Gasspeicherstände auf Talfahrt: Von der Frühwarnstufe zum Notfallplan

Die Füllstände der deutschen und europäischen Gasspeicher sinken. Das ist angesichts des etwas kühlen Winters nicht verwunderlich. Ist das ein Grund zur Sorge – oder keiner? Tagesaktuell gibt es besorgte oder beschwichtigende Meldungen. Ist die Lage ernst, aber hoffnungsvoll – oder hoffnungslos, aber nicht ernst?

picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt

Frau Holle ist keine Freundin der deutschen Energiewende. Hochdruckgebiete wie Daniel und Konsorten sind es in diesem Winter auch nicht. Die Füllstände in den deutschen Gasspeichern sind zügig auf Talfahrt, die Zielmarke 30 Prozent dürfte zum 1. Februar knapp gehalten werden.

Europaweit sind die Speicher noch etwa zu 40 Prozent gefüllt. Im Februar ist der Winter noch nicht zu Ende und die Meteorologen sehen für die erste Monatshälfte weiter niedrige Temperaturen im wettermäßig wieder geteilten Deutschland voraus. Entsprechend hoch ist der Bedarf an Erdgas für Heizung und Verstromung.

Wie aus der Grafik zu entnehmen, sinkt bei moderatem Frost von drei Grad Minus der Speicherinhalt täglich um etwa ein Prozent. Je nach Laune des Wettergottes, der vielleicht ab Mitte Februar eine Erwärmung schenkt, keiner weiß es, dürfte es Ende Februar / Anfang März bei Unterschreiten der 20-Prozent-Grenze zu entsprechenden Maßnahmen nach dem Notfallplan Gas kommen.

Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) gibt sich erstaunlich locker. Die Gasversorgung gelte als stabil. Branchenvertreter weisen darauf hin, dass die Versorgungssicherheit mit Gas „aktuell gewährleistet, aber nicht garantiert“ sei. Über diese Formulierung kann prächtig philosophiert werden.
Susanne Ungrad vom BMWE sieht (am 23. Januar) keine Probleme bei der Versorgungssicherheit. Da mehr Flüssiggas (LNG) bezogen wird, könne flexibel hinzugekauft werden. Es gäbe sogar freie Slots an den LNG-Terminals (zur Erinnerung: Das sind nur Anleger für gemietete Regasifizierungsschiffe, FSRU). Generell heißt es, man bräuchte weniger Röhrengas und deshalb weniger Speicher.

Der Norden werde gut durch die LNG-Terminals versorgt, so Frau Ungrad. Und der Rest? Wie hoch ist der Anteil des LNG-Imports? Er ist zu sehen auf der Seite der Bundesnetzagentur. Am 21. Januar wurden 396 Gigawattstunden (GWh) LNG importiert, das waren etwa 13 Prozent des Gesamtimports. In den Monaten zuvor lag der Wert in ähnlicher Höhe, bei einem Maximum von 420.

Auf eine Presseanfrage von TE nach der Auslastung der Terminals, der möglichen Erhöhung der Kapazitäten und nach Bestell- und Lieferzeiten des LNG reagierte das Ministerium nicht. Vielleicht grübelt man noch oder sucht nach einer staatstragenden Formulierung – oder man will die Bevölkerung einfach nicht beunruhigen.

Aktuell verschlechtern sich die Lieferbedingungen für LNG. 92 Prozent kommen aus den USA, der Schneesturm dort erhöht den Eigenbedarf und behindert die Verladekapazitäten. Die Regasifizierung in Deutschland (und Europa) verschlechtert sich durch Seewassertemperaturen kurz über dem Gefrierpunkt. Die Wärme des Seewassers wird gebraucht, um das flüssige Gas wieder zu verdampfen. Zur Beschleunigung des Entladevorgangs muss teilweise mit Erdgas zugeheizt werden.

Wer ist zuständig?

Die Gasspeicherstände können auf der Seite der Bundesnetzagentur verfolgt werden, allerdings etwas zeitverzögert. Aktueller sind die Zahlen vom Verband der Gas- und Wasserstoffwirtschaft. Die Angaben beziehen sich nach Auskunft der Bundesnetzagentur auf das verfügbare Arbeitsgas. Das notwendige in den Speichern verbleibende sogenannte Kissen- oder Polstergas muss nicht abgezogen werden. Mit weiter sinkenden Füllständen sinkt durch abnehmenden Druck die Speicherleistung, das heißt die Menge, die pro Zeiteinheit ausgespeichert werden kann. Einige Speicher können allerdings über Verdichter ausspeichern und darüber die Leistung erhöhen.

Crashkurs mit Ansage:
Heraufziehende Gaskrise in Deutschland
Zum 1. November waren die Speicherstände mit 75 Prozent deutlich niedriger als in den Vorjahren. Da die Speicher marktwirtschaftlich betrieben werden und die Preise über den Sommer kaum gesunken waren, wurde weniger als früher eingespeichert. Eine staatliche Gasreserve analog zur Ölreserve gibt es nicht.

