einen differenzierten Blick, denn Gold ist nicht das Allheilmittel der finanziellen Sicherheit und war es auch nie. Wirklich erreichen werde ich alle damit aber nicht, das ist mir schon klar, da ist beim Thema auch Glauben und Emotion im Spiel. Aber gut, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.

Aber auch Immobilien werden dann in der Krise unverkäuflich sein, man sieht es dann nur in den Preisen vermeintlich nicht, denn wenn nicht verkauft wird, kann man sich ja noch viel über den Wert einbilden. Die aufkommenden Probleme in der Gesellschaft werden dann dazu führen, dass die Politik auf Wohnraum zugreift und dann kommen vielleicht all die Folterwerkzeuge wie Zwangshypotheken, mit denen Deutschland ja schon Übung hat und über die in Frankreich schon „Thinktanks“ der Regierung wieder nachzudenken beginnen.

Nein, „sicher“ werden Immobilien auch nicht sein, Schuldverschreibungen in einer Währung wie Lebensversicherungen erst recht nicht, und wer heute glaubt, weil er aus dem Markt ausgestiegen ist und auf Cash sitzt, dass er deswegen „sicher“ sei, hat einen Naivitätspreis verdient, denn Cash auf Konten wird am meisten wackeln, zusammen mit den Banken, in denen es liegt.

Das ist doch Angstmacherei!

Geht es noch dunkler? Das ist doch Angstmacherei, werden jetzt einige rufen, besonders wenn das hier einer der Politiker liest, die ja alles im Griff haben und in Deutschland für ihre große marktwirtschaftliche und ordnungspolitische Kompetenz berüchtigt sind. Ich kann dann nur trocken daran erinnern, dass ich bei anderen, den Marktausblick positiven sehenden Artikeln der letzten Jahre, dann einigen als „Schönredner“ und „Verdränger der Risiken“ galt, weil ich mir erlaubt habe darauf hinzuweisen, dass dieser Tag des finanzpolitisch jüngsten Gerichts aktuell noch nicht ansteht und die Märkte erst noch viel weiter steigen können. Was bin ich dann jetzt also, Angstmacher oder Schönredner? Hmm? Was ich behaupte ist, dass beides wahr ist und man beidem ins Auge sehen sollte. Nur der Zeitstrahl macht den Unterschied und den darf man nicht unterschätzen und klein reden.

Haltet den Dieb!

Aber ich kann bei der Angstmacherei noch einen draufsetzen. Denn mit dieser Krise wird unsere freie Gesellschaft potentiell kippen. Während alle wie die Hühner umherirren und das Geschehen nicht verstehen, wird von interessierter Seite wieder auf den „bösen Kapitalismus“ und die „gierigen Zocker“ gezeigt werden, dabei ist die aktuelle Unwucht des Marktes recht eindeutig die Folge von Politikversagen bzw. bewusster Verzerrung der Marktkräfte. Das ist teilweise keine Marktwirtschaft mehr was wir haben, eher ein großer, weltweiter Korporatismus. Wie übrigens auch die Subprime-Krise 2008, es war der US Staat, der jeden in Immobilien treiben wollte und erst ganz viele Würste frei ausgelegt hat, die dann die „Hunde des Marktes“ natürlich gefressen haben.

Die wahren Verantwortlichen werden nach dem bekannten Prinzip „haltet den Dieb“, an solchen Schuldzuweisungen sicher ein Interesse haben und der normale Bürger wird es mit medialer Feuerunterstützung dankend aufnehmen, er hat ja schon immer gewusst, dass diese Zocker an allem schuld sind – an den nächsten Baum mit ihnen! Am Ende wird es schwer sein, eine freie Marktwirtschaft zu erhalten, denn die billigen Versprechungen werden Konjunktur haben.

