Helmut Kohl: Der letzte Kanzler gegen rot-grün

Der sechste Kanzler der Republik, der Wiedervereinigungskanzler, war die letzte Instanz der Konservativen. Nach 16-jähriger Kanzlerschaft Helmut Kohls färbte sich das Land auch an der Spitze grün-rot.

© Keystone/Getty Images

Helmut Kohl ist der Mann, ohne den der Wiedervereinigungsprozess Deutschlands 1989/90 in Turbulenzen geraten wäre. Helmut Kohl hatte schon 1982, als er durch sein erfolgreiches Mißtrauensvotum gegen Helmut Schmidt Bundeskanzler wurde, auf seine ganz persönliche Art, wenig intellektualistisch, aber sehr straight die verworrene Hinterlassenschaft der sozialliberalen Koalition Helmut Schmidt/Hans-Dietrich Genscher geordnet. Die Republik wurde durch sein So-Sein in ruhigere Gewässer gesteuert.

Da hilft ein Blick zurück auf den hysterisierten Fanatismus, mit dem die jungen Grünen und altgewordenen 68er den sogenannten Nato-Doppelbeschluss bekämpften: Es ging um Nachrüstung durch Installation von Pershing II-Raketen auf dem Boden der Bundesrepublik gegen die Vorrüstung der sowjetischen Seite durch Installierung von SS 20-Raketen auf dem Gebiet der DDR. Dagegen tobte der Kampf: auf den Straßen, in den Universitäten, in Kirchen, Gewerkschaften und überall im Land. Das hat die Bundesrepublik damals wenig günstig beeinflusst; und der Mechanismus der kollektiven Erregung hat sich seither perfektioniert und das Land destabilisiert.

Die Gesellschaft war schon damals gespalten. Es ging um nicht weniger als den atomaren Weltfrieden oder besser, um das Gleichgewicht der gegenseitigen atomaren Abschreckung. Das „linke“ Lager, in dem auch damals Ostberlin noch propagandistisch mitmischte, hatte die Gesellschaft regelrecht enthirnt. Helmut Schmidt hatte seine SPD nicht mehr im Griff; ein gewisser Oskar Lafontaine und der Säulenheilige Erhard Eppler und die ihren hatten die SPD entkernt. Auch die FDP war damals Stasi-unterwandert, siehe das unheilvolle Spiel ihres Stasi-Bundestagsabgeordneten William Borm und seinen Leuten, die sich de facto für die atomare Überlegenheit des Unrechtsregimes Ostblock damals einsetzten. Sie alle scheiterten an Kohl.

Heutzutage tönen viele, dass die Mehrheit der Gesellschaft friedensbewegt, pazifistisch gegen die Nato-Nachrüstung gewesen wäre, was ich entschieden bezweifeln möchte. Der laute Teil der Gesellschaft war tatsächlich gegen die Nachrüstung, die sich aus der Rückschau unbestreitbar als richtig und als einzige Handlungsalternative erwiesen hat.

Kanzler Helmut Kohl brachte die Sache, die Helmut Schmidt formuliert und begonnen hatte, im Dezember 1983 zum Abschluss. Pershing II-Raketen und  Cruise-Missiles, die wurden nachgerüstet. US-Präsident Ronald Reagan, das rote Tuch der Linken weltweit und eben auch Kanzler Helmut Kohl hatten im Kalten Krieg dem Warschauer Pakt gezeigt, dass der Westen abwehrbereit ist und sich nicht durch irregeleitete Kräfte im eigenen Land so einfach destabilisieren läßt.

Helmut Kohl hat dem Westen einen großen Dienst erwiesen. Auch beim Krisenmanagement in Sachen Vereinigung von BRD und DDR war er der Mann, den die Geschichte in der Stunde brauchte.

SPD-Kanzlerkandidat Lafontaine, der die SPD nachhaltig in eine historische Krise getrieben hat, von der sich die gute alte Tante bis heute nicht erholt hat, hätte jedenfalls den Wiedervereinigungsprozess torpediert und verstümmelt.

