Katalonien: Die Antwort ist Dezentralisierung

Navarra und Baskenland verfügen über die Steuerhoheit. Warum Katalonien nicht? Weltweit gehört nicht den Zentralistischen Systemen die Zukunft.

Im Bericht von Stefanie Claudia Müller über den Konflikt zwischen den Regierungen in Barcelona und Madrid steht unter anderem: Die „Transición“, der Übergang der spanischen Diktatur zur Demokratie, hat Spanien in 17 autonome Regionen und Städte aufgeteilt. Den „historischen Unabhängigkeitsansprüchen der Regionen Navarra, Baskenland und Katalonien (wurde) in gewisser Weise Rechnung getragen. Ihre regionalen Sprachen wurden aufgewertet. Damals bekamen Navarra und die Basken die steuerliche Hoheit zugesprochen, Katalonien hingegen nicht.”

Da fragt sich jemand wie ich, der vor über 50 Jahren seine Arbeit im Oberseminar in Neuerer Geschichte über Volksgruppen in Europa schrieb: Warum hat die spanische Regierung die Steuerhoheit den Katalanen nicht nachträglich eingeräumt?

Beide verrannt
Spanische Regierung will Notbremse in Katalonien ziehen
Der Name des ehemaligen Generalsekretärs der Partei Convergència Democràtica de Catalunya, Artur Mas i Gavarró, assoziiert bei mir mit dem Weingut Paul Mas in in der Region Okzitanien. Das Wort Mas bedeutet in Catalan wie Occitan Gutshof, freistehender Bauernhof. Und das alles zusammen erinnert mich daran, dass Catalanen nicht nur in Katalonien zuhause sind, sondern in einem Küstenstreifen von Katalonien hinüber ins heutige Südfrankreich in Richtung Marseille.

Wir haben damals als Oberseminaristen diskutiert, wie das mit den Volksgruppen in Belgien, in Frankreich, Spanien und Italien Geschichte ist oder irgendwann wieder hochkommt. Wir waren uns damals, Anfang der 1960er nicht einig. Am Balkan, der in meiner Arbeit nicht vorkam, haben wir später gesehen, was passiert, wenn eine Zentralgewalt wie in Jugoslawien ihre Kraft verliert.

Für die Sturheit, um höflich zu bleiben, der spanischen Regierung habe ich keine Sympathie, nicht einmal Verständnis. Die zwingende Antwort ist doch Dezentralisierung in ganz Spanien. Das ist auch die naheliegende Antwort in der EU und in allen Nationalstaaten. Dezentralität (Autonomie) fördert Einheit, nicht Zentralismus. Freiwillig, von unten, wächst Einheit, nicht zentralistisch, durch Zwang, von oben .

Auch wir Älteren erleben es noch: Die Antwort auf Globalisierung ist Lokalisierung. Nicht mehr Zentralisierung ist die kulturelle, gesellschaftliche und poltische Zukunft. Das halten tatsächlich weder Ochs noch Esel auf. Und ich freue mich drauf.

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Kommentare ( 28 )

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Ein Zentralstaat, der keine Steuern einnimmt, ist in keinerlei Hinsicht handlungsfähig, ergo Unfug.

Die EU bekommt Geld aus Steuern der Staaten.
Und will eigene Steuern, um noch handlungsfähiger zu werden.

Die Dorade war sicher ein Immigrant.

Lieber Herr Goergen, tausend Danke für diesen wichtigen Artikel. Auch bei mir in Franken, gibt sehr viele Bürger, die sich ein autarkes Franken durchaus vorstellen könnten. Um Abspaltungstendenzen abzufedern, hat unsere „Bayrische Zentralregierung“ in München, etliche Ministerien neu geschaffen, wie das Heimatministerium, welches, wie das Gesundheitsministerium in Nürnberg angesiedelt wurden. Auch das oberfränkische Grenzgebiet zu Thüringen, wird aufgewertet. Ob dies alles reicht, die Wogen zu glätten, ist zumindest zu bezweifeln. Denn zwischen den Franken und Oberbayern ist der kulturelle Unterschied mindestens genau so groß, wie zwischen den Hessen und den Ostfriesen. Aber die lokale Identität, ist die erste, die auch… Mehr