Was man tun kann

Bei so viel düsteren Aussichten kann einem ja schwindelig werden, was kann man denn jetzt noch tun? Nun, politisch noch einiges, vielleicht kann man das dicke Ende noch abwenden, auch wenn es nicht mehr sicher ist. Aber das soll hier nun nicht Thema sein. Aber als Anleger, was kann man tun, wenn nichts sicher ist?

Das ist ganz einfach. Eben gerade *nicht* sich in Selbstüberschätzung einzubilden, dass man sicher sei, weil man dieses und jenes getan und gekauft oder verkauft hätte. Wir sind in völlig unerforschten, historisch einmaligen Gewässern, niemand kennt den genauen Ablauf der nächsten Krise und es wird einige Überraschungen geben. Ein bekannter Sinnspruch von Joe Granville zum Markt, wissend um dessen Reflexivität sagt treffend: „If it’s obvious, it’s obviously wrong“ – auf Deutsch „Wenn etwas offensichtlich ist, ist es offensichtlich falsch“.

Dinge werden also „wackeln“, denen man es nicht zugetraut hätte, Überraschungen werden passieren, die kein „Crash-Guru“ sich je hatte vorstellen können und deshalb sind Diversifizierung, Qualität der Anlagen und geistige Flexibilität die Zauberwörter – nicht das Eingraben in vermeintliche Sicherheiten, die keine sind.

Diversifizierung, Qualität und geistige Flexibilität

Diversifizierung bedeutet dabei, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Wenn man nicht weiß, wie das genau ablaufen wird, ist es unverantwortlich, alleine auf eine Idee zu setzen, so „sicher“ sie sich heute auch anfühlen mag.

Und da sind wir auch gleich bei der Qualität, denn in der Krise wird sowieso alles massiv fallen – wirklich alles – , darauf müssen wir uns einrichten. Die Frage ist also nicht, was wie stark fällt, sondern was nach der Krise noch die Chance hat, zu stehen und wieder an Wert zu gewinnen.

Das ist „Qualität“ und die ist aktuell schon „teuer“, weil die anderen im Markt ja auch nicht dumm sind und nach Qualität forschen. Qualität findet man zum Beispiel bei den großen Weltkonzernen, die wie Johnson & Johnson mit Tampons und Mundspülung weltweit immer Käufer finden werden, oder die es wie Microsoft immer noch auf fast jedem Rechner gibt. Und Rechner wird es auch nach der Krise geben, außer wir haben uns in die Steinzeit zurück gebombt, dann haben wir aber sowieso ganz andere Sorgen als Geldanlage. Qualität kann auch die selbstgenutzte Immobilie in Toplage sein und der Goldbarren, auf den man physischen Zugriff hat. Es kann das landwirtschaftliche Gelände sein und einige andere Dinge, weniger aber Schuldverschreibungen, Geldmittel und sonstige Versprechungen, die nur auf geduldigem Papier notiert sind.

Ja, und dann braucht es noch Flexibilität geistiger Art. Denn es gehört Demut dazu, heute zu akzeptieren, dass man heute nichts Definitives sagen kann und alle Festlegungen heute reiner Unfug sind, auch die negativen Festlegungen übrigens, nach denen dieser Markt nun sofort zusammenbrechen „muss“. Nein muss er nicht, der Markt muss gar nichts. Diese Demut muss sich in der Krise dann in die Flexibilität wandeln, die Möglichkeiten der Diversifizierung intelligent zu nutzen, wie immer diese Krise sich dann konkret entwickeln wird. Um das dann tun zu können, braucht man aber auch finanzielle Bildung, damit man die Zusammenhänge überhaupt durchschauen kann – darin kann man heute schon investieren.

Das Happy End

Wie in jedem guten Hollywood-Film, auch wenn er sehr gruselig ist, muss ich nun natürlich noch die positive Kurve bekommen und das kann ich auch tun, weil ich es wirklich so sehe. Denn so neu sind solche Sorgen um den „Tag des finanzpolitisch jüngsten Gerichts“ nicht, die Kinder des kalten Krieges wie ich haben permanent mit der totalen Vernichtung und den Bildern von in der Atomhitze schmelzenden Körpern gelebt und konnten trotzdem auch ihr Leben genießen.

