Europa übernimmt Pekings Kontrollinstrumente – aber nicht seinen Modernisierungseifer. Fünf Thesen zu China - und Deutschlands Niedergang
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Philipp Mattheis kennt China aus vielen Jahren als Korrespondent in Shanghai. Für WirtschaftsWoche, Stern und Capital berichtete er über die wirtschaftliche und politische Entwicklung Asiens; heute erstellt er für TE aus Bangkok den täglichen Podcast „Börsenwecker“. Bei seiner jüngsten Rückkehr nach Shanghai fiel ihm vor allem eines auf: China hat sich rasant modernisiert, während Deutschland ausgerechnet jene Seiten des chinesischen Modells zu übernehmen scheint, vor denen der Westen lange gewarnt hat:
1. China kontrolliert und modernisiert
Im November 2020 klingelten zwei freundliche Mitarbeiter des Shanghaier Nachbarschaftskomitees an meiner Wohnungstür. Sie wollten wissen, wo ich mich in den vergangenen Tagen aufgehalten hatte. Solche Komitees gibt es überall in China. Sie sind Teil eines engmaschigen Kontrollsystems, das bis in den Alltag der Menschen hineinreicht.
Wenige Tage später verließ ich das Land, beinahe in Panik. Nicht das Coronavirus machte mir Angst, sondern die Reaktion eines autoritären Staates auf die Bedrohung durch ein Virus. Ich befürchtete, dass Shanghai bald abgeriegelt werden würde.
Ich hatte mich im Zeitpunkt geirrt. Erst im April 2022 wurde die Stadt in einen Lockdown gezwungen, der sich über rund zwei Monate hinzog und tiefe emotionale Narben hinterlassen hat.
Als ich nun, sechs Jahre später, nach Shanghai zurückkehrte, fiel mir auf, wie sehr sich China verändert hatte. Die Stadt war grüner, leiser, moderner geworden. Und gleichzeitig hatte sich meine Sicht auf Europa verändert. Denn manches von dem, wovor ich damals aus China geflohen war, war mir inzwischen auch aus Deutschland vertraut.
Der Autor Dan Wang stellt in seinem hervorragenden Buch „China Breakneck“ die These auf, China sei ein Staat der Ingenieure. Die überwiegende Mehrheit des politischen Führungspersonals hat eine Ingenieursausbildung und damit einher geht ein deterministisches Weltbild von Ursache und Wirkung. Die eigene Bevölkerung wird nicht als Ansammlung von Individuen gesehen, die man repräsentiert, sondern als eine Herde, die mit Anreizen und Strafen zu lenken sei. Auch die Ein-Kind-Politik, die Anfang der 1980er Jahre eingeführt und 2015 abgeschafft wurde, ist ein Produkt dieses starren Denkens.
Auf der positiven Seite der Bilanz steht eine Modernisierung in rasantem Tempo. Noch vor zehn Jahren war es leicht, das zu kritisieren. So versank Shanghai wie alle Städte Chinas im Winter in einem dichten, toxischen Nebel. Der Verkehr und der omnipräsente Baulärm zerrte am Nervenkostüm, Lebensmittelskandale erschütterten das Land im Wochentakt.
Heute ist vieles davon verschwunden. China hat seine Metropolen in einem Tempo modernisiert, das in Europa kaum vorstellbar ist. Der Preis dafür ist ein Staat, der kaum Grenzen für seine Eingriffe in das Leben seiner Bürger kennt.
2. Die EU kontrolliert, aber modernisiert nicht
Als mein Lufthansa-Flug im November 2020 in München landete, hatte ich das Gefühl, in Sicherheit zu sein – Sicherheit vor rigorosen Lockdowns und ganz allgemein vor Politik, die den Menschen nicht als Individuum, sondern als Verfügungsmasse des Staates sieht. In den folgenden zwei Jahren fand eine Desillusionierung statt. Das Prinzip Lockdown zur Seuchenbekämpfung ist eine chinesische Erfindung. Die Methode existierte vor 2020 nicht im Werkzeugkasten der Weltgesundheitsorganisation. Die Zero-Covid-Fraktion konnte sich zum Glück nicht durchsetzen – aber es war knapp. Die darauffolgende Impfkampagne hätte mit ihren Nudging-Mechanismen auch in China stattfinden können. (Weshalb China übrigens nicht mit mrna-Impfstoffen geimpft hat, bleibt ein Rätsel.)
Die digitale Überwachung in China ist noch lückenloser als vor zehn Jahren. Kaum ein Winkel der 20-Millionen-Metropole wird nicht von einer CCTV-Kamera gefilmt. Bargeld ist aus dem Alltag so gut wie verschwunden. Der gesamte Zahlungsverkehr läuft über zwei Apps, Alipay und WeChat Pay. Wer sein Smartphone verliert oder gesperrt wird, ist vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Bitcoin ist verboten, Kapitalverkehrskontrollen sorgen dafür, dass kein Kapital unkontrolliert abfließt. Vor zehn Jahren lag es auf der Hand, deswegen vor China zu warnen.
