Der große Frust der Freien Liebe

Das Faszinosum Sex

Das Faszinosum Sex, der Orgasmus als kurzer Blick ins Paradies und die natürliche Scham und die Angst, vordergründig vor ungewollter Schwangerschaft oder vor Ansteckung mit oft nicht ungefährlichen Krankheiten, erzeugten in der Menschheitsgeschichte, ohne dass Scham, Ängste vor Schwangerschaft und Krankheit auch nur in irgendeiner Weise vergleichbar wären, immer schon eine schwierige Gemengelage. Und noch viel schwieriger wurde und wird es, wenn man ins Eingemachte geht, wenn man sozusagen an das Unaussprechliche, an die Sehnsüchte, die Phantasien, die Versagensängste und die Leidenschaften denkt, die den Menschen mit den widersprüchlichsten Bildern durch den Kopf jagen. Wenn man an die Besitzansprüche, Eifersüchte, Allmachtsphantasien und Minderwertigkeitskomplexe denkt, wenn man also die volle Komplexität des Themas, der Kategorie des Genres Sex und Liebe in den Focus nimmt.

Wem es in der subjektiven Wahrnehmung eines anderen Menschen gelingt als lässiger Sexkönner- und wisser, also als Sexriese dazustehen, der hat sehr viel Macht über den anderen, der sich im sexuellen Bereich automatisch unterlegen fühlt. Die Freie Liebe produzierte so von Anfang an ihre Gewinner und ihre sehr vielen Verlierer. Dachten eben die meisten Menschen noch, meist vollkommen zu recht, sie seien sexmäßig guter Durchschnitt, wurden sie in den sechziger Jahren von dem Tsunami der Freien Liebe überspült und angefixt und fanden sich plötzlich im Stadium einer großen Verunsicherung wieder, nämlich in dem Stadium zwischen dem Willen nach Freier Liebe und der Angst vor Freier Liebe. Das war der Anfang vom Ende. Und gleich am Anfang wurde deutlich, dass die Freie Liebe vor allem eine männlich dominierte Sekte war, die allerdings das Leben von Frauen und Männern gleichermaßen tangierte und oft genug beschädigte. Freiheit in der freien Liebe hieß de facto immer Freiheit für den wilden Rammler oder, wie es in einem berühmten Schlager hieß: Macho, Macho kannst net lernen, Macho Macho musst halt sein. Freie Liebe ist eine Macho-Sekte.

Der durchschnittlich begabte Mann erlitt schnell viele Traumata. Entweder machte seine Freundin dieselben Sexexperimente, hatte Sex mit dem Macker in der Clique oder irgendeinem anderen, und verließ ihn oder er konnte, auch wenn sie ihn nicht verließ, darüber nicht hinweg kommen oder sie verzehrte sich in Eifersucht und beidseitiger Frust führte zum Zerstreiten. Auch wer eine ganz große Lovestory hatte, wurde von der Freien Liebe, deren Karussel sich unerbittlich weiterdrehte und jede Liebesgeschichte wieder zerstörte, wieder rausgerissen.

Die Freie Liebe führte also zu einer großen allgemeinen Desorientierung und war der erste große Treibsatz zur Versingelung der Gesellschaft durch den hemmungslos beziehungszerstörenden Zeitgeist, der der Freien Liebe huldigte, und ohne dass es den Menschen bewusst ist, bis heute huldigt. Sexueller Leistungsdruck vor allen Dingen für Männer gehört zur Freien Liebe, ebenso wie die Verunsicherung vieler Männer durch nicht so viele, aber auch nicht so wenige Frauen, die plötzlich sexuell fordernd auftraten und Leistungsdruck bei den Männern erzeugten. Der wahrscheinlich nicht seltene Traum vieler Männer von der jederzeitigen Verfügbarkeit einer Frau hat viele Männer in die Falle der Freien Liebe gelockt. Und allzuviele Frauen machten aktiv mit, weil sie die Freie Liebe für absolut angesagt hielten und auf keinen Fall als Spielverderberin dastehen wollten. Freie Liebe suggeriert die Abwesenheit von Eifersucht.

