Irankonflikt: Giorgia Meloni gegen die Straße

Zwei Moralvorstellungen prallen aufeinander: Pazifismus als Prinzip gegen jede militärische Intervention – und der Ruf nach Unterstützung gegen eine theokratische Diktatur. Italiens Öffentlichkeit ist in dieser Frage sichtbar gespalten.

picture alliance / SIPA | Francesca Bolla/AGF

Jetzt, wo die USA unter Präsident Donald Trump selbst die präventive Kriegsführung zum Schutze Israels übernommen haben, muss auch Italien Farbe bekennen. Ob Soldaten zur Mitwirkung geschickt werden, stellt sich nicht mehr – wie im Fall der Ukraine, als zum Einsatz des Militärs ein klares ‚No‘ kam. Gelder ja, Soldateneinsatz auf keinen Fall. Nun sind auch die Italiener und ihr Heer in Alarmbereitschaft, Seit an Seit mit den USA, zumindest an den US-Stützpunkten auf italienischem Boden.

Seit den Pro-Gaza-Demonstrationen macht sich in Italien eine neue, deutlich vernehmbare anti-amerikanische und anti-israelische Stimmung breit. Auf Plätzen und in sozialen Netzwerken verschmelzen Solidarität mit Gaza, Kritik an Washington und Ablehnung der israelischen Regierung zu einem breiten, roten, auch von Universitäten und Gewerkschaften getragenen Protestmilieu.

Doch während auf der Straße Parolen gerufen werden, bleibt die Linie an der Staatsspitze unmissverständlich: Premier Giorgia Meloni und Staatspräsident Sergio Mattarella lassen keinen Zweifel daran, dass Italien fest an der Seite der USA und Israels steht.

Laut den Tageszeitungen Il Giornale und Il Libero Quotidiano versammelte Meloni ihre Minister zu Krisensitzungen im Palazzo Chigi. Karten der Region lagen auf dem Tisch, Geheimdienstberichte wurden ausgewertet, verschiedene Szenarien durchgespielt.

Am Abend folgte eine weitere Sitzung. Zwei Punkte standen im Mittelpunkt: der Schutz italienischer Staatsbürger in den betroffenen Regionen und die Frage, welche Rolle Rom in dieser Krise spielen könnte. Verteidigungsminister Guido Crosetto war aus den Emiraten per Telefon zugeschaltet. Auch Außenminister Antonio Tajani koordinierte in der Farnesina, dem Außenministerium, eine Kriseneinheit mit Botschaftern im Nahen Osten.

Gleichzeitig betonte Tajani, Teheran dürfe keine Nuklearwaffen besitzen. „Kriege sind nie die Lösung“, sagte er – doch wenn Israels Existenz bedroht werde, reagiere der Staat. Eine offene Verurteilung Washingtons blieb aus. Ebenso ein überschwängliches politisches Bekenntnis. Die Formel lautet: De-Eskalation und möglichst rasche Wiederaufnahme von Verhandlungen.

Italien sei, so erklärte Matteo Salvini, nicht vorab informiert worden, das könnten auch rein strategische Gründe gewesen sein – die EU war nicht im Bilde, auch wenn es jeder ahnte. Dennoch versicherte der Vize-Premier von der Lega, Salvini: „Wir stehen an der Seite derer, die für die Freiheit kämpfen.“ Eine Positionierung, die innenpolitisch nicht folgenlos bleibt.

Meloni zwischen Bündnistreue und diplomatischem Balanceakt

Meloni setzt auf „Rete“ – Vernetzung. Mit europäischen Partnern ebenso wie mit moderaten arabischen Staaten. Berlin, Paris und London kritisierten verhalten die US-Initiative, verurteilten jedoch zugleich scharf die Angriffe Teherans auf Nachbarstaaten und riefen vor allem Teheran zur Rückkehr an den Verhandlungstisch auf.

Rom bewegt sich mit Meloni auf derselben Linie: keine offene Distanzierung von Washington oder Jerusalem, aber die klare Hoffnung auf diplomatische Kanäle. Ein klassischer Balanceakt – transatlantische Loyalität ohne militärische Konsequenz.

Aus der Opposition kommt naturgemäß scharfer Gegenwind. Elly Schlein nannte Irans Führer zwar einen „blutrünstigen Diktator“, verurteilte jedoch zugleich die „falschen und gefährlichen einseitigen Militäraktionen“, die internationales Recht verletzten. Auch Giuseppe Conte warf der Regierung Passivität vor. Die übliche Dramaturgie: internationale Krise, nationale Abrechnung.

