Politik ist für die Menschen da – nicht für’s Klima

Politik, die nicht das Klima vor der Wirtschaft, sondern Menschen vor destruktiven Kräften der Natur schützen will, braucht keine Energiewenden und Umerziehungsmaßnahmen. Wissenschaft stützt einen solchen Ansatz nicht nur, sie zeigt auch konkrete Wege auf.

Wenn Politik und Wissenschaft aufeinandertreffen, erblühen Irrationalität und Bigotterie. Forscher decken Zusammenhänge auf und stoßen dadurch auf immer neue Fragen. Politiker hingegen interessieren sich vor allem für Antworten, die ihre Agenda stützen und die sie mit dem Absolutheitsanspruch letztgültigen Wahrheitsbesitzes verwenden können.

Die Scheinheiligkeit entwickelt sich aus der Notwendigkeit, zu diesem Zweck einseitig aus dem wachsenden Portfolio wissenschaftlich/technischer Einsichten selektieren zu müssen. Der Vernunft widerspricht das Dogma, die so getroffene Auswahl liefere nicht nur eine Argumentationsunterstützung, sondern enge auch noch politische Handlungsspielräume ein. Nirgends wird dies so deutlich propagiert, wie in der Klimadebatte, in der ein physikalischer Vorgang wie der Treibhauseffekt als hinreichender Beleg für die Notwendigkeit einer Dekarbonisierung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise gilt, obwohl ihn wahrscheinlich kaum ein Politiker oder Journalist erklären könnte oder auch nur verstanden hat.

Dabei wäre, selbst wenn man sich dem Vorsorgeprinzip unterwirft, um alle mit Projektionen und Prognosen verbundenen Unwägbarkeiten außer Acht lassen zu dürfen, eine primär auf die Reduzierung und Vermeidung von Treibhausgasemissionen zielende Strategie nicht alternativlos. Selbst wenn man also von der Prämisse ausgeht, die potentiell denkbaren Risiken einer fortschreitenden Erderwärmung würden das Handeln erzwingen, determiniert die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung nicht, wie man reagiert. Ganz im Gegenteil wäre ein der gegenwärtigen Klimapolitik diametral entgegengesetztes Konzept ebenso fundiert wissenschaftlich begründbar.

Wir können uns schützen

Sofern es um Gefährdungen durch Extremwetterereignisse geht, bietet der Klimawandel nichts an, was wir nicht schon kennen. Der Mensch hat sich schließlich nicht in einer ihm freundlich gesinnten Umgebung entwickelt, sondern seine gegenwärtige Resilienz gegenüber destruktiven natürlichen Einflüssen mithilfe von Technologie erst herstellen müssen. Mit Innovationen, die oft durch den Einsatz genau der Energieträger erst möglich wurden, die man heute als Verursacher einer Erderwärmung geißelt. Zumindest in der westlichen Welt gehört die Furcht vor Hagelstürmen, die Ernten vernichten, vor Dürreperioden, in denen das Vieh verdurstet, vor Sturmfluten, die breite Landstriche verwüsten, der Vergangenheit an. Bange Blicke, sich fragend, ob man denn den kommenden Winter noch übersteht, richtet heute niemand mehr zum Himmel. Wir kennen kein schlechtes Wetter mehr, sondern nur noch unpassende Kleidung.

Das ist natürlich noch nicht in allen Regionen der Welt der Fall. Obwohl heute weniger Menschen durch wetter- und klimabedingte Naturkatastrophen zu Tode kommen, als jemals zuvor (seit es darüber verlässliche Daten gibt), ist man in vielen ärmeren Regionen noch immer sehr anfällig. Wir können daher auf die Warnungen der Klimaforscher reagieren, indem wir nicht nur unser Schutzniveau erhöhen, sondern auch den unterentwickelten Regionen dabei helfen, moderne Hochwasserschutz- und Bewässerungssysteme zu errichten, widerstandsfähige Nutzpflanzen anzubauen und belastbare Infrastrukturen zu schaffen.

Dieser Ansatz ist zur etablierten Vermeidungsstrategie inkompatibel. Wirksame Emissionsminderungen müssen global geschehen und bedürfen dazu eines weltweit einheitlichen Regelsystems. Die Steigerung der Widerstandskraft hingegen gelingt nur mit einer breiten Vielfalt völlig unterschiedlicher, auf regionaler Ebene zu entscheidender Maßnahmen. Ein durchaus totalitär zu nennender Führungsanspruch, der mit Regulierungen, Verboten und einseitiger Bevorzugung bestimmter Technologien und Lebensstile verknüpft ist, verträgt sich nicht mit lokaler Planungs- und Entscheidungshoheit, mit diversifizierten und auf der Ausnutzung aller bestehenden Möglichkeiten basierenden Lösungen. Es ergibt, grob simplifiziert, schlicht keinen Sinn, den Verbrennungsmotor zu ächten, der doch in Bangladesch die Bagger antreiben muss, die die Deiche aufschütten.