Heute kämpft die EU gegen Bargeld, überwacht Bitcoin-Transaktionen und bastelt an einer digitalen Identität. Die Konten kritischer Journalisten wie Jacques Baud oder Hüseyin Doğru sind gesperrt. Über kommende Kapitalverkehrskontrollen wird seit Monaten spekuliert. Ich vermute, sie werden spätestens dann folgen, wenn es zum offenen Krieg mit Russland kommt.
Die Situation ist nicht mit der in China zu vergleichen. Gleichwohl sind die Tendenzen zu mehr Überwachung und Kontrolle nicht zu übersehen.
Wovon nichts zu sehen ist: Modernisierung. Im Gegenteil – die Infrastruktur Deutschlands verfällt. 2012 waren 80 Prozent der Fernverkehrs-Züge pünktlich. Heute sind es nicht einmal mehr 52 Prozent. Brücken stürzen ein, Fluggesellschaften meiden das Land.
Europa scheint ausgerechnet jene Eigenschaften Chinas übernehmen zu wollen, vor denen es seine Bürger jahrelang gewarnt hat.
3. Chinas Kurs hat sich nicht verändert
Es ist Freitagabend, Rush Hour, wir stehen an der Kreuzung Wulumuqi Lu und Anfu Lu. Früher war der Lärm und Gestank kaum zu ertragen. Heute muss ich mich kurz vergewissern, dass Rush Hour und nicht Sonntagnachmittag ist – so leise ist es. Keine Motorengeräusche sind zu hören, alles fährt elektrisch. Dazwischen: Hunderte von Fußgängern und Radfahrern auf den Weg zu unzähligen kleinen Bars und Cafés, die in den vergangenen Jahren eröffnet haben.
Zu behaupten, China habe sich in den vergangenen zehn Jahren nicht verändert, ist natürlich absurd. Das zeigt schon alleine das Straßenbild. Und längst nicht alle Veränderungen sind zu beklatschen. Das Land ist seit der Amtsübernahme von Xi Jinping 2012 deutlich autoritärer und restriktiver geworden. Die Hoffnung von vor zehn Jahren, das Land würde sich mit einer wachsenden Mittelschicht liberalisieren, ist vom Tisch. Vielleicht hat sich sogar kein anderes Land so stark gewandelt – und längst nicht alles zum Besseren.
Warum also die steile Behauptung, Chinas Kurs sei derselbe geblieben?
Weil China nicht unfairer spielt als vor zehn Jahren.
Seit Jahren überschlagen sich die Artikel im Handelsblatt, im Spiegel und in der SZ, wenn es darum geht, endlich härter gegen Chinas Überkapazitäten vorzugehen. Viele der Vorwürfe sind gerechtfertigt. Nur neu sind sie nicht.
2001 ist China der Welthandelsorganisation beigetreten. Seitdem bricht und unterläuft es permanent die Regeln des Freihandels-Clubs. Die chinesische Währung ist unterbewertet, weil China seine Exporterlöse früher in US-Dollar und heute zunehmend in Gold bunkert, anstatt damit die eigene Währung zurückzukaufen. Das macht chinesische Exporte günstig und die Chinesen ärmer, als sie eigentlich sein müssten.
China betreibt eine extrem zielorientierte Industrie- und Energiepolitik. Beispiel Elektromobilität: Subventionierte Staatsunternehmen bauen Batteriemetalle in Indonesien und Afrika ab. Batteriehersteller wie CATL und BYD erhalten Vergünstigungen genauso wie die Autohersteller selbst. Und am Ende bekommen die Konsumenten Prämien für den Kauf eines Elektroautos.
China erzeugt doppelt so viel Strom wie die USA. Ein Teil davon kommt aus regenerativen Quellen wie Solar und Wind. Worüber man seltener liest: Kein Land aber baut so viele Atomkraftwerke wie China und kein Land verbrennt so viel Kohle wie China. Energie- und Stromerzeugung hat absolute Priorität.
Europa, allen voran Deutschland, hat sich in eine Energiekrise manövriert, deren Folgen erst allmählich sichtbar werden. Sanktionen und der Quasi-Krieg gegen Russland haben den Kontinent von günstigem Pipeline-Gas abgeschnitten. Deutschland hat seine Atomkraftwerke abgeschaltet. Die Folgen sind höhere Produktionskosten und ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Die Folgen dessen wiederum sind Inflation und Arbeitslosigkeit.
Dass China vom Partner und Wachstumstreiber zum Systemgegner geworden ist, liegt nicht an der veränderten Politik Chinas. Europa verliert nur anders als noch vor zehn Jahren öfter – und jetzt kritisiert man an China genau das, was noch vor wenigen Jahren Deutschland so erfolgreich machte: Gute Produkte in die ganze Welt zu verkaufen. Wo genau die Grenze zwischen guten Exportüberschüssen und schlechten Überkapazitäten verläuft, kann kaum ein Ökonom definieren.
