Angela Merkel und der „Krieg“ ohne Sieg

Merkel und andere Politiker sprechen über die Pandemie wie über einen Krieg. Ursprünglich sollte das Impfangebot für alle ihn beenden. Doch jetzt soll es einfach weitergehen. Die Bürger müssten von den Regierenden endlich Klarheit verlangen, welchen Sieg sie anstreben.

IMAGO / Emmanuele Contini
Angela Merkel im Kanzleramt

Angela Merkel hat in der Pandemie immer wieder ein martialisches Vokabular verwendet. Nicht nur sie tat das. Das Virus als „Gegner“ oder gar „Feind“ zu bezeichnen, ist auch bei Jens Spahn und anderen längst zu einem Leitnarrativ geworden. Die wahrlich unsoldatische Merkel hat sich vor dem Bundestag wie die Anführerin eines kriegführenden Landes inszeniert, als sie sagte: „Am Ende können wir es gemeinsam schaffen, diese Pandemie zu besiegen und unser Land wieder in bessere Zeiten zu führen.

Das Ziel der Kriegführung ist für gewöhnlich der Sieg über einen Feind, wie ihn ja auch Merkel in Aussicht stellt. Kluge, verantwortungsbewusste Kriegsführende waren sich stets darüber im Klaren, worin ein solcher Sieg besteht. Merkel allerdings hat nicht explizit gesagt, woran man denn das „Besiegen“ der Pandemie erkennen werde, das die Voraussetzung dafür sei, „unser Land wieder in bessere Zeiten zu führen“. Ihr wurde allerdings erstaunlicherweise auch nie die direkte Frage danach gestellt. 

Im vergangenen März noch war die Antwort implizit von Merkels Kanzleramtsminister Braun gegeben worden: „Wenn wir jedem in Deutschland ein Impfangebot gemacht haben, dann können wir zur Normalität in allen Bereichen zurückkehren.“ Ein Impfangebot für alle war also gleichbedeutend mit dem Sieg. Nun, da dies der Fall ist, gilt das aber nicht mehr. Braun hat im Dienste seiner Kanzlerin dieses Versprechen gebrochen. Der Sieg soll keiner mehr sein, der Feldzug geht also weiter: „Wir müssen schneller impfen, als Delta sich ausbreitet“, ist Brauns neuer Schlachtruf.

Zeit zum Lesen
"Tichys Einblick" - so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen
Nehmen wir das Sprachbild vom Krieg gegen das Corona-Virus einmal ernst. Dann müssen wir uns fragen, welchen Zweck dieser „Krieg“ gegen Corona hat. Man kann sich einer Antwort darauf vielleicht nähern, wenn man Kriege nach den Kriegszielen kategorisiert. 

In den eingehegten Kabinettskriegen der Epoche vor 1789 zum Beispiel war es stets von vornherein klar, dass nicht die vollständige Vernichtung des Gegners das Ziel war, sondern „nur“ dessen Schwächung – durch Eroberung oder Verteidigung bestimmter Landstriche. Dabei war klar, dass man sich mit dem Gegner in absehbarer Zukunft an einen Tisch setzen würde, um einen (vorläufig stabilen) Frieden auszuhandeln. Die Bürger hatten dabei nicht mitzureden, aber ihre Risiken und Schäden durch solche Kriege waren auch meist begrenzt. 

Davor und danach und auch neben solchen eingehegten Kriegen gab es Vernichtungskriege, die geführt wurden, um einen Gegner, also ein politisches Regime, einen Staat oder sogar eine bestimmte Menschengruppe oder Zivilisation zu vernichten – oder eben die eigene Vernichtung zu verhindern. 

Die politische Rhetorik der Kanzlerin und anderer „Corona-Krieger” legt nahe, dass man den Kampf gegen das Virus als einen solchen Vernichtungskrieg im übertragenen Sinne zu führen gedenkt. Stichwort „NoCovid“ oder „ZeroCovid“. Dass dies gelingt, ist allerdings völlig unrealistisch und wird auch von Politikern kaum mehr konkret in Aussicht gestellt. 