Helmut Kohl war der Kanzler, der die Grünen und die 68er aussitzen wollte – die dann allerdings ihn erfolgreich ausgesessen haben. Joschka Fischer, erster grüner Vizekanzler und Außenminister, sagte mir in einem Interview im April 1998, das er mir in seinem Bonner Abgeordnetenbüro gegeben hat, ganz klar im Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl: Wir schicken die Konservativen jetzt in die Opposition! Zu diesem Zeitpunkt kämpfte Helmut Kohl nach 16 Jahren Regierungszeit noch ernsthaft um seine Wiederwahl. Er hatte die Zeichen der Zeit nicht mehr erkannt.

Ich habe Helmut Kohl im Januar 2000 im Abgeordnetenhaus der CDU Unter den Linden/Wilhelmstraße getroffen. Obwohl Merkel bereits die CDU-Fäden in der Hand hielt, residierte Helmut Kohl noch in der Königinnen-„Suite“: Das Gebäude war das Bildungsministerium einer gewissen Margot Honecker gewesen, und Helmut Kohl hatte sein Büro in eben dem Bonzentrakt Margot Honeckers aufgeschlagen. Edel, aber nur noch geduldet.

Ich hatte Kohl um ein Strategiegespräch gebeten, weil ich wissen wollte, wie er und die CDU die Lage einschätzten, wenn ich meine Recherchen zu der extremen Gewaltvergangenheit Joschka Fischer veröffentlichen würde und ob überhaupt eine solche Veröffentlichung gegen die eiserne Mehrheitsmeinung in den deutschen Medien machbar ist.

Helmut Kohl hatte sich Zeit genommen, war hoch interessiert und voller Elan. Ihn drückten damals schwarze Kassen der CDU. Helmut Kohl bezeichnete diesen Joschka Fischer mir gegenüber als ein „Krebsgeschwür“ im Deutschen Bundestag. Ein sehr hartes Wort. Für ihn waren die Fronten klar. Für seine Nachfolger nicht mehr. Dabei ging es weniger um Personen, sondern um eine Haltung zu Staat und Gesellschaft. Seither folgt die Union wie willenlos jeder grünen Regung, nimmt sie, wie die Energiewende, sogar vorweg.

Helmut Kohl war, wie in den Pressekonferenzen seiner letzten Amtsjahre schon zu besichtigen war, ein launiger Typ. Ich war überrascht, wie gelassen und frei er von allen 68er-Blessuren war. Kohl war weder positiv noch negativ angefixt, obwohl er zu diesem und jenem Protagonisten eine sehr klare Meinung hatte. Und er wusste auch einiges zum Beispiel über die Unterstützerkreise der RAF, die, wie er sagte, auch an der Hamburger Elbchaussee saßen und anderen vornehmen Orten der Republik.

Er erzählte mir, wie sich die 68er, Journalisten, Politiker, Karikaturisten – man erinnert sich an den Dauerwitz, dass die „Birne“ nicht lange im Amt bleiben würde – in allen Medien an Kohl abgearbeitet hatten. Er lachte darüber. Vielleicht unterschätzte er den rot-grünen Mainstream, der nach ihm vieles mitgerissen hat und noch weiter mitreißt.

Damals habe ich auch mit vielen hochrangigen Politikern über das Thema gesprochen, unter anderem mit Wolfgang Schäuble oder mit Wolfgang Gerhardt, den damaligen FDP-Chef und Fraktionschef im Bundestag, aber auch mit Michael Glos, Johannes Rau und Gregor Gysi und mit vielen Mediengewaltigen, Chefredakteuren, Intendanten wie WDR-und ARD-Chef Fritz Pleitgen. Sie alle waren in Sachen Grün, in Sachen 68 betroffen. In seiner Gelassenheit zeigte sich die Ausnahmepersönlichkeit Helmut Kohls.

