Heute ist der Fleißige der Dumme, aber die Dummen werden weniger

Vor allem viele Junge, die keine Aussicht auf Eigenheim und sichere Rente mehr haben, sind nicht dumm genug, das zu ignorieren. Nur die Regierung kapiert nicht. Sie selbst entzieht der Strebsamkeit den Boden, nimmt der Arbeit den Sinn.

Den Deutschen mangelt es an Fleiß. „Lifestyle-Teilzeit“ steht hoch im Kurs und Krankmeldungen brechen Rekorde. So kann das nichts werden mit dem Aufschwung, meinen ausgerechnet die, die dem Niedergang der Wirtschaft bisher nicht viel mehr als warme Worte und hohle Versprechen entgegensetzen.

I.

Seit 2001 besteht ein gesetzlicher Anspruch auf Verkürzung der Arbeitszeit. Mehr als 40 Prozent aller abhängig Beschäftigen machen davon Gebrauch. Der Wirtschaftsflügel der CDU würde den Anspruch gern streichen. Das ist im Prinzip richtig: Denn Arbeitszeit geht den Staat nichts an, sie ist ausschließlich Verhandlungssache zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Unter berechtigtem Schutz stehen allein Berufstätige, die Kinder hüten oder Angehörige pflegen müssen. Daran will auch die CDU nichts ändern. Trotzdem hat der richtige Vorschlag einen ausgesprochen faden Beigeschmack. Der Kanzler wiederum sitzt in Davos vor einem Publikum, das im Durchschnitt vier Millionen Euro im Jahr verdient und beklagt sich darüber, dass jeder Angestellte oder Beamte im Schnitt 20 Tage krank ist im Jahr. Es sind so viele Krankschreibungen wie nie. Das könnte Gründe haben: Die Deutschen leben nicht so gesund wie früher, der Leistungsdruck, die unmenschlichen Arbeitsbedingungen fressen sie auf. Jeder weiß, dass das nicht stimmt. Im Gegenteil. Home-Office nimmt zu, körperliche Arbeit nimmt ab. Trotzdem gibt der Kanzler als Moralapostel ein schlechtes Bild ab.

II.

Machen die Leute schneller mal blau? Ja. Spiegelt ihre Liebe zur Teilzeit auch ihre Lust an Work-Life-Balance? Ja. Aber die wahren Gründe dafür scheinen die Regierenden vollkommen zu verdrängen. Es liegt nicht am mangelnden Fleiß. Sondern am Mangel an Zuversicht. Diese Gesellschaft ist keine Aufstiegsgesellschaft mehr. Das unterscheidet sie von der Nachkriegszeit, in der in die Hände gespuckt und das Brutto-Sozialprodukt gesteigert wurde. Wo jeder fest darauf vertrauen konnte, dass es aufwärts und den Kindern besser gehen wird. Als sich Leistung noch lohnte. Heute ist der Fleißige der Dumme. Vor allem viele Junge, die keine Aussicht auf Eigenheim und sichere Rente mehr haben, sind nicht dumm genug, das zu ignorieren. Nur die Regierung kapiert nicht. Sie selbst entzieht der Strebsamkeit den Boden, nimmt der Arbeit den Sinn.

III.

Etwas kommt hinzu. Leistungsbereitschaft wurde in den vergangenen Jahrzehnten geringer geschätzt. Aktuell wird diskutiert, wozu Kinder noch alle Grundrechenarten beherrschen sollen, und im Deutschunterricht mit etwas anderem behelligt werden als mit leichter Sprache. KI nimmt bald alles ab, sogar das Denken. Wozu noch historisches Faktenwissen? Es reichen doch drei Silben: nie wieder. Mehr muss der deutsche Mensch nicht wissen. Karten lesen? Wir folgen einfach dem Navi. Und bitte möglichst kein Wettbewerb im Sport. Die Sieger demütigen nur die Verlierer. Die Ungerechtigkeit der Natur muss endlich ausgemerzt werden. Und bitte! Geistig längst zu Tode unterhalten, ist jede Form von Anstrengung von gestern. Alles, was wir brauchen, ist Gefühl. Fühlen hat das Wissen abgelöst und auch das Denken. Mitgefühl für alles und jeden, vor allem aber für unsere eigene Befindlichkeit. Und die sagt ganz klar: Arbeit fühlt sich nicht gut an.

IV.

Vorbei die Zeiten, in denen fast jeder normale Mensch den Sinn seines Lebens auch in der Arbeit fand, im Berufsstolz, solchen altmodischen Sachen. Abgesehen von Selbständigen, Freiberuflern, die sich Kranksein einfach nicht leisten können. „Freiheit“ macht fleißig. Der Staat aber macht faul. Genug für heute. Nirgends steht, dass meine Artikel länger sein müssten, nur weil sie es sonst immer waren. Muss jetzt raus. Schönes Wochenende allerseits!