Es gibt allerdings noch zwei weitere Kategorien von Kriegen, die für Historiker bisher keine große Rolle spielten. Die erste, weil sie womöglich ein relativ junges Phänomen ist. Die zweite, weil sie womöglich nicht wirkliche, sondern fiktionale, also nur vorgestellte Kriege betrifft. 

Bundeskanzlerin beim RKI
Merkel gibt den Söder: Impfen, um Freiheit zurück zu erhalten
Zur ersten gehören die meisten Kriege, die westliche Mächte, allen voran die USA, nach 1945 führten. Es sind Kriege, die begonnen wurden, ohne dass die kriegführenden westlichen Mächte wussten, worin ihr Sieg überhaupt bestehen sollte. Kriege, die zwar eine moralische Rechtfertigung hatten, aber kein klares Kriegsziel. In Vietnam in den 1960er Jahren war das Ziel noch irgendwie vage vorstellbar: Die Nordvietnamesen in Hanoi würden den Vietcong angesichts ihrer horrenden Verluste befehlen, den Kampf einzustellen, Südvietnam würde wieder friedlich werden und antikommunistisch bleiben. Beim „Krieg gegen den Terror“ in Irak, Afghanistan, Mali und anderswo war das fast von Anfang an unvorstellbar. Es gab und gibt ja nicht einmal ein gegnerisches Oberkommando, das seine Niederlage eingestehen könnte. Und es gab auf westlicher Seite nie den eisernen Willen, die Härte, die Leidensbereitschaft und die Rücksichtslosigkeit, den „Islamismus” wirklich zu vernichten. Dass diese Kriege dennoch geführt wurden, obwohl sie gar nicht wirklich gewonnen werden wollten oder konnten, in Afghanistan rund 20 Jahre lang, wird man vielleicht einmal als eines der großen Rätsel unserer Epoche betrachten.

Aber es gibt noch eine weitere Kategorie von Kriegen. Ihre Existenz in der Wirklichkeit ist nicht nachgewiesen. Das sind die Kriege, die George Orwell in seinem Roman „1984“ beschreibt. Kriege, die nicht um den Sieg gegen den konkreten Feind geführt werden. Kriege, die die Kriegführenden gar nicht gewinnen wollen, aber dennoch führen und vor allem viel darüber sprechen, weil sie als Mittel zum Zweck ihrer Herrschaft über die eigene Bevölkerung dienen. „Ozeanien“, der totalitäre Staat im Roman, führt also unaufhörlich Krieg gegen eines der beiden anderen imaginären Weltreiche „Eurasien“ und „Ostasien“. Die Verfilmung von „1984“ beginnt mit einer besonders eindringlichen Szene: Einem Kriegs-Film im Film, der offensichtlich dazu dient, die Bewohner von Ozeanien in ihrem Hass auf den äußeren und den inneren Feind (dessen Existenz zweifelhaft ist) und der Liebe zum „Großen Bruder“ zu vereinen. 

Die Bewohner von Ozeanien in Orwells Dystopie haben keine Möglichkeit, ihre Anführer zu fragen, warum und zu welchem Zweck die endlosen Kriege geführt werden. Bürger freier Staaten sollten ihre Regierenden keine Kriege – auch keine nur so genannten – führen lassen, wenn diese die Kriegsziele und die Bedingungen des Friedens nicht klar definieren. Sonst sind am Ende womöglich sie selbst die größten Verlierer.  



Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 70 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

70 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Ralf Poehling
1 Monat her

Die Kriegsziele sollten sein (in dieser Reihenfolge): Kriegsziel Nr. 1: Das Virus möglichst gar nicht erst ins Land zu lassen. Auch jetzt nicht, wo schon Varianten des Virus hier sind. Noch mehr davon brauchen wir nicht. Kriegsziel Nr. 2: Die hiesige Bevölkerung dagegen abhärten, damit mit der Organismus keine schweren Schäden davonträgt und sich das Virus so alsbald totläuft. Bis es so harmlos ist, dass es keinen Schaden mehr anrichten kann. Kriegsziel Nr. 3: Die totale Vernichtung des Virus. Die beiden ersten Kriegsziele sind „Work in Progress“. Aber beide Kriegsziele werden bisher nur inkonsequent durchgesetzt. Falls sie deshalb fehlschlagen, bleibt… Mehr

Thomas
1 Monat her

Die können ohne Ausnahmezustand gar nicht mehr regieren, besser: herrschen, da die Lage schon so instabil geworden ist.
Das gilt in jedem Fall für Deutschland, Frankreich und den USA. Selbst wenn die „Pandemie“ irgendwann als besiegt erklärt werden wird, wird der Ausnahmezustand unter einem anderen Vorwand weitergeführt werden.