Einen Punkt möchte ich ergänzen: Die jetzigen Staatsgrenzen in Europa sind weitestgehend entlang der Sprachgrenzen gezogen. Und zwar – meiner Ansicht nach – deshalb, weil es vor allem seit der Buchmassenproduktion die Sprache ist, die die Reichweite von Traktaten, Aufsätzen etc. bestimmt. Aus diesem Grunde schaffen es auch Machtgierige nicht wirklich, eine Reichweite jenseits dieser Grenzen zu erreichen.
Natürlich gibt es weitere Determinanten, die Geographie, die Geschichte etc. Aber die größte ist die Sprache.
(Und die Katalanen haben ihre eigene Sprache…)

Echten Libertarismus gibt es in der Tat quasi nirgendwo, aus gutem Grund. Wenn wir aber eine Situation haben, in der man im Wesentlichen auch gerade in Bezug auf Wesentliches fremdbestimmt ist, dass herrscht dort kein Liberalismus, keine Freiheit, die diesen Namen verdient.

Ein überaus interessanter Beitrag. Auf Deutschland bezogen bleibt festzustellen, dass es ein Deutsches Volk (historisch) nicht gibt. Die bismarck-wilhelminische Gründung des Deutschen Reiches in Versailles (!) 1871 war auf Machtausweitung der preußischen Elite gerichtet, ebenso wie der zu diesem Ziel provozierte Krieg mit Frankreich 1870-71 und die Schlacht bei Königgrätz gegen das Habsburgerreich 5 Jahre zuvor. Das Deutsche Reich bestand freilich schon als Heiliges Römisches Reich bis 1806. Viele Volksgruppen bzw. Völker bewohnten dieses Gebiet, und es ist zweifelhaft, ob sich jemand gefunden hätte, der sich als „Deutscher“ bezeichnete. 1894 öffnete der neu gebaute Reichstag mit dem Schriftzug „Dem Deutschen… Mehr

Viele Volksgruppen bzw. Völker
bewohnten dieses Gebiet, und es ist zweifelhaft, ob sich jemand
gefunden hätte, der sich als „Deutscher“ bezeichnete.“

Eine sehr steile These. Ich will Ihnen
ja nicht unterstellen, daß Sie Munition für unsere so überaus
geschätzte Frau Özoguz liefern wollen, aber Sie verkennen, daß es
fern aller regionalen Gegebenheiten doch so etwas wie einen
Oberbegriff „deutsch“ gibt. War Goethe nur ein hessischer
Dichter, Nietzsche nur ein sächsischer Philosoph, hatte Kant nur in
Ostpreußen Bedeutung? Wenn Sie weiteren Geistesgrößen nachspüren,
werden Sie feststellen, daß Sie bei den meisten gar nicht wissen,
aus welcher Gegend Deutschlands sie kamen. Und – oh Schreck! – so
mancher hatte sogar Eltern aus verschiedenen Gebieten.

Ich finde das Problem nicht gelöst, wenn man denselben Sachverhalt mit einem anderen Wort bezeichnet.

Einzelbeispiele sind durch Gegenbeispiele widerlegt. Wenn man daran weiterdiskutieren will, muss man die Ebene wechseln. Die Praxis ist zu komplex (ähnlich wie beim Klimawandel). Hier würde nur korrekte, ausreichend umfassende Theorie und Logik weiterhelfen aber keine liebgewordenen Glaubenssätze. Vor allem der Faktor Mensch darf nicht aus dem Auge zu verloren werden, der wiederum seine Theorie- und Praxisfehler macht. Daran scheitern fast alle Gesellschafts- ferner Wirtschaftsmodelle früher oder später.

Wettbewerb, z.B. um das schönste Haus am Marktplatz, bedeutet keineswegs unbedingt Gegnerschaft. Vielmehr wird es häufig ein Ansporn zum Besseren sein.

Der Ansporn besagt, dass man besser sein will als der Andere. Nolens volens ein Kampf um Sieg und Niederlage. Wer schont beim Marktwettbewerb schon seinen Konkurrenten?

Dieser Fortschritt ist zu teuer erkauft – und er ist eindimensional. Er verschlechtert auf anderen Seiten etwas.

Außenpolitik und Finanz- und Wirtschaftspolitik dürfen gerade nicht zentralisiert sein. Und für die Verteidigung gibt es die viel größere und stärkere Nato.

Herr Goergen, Sie geben mir als Jahrgang 1948 noch Hoffnung. Erst wenn auch die Zentralisierung der EU der Vergangenheit angehört, wenn die Europäer ihre nationalen Rechte verteidigen, kann es wieder aufwärts gehen. Wie es ausschaut beginnen gerade mehrere EU Länder damit, GB, Ungarn, Polen und Katalonien.
Die kulturelle, gesellschaftliche und politische Zukunft kann beginnen und ich freu mich mit Ihnen darauf.