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Kommentare ( 11 )

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Klaus Uhltzscht
39 Minuten her

Nach meiner Beobachtung werden die Dummen nicht weniger, sondern mehr.

Werner Meier
40 Minuten her

Des Kommentators Auftrag ist nicht das Jammern, sondern die Kritik.

Das Jammern des Michel geht dem Fritz am Arsch vorbei.

Tomsen
42 Minuten her

Die Lösung: AFD in Regierungsmacht mit 51%. Schreiben Sie das doch einmal.
Trauen Sie sich!

Ernst-Fr. Siebert
42 Minuten her

Stimmt! Leider…

Steuernzahlende Kartoffel
42 Minuten her

Ein im Tenor sicher nicht verkehrter, inhaltlich aber etwas wirrer Beitrag. Die Annahme von „Verhandlungssache“ krankt schon am Machtungleichgewicht AG-AN. Dass der Kanzler als Moralapostel ein schlechtes Bild abgibt folgt sicher nicht aus selten unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Vor ein paar Jahren waren sie sicher nicht fundamental schlechter, als der Kanzler der Einheit nachvollziehbar rügte DE sei ein kollektiver Freizeitpark. Natürlich wird „Leistung“ zunehmend ungern gesehen & lohnt ein „Aufstieg“ wenig, die unsägliche Gleichmacherei greift auch bei vermeintlichen (früheren) „Aufstiegs“-Jobs um sich. Manch eine(r), und das sind nciht wenige, legt aber auch auf „Aufstieg“ erst gar keinen Wert, wichtiger ist ihm (ihr)… Mehr

twsan
47 Minuten her

Herr Herrles – Ihre Behauptung, dass der Leistungsdruck abnähme, durch Verringerung der körperlichen Arbeit oder durch Homeoffice – ist eine bodenlose Unverschämtheit. Der LKW-Fahrer der mit 110 km/h auf der Autobahn ein Gefälle herunterfährt, der auf der Landstraße statt mit erlaubten 60 mit 90 km/h herumfährt – der hat i.d.R einen skrupellosen Disponenten/Chef im Nacken – der osteuropäische Fahrer (EU-Osterweiterung), der zum halben Preis fährt lauert schon – also Tempo!!!. Oder der einen Händler, der verpennt hat, Waren rechtzeitig nachzubestellen – und nun wegen „out of stock“ Druck macht – Stichwort „Terminfracht“. Unvorhersehbarer Stau auf den kaputten Straßen – ist… Mehr

Last edited 35 Minuten her by twsan
RandolfderZweite
51 Minuten her

Schöne Umschreibung der „Teilzeit“, dennoch könnte man es auf einen anderen Punkt bringen….Teilzeit ist zur Optimierung aus Steuern, Abgaben und einem bezahlbaren Leben geworden! Jeder Cent an Steuern, der in die „Welt geht“, der für Fremde ohne Einbringung in die Gesellschaft fließt oder für Menschen mit Null-Bock ausgegeben wird (und für unsinnige Klimaprojekte verpulvert wird) ist ein Cent zuviel!
Dass die CDU hier den „Geld-Beschaffer“ für die SPD spielt, ist bezeichnend – dummerweise kann die SPD aus diesem Geschenk keinen Profit schlagen ohne ihre (Rest) Glaubwürdigkeit zu verspielen…daher auch die Erbschaftssteuer und Steuern auf Alles!

Schwabenwilli
54 Minuten her

Ist eh vorbei. Kalkutta hat uns eingeholt.
Am freien Tag durch die Stadt gehen reicht doch schon aus das einem der Anreiz einer geregelten Arbeit nachzugehen genommen wird.

humerd
54 Minuten her

Vor allem viele Junge, gehöre zur Generation Erben. Aber Omas Kleinhäuschen taugt ja heute nicht mehr.
Ich kann die jungen Leute durchaus verstehen, wenn sie nicht mehr so dumm sind, wie einst die verhassten Boomer im Lande. Allerdings sind viele Probleme die wir heute im Lande haben, auf die Ideologie, Naivität junger Leute zurück zu führen. Sie löffeln jetzt die Suppe aus, die sie sich selbst eingebrockt haben.

Guzzi_Cali_2
56 Minuten her

Die Knappheit des Artikels läßt wenigstens keinen Raum für das elendige AfD-Gebashe und das Verbreiten von vergorener, abgestandener ZDF-Brühe.
Es ist immer wieder HERRLICH, wie Herr Herles genau DAS fordert, was auch die AfD fordert und propagiert, zugleich wird sie aber in ÖRR-Manier als Gefahr für die Demokratie (also „Unsererdemokratie“ = seiner Demokratie) dargestellt. Widerliches Messen mit zweierlei Maß. Man nennt sowas auch „kognitive Disonnanz“.