Linus van de Sand
1 Monat her

Mittlerweile sind so viele Teile des Puzzles gefunden worden, dass die aktuelle Situation erklärt ist:

https://www.bitchute.com/video/4FdvU43qOdfD/

AnSi
1 Monat her

Soll sie doch Krieg gegen Krebs oder multiresistente Keime führen! An beiden sterben jährlich mehr Menschen als an Corona! Merkwürdigerweise wird aber auf diesen Gebieten nicht mit Nachdruck geforscht und keine Impfung entwickelt. Da verdient es sich besser mit dem Verkauf von Medikamenten oder an der (stationären) Behandlung.
Nein, diese Vettel führt Krieg gegen die Bevölkerung. Zeil: große Transformation und Reduktion.

Radebeul
1 Monat her

Pandemie ? Welche Pandemie ? 2020 Hatten wir – je nach Datenquelle – ca. 30.000 – 40.000 Corona-Tote. Das soll eine Pandemie sein ? Jedes Jahr haben wir in Deutschland ca. 1 Million Tote und ca. 500.000 Krebs-Neuerkrankungen !!! Ich denke, man sollte die Verhältnismäßigkeit so langsam wiederherstellen

Wittgenstein
1 Monat her

Lieber Herr Knauss, die Weichen für den Endsieg gegen das freie, selbstbestimmte Individuum sind weitgehend gestellt. Nicht einmal der eigene Körper wird den Menschen mehr gehören. Jetzt müssen noch alle jungen Menschen daran gewöhnt werden regelmässig injiziiert zu werden, sagen wir heute mit Impfstoff. Aber wie Bill Gates schon formulierte, nach dem Ende von Covid warten schon neue Bedrohungen, Stichwort Zoonosen.Wir stehen jetzt also erst am Anfang der Manipulation der menschlichen DNA, könnte man meinen und Covid war der „Door Opener“. Es werden neue Zoonosen folgen, die zu neuen Psychosen führen, mit den die vormaligen normalen Bürger für weitere Therapien… Mehr

Kontra
1 Monat her

„Bist du denn schon geimpft“? Kein Gespräch mit Bekannten mehr, ohne die aufgezwungene Regierungspropaganda. Hätte nie gedacht, das mich das Alles hier so dermaßen anko…….!!!

Lee Bert Aire
1 Monat her

„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ Carl Schmitt. Darum geht es. Ich höre immer wieder, eine solche Situation hätte es noch nie gegeben, und das weltweit. Oder, dass es nicht anders ginge, als alles dichtzumachen, einzuschränken und zwangszuimpfen. Das ist das Ziel, die allgemeine Wahrnehmung in diese Richtung zu lenken. Dass die Umstände, eben den Kriegszustand, die Diktatur, erfordern. Dass sämtliche schrecklichen Ereignisse, stets von Außen kommen und nur im Zusammenhalten aller, unter den Herrschern ein Überleben möglich macht. Und jeder, der in seinem Denken abweicht, will den Tod aller, ist also der größtmögliche Unmensch.

Waehler 21
1 Monat her

Nach dem zweiten Weltkrieg ist Deutschland aus den Ruinen wieder auferstanden. Selbst da war noch soviel Substanz da. Nach Merkel und ihrem Krieg gegen die BRD bin ich mir nicht sicher. Uns droht die Drittklassigkeit oder schlimmer.

Last edited 1 Monat her by Waehler 21
AlNamrood
1 Monat her

Eine klare Positionierung verlagen? Von Merkel?!