Ein regierungskritischer Journalist soll „einem Geheimdienst” Informationen über Ungarns Außenminister gegeben haben. Und in gutem Einvernehmen stehen mit der Opposition. Die reagiert empört – bestätigt aber den Kontakt. Was stimmt?
picture alliance / TOBIAS STEINMAURER / APA
Es ist die Schlagzeile des Tages in Ungarn: Der investigative Journalist Szabolcs Panyi, der eben „enthüllte”, Außenminister Péter Szijjártó habe während des letzten EU-Gipfels mit dem russischen Außenminister telefoniert, soll „einem Geheimdienst” Szíjjártós vertrauliche Telefonnummer gegeben haben.
So beginnt ein Bericht in der Online-Ausgabe des regierungsnahen Mediums „Mandiner” (der Transparenz halber: Ich bin dort stellvertr. Chefredakteur der Print-Ausgabe, habe aber an der Entstehung des Artikels nicht mitgewirkt).
Quelle: Eine anonym zugespielte Tonaufnahme eines Gesprächs zwischen Panyi und einer nicht näher identifizierten Frau, auch das Datum ist nicht klar.
In diesem Mitschnitt sind die folgenden Dinge zu hören: Panyi sagt, er stehe in Kontakt mit einem „ausländischen Dienst”, gemeint ist dabei Geheimdienst. Dem habe er zwei Telefonnummern weitergegeben, die von Außenminister Péter Szijjártó, und die der Dame, mit der er gerade spricht. Bizarrerweise sagt er, dass er diese beiden Nummern von der Dame selbst erbeten habe, um sie dann weiter zu geben. Seine ausländischen Kontaktleute hätten daraufhin bestätigt, dass sie ebenfalls diese beiden Nummern kennen.
Panyi wird von der Frau gefragt, um welches Land es sich denn handelt, worauf er antwortet: „Das darf ich nicht sagen”. Er bittet sie dann, mit niemandem hierüber zu sprechen.
Im weiteren Verlauf führt Panyi aus, dass dieser ausländische Geheimdienst den Telefonverkehr des Außenministers schon länger beobachtet. Wörtlich: „Das funktioniert so, dass sie eine Nummer beobachten, und sie können sehen, wen diese Nummer anruft, und von wem sie angerufen wird.”
Über Anita Orbán, die Schatten-Außenministerin der oppositionellen Tisza-Partei, sagt Panyi, sie sei „quasi eine Freundin”. Er helfe ihr gelegentlich in fachlichen Dingen, und habe vor Jahren für sie als Mitglied ihre Wahlkampf-Teams gearbeitet – und zwar 2010, als sie noch für Fidesz kandidieren sollte, wozu es dann aber nicht kam, weil, so Panyi, sie innerhalb der Partei „fertiggemacht wurde”. „Aber sie hatte ein Wahlkampfteam, so 2009 – Anfang 2010, in welchem ich auch drin war.” Panyi sagt dann, dass sie bis heute gute Beziehungen pflegen, und er ihr „in bestimmten Dingen” und „fachlichen” Angelegenheiten helfe.
Anita Orbán habe ihm gesagt, im Falle eines Regierungswechsels werde sie ihm Einsicht in diverse Dossiers gewähren (wohl damit er dann Enthüllungsgeschichten schreiben kann über Fidesz-Politiker), ferner meint er, er werde im Falle einer Tisza-Regierung bei Anita Orbán Einfluss haben auf die Auswahl der künftigen Mitarbeiter ihres Ministeriums.
Panyi bietet seiner Gesprächspartnerin dann an, Telefongespräche Szijjártós zu „zeigen”, bevor er dann sagt, er habe sie doch nicht dabei.
Panyi war mehrfach als Stipendiat in den USA und arbeitet seither als investigativer Journalist bei einem Medium namens VSquare, dass vorwiegend aus amerikanischen (zumindest vor dam Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump ) und EU-Geldern finanziert wird.
Soweit der Mandiner-Bericht. Angesichts der Omnipräsenz Künstlicher Intelligenz ist die erste Reaktion natürlich, sich zu fragen, ob das denn eine authentische Aufnahme ist, oder ob die Stimme des Journalisten geklont wurde. Panyi bestätigte aber im Laufe des Montags selbst, dass das Gespräch stattgefunden habe, als Teil einer Recherche von ihm über Szijjártós Kontakte nach Moskau. Er sagte nicht, dass das Ganze oder Teile davon gefälscht seien. Auch nicht jene Passage, wo davon die Rede ist, er habe einem ausländischen Geheimdienst Szijjártó’s Nummer gegeben (die dieser Dienst aber offanbar schon kannte).
Zum Beweis für seine Recherche stellte er das Transkript eines vertraulichen Telefon-Gesprächs von Szijjártó mit Lavrov online, aus dem Jahr 2020. Panyi gibt ferner an, der Mandiner-Artikel habe zum Ziel, seine aktuelle Recherche unglaubwürdig zu machen. Er werde sie aber abschließen.
Halten wir vorerst fest: Jemand hat den ungarischen Außenminister abgehört, und das Ergebnis diesem Journalisten zur Verfügung gestellt.
Es gab noch zwei weitere Reaktionen. Anita Orbán sprach von „verlogenen Angriffen” der repgierungsnahen „Propaganda” und von „Lügen” bezüglich ihrer persönlichen Kontakte zu Panyi. Sie bestätigte aber im gleichen Facebook-Post, dass sie Panyi kennt, dass eine Mitarbeit Panyis in ihrem Wahlkampfteam tatsächlich geplant war, und dass sie ihn in jüngster Zeit „nur zweimal getroffen” habe.
Halten wir fest: Der regierungskritische, aus dem Ausland finanzierte Journalist pflegt ein gutes Verhältnis zu einer führenden Oppositionspolitikerin, für die er einst Wahlkampf zu machen beabsichtigte.
Anita Orbán schrieb, der Mandiner-Artikel (”Propaganda”) solle nur „ablenken” von den regelmäßigen Kontakten Szíjjártó’s nach Moskau, mit denen er die Interesen der EU und Ungarns verrate. Eine Tisza-Regierung werde dies durchleuchten.
Deutlicher wurde Oppositionschef Péter Magyar, der – Rechtsstaat hin, Rechtsstaat her – eine lebenslange Haft für Szíjjártó in Aussicht stellte wegen „Landesverrats”.
Auch Ministerpräsident Viktor Ornán reagierte: Er habe den Justizminister angewiesen, unverzüglich zu untersuchen, wer seinen Außenminister abhört.
Wer braucht schon Netflix-Thriller, wenn man doch einfach dem ungarischen Wahlkampf folgen kann?

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