Verdrängung hat eben auch etwas Gutes, aber nur wenn man sie auch mal temporär unterbricht, um sich für den Tag X vorzubereiten und sich den wichtigen Fragen des „was wäre, wenn“ zu stellen. Wenn man das getan hat, kann man den Notfallkoffer auch wieder vergessen und weiter fröhlich tanzen.

Der Unterschied zwischen Verdrängung und Optimismus ist eben, dass der Verdränger Gefahren nicht wahrhaben will, der Optimist dagegen, lacht ihnen im vollen Wissen ins Gesicht. Wir sollten Optimisten sein, nicht Verdränger.

Zeit für Optimismus und das Leben zu genießen

Ich persönlich kann sowieso nicht verstehen, warum manche Menschen sich von der Sorge um ungelegte Eier blockieren lassen, die vielleicht in 10 Jahren passieren oder eben nicht. Und ich kann daher auch nicht verstehen, warum Anleger auf Gewinne in der Gegenwart verzichten, weil sie irgendwann mal einen großen Crash erwarten, ohne auch nur ansatzweise eine Idee vom Zeitpunkt zu haben. Das ist eher Selbstmord aus Angst vor dem Tod, denn der Crash kommt sowieso und wird nicht dadurch besser, dass man sich jetzt der Gewinne entsagt, im Gegenteil, das Polster wird dünner. Und in den letzten 9 Jahren war dieser Anlageansatz ja schon ziemlich desaströs, nirgendwo steht geschrieben, dass es nicht nochmal 9 Jahre werden können.

Auch wenn es hier einige Leser nicht gerne hören werden, erinnere ich noch einmal daran, dass wir aktuell trotz aller Fragezeichen immer noch mitten in einem Bullenmarkt sind, der durchaus weiterlaufen kann, selbst wenn dann doch am Ende dieser Tag des „finanzpolitisch jüngsten Gerichts“ kommen sollte. Und dass dieser Bullenmarkt objektiv zu einem Teil auch von den Notenbanken „aufgepumpt“ ist – was wirklich jeder im Markt weiß und keine Neuigkeit, sondern Binsenweisheit ist – macht ihn nicht weniger bullisch und nicht weniger dauerhaft, im Gegenteil.
Unsere unheilbare Krankheit auch „Alter“ genannt.

Auch das Argument, man würde mit dieser Abstinenz und sorgenvollen Miene schon jetzt für den Fall des Falles vorsorgen, erscheint mir hohl, denn es gibt doch ein viel schlimmeres Problem das wir alle haben. Wir haben nämlich alle eine finale, unheilbare Krankheit mit Namen „Alter“. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft liegen wir alle in der Holzkiste und das ist mal wirklich alternativlos – wer Pech (oder Glück?) hat, den ereilt es sogar schon vor diesem Tag, an dem es finanzielle Katzen regnen wird. Auch diese finale Krankheit darf man nicht permanent verdrängen und muss sich der Frage stellen, was das für das eigene Leben in der Gegenwart bedeutet – in erster Näherung, etwas Positives daraus zu machen – ganz ähnlich dazu, wie man als Anleger mit Chancen in der Gegenwart umgehen sollte.

Intelligenter Optimismus

Mein Plädoyer lautet daher für einen intelligenten Optimismus. Wir kennen die Gefahren genau und machen uns nichts vor, was die Konsequenzen angeht. Wir sind keineswegs Lemminge, die ahnungslos in die Zukunft stolpern.

Wir lachen den Gefahren der Zukunft aber auch ins Gesicht, denn diese werden uns nicht davon abhalten, im Hier und Jetzt die richtigen Dinge zu tun, das Leben mit beiden Händen zu ergreifen, zu genießen und die Chancen da mitzunehmen, wo sie sich uns gerade aufdrängen. Und gerade weil wir die Gefahren kennen, werden sie uns nicht so schnell überraschen und paralysieren.

