Der große Frust der Freien Liebe

Die Ideologie der „Freien Liebe“, die in den sechziger Jahren die Gesellschaft über die Menschen kam, ist ein verkanntes Problem.

Die Freie Liebe zersetzt die westlichen Gesellschaften, weil sie die Beziehungsfähigkeit von Männern und Frauen zerstört und dies bis in die jüngsten Generationen hinein.

Es ist ein großer allgemeiner Irrtum, dass vor allem der Feminismus oder der ihm nachfolgende Genderismus (die großes Zerstörungspotenzial in sich tragen) die Gesellschaft beschädigt hätten. Den Hauptschaden haben die westlichen Gesellschaften womöglich durch den Irrglauben der Freien Liebe erlitten, der Ideologie, dem Fantasma der Freien Liebe, der Blumenkinderei, gegen die so gut wie niemand resistent war und ist. Vor allen Dingen bei den Männern ist der Irrglaube stark vorhanden, dass vieles mit den Frauen deswegen schief läuft, weil der Feminismus /Genderismus ihnen die Frauen gleichsam abspenstig gemacht hätte. Stattdessen hat ein anderes Phänomen, das viel stärker ist, Männer und Frauen auf der Freien Liebe ausrutschen lassen und sie gegenseitig so verunsichert, dass sie beziehungsunfähig geworden sind. Freie Liebe? Ja. Ist das nicht ein alter Hut aus den sechziger Jahren? Im Prinzip ja. Sind wir da nicht längst drüberweg und überlegen? Leben wir heute nicht die absolute Freiheit und haben das alles mit Augenmaß im Griff? Was ficht uns die Freie Liebe heute noch an? Die Freie Liebe, die heute in der Erscheinungsform der offenen Beziehung, der On-Off-Beziehung, der „Ich-weiß-nicht-ob –wir-zusammen-sind“-Beziehung und in der „Ich -weiß –nicht- ob-ich-will-Beziehung“ zu besichtigen ist, ist eine der unerkannten großen Zerstörungsideologien, die die Gesellschaft im Griff hat.

„Freie Liebe“ ist fast so etwas wie ein Terminus Technikus geworden und jeder versteht, obwohl der Begriff überhaupt nicht wirklich in einem konsensstiftenden Sinn definiert ist, doch erstaunlich genau das, was sein jeweiliger Nachbar auch darunter versteht. So gesehen ist „Freie Liebe“ eine Begrifflichkeit, über deren Sinngehalt und Beschreibungswert – unabhängig davon wie der Einzelne zur freien Liebe steht – im öffentlichen Diskurs ein hohes Maß an Übereinstimmung besteht. Liebe und Freiheit sind zwei Seiten derselben Sache oder sollten es sein. Liebe sollte frei sein, freiwillig sowieso. Wer liebt, sollte kraft seiner Liebe frei sein. Vor allen Dingen: Der freie Mensch ist der liebesfähige Mensch. Liebe schenkt Freiheit. Oder: Lieben befreit.

Und die Freiheit liebt man nicht nur, sondern die Freiheit ist eben auch die Freiheit zu lieben. Derartige Wortspiele ließen sich sowohl rhetorisch als auch mit immer neuen Detailaspekten eine Weile fortsetzen. Liebe ist bekanntlich ein Wort, das es vor allem deswegen in sich hat, weil in ihm so viele Regungen, Handlungen und Projektionen enthalten sind, die diffus irgendetwas miteinander zu tun haben und gleichzeitig gar nichts: Die Liebe zu seinen Kindern, die Liebe zu einem Partner, die Liebe zu Gott, die Liebe zur Welt, die Liebe zu einem Land, einer Kultur, einer Religion – alles ganz unterschiedliche Empfindungslagen und Ausdrucksformen. Und dann ist da noch der Sex. Liebe als Synonym für sexuelle Attraktion, für die animalische körperliche, auf den Orgasmus hin gerichtete Interaktion oder autonome Aktion. Liebe hat immer die Spannung von der seelischen und der körperlichen Liebe in sich, die gleichzeitig oder unabhängig voneinander gelebt werden.

Ist die freie Liebe die wahre Liebe?