Wir können den Wandel nutzen

Anpassung erschöpft sich zudem nicht in der Minimierung der Folgen destruktiver Wetterereignisse. Jeder Wandel beinhaltet auch Vorteile und die zweite Säule einer Anpassungsstrategie bestünde darin, diese Vorteile zu erkennen und optimal auszunutzen. Niemand kann derzeit sagen, ob eine fortschreitende globale Erwärmung nicht doch die Niederschlagsmuster positiv verändert. Sicher aber verlängert sie die Vegetationsperioden, was bessere oder sogar mehr Ernten ermöglicht. Neue Gebiete, vor allem auf den großen Landmassen der Nordhalbkugel werden landwirtschaftlich nutzbar. Und völlig unabhängig von klimatischen Entwicklungen trägt der düngende Effekt einer erhöhten Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre zu steigenden Erträgen bei. Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen sind denkbar, die das größere Kohlendioxid-Angebot viel effektiver nutzen als die bisher eingesetzten Sorten. Da mag es sich am Ende gar als moralisch geboten erweisen, die Menge dieses Treibhausgases künstlich hochzuhalten, um die globale Nahrungsmittelversorgung zu verbessern.

Wir können den Wandel gestalten

Sollten die anthropogenen Treibhausgasemissionen tatsächlich der dominante Klimafaktor der Zukunft sein, dann kann der Mensch das Klima nach seinen Wünschen gestalten. Und das ist ein Lichtblick. Natürlich betrifft dies nur langjährige Mittelwerte und nicht das aktuelle Wetter an einem bestimmten Ort, aber genau um die Beherrschung und Steuerung möglicherweise gefährlicher Entwicklungen, die noch weit in der Zukunft liegen, geht es in diesem Aspekt. Das Abschmelzen des antarktischen oder des grönländischen Eispanzers beispielsweise, das einen schwer beherrschbaren Meeresspiegelanstieg auslösen könnte, würde sich über viele Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende erstrecken. Sollten sich die düsteren Prognosen einiger Klimaforscher in dieser Hinsicht bewahrheiten, verbliebe also ausreichend Zeit, in geeigneter Weise zu reagieren.

Wir haben belegt, die Kohlendioxid-Konzentration in der Troposphäre innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraums deutlich steigern zu können. Ist die Menschheit aber dazu in der Lage, dieses Treibhausgas ebenso schnell in ebenso großer Menge wieder aus der Lufthülle zu entfernen? Die klimapolitischen Kommentatoren, die dies allgemein als notwendig erachten, um den Zielen des Pariser Abkommens auch nur halbwegs nahe zu kommen, diskutieren hierüber intensiv. Verbreitet ist der auch durch das IPCC unterstützte Vorschlag, schnellwachsende Biomasse zur Energiegewinnung zu verbrennen, das dabei freiwerdende Kohlendioxid abzufangen und unterirdisch zu lagern. Aber erstens benötigt man zu diesem Zweck eine gewaltige Menge Land, um überhaupt relevante Mengen zu binden, und zweitens fehlt der Speicherung unter der Erdoberfläche das Geschäftsmodell. Es sei denn, man leitet das Gas in Erdölvorkommen, um deren Ertrag auf diese Weise zu steigern.

Die Abscheidung von Kohlendioxid direkt aus den Abgasströmen von Industrieanlagen zur anschließenden stofflichen Nutzung kann mit geeigneten Katalysatoren bei ideal eingestellten Prozessparametern gelingen. Ob solche Verfahren es jemals wirtschaftlich gestatten, das Treibhausgas bei sehr viel niedrigeren Konzentrationen auch aus der Umgebungsluft zurückzugewinnen, bleibt abzuwarten.

Statt über den Treibhauseffekt lassen sich die Temperaturen der unteren Luftschichten im langfristigen, globalen Mittel auch über die Regulierung der Einstrahlung steuern, die den Erdboden überhaupt erreicht. Das Einbringen abschirmender Schwefeldioxid- oder Aluminiumoxidpartikel in die Stratosphäre, um Sonnenlicht wieder in den Weltraum zu reflektieren, bevor es die Erde erwärmt, wäre technisch einfach und vergleichsweise preiswert.

Natürlich lehnt die Umweltbewegung solche Vorschläge kategorisch ab. Denn sie würden uns ja der (vielleicht nur gefühlten) Notwendigkeit entheben, das Klima über den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger zu stabilisieren. Sie stehen außerdem im Widerspruch zur ökologistischen Utopie einer Welt, die aussieht, als hätte es den Menschen nie gegeben. Man sollte sich daher von Horrorszenarien, die hinsichtlich der oben beschriebenen, gemeinhin unter dem Begriff „Geoengineering“ zusammengefassten Maßnahmen, ausgerechnet von sogenannten Klimaschützern verbreitet werden, nicht blenden lassen. Es geht diesen Aktivisten nicht darum, die Welt vor einer Klimakatastrophe zu bewahren, sie wollen vielmehr Mensch und Natur voneinander trennen und nutzen apokalyptische Visionen nur als Werkzeug auf dem Weg dorthin. Was sie sich davon versprechen, vermag ich nicht zu sagen, ich bin nicht diese Art von Doktor.