Helmut Kohl hat den Euro durchgesetzt. Jedenfalls wäre der Euro ohne oder gegen ihn nicht zustande gekommen. Er wollte den europäischen Traum mit dem schnöden Mammon zusammenschweißen, sicher in bester Absicht, aber gewiss auch um der eigenen Unsterblichkeit willen. Leider ist der Euro für die einen Volkswirtschaften zu teuer und für die anderen zu billig, was zu einer ständigen Zerreißprobe in der Eurozone führt. Kohl hat die Wirkung eines falschen „Bimbes“ unterschätzt. Das war vermutlich sein historischer Fehler. Es gibt einen zweiten.

Denn wir verdanken ihm ja alle auch noch Kanzlerin Angela Merkel, die eben nicht, wie gescherzt wird, die letzte Rache Erich Honeckers ist, sondern viel eher die letzte Rache Helmut Kohls. Er war der letzte Kanzler vor rot-grün. Gertrud Höhler schreibt zu Recht in Ihrem neuesten Buch: Angela Merkel habe das Kunststück fertig gebracht, dass die CDU wieder Wahlen gewinnt, aber die SPD regiert. Kohl wird darüber in seiner gelassenen Art laut gelacht haben.

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Kommentare ( 42 )

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endlich schreibt Bettina Röhl wieder. Ihre Texte sind einfach die Besten hier!

Die Pax Arabica bzw der Islam wird diese Klammer sein, die Europa zusammenhalten wird (als Anexus zu einer riesigen islamischen Landmasse in Asien und Afrika). Demographie lässt da keinerlei Zweifel. Bei allen wichtigen europäischen Staaten wird der Bevölkerungsanteil von (jungen, dynamischen, gläubigen, aggressiven) Moslems von ca. 40% in etwas gleichzeitig erreicht (ca 2050), und dieser Pan-Europäischen im Glauben geeinten Masse aggressiver junger Männer haben die zersplitterten überalterten Europäer nichts mehr entgegen zu setzen, insbesondere weil die Moslem von mächtigen schlauen und verschlagenen Eliten unterstützt werden – den Eliten des Westens Den meisten Diktatoren der Geschichte reichte eine glühende Anhängerschaft von… Mehr
Ja, ich wundere mich auch immer, wieviel Agressionspotential in den Deutschen steckt, ist man mal auf der Autobahn unterwegs. Seine bürgerlichen Rechte und Pflichten aber einmal mit der gleichen Vehemenz wahrzunehmen machen die Leute dann aber nicht. Warum??? Helmut Kohl war ein engagierter Staatschef für Deutschland, nicht mehr und nicht weniger. Die Leute leiten daraus aber eine Vollkasko- Anspruchshaltung an diesen projezierten Universalübervater ab. (Das kann man hier in etlichen Beiträgen herauslesen) Die Meisten haben glaube ich nicht verstanden, dass sie in einer Demokratie leben und sich deshalb für ihre Interessen engagieen müssen. Wenn alles von oben bestimmt wird ist… Mehr
Man muss es noch drastischer sagen ! Kohl war der letzte Kanzler, den wir hatten. Die SPD (Kanzlerkandidatenloseste Partei Deutschlands) hat bis heute noch nicht mal einen Kandidaten, der den Namen auch verdient hätte. Merkel ? Sie ist nur der „Parasit“ der ihren Wirt überlebt hat. Kohl zu vergöttern ist allerdings auch falsch, denn er hat dafür gesorgt, dass Millionen Ossis betrogen und belogen wurden, er ist für die miesesten Geschäfte der Treuhand verantwortlich. Er hat die volle Aufarbeitung aller Stasi-Akten verhindert. Er hat uns an das Irrenhaus in Brüssel verkauft. Er hat den Tod der D-Mark begründet und er… Mehr

Danke, liebe Frau Röhl, für Ihren hervorragenden Beitrag! Einmal eine ganz andere Art der Betrachtung!