Mit „Freier Liebe“, auch Libertinage genannt, hatten die Vertreter dieser Ideologie, die Ende der sechziger Jahre Hochkonjunktur hatte, nachdem sie in den Avantgarden bereits seit dem 19.Jahrhundert als Ideal immer wieder aufgetaucht war, eine ganz trickreiche und überaus werbewirksame Vokabel gefunden. Mit der „Freien Liebe“ ist – selbst auch aus der Sicht derer, die der freien Liebe nicht zugetan sind, also aus der Sicht derjenigen, die der freien Liebe nur neugierig, ängstlich, ablehnend oder aus sonstigen Motivlagen heraus eher feindlich gegenüber stehen – eine sexuelle Betätigung zwischen zwei oder mehreren Menschen gemeint, die nicht durch einen Trauschein, eine Ehe oder eine sonstige Konvention und ohne eine über den Moment hinausgehende Verabredung gebunden sind.

Mit der freien Liebe meinen deren Apologeten idealtypisch, dass jeder Mensch durch die Bindungslosigkeit der sexuellen Betätigung den sozusagen besseren Orgasmus mit der höheren Eintrittswahrscheinlichkeit erleben würde. Die Orgasmusfähigkeit würde also durch den bindungslosen Sex qualitativ und quantitativ erhöht. Das hört sich doch gut an. Und gleichzeitig – und das ist der Trick – schwingt in der Vokabel „Freie Liebe“ immer auch mit, dass die höhere, wirkliche, wahre Liebe, die seelische Verbindung, die emotionale, die geistige und gar die transzendentale Verbindung zwischen den Menschen besser (und gar beständiger) funktionierte und zustande käme, wenn der Sex an keinerlei Voraussetzungen und Regeln gebunden sei. Freie Liebe wäre demnach die wahre Liebe, in dem sie eigentlich erst die divergierenden Aspekte, die sprachlich in dem Wort Liebe zusammengefasst werden, auch substanziell miteinander verbände. Freie Liebe als Synthese, als Legierung aller Zwischenmenschlichkeit vom Körperlichen bis zum Geistigen. Oh, welch Glück!

Diese Frage stellt sich in der Tat: Ist die Freie Liebe das Paradies oder die Hölle? Glück oder Unglück? Oder ist die „Freie Liebe“ eine (gefährliche) Ideologie, die den Menschen an seiner empfindlichsten Stelle anpackt, nämlich an seiner Sexualität?

Ja, ganz nonchalante, habe ich jetzt die Freie Liebe eine Ideologie genannt. Die Anbeter der Freien Liebe wären mit diesem Begriff vielleicht nicht einverstanden, denn die Anbeter der freien Liebe halten ihre „Erfindung“ ja gerade für die Befreiung von den ideologischen Konventionen, die in der Menschheitsgeschichte in fast allen Kulturen die Sexualität mit destruktiven Fesseln in Gestalt zum Beispiel der Ehe, der Monogamie, des Verbotes der Homosexualität, des Inzestverbotes und des Verbots von Sex mit Kindern usw. geknebelt hätten. Und tatsächlich meinte Freie Liebe als Bewegung keineswegs in erster Linie, dass Menschen, endogen gesteuert, frei der Liebe und der Sexualität frönen sollten, sondern mit Freier Liebe war immer eine Rezeptur gemeint, ein Handlungsschema, vermittels dessen die von den Konventionen verklemmten Menschen befreit würden und den wahren Sex entdecken könnten. Freie Liebe war also immer ein manipulativer Eingriff der Besserwisser, der Sexgurus, in das Leben und das Gefühlsleben der noch nicht bekehrten sogenannten Sexspießer. Will sagen: Wenn Menschen früher von sich aus eine unkonventionelle sexuelle Beziehung unterhielten, war das eine individuelle, im besten Falle freie Entscheidung, die überall und zu allen Zeiten von Menschen getroffen wurde. Diese faktisch frei gelebte Sexualität / Liebe war ohne größere gesellschaftliche Relevanz. Man muss also unterscheiden zwischen frei gelebter Sexualität/Liebe unter Individuen und dem gesellschaftsrelevanten Phänomen der Freien Liebe, die gesellschaftliche Zwangsneurosen nach sich zog. Letzteres nenne ich Ideologie, eine Ideologie, die in ihren Exzessen, um es vorweg zu nehmen, diktatorische Züge annahm und die Individuen und die Gesellschaften von innen zersetzte.

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