Tatsächlich betreiben wir aus der Motivation heraus, unsere Lebensbedingungen zu verbessern, so etwas wie „Geoengineering“ schon immer. Wir versiegeln Böden mit Infrastrukturen aller Art, lenken Flüsse um, stauen sie auf und bauen Kanäle, wir gewinnen Land aus dem Meer und verwandeln Wälder in Äcker und Weiden, um nur einige Beispiele zu nennen. Natürlich sind die Auswirkungen dieser Eingriffe auf Stoffkreisläufe und Strahlungshaushalte zunächst lokal, aber da dies an sehr vielen Stellen geschieht, ergeben sich in der Summe auch global spürbare Effekte. Bis zu zwanzig Prozent der in den letzten Jahrzehnten gemessenen Erderwärmung, so schätzt es das IPCC, könnten auf Landnutzungsänderungen zurückgehen.

Vielleicht ist „Geoengineering“ ein zu technisch und nüchtern klingender, eher abschreckender Begriff. Man könnte die Thematik in erweiterter Form auch unter der Überschrift „Terraforming“ subsummieren, was die Verwandlung einer nutzlosen, abweisenden und gegebenenfalls sogar gefährlichen Umgebung in eine lebensfreundliche meint und in Zukunft klimatische Aspekte einschließt. Denn je mehr die Klimaforschung über die Zusammenhänge lernt, desto mehr Eingriffsmöglichkeiten zeigt sie uns auf und desto besser können wir deren Folgen einschätzen. Um schließlich eine wärmere Welt zu gestalten, deren Vorzüge wir genießen, ohne zusätzliche Wetterextreme oder gar abschmelzende Polkappen in Kauf nehmen zu müssen.

Wissenschaft und Politik

Mit der rhetorischen Frage, ob ich denn nun das Gravitationsgesetz zur Diskussion stellen wolle, kommentierte ein Bekannter meine Kritik am „March for Science“. Natürlich möchte ich das nicht. Aber in welchem Zusammenhang ist das Gravitationsgesetz denn politisch relevant?

Sicher, die Schwerkraft macht das Fliegen teuer, weil energieaufwendig, und riskant, denn ein Absturz hat in aller Regel tödliche Folgen. Man könnte deswegen das Fliegen verbieten oder zumindest erheblich einschränken. Man könnte aber auch einen regulatorischen Rahmen schaffen, innerhalb dessen effiziente Fluggeräte auf einem hohen Sicherheitsniveau allgemein zugänglich werden. Das Gravitationsgesetz bietet in dieser Angelegenheit genau so wenig eine Entscheidungshilfe, wie der Treibhauseffekt in der Klimafrage.

Die Klimaschützer werben – metaphorisch gesprochen – für ein Flugverbot. Und behaupten, die Wissenschaft ließe der Politik keine andere Option. Aus dieser Überzeugung speist sich ein großer Teil des Aktivismus, der Initiativen wie den „March for Science“ trägt. Ein im Kern wissenschaftsfeindlicher Ansatz, denn er negiert die jeder Forschung innewohnende Motivation, den gegenwärtigen Stand des Wissens in Frage zu stellen, um durch neue Erkenntnisse zu einem noch besseren Verständnis der Welt zu gelangen.

Der Dreiklang Schützen-Nutzen-Gestalten eröffnet nicht nur einen alternativen Weg zum Umgang mit der Klimafrage, auf dem keine Emissionsminderungen erzwungen, kein Verzicht auf fossile Energieträger notwendig und keine damit verbundenen Opportunitätskosten getragen werden müssen. Er ist sogar dann sinnvoll, wenn sich die Klimaforscher irren, wenn ein Klimawandel also keine steigenden Risiken beinhaltet oder wenn sich am Ende doch natürliche Faktoren als die mächtigeren Klimatreiber erweisen.

Man kann ein Problem auch lösen, indem man eine Richtung einschlägt, durch die es schlicht irrelevant wird. Wissenschaft und Technik haben nicht nur nichts dagegen, sie öffnen vielmehr solche Optionen ständig. Der zivile Linienluftverkehr ist heute der sicherste Transportmodus, den es gibt. Trotz Schwerkraft, trotz Gravitationsgesetz. Weil der Mensch ihn entsprechend gestaltet hat. Das gelingt auch mit dem Klima. Wenn man die Interessen der Menschen höher bewertet, als ideologische Glaubenssätze.

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Kommentare

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  • Sören Hader

    Die Frage ist doch, wer legt fest, was im Interesse der Menschen ist? Ist es beispielsweise im Interesse der Menschen den Spitzensteuersatz zu senken? (Nur als Beispiel gedacht.) Das gefährliche an Hellers Argumentation ist, dass er sich selbst einer Ideologie bedient und weder er noch andere das erkennen. Nämlich der Ideologie, dass technologische Weiterentwicklung über alles stehen muss und man von keiner Seite einschränken soll.