Danke Frau Röhl, – ich freue mich immer, von Ihnen zu lesen.
1982 war ich alles andere als glücklich darüber, dass die „Birne“ an die Regierung kam… .
Habe die Zeit intensiv erlebt.

Im Nachgang muss ich eingestehen, – ich wäre froh, einen wie ihn noch zu haben.
In Erinnerung bleibt mir, wie sich Schmidt und Kohl im Bundestag die Hand reichen.
Es waren die letzten Kanzler mit Kriegserfahrung.

Kohl ist der Prototyp eines Mächtigen, der nach 16 Jahren schmerzlich feststellen musste, dass eine zu lange Amtszeit die politischen Augen vor den Veränderungen erblinden lässt. Merkel mit ins Boot seiner Sympathie zu holen war sein Kardinalfehler. Als er es merkte, war es zu spät.
Beide werden in die Geschichte eingehen: Der eine als Kanzler der Einheit, die andere als Kanzlerin, die Deutschland mitsamt Europa an die Wand gefahren hat.
Dafür werden die Schulzens nicht mehr gebraucht. Merkel allein reicht schon.

Der Witz ist, das Helmut Kohl, Pragmatiker der er war, damals weder Bock auf Frauen- noch auf Ossiquote hatte, und deswegen Merkel geholt hat – nur 1 Regierungsposten dem Quotenwahn geopfert statt 2.

Der zweite Witz ist, dass Kohl für die Einheit Deutschlands die Auflösung Deutschlands versprechen musst – also die endgültige Zersetzung des gerade erst wiedervereinten.

Der Euro ist nicht in Schwierigkeiten, weil es ihn gibt, sondern weil nicht alle Mitglieder für eine Teilnahme geeignet sind. Kohl ließ sich von Chirac erpressen, daß Italien dabei sein müsse. Griechenland hat erst Schröder reingelassen. Eine Eurozone bestehend aus dem ehemaligen DM-Block plus Frankreich wäre machbar gewesen und die Verträge hätten unbedingt eingehalten werden müssen. Zusammen mit einer wirklichen Stabilitätspolitik der EZB wäre der Euro heute eine sehr solide Währung, eine beachtliche Weltwährung. Dann wären auch GB und DK vielleicht gerne beigetreten. Das hätte Europa wirklich sehr gestärkt. Sehr geehrte Frau Röhl, schön wieder was von Ihnen zu lesen!… Mehr
Liebe Frau Röhl, vielen Dank für diesen Artikel distanzierter Sachlichkeit. Kaum jemand der Erlebnisgeneration des WK II wie eben auch Helmut Kohl käme zu anderen Schlussfolgerungen über die Prioritäten in der Politik wie sie bis dato auch in seiner Ära gesetzt wurden. Kohl hatte wohl nicht so das Händchen für die Wirtschaft- den Bimbes, wie ich las. Das würde auch passen zu den blühenden Landschaften in Mitteldeutschland: auf heute entsiedelten und abgerissenen Ortsteilen, überdimensionalen Lagerhallen und Logistikzentren und den hochmotivierten Wochenendpendlern gen Westen. Kohl hatte dies wohl erkannt und die Bezeichnung Freizeitgesellschaft für den Westen formuliert. Aber er konnte auch… Mehr

Kohl hat, wie viele andere auch, das aggressive-besessene Durchhaltevermögen von Grün-Rot unterschätzt. Ist ja sympathisch, dass Kohl über die grün-rote Daueraggression gegen ihn lachen konnte. Aber er hätte es ernster nehmen müssen. Schon deshalb, weil es widerwärtig und ehrverletzend war. Massiv aus allen öffentlich-rechtlichen und sonstigen Medienkanälen wurde die geballte Meinungsmacht missbraucht, um Kohl destabilisieren, zu diffamieren. Nichts war zu mies, nichts zu tief. Der Unterschied zu heute ist nicht groß, lediglich, dass nur noch die Schlangengrube übrig geblieben ist. Alles sonstige Leben, das sich nicht der Herrschaft der Schlangen beugen wollten, wurden vergiftet.