Bei der verantwortlichen Behörde, der Bundesnetzagentur (BNA), bereitet man sich auf die Mangellage vor, indem man beginnt, Verantwortung abzuschieben. Man erklärt sich für nicht zuständig für die Versorgungssicherheit. Das ignoriert den Paragrafen 51 des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG), der ein Monitoring durch die BNA vorschreibt und entsprechend auch die Zusammenarbeit mit dem BMWE.

Die Bewertung der Versorgungssicherheit liege beim Bundeswirtschaftsministerium, heißt es. Wie schon bei der Frage des Überangebots an PV-Strom gibt sich BNA-Chef Klaus Müller geschmeidig. Damals sagte er: „Ich mache mir Sorgen um technischen und finanziellen Stress. Mehr als diese Formulierung werden Sie von mir als Präsident der Bundesnetzagentur nicht hören.“ Vielleicht hat ein grüner Behördenchef auch ein gewisses Interesse daran, die CDU-Wirtschaftsministerin vor die Wand fahren zu lassen? Schließlich ist ihre Politik nicht grün genug.

Mehr Gas

Nicht nur die kalte Witterung treibt den Gasverbrauch, auch ein zunehmender Bedarf für die Verstromung. Vor zehn Jahren wurden in der vierten (vermutlich wärmeren) Kalenderwoche noch 2.800 bis 7.700 Megawatt (MW) aus Gas erzeugt, heute sind es in der gleichen Woche 9.200 bis 13.700 MW. Allerdings lieferten 2016 die Kernkraftwerke noch durchgängig etwa 5.400 MW. Die haben wir heute nicht mehr, auch weniger Kohle-Kapazität. Damals exportierten wir im Saldo, heute importieren wir Strom. Alles hängt mit allem zusammen.

Energieversorgung im Winter
Erdgasspeicher: Halbvoll oder halbleer?
Es siegte der Glaube, die sogenannten „Erneuerbaren“ könnten die durch Atom- und Kohleausstieg verursachte Lücke schließen. Die PV-Anlagen sind dabei im Winter wenig hilfreich. Wir sind kein Sonnenstaat, sondern liegen auf dem Breitengrad des südlichen Kanada. Die Energiewender freuen sich wie Bolle, wenn der PV-Strom im Sommer die Netze aufbläst. Aber das ist im Winter völlig irrelevant.

Der Windstrom fällt erratisch an, sinkt aber durch das „terrestrial stilling“ seit einigen Jahren ab. 2025 war das schwächste Windjahr seit 80 Jahren, trotz Zubau mehrerer Gigawatt (GW) installierter Leistung sank die Produktion. Die Branche schiebt es auf den Klimawandel, aber 80.000 Windkraftanlagen in Europa bremsen halt großflächig den Wind und verschatten sich zum Teil gegenseitig. Am deutlichsten wird dies bei Offshore-Anlagen, wo der spezifische Ertrag pro Anlage sank und die nächste Ausschreibung mangels Investoreninteresse verschoben wird.

Die Preisentwicklung beim Erdgas ist im Großhandel deutlich, vom 5. bis zum 23. Januar stieg der Preis um 46 Prozent. Momentan wirkt es sich bei den Endverbrauchern noch nicht aus, absehbar wird der höhere Preis durchgereicht werden.

Im Falle einer Gasmangellage bei 20 Prozent Füllstand übernimmt die BNA die Rolle des sogenannten Bundeslastverteilers und muss den Verbrauch einschränken. Ausgenommen davon sind geschützte Verbraucher wie Haushalte, soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser und KWK-Gaskraftwerke, die der Wärmeversorgung dienen. Einschränkungen betreffen dann die Industrie sowie nicht lebenswichtige Verbräuche wie zum Beispiel für Schwimmbäder oder Kultureinrichtungen. Möglicherweise auch Tropical Islands, Europas größte tropische Badelandschaft. Mit einer Hülle aus Planen hat die ehemalige Luftschiffhalle keine vorbildliche Wärmedämmung.

Auch der Zugriff auf private Speicher von Großunternehmen wie zum Beispiel der BASF ist möglich, wobei dieser wie auch eine angeordnete Verringerung des Verbrauchs in der Industrie zu Entschädigungsforderungen führen dürfte. In jedem Fall würde die Verringerung von Produktion am Ende einen Milliardenschaden verursachen.

Dass wir die 20-Prozent-Marke unterschreiten werden, kann als gesichert angenommen werden. Wie konkret dann die Maßnahmen aussehen, ist noch unklar. Die Einschränkungen gelten theoretisch so lange, bis diese Grenze wieder überschritten wird. Je nach weiterem Temperaturverlauf könnte dieser Fall erst im Frühsommer eintreten. Dann müsste zügig bis Ende Oktober wieder eingespeichert werden, was die Gaspreise hoch halten wird.