Meloni hingegen vermeidet Pathos. Sie sucht Handlungsspielräume. Ein direkter militärischer Beitrag Italiens steht (noch) nicht im Raum. Aber die politische Linie bleibt klar westlich.

Leila Farahbakhsh und der Aufschrei von Florenz

Während in Rom Strategien entworfen werden, eskalierte in Florenz ein ganz anderer Konflikt – und wie so oft, moralischer Natur. Die iranische Exil-Aktivistin Leila Farahbakhsh stellte sich einem pazifistischen Demonstrationszug entgegen. Rund 150 Menschen waren dem Aufruf von Arci, einer Italienischen Organisation der kulturellen Zentren, und weiteren Gruppen gefolgt, um gegen den US-Militäreinsatz und gegen Gewalt zu protestieren.

Farahbakhsh jedoch brachte den Demonstrationszug ins Stocken, und konfrontierte die Protestler mit einer bitteren Frage: „40.000 Tote, 50.000 Verhaftete, Frauen vergewaltigt – wo wart ihr?“ Ihre Stimme, emotional geladen, war kein bloßer Zwischenruf, sondern eine Anklage.

Seit 15 Jahren lebt sie in Florenz, engagiert sich in der Bewegung „Frauen, Leben, Freiheit“. Für sie ist die westliche Intervention kein imperialer Akt, sondern ein Hoffnungsschimmer für all jene, die im Iran unter Repression leiden. „Die Vereinigten Staaten haben dem iranischen Volk geholfen“, warf sie den moralisierenden Pazifisten entgegen.

Aus dem Demonstrationszug kam die halbherzige Antwort: Man stehe doch an der Seite des iranischen Volkes. Doch Farahbakhsh widersprach. Viele der hier demonstrierenden Iraner hätten keine Angehörigen mehr im Land, lebten in Sicherheit – während andere Familien weiterhin unter dem Regime litten.

Hier prallen zwei Moralvorstellungen aufeinander: Pazifismus als Prinzip gegen jede militärische Intervention – und der Ruf nach Unterstützung gegen eine theokratische Diktatur. Italiens (pazifistische?) Öffentlichkeit ist in dieser Frage sichtbar gespalten.

Und genau in dieser Spaltung liegt die eigentliche Bruchlinie des Landes: Zwischen historisch gewachsenem Skeptizismus gegenüber Amerika und dem strategischen Bewusstsein, dass Italiens Sicherheit untrennbar mit dem westlichen Bündnis verbunden ist.

Die Regierung Meloni hat sich entschieden. Ein Teil der Straße sieht das anders.

Die Frage ist nicht, ob Italien Position bezieht. Sondern, wie lange es die Spannung zwischen Überzeugung und Protest aushält, und wie glaubwürdig die Regierung kommuniziert.

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Kommentare ( 13 )

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Ralf Poehling
15 Minuten her

Überall das selbe. Das ist eine hochriskante Operation, die da gerade im Nahen Osten läuft. Wenn Sie gelingt, wird die Welt eine bessere sein. Geht sie schief, wird uns auch hier in Europa der Fallout mit Wucht treffen. Und genau da liegt das Problem. Die Frage ist eigentlich nicht Pazifismus ja/nein. Die Frage ist, ist die gewählte Operation die richtige Behandlung. Ich hätte den „alten Patienten“ Iran im Nahen Osten lieber langsam auslaufen lassen, so wie z.B. Portugal, Spanien oder die DDR langsam aus ihren Diktaturen ohne große Kollateralschäden rausgewachsen sind. Angeboten hätte sich das. Den Patienten in hohem Alter… Mehr

Waldschrat
31 Minuten her

Wieso immer muss? Man muss gar nichts und jeder kann und soll seine Meinung dazu haben, ansonsten sind auch wir nur Lemminge, die dem, der am lautesten schreit hinterher rennen.
Da möchte ich in diesem Zusammenhang die Ausführungen von Roger Köppel heute morgen empfehlen. Das ist kein Nachgeplapper, sondern eine Betrachtung von zwei Seiten. Dem kann man sich anschließen. Auch Köppel ist bewusst, dass viele seine Meinung nicht teilen, aber ja, das macht doch Pluralismus aus. Insofern ist mir auch die Stellungnahme der AfD zu diesem Krieg lieber, als das Geschwätz, was da manche von sich geben.