Wenn man einigermaßen distanziert und fair auf das Phänomen freie Liebe blickt, wird man kaum umhin kommen, dass die freie Liebe ein primär männlicher Wunschtraum ist und das folgerichtig der anti-maskuline Feminismus (Alice Schwarzer) den endgültigen Sieg der sexuellen Revolution, der freien Liebe, verhindert hat. Wenn man von der maskulinen Dominanz spricht, muss man auf eine Tatsache hinweisen, die auch schon für die Beurteilung der Avantgarden der letzten 150 Jahre und auch etwa der berühmten Paare Anais Nin und Henry Miller, Simone de Beauvoir und Jean Paul Satre galt: Männerdominanz heißt immer Dominanz weniger Platzhirsche, die nicht nur die Frauen dominieren, sondern auch ihre männlichen Artgenossen und letztere oft noch viel mehr. Schließlich, was will ein Platzhirsch? Er will, dass alle anderen Hirsche demütig abhauen. Das will er womöglich noch viel mehr, als dass er alle Hirschkühe für sich alleine haben möchte. Insofern sind sehr viele Frauen, aber auch genauso viele Männer frustriert, verletzt, traumatisiert von ihren Erfahrungen mit der Freien Liebe. Und den meisten Männern fällt es noch schwerer das zuzugeben.

Eine sexuelle Geschichte zwischen Menschen erzeugt eine besondere Geschichte
Freie Liebe postuliert, dass sie Eifersucht abschaffen könnte. Eifersucht darf nicht sein, jeder ist gehalten keine Eifersucht zu haben. Dies ist allerdings etwas, was die freie Liebe weder theoretisch noch praktisch zu leisten in der Lage ist. Trotzdem wird jeder, der eifersüchtig ist als unfähig, als nervig, als Zerstörer und als Sexversager verurteilt und ausgegrenzt. Von wem? Vom Diktat der Freien Liebe. Es gibt bekanntlich nicht nur die positive Affinität zum Beispiel zwischen einem Mann und einer Frau, Es gibt auch negative, aggressive Abstoßungsmomente. Und es gibt sehr häufig den Fall, dass ein Mann eine Frau begehrt, die Frau den Mann aber nicht. Oder umgekehrt. Es gibt mehrere antagonistisch einander widerstrebende Gefühlslagen gleichzeitig in jedem Menschen. So kann man einen anderen gleichzeitig attraktiv und unattraktiv finden. In jedem Fall gilt: Wenn zwei Menschen sich begegnen und Zeit miteinander verbringen, haben sie eine Geschichte. Und dieser Geschichte kann jeder nur in Grenzen entrinnen. Auch wenn sich zwei Menschen, die eine Geschichte haben, trennen, trägt jeder diese Geschichte weiter in sich. Das heißt, je intensiver die Geschichte zwischen Menschen, desto prägender ist sie und desto dynamischer ist ihr Einfluss auf die Sehnsüchte und die Phantasien. Gefällt Jemandem ein Mensch will er auf diese Weise mehr von ihm. Bekommt er mehr, gefällt er ihm besser oder im negativen Fall schlechter. Wer Intimität und Sexualität als die in Wahrheit wichtigsten Bereiche des Menschen begreift, was zu tun recht plausibel erscheint, der wird nicht darüber hinweg täuschen können, dass eine sexuelle Geschichte zwischen Menschen eine besondere Geschichte erzeugt. Und diese Geschichte, die Existenz einer solchen Geschichte, wird von den Propagandisten der Freien Liebe – oder vielleicht sollte ich sagen, von den Propheten – immer wieder verkannt bzw. geleugnet.

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Kommentare ( 17 )

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