So sehe ich die Welt, jetzt wissen Sie es.

Ihr Michael Schulte (Hari)

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Kommentare ( 27 )

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Habt Ihr die Aktien gefunden oder sucht Ihr noch? Sucht nicht weiter, denn Ihr werdet nichts finden. Sie sind nicht da, die Aktien. Was Ihr habt, sind nur Forderungen gegen eine Depotbank.

Wo sind Eure Aktien?

Niemand von Euch hat Aktien. Ihr habt Aktien gekauft, aber nie bekommen. Wo sind sie?
Ihr habt sie nicht, Eure Bank hat sie nicht. Wo liegen sie? Nirgendwo. Diese Aktien existieren in normalen Zeiten als Buchposition, elektronisch verwaltet. In USA gibt es das Verwahr-Unternehmen Computershare, dass solche Bestände elektronisch verwaltet. Wenn wir Chaos-Zeiten haben, was passiert dann mit den Beständen? Leider gibt es die Möglichkeit physischer Auslieferung bei Aktien nicht mehr. Hier hat Gold mal einen klaren Vorteil.

Vielen Dank für diesen scharf analysierenden und doch ein wenig Hoffnung machenden, Artikel. Einzig die Aussagen zu den ETFs als „riesige Abrissbirnen“ finde ich etwas übertrieben. Da ein ETF lediglich einen Index abbildet, verliert er im Crash zwar, wie alle Aktien an Wert. Solange eine AG aber nicht schlechter als ihre Konkurrenten im Index performt, führt dies m.E. noch zu keinen Umschichtungs- bzw. Zerstörungseffekten. Nach meiner persönlichen Einschätzung lauert die große Gefahr eher in der ausufernden Derivateblase, die sich über die Jahre aufgebläht hat. Alfred Demichele schreibt in seinem Buch „Wasserscheiden“ im Eckert-Faden ein Crashszenario, das ich diesbezüglich für nicht… Mehr

Ich nenne meine spezifischen Skizzen Utopien, weil ich sie zielorientiert verfasst habe. Lineardenker versagen ja bereits beim Kaffeesatz, wenn sie die Entwicklung von Wertpapieren einschätzen.

Zu Alfred DeMichele: Seit heute ist https://www.Wasserscheiden.de im Netz.

Zitat von Hari: „Und da sind wir auch gleich bei der Qualität, denn in der Krise wird sowieso alles massiv fallen – wirklich alles – , darauf müssen wir uns einrichten. Die Frage ist also nicht, was wie stark fällt, sondern was nach der Krise noch die Chance hat, zu stehen und wieder an Wert zu gewinnen. “ Was ist aber nach der Krise mit den „Qualitäts-Aktien“? Wo sind die überhaupt? Wer hat sie? Wo liegen sie? In welcher Form? Wer hier im Forum hat seine Aktien zuhause? Also ich habe keine daheim. Hari, haben Sie Aktien daheim? Die Wahrheit… Mehr
Komme gerade vom Einkauf zurück. Habe für 500 Baumwolllappen Gold- und Silbermünzen erstanden. Ich bin erst seit ca. einem Jahr in Edelmetallen unterwegs. Und ich kann sagen : Das macht süchtig ! Alleine schon deshalb, weil man keinen elektronisch erzeugten Kontoauszug vor sich hat, der in keiner Weise durch irgendwas gedeckt ist, sondern handfestes Metall. Ich las unlängst einen „schönen“ Beitrag in einem Forum : ( Wiedergabe sinngemäß): “ Alles Geld was ich erübrigen kann, lege ich in Gold und Silber an. Viele in meinem Bekanntenkreis belächeln mich dafür. Das ist mir egal. Ich bin mir aber sicher, das ich… Mehr

Andere kaufen Bilder, Oldtimer, Schmuck, Haute-Couture-Kleider, Antik-Möbel. Gold ist in Ordnung, aber nicht für jeden. Wer Erträge aus seinen Anlagen braucht, hat nix von Gold und anderen Realwerten. Immos werfen immerhin Mieten ab. Gold wirft nix ab.
Nochmal, jeder kann in Gold machen. Aber nicht für jeden ist es die richtige Anlageform.