Die Heizkostenabrechnungen für 2025 und vermutlich auch für 2026 werden bei vielen Endkunden Überraschung bis Entsetzen auslösen. Damit steigen auch die Staatseinnahmen nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG), also für die CO2-Emissionen aus Öl- und Gasheizungen, die dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) zufließen. Aus diesem Fonds wird auch die EEG-Förderung für die nicht marktfähigen „Erneuerbaren“ gezahlt, ohne die sie nicht überleben und ohne die kaum eine Anlage neu gebaut würde. Im Jahr 2024 waren das 18,5 Milliarden Euro.

Wertvolle Versorgungssicherheit

Atomausstieg, Kohleausstieg und Gasmangel, dem später ein Gasausstieg folgen soll, ergeben eine toxische Mischung. Das Totalversagen der „Erneuerbaren“ hinsichtlich der Versorgungssicherheit lässt Deutschland absteigen von einem hochentwickelten Industrieland und ehemaligen Exportweltmeister zu einem Schwellenland, das die Grenze nach unten zu überschreiten droht.

Wird das Gas reichen?
Knappe Gas-Speicherstände – und wie wir über den Winter kommen
Was bisher als „Energiewende“ bezeichnet wurde, war eine angefangene Stromwende. Zur Winterzeit tritt die Wärmeversorgung in den Vordergrund und führt zu der Erkenntnis, dass ohne die Fossilen absehbar das Land nicht versorgt werden kann. Erdgas wird gebraucht, neue Gaskraftwerke sollen gebaut werden, aber in Wintern wie diesen wird das Gas knapp. Gasnetze sollen zurückgebaut werden, da wir 2045 dekarbonisiert sein wollen. Wärmepumpen sollen es richten, aber wir schalten Kraftwerke ersatzlos ab. Die Perspektive der zufälligen Windstromproduktion ist trotz weiteren Ausbaus unsicher.

Am Ende wollen wir das globale Klima retten. Aber in der europäischen Hitliste der spezifischen CO2-Emissionen bei der Stromerzeugung rangieren wir weit oben. Dabei ist die Industrie bereits in „Vorleistung“ gegangen. Betriebe der Glasindustrie sind geschlossen worden, die erdgasbasierte Ammoniakproduktion sank durch fehlende Wirtschaftlichkeit, andere energieintensive Industrie wie die Stahlbranche schrumpfen ebenfalls.

Angesichts absehbarer Folgen des energiepreisbedingten Zurückfahrens von Teilen der Wirtschaft und immensen Verlusten sollte die Versorgungssicherheit mit Energie dieselbe Aufmerksamkeit erfahren wie die Flugsicherheit. Flugzeuge können abstürzen, Volkswirtschaften auch. Energie ist die Basis allen Wirtschaftens, die CO2-Vermeidung allerdings am höchsten, wenn man damit aufhört. Solange der „Klimaschutz“ nach dem Motto „CO2-Vermeidung um jeden Preis“ dominiert, werden wir die wirtschaftliche und am Ende gesamtgesellschaftliche Talfahrt nicht beenden können. Wenige werden dadurch reich, große Teile der Bevölkerung arm.

Windkraft sei im öffentlichen Interesse und eine „Frage der nationalen Sicherheit“. Warum ist es die Versorgung mit Erdgas nicht? Kein Wind ist kein Problem, kein Gas schon.

Nach 40 Jahren erfolgreicher Sozialer Markwirtschaft in der alten Bundesrepublik und weiteren 35 Jahren im wiedervereinigten, weniger erfolgreichen Deutschland stellt uns die Energieversorgung im Winter harte Fragen. Das ist nicht das einzige Problem. Der öffentliche Verkehr kollabiert bei hochkant stehenden Schneeflocken, Fahrpläne geben nur vage Anhaltspunkte, Antibiotika sind knapp und müssen rationiert werden. Unterricht fällt häufig aus und wenn er stattfindet, dann teils nur unter Schutz durch Polizei oder Security. Die Außenbeziehungen zu allen Großmächten sind angespannt. Das ist für ein Land, das sich energiestrategisch vom Ausland immer abhängiger macht, fatal. Durch den Hass auf eigene Energierohstoffe sind wir erpressbar geworden.

Der Kanzler hatte einen Politikwechsel versprochen. Der ist nicht zu sehen. Er sagt viel Richtiges, erkennt inzwischen den Atomausstieg als strategischen Fehler an, aber – es bleibt folgenlos. Wir erleben eine von Schwarzen exekutierte rotgrüne Energiepolitik. Was kommt noch? Werden wir ein Gasgate erleben, das zum Energiegate und vielleicht zum Regierungsgate eskaliert? Frau Holle, Hoch Daniel und anderen wird es egal sein. Wir können ihnen nichts tun, wir können Wetter und Klima nicht ändern.


Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen