Was mir in Erinnerung bleibt. Helmut Kohl: kein Nachruf.

Die Währungsunion zum absurden Kurs von 1:1 wiederholte Kohl in der EU. Das größere Desaster nach dem kleineren gefährdet bis heute Europas Einheit. Die Verkörperung der Bonner Republik hat die Bonner Republik beendet.

© Andreas Rentz/Getty Images

Alles andere wäre Heuchelei: Kohl war nicht mein Idol. Er ließ mich feuern, weil ich seine Politik kritisch begleitete. Ich folgte ihm in jenen historischen Jahren nahezu auf Schritt und Tritt. Am Tag, als die Mauer fiel in Warschau, und er sich sofort laut Gedanken darüber machte, ob man ihm einst Denkmäler errichten würde. In Moskau im Frühjahr darauf, als Gorbatschow grünes Licht zum Ende der DDR gab und Kohl in blauer Strickjacke auf dem Rückflug Krim-Sekt kredenzen ließ: „Auf Deutschland“. An Jausentischen rund um St. Gilgen. Wo er mich im Sommer 1990 morgens um sechs persönlich aus dem Bett klingelte, weil er gehört hatte, De Maiziere, der letzte Ministerpräsident der DDR, wolle die Volkskammer den sofortigen Beitritt zur BRD beschließen lassen; er wollte sofort im Fernsehen den Unsinn beenden.

Seine größte Leistung waren die zehn Punkte Ende November 1989. Die Vereinigung wurde als Ziel definiert, der Prozess sollte jedoch über „konföderative Strukturen“ über Jahre gestreckt, das Wünschbare solide vorbereitet werden. Ich bleibe berechenbar, lautete die Botschaft an die Verbündeten und an Moskau. An die Westdeutschen: Ich handle in eurem Interesse. An die Ostdeutschen: Wenn euch einer heimholt, dann ich. Um seinen eigenen Plan hat er sich spätestens im Wahlkampf um die DDR-Volkskammer nicht mehr geschert und die Währungsunion zum absurden Kurs von 1:1 gegen den Rat fast aller Ökonomen versprochen.

Das Modell machte später auch dank Kohl Schule auf EU-Ebene. Dem kleineren Desaster folgte das größere, das bis heute Europas Einheit gefährdet. Der große Europäer hat Europa nicht bloß gestärkt. Die Verkörperung der Bonner Republik hat die Bonner Republik beendet. Dass er sechzehn Jahre lang Kanzler bleiben konnte, ist nicht sein Verdienst. Nach acht Jahren hatte er seine Zukunft hinter sich, als der Mantel der Geschichte vorbei rauschte, Kohl zupackte und ihn zu zwei weiteren Legislaturperioden trug. Dann war auch seine Partei am Ende. So sehr, dass Angela Merkel als Retterin erschien. Auch sie ist eine Folge der Kohlschen Regentschaft. Für sie war er ein persönlicher Glücksfall. „Ich verneige mich vor seinem Angedenken“: Dieser absurde Schlusssatz ihres Nachrufs enthält vermutlich unbedacht eine tiefere Wahrheit. Sie verneigt sich nicht vor Helmut Kohl, sondern vor seiner historischen Wirkung. Die allein bleibt ihr in Erinnerung.

Man wandert nicht als Charakterriese in die Geschichtsbücher. Auch nicht der Riese Kohl. Er zahlte seinen Preis. Genauer: Andere zahlen ihn.

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Kommentare ( 53 )

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Zum Stichwort Rentenkassen und der Larmoyanz von Ulrich Bohl wegen der durch den Umtausch so eminent benachteiligten Ostler: Die – auch schon vor der Vereinigung – nach dem Fremdrentengesetz errechneten Renten von ehemaligen DDR-Bürgern waren teils wegen ihrer in den Dokumenten lückenlos (also ohne Arbeitslosenzeiten, die es im Westen häufiger gab) aufgeführten Arbeitszeiten (Versicherungsunterlagen gab es in der DDR ja nicht), aber auch wegen der erzielten Arbeitsentgelte im Endergebnis nicht selten viel besser gestellt als die originär Westrenten. Das ist die eine Seite der Medaille: Wenn man sich – angesichts solcher Vorteile – dann vergegenwärtigt, wie oft um die prozentuale… Mehr

Thema verfehlt. Setzen. Ich habe nur Fakten beschrieben
und nicht geweint. Aber vielleicht kannten Sie ja den Osten besser als jemand der dort gelebt hat und die DDR immer kritisch gesehen hat. War nach der Wende nicht unüblich. Falls Sie ein Auto zum renomieren brauchen tun Sie mir eigentlich leid. Im Übrigen heiße ich nicht Pohl.

Sorry, mit genügend Abstand wird man erst das katastrophale Wirken der 68-er entdecken, welches mit den Entscheidungen aus der rot-grünen Zeit zu einem furiosen Finale führen wird. Deutschlands Zukunft ist jetzt schon vorgezeichnet: Vergreisung und allgemeine Dekadenz der Gesellschaft infolge der Kinder- und Familienfeindlichkeit, der Genderisierung, Verarmung der Gesellschaft infolge des Bildungs-Desasters, der grandiosen Technikfeindlichkeit und somit dem unvermeidlichen Zusammenbruch der sozialen Absicherungssysteme. Niedergang der alten Gesellschaft infolge der Auflösung der Jahrhunderte alten kulturellen Basis. Wegbereitung für eine folgenreiche Besiedlung durch andere Kulturen. Und das alles bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Viele der heute Geborenen werden es noch erleben. Helmut… Mehr

Das Eine schließt das Andere nicht aus.