@ Schulte ich verstehe, warum und DASS sie DAZU nicht raten wollen. – Ich darf es!!! – A) Es gilt, „auch mal überwintern können“! B) Vielleicht nicht gerade „der Zukunft ins Gesicht lachen“, aber der Situation („unerforschte Gewässer“) schon verdammt lange bei steigenden Risiken laufenden Bullenmarkts das Beste abgewinnen lautet meine Devise. – Einige Bullen und Bären ists her, dass ich mal lernte was „Stillhalter in Aktien“ bedeutet. Englisch manchmal „King of futures“ genannt. – Und zwar EGAL wohin der Hase gerade läuft. Mich damit beschäftigt. Nicht unbedingt einfach zu verstehen (zu rechnen) diese Instrumente. – – Und sicher nichts… Mehr
Vermutlich werden Sie, trotz Ihres Optimimus, keine Wette darauf eingehen wollen, dass der Crash erst 2027 oder 2028 eintritt. Und da hier ja doch aufgeweckte Zeitgenossen lesen, ist der Tipp mit der Unsicherheit von Cash (Sie haben solide Währungen vergessen) auf dem Konto zweckmäßig, gibt ja schließlich noch andere Aufbewahrungsorte. Die Ausführungen zu Edelmetallen sind getürkt, werden Sie in spätestens 2 Jahren selber wissen. Widerspricht auch der Logik, dass Anleger mit konservativer Ausrichtung gleichzeitig hochriskante Wetten mit Nachschussforderungen eingehen. „Bewundere“ Ihren Optimismus schon etwas, die Passagiere der Titanic waren bis kurz vor dem Aufprall auch optimistisch, und das war nur… Mehr
In vielen Bereichen stimme ich zu, allerdings halte ich die Dämonisierung der ETF für etwas übertrieben. Letzten Endes bilden auch sie nur den Index und damit den Aktienkorb der Dickschiffe ab die beim Stockpicking auch von den allermeisten Anlegern gekauft werden. Das Übliche CocaCola, McDonalds, FANG, J&J Paket. Die Probleme entstehen nicht im Abverkauf dieser ETF sondern dem Unwissen der Markt-Teilnehmer die kalte Füße bekommen und aussteigen wollen, allen zuvor angelernten Buy-And-Hold Vorgaben, zum Trotz. Jemand der ETFs abstößt, würde sich auch von seinen anderen Aktien trennen, zumal hier die Kurse mitunter sogar hefter durchschlagen als in einem breiten Index… Mehr

Niemand dämonisiert ETF, die ja Märkte abbilden. Aber wenn Märkte fallen, fallen ETF.
Nichts anderes schrieb der Autor. Es geht auch nicht um Dickschiffe. Es geht darum, was passiert, wenn alles noch Süden geht, auch die Dickschiffe? Niemand kommt dann nach Norden. Darum geht es.

Ja stimmt, das Leben geht weiter, und an der Börse wird die Zukunft gehandelt. Da kann es schon mal passieren, dass man bei aller Euphorie die Kleinigkeit eines 30iger KGV übersieht, und damit zeitlich gesehen einer Generation voraus ist. Aber wie Sie sagen, der Knall kommt mit Sicherheit, auch wenn niemand sagen kann wann das ist. Wie sowas aussieht ist gut am Nikkei zu beobachten. Der hat sich seit Jahrzehnten nicht mehr erholt, und der Yen hat in der Zeit gewiss nicht an Kaufkraft gewonnen. Von daher ist es immer gut, stets flexibel zu sein, und die alten Kostolany Zitate… Mehr