1989 – Die Geschichte der Wiedervereinigung

Die rauchenden Ruinen der DDR wurden in den vergangenen Jahren durch ein niegelnagel neues Land ersetzt - jede Fabrik neu, jede Wohnung, jedes Telefonkabel, jede Straße, jeder Kamin, einfach alles. Es bleibt dem Economist vorbehalten, die blühenden Landschaften zu feiern. Deutsche Wirtschaftsmedien schaffen es nicht. Exakt zum Mauerfall titelte Wigitte vom "Stillstandsland Deutschland". Eine groteskere Fehleinschätzung ist kaum denkbar.

Vor 25 Jahren kollabierte die DDR. Deren Wirkmacht ist bis heute ungebrochen.

Der große politische Dialektiker der untergehenden Republik, Marcus Tullius Cicero, selber Chronist seiner Zeit, beflügelte den Mythos des altgriechischen Urvaters der modernen Geschichtsschreibung Herodot. Schon vor mehr als 2000 Jahren war den wachen Geistern der Zeit klar, dass Geschichtsschreibung und  Geschichtswissenschaften eine außerordentlich komplexe Angelegenheit sind. Kaum etwas ist schwerer als die Realität, die Tatsachen und die Kausalitätenverläufe überhaupt zu erfassen und dann auch noch wertneutral zu beschreiben.

Eines erschließt sich in Bezug auf das Jahr 1989, in dem die stalinsche Staatsgründung namens DDR zwar von der Landkarte, aber nicht aus den Köpfen verschwand, relativ einfach: Das tatsächliche Geschehen wurde sowohl von der linken als auch von der konservativen Seite in beiden deutschen Staat diametral anders wahrgenommen. Obwohl die Medien in Echtzeit dabei waren, sind die Räume für unterschiedliche oder gar einander widersprechende Geschichtsschreibungen groß.

Der Linksintellektualismus und der Linksradikalismus, die zwei Seiten der New Left/Westlinken in der Bundesrepublik hatten sich mit der real existierenden DDR vielfältig arrangiert – oft auch zum eigenen Profit oder um operativer, finanzieller und logistischer Unterstützung willen. Die DDR war ein Unrechtsstaat. Sie war eine Diktatur. Dass darüber überhaupt noch gestritten werden muss ist allein schon Beweis für die These, dass die DDR weiterhin schöngeredet wird: Obwohl in der DDR sind politische Todesurteile vollstreckt wurden; trotz der ermordeten Menschen an der Mauer. Und trotz der Tatsache, dass die DDR, die wirtschaftliche Prosperität für alle versprochen hatte, ökonomisch ein Versagerstaat in Mitten einer ökonomischen und ökologischen Trümmerlandschaft war. Gleichwohl gebar die Schicht der satt gefressenen Linksintellektuellen im Westen den eigenartigen Geist der klammheimlichen Verehrung der DDR. Die fiese DDR schönzureden war jahrzehntelang in unterschiedlichster Form Programm. Für diese Linken war die DDR das bessere Deutschland.

So war die DDR in der westdeutschen Öffentlichkeit zwar immer das Land materieller Dürftigkeit, beschränkter Reisemöglichkeit und diktatorischer Freiheitsbeschränkungen. Es war aber zugleich auch der deutsche Staat, der dem eigentlich besseren Sozialismus näher kam als die kapitalistische Bundesrepublik. Die DDR war in vielen Köpfen im Westen der ideale Ausgangspunkt für die Weltverbesserung. Sie wollten durch Demokratisierung und Verbesserung des real existierenden schnöden Sozialismus den dritten Weg zum idealtypischen Sozialismus finden.

Der Mythos vom dritten Weg

Die DDR, die in allen politischen, moralischen und ökonomischen Bedingungen dem Westen zutiefst unterlegen war, war auf eine schizophrene Weise zumindestens in der veröffentlichten Meinung immer auch ein Hätschelkind. Dieser DDR der linken Träume wurde vom bösen Kapitalismus Unrecht getan. Der Nobelpreisträger Günter Grass ist leider politisch ein Naivling und von Wirtschaft versteht er nichts, außer dass er selber ein privates Vermögen gemacht hat. Sein Spruch damals, dass die DDR eine „kommode Diktatur“ gewesen wäre, war symptomatisch für diese Art der  Wahrnehmung der DDR in der Bundesrepublik. Es war seine Idee, die DDR, die wirtschaftlich am Ende war und die ihre Bürger nicht länger ernähren konnte, mit Westkrediten künstlich am Leben zu erhalten. So sollte der berühmte, von Niemandem zu Ende formulierten „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus in Gestalt des „wahren Sozialismus“ endlich gefunden werden. Damals wie heute entsprach dieses Denken einer weit verbreiteten Gefühlsduselei der Linken, die damals wie heute den öffentlichen Diskurs beherrscht und die ein weiteres Unrecht verschweigt oder leugnet: Das Leid der Menschen, die flüchteten. Statt als Freiheitshelden zu gelten trugen Ost-Flüchtlinge den Makel des Verräters, der die mögliche, die bessere Welt aus Dummheit verlassen hat.

Auch in der DDR gab es vielfältige Subkulturen und Bürgerrechtsbewegungen, die ein schizophrenes Verhältnis zu ihrem eigenen Staat hatten. Man war verbotene Opposition und träumte zugleich von jenem heiligen dritten Weg eines „demokratischen Sozialismus“. Den Westen jedenfalls wollte man so nicht.

Dabei hätten 99 Prozent aller Deutschen in Ost und West im Zweifel das Leben in der Bundesrepublik bevorzugt. Aber irgendwelche diffusen schwülstigen, kryptokommunistischen, hochintellektualisierten, realiter extrem primitiven Sympathiegefühle für die DDR auf beiden Seiten des sogenannten eisernen Vorhanges waren der Humus, auf dem 1989 nicht nur Phantasien, sondern auch Initiativen wuchsen, die die vom eigenen Volk zu Grabe getragene DDR aufrecht erhalten wollten. Eine Zweistaatenlösung war die Wunschvorstellung. Die Realität der DDR wurde ausgeblendet; ihre Verbrechen romantisiert und geleugnet.

Unterstützung
oder

Kommentare

Ihre Argumente, Gedanken oder Informationen bringen wir ganz oder gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Links, mindestens solche mit unklarer Herkunft.