Sehr gut und richtig!

Super Beitrag, Herr Herles, und fuer diejenigen, die damals vor und nach der ‚Wende‘ medial intensiv dabei waren u die Aera bewusst erlebt haben, genau und real auf den Punkt gebracht! N.B Waren damals lange vor der Wende in der DDR, Bonn, Berlin sowie waehrend der Maueroeffnung. Berlin /Invalidenstr/ Glienicke-Bruecke, ferner nach der Wiedervereinigung, der – viel zu schnellen- Währungsunion, vorgezogenen Bundestagswahlen usw mit unserem Bonner TF1- Studio (spaeter Berlin) dabei, und selbstredend die Jahre vorher auch sehr viel und nah dran incl zahlreicher aktueller Berichte, Interviews mit Kohl incl diverser deutsch französischer Gipfel usw. Kohl stand schlecht da (man… Mehr

„Ich verneige mich vor seinem Angedenken“

Eine großartige, ja geniale Bekundung. Die Verschwurbelung ist perfektioniert.
Ist die Trauergemeinde noch im Wachkoma oder schläft sie schon?

Es gehört sich nicht, beim Ableben schlecht über den Menschen zu reden. Das ist aber auch die einzige Ausrede um über Kohl keine schlechten Worte zu verlieren. Eine europäische Lichtgestalt ist er bei Leibe nicht gewesen. Eher, wie im Artikel erwähnt, ein durch die Nachfahren der IG-Farben protegierter Nutznießer der Zeit. Ohne die Wende wäre es wahrscheinlich gewesen, daß man ihn mittels Mißtrauensvotum vorzeitig abgekanzelt hätte, den Kanzler. Den Euro hat er sogar nach eigenen Worten, „wie ein Diktator auch gegen den mehrheitlichen Willen der Deutschen und anderer Europäer eingeführt“. Mit dem Resultat, daß mit dem Euro immer mehr Diktatur… Mehr

Und was macht Merkel am 17.6. ? Sie hat eine Privataudienz beim Papst und holt sich Rückendeckung für ihre Flüchtlingspolitik. Dabei ist sie Protestantin, aber wenn es ihrer Ideologie dient ist es ihr egal ob Pabst oder Mazyek. Jeder der ihr hilft die Deutschen zu vern….. ist wohl ihr lieb und teuer ?

Sie sollte sich schämen, am heutigen Tag nicht bei den Deutschen zu sein und der Toten von 17.6. und den Mauertoten zu gedenken.

Sie ist so protestantisch wie der Papst katholisch. Erinnert mich irgendwie an den Bedford-„Strohmer“ + Marx. Lebenslang haben auch wir in Westdeutschland den 17. Juni gewürdigt und der 1953 gefallenen Mitmenschen gedacht.

Es ist schon grotesk, dass man Kohl angesichts unserer heutigen politischen ersten Reihe zu Gute halten muss, dass er seine Wahlversprechen überhaupt weitgehend einfüllte. Das waren noch Zeiten, in denen die Wahlprogramme tatsächlich die Messlatte folgender Regierungspolitik waren… Und heute? Es ist zum … , man wird nur noch vera… .

Merkels verquaster Satz: „Ich verneige mich vor seinem Angedenken“ ist mir auch sofort aufgefallen. Man könnte ihn ihr als vielleicht einem Augenblicksstress geschuldet durchgehen lassen, wenn sich nicht doch der Verdacht aufdrängte, daß Merkel in ihrer ideologisch verkniffenen Abschottung von aller Weltrealität und der ihres Volkes nicht einmal eines einfachen Gefühls und seines sprachlichen Ausdrucks fähig ist. Was ist so schwer daran zu sagen: ‚Ich bewahre Helmut Kohl ein zutiefst dankbares Angedenken‘ oder etwas staatstragender: ‚Deutschland und auch Europa schulden Helmut Kohl über alle Parteien und Grenzen hinweg große Dankbarkeit und ein ihn ehrendes Angedenken‘? Vielleicht konnte Merkel, diese Erz-Opportunistin… Mehr

Kann sich jemand vor einem Angedenken verneigen? Wie soll das gehen?
Man kann sich vor einer Person verneigen, der man gedenkt, indem man sich verneigt.

Merkel hat ihren Sermon vom Zettel abgelesen. Worte in freier Sprache hat sie sie nicht gefunden, entweder weil sie dessen unfähig ist oder ihr Gedenken ist eh geheuchelt , wenn man ihr beschädigtes Verhältnis zu Helmut Kohl als dem von ihr gestürzten politischen Ziehvater berücksichtigt.

Das schafft nur jemand, der auch Empathie für das deutsche Volk empfindet. Ich denke auch, dass sich später niemand mehr vor ihr verneigen wird, im Gegenteil man wird vor ihr aussp……

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