Marcel Seiler
36 Minuten her

Frau Meloni hat natürlich recht: Der Iran muss kriegerisch bekämpft werden. Die Forderungen aus ihrer Regierung nach „Diplomatie“ dienen zu nichts als der Besänftigung von Kritikern und sind nicht ernst gemeint. Denn jeder vernünftige Beobachter weiß, dass das iranische Regime Diplomatie zu nichts anderem benutzt als zum Lügen, Betrügen und Zeit gewinnen, die Atombombe endlich fertig zu kriegen.

Die „edle“ Tradtion des Pazifismus konnte in Europa nur blühen, weil die USA über Jahrzehnte für uns die militärische Drecksarbeit verrichtete. Trump zwingt jetzt Europa, erwachsen zu werden oder unterzugehen. Wenn Europa nicht untergehen will, muss der Pazifismus auf den Müllhaufen.

Traum-Yogi
41 Minuten her

Es geht darum, sich den amerikanischen Militärs und Lobbyisten zu widersetzen. Und zugleich die Zusammenarbeit mit US-amerikanischen Bürgerrechtlern zu suchen. Ab dem 8. März werden sozialkonservative Kräfte in Deutschland gestärkt.
https://jlt343.wordpress.com

alter weisser Mann
57 Minuten her

Wer bitte schreibt über einen solchen Artikel „Anti-Amerikanismus“? Das ist ganz elendiglich plattes Denken.

Logiker
1 Stunde her

„Jetzt, wo die USA unter Präsident Donald Trump selbst die präventive Kriegsführung zum Schutze Israels übernommen haben,……“

Ist das so ?

Wer sagt das ?

Wer glaubt das ?

Ein beredtes Beispiel für die höchste Infektionsstufe durch massive und einseitige ideologische Beeinflussung seit Jahrzehnten.

Last edited 59 Minuten her by Logiker
Dirk Plotz
31 Minuten her
Antworten an  Logiker

Leider wahr, deutsche Konservative treiben gerade wieder in Scharen die Leute aus den eigenen Armen, weil sie Israel nicht als Aggressor in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg sowie einem Völkermord verstehen können. Ich kann nicht sagen, woran es liegt, aber es ist in der Sache so dermaßen dumm die selbe törichte Propaganda im Bezug auf alles was mit Israel zu tun hat zu verbreiten, wie es die linksgrünen im Bezug auf die Ukraine taten. Israel ist ein Staat. Er ist nicht der jüdische Staat, wie viele Antisemiten hartnäckig behaupten. Wieso diese Wahrheit in rechten und konservativen Kreisen nicht ankommt, ist mir ein… Mehr

Hieronymus Bosch
1 Stunde her

Klar, Pazifismus um jeden Preis, auch wenn die andere Seite mit der atomaren Vernichtung droht! Wie naiv muss man sein, um nicht zu kapieren, was im Iran, in Nord-Korea oder in China wirklich läuft! Ja, die haben alle Blumen auf den Raketen und Stiefmüttechen in den Abschussrampen! Europa ist am Ende mit dieser Einstellung. Bleibt zuhause, schaut Netflix und streamt ein bisschen im Internet!

Thomas
1 Stunde her

Der stark wachsenden islamische Bevölkerungsanteil Europas gesellt sich zu den linken Antiwestlern und wird in Zukunft pro westliche Politik in Europa schwieriger machen.

Hieronymus Bosch
54 Minuten her
Antworten an  Thomas

Der Islam gehört ja zu Deutschland! Wenn Sie so etwas hören und Ramadan-Schilder auf den Straßen sehen, wundert Sie das? Würde man im Iran auch christliche Kirchen bauen? Oder in der Türkei? Aber der dumme Westen lässt sich klaglos alles gefallen und jubelt noch dazu!

imapact
1 Stunde her

Ich könnte mir vorstellen, auch in Italien sind die Linken bestens organisiert und sehr lautstark. Unterstützt von gleichrückenden Medien. So entsteht ein verzerrtes Bild dessen, was die Mehrheit denkt. Kennen wir aus Deutschland.
Und den Job mit dem Iran machen die USA und Israel am besten alleine, auf die militärischen Lachnummern aus Europa können die sehr gut verzichten.

horrex
1 Stunde her

Ich drücke Meloni alles was ich habe …
Die Frau ist (m)eine Hoffnung!
Und zwar nicht nur für ihr Land, auch für eine neue, vernünftigere, bessere und „zukünftige/neue“ EU !!! –

Dirk Plotz
30 Minuten her
Antworten an  horrex

Meloni brachte 500.000 Migranten ins Land, legal. All das, was man nicht wollte, bekam man mit ihr und noch mehr. Sie ist die WEF-Agenda in Reinform.