Die deutsche Debatte über China erzählt deshalb mehr über Deutschland selbst. Ein Land, das jahrzehntelang von günstiger Energie, freiem Handel und offenen Absatzmärkten profitiert hat, beschädigt jetzt genau jene Bedingungen, auf denen sein Wohlstand beruhte.
4. Deutschland sägt an Ästen, auf denen es sitzt
Zwischen 1990 und 2020 profitierte Deutschland von drei Säulen: günstiger Energie aus Russland, einem guten Verhältnis zum größten Absatzmarkt China und militärischem Schutz der USA. All drei Faktoren sind mittlerweile schwer beschädigt. Die gängigen Erklärungen dafür sind schnell aufgezählt: Russland hat die Ukraine überfallen, China tritt aggressiver auf, Donald Trump verlangt von den Europäern, mehr für die Verteidigung auszugeben. Jedes Mal ist also jemand anderes schuld.
Bei genauerer Betrachtung aber erweisen sich alle drei Erklärungen viel weniger eindeutig. Hätte Brüssel oder Berlin in den vergangenen vier Jahren mehr diplomatische Anstrengungen unternommen, den Konflikt in der Ukraine beizulegen, flösse Gas aus Russland. Eine maßvolle Steigerung der Verteidigungsausgaben oder zumindest eine Modernisierung hätte die gigantischen Sondervermögenschulden nicht alternativlos erscheinen lassen müssen. Wo stünde das Land, wenn man hunderte Milliarden zum Beispiel in eine Sanierung der Deutschen Bahn gesteckt hätte anstatt ins Militär?
Zwischen 2019 und 2025 sind eine halbe Million Arbeitsplätze in der deutschen Industrie verloren gegangen. In diesem Jahr verschwinden jeden Monat 15.000. Die meisten davon gingen in der Auto-, Zulieferer- und Maschinenbauindustrie verloren. Merz sucht sein Heil in der Rüstung. Daraus entsteht aber eine Abwärtsspirale. Die Rüstungsindustrie wird zum Auffangbecken der Arbeitslosen. Die Drohnen, Raketen und Panzer brauchen Nachfrage. Irgendwann kann Frieden so zum wirtschaftlichen Risiko werden.
Davon abgesehen erhöht die Rüstung den Staatskonsum. Finanziert werden muss das durch höhere Steuern. Seltener in der Presse erfährt man, wie wenig Steuern die Chinesen zahlen: Nur 70 Millionen Chinesen, 10 Prozent der Erwerbstätigen, zahlen überhaupt Einkommensteuer – während die Steuerlast und Staatskonsum in Deutschland stetig zunehmen.
5. Der Elefant im Raum heißt Krieg
Während wir durch die Straßen Shanghais schlenderten und staunten, brannte in Frankreich das Rathaus von Limoges ab. In mehreren europäischen Hauptstädten kam es zu Protesten, Vandalismus und Plünderungen. Rechte Medien weisen die Schuld Migranten zu, linke Medien sprechen von sozialen Härten.
Noch bringen die wenigsten Europäer ihre wachsende Unzufriedenheit mit dem Krieg in Verbindung. Dass das Geld, das für immer mehr Waffenlieferungen in die Ukraine ausgegeben wird, an anderer Stelle fehlt, ist der Elefant im Raum. Ebenso wie die Tatsache, dass die Mehrkosten für Energie sich in steigenden Lebensmittelpreisen ausdrücken.
Um wieder in und über Europa zu staunen, muss derzeit viel passieren. Der Kontinent oder zumindest der Staatenbund namens EU scheint moribund. Dabei sind die Stellschrauben für einen Aufschwung relativ simple Faktoren. Die wichtigste ist Frieden. Und ein Siegfrieden über eine Atommacht ist nicht möglich. Es muss eine diplomatische Lösung gefunden werden.
Eine Verständigung mit Russland ist der Schlüssel zum zweiten Faktor: günstige Energie. Erst dann kann die Industrie wieder wettbewerbsfähig werden. Das Know-how, das relativ hohe Ausbildungsniveau und die Infrastruktur sind noch vorhanden. Und China muss als das gesehen werden, was es ist: eine Zivilisation in Asien, ein noch immer gewaltiger Wachstumsmarkt, mit dem man in einem friedlichen Wettstreit steht. Migration, Bürokratie und Degrowth-Fantasien zählen sicherlich auch zu den Faktoren, die Europas Niedergang beschleunigt haben. Aber ich halte sie für weniger fundamental als Frieden und Energie.
China versetzte jeden Besucher in Staunen, weil es so lebendig, gewaltig und manchmal auch monströs war. Das ist noch immer so.
Als ich 2011 von München nach Shanghai zog, war Deutschland ein sympathisches Land; weltweit hochgeschätzt, nicht nur in China, vielleicht weil es sich nicht größer machte, als es war, sondern auf seine Kompetenz vertraute, die sich in seinen Menschen und Produkte widerspiegelte. Das ist nicht mehr so.


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Gut geschriebener und interessanter Artikel ! Der Gastbeitrag beschreibt die Frustration über den deutschen Stillstand zwar präzise, blendet dabei aber die fatalen menschlichen und langfristigen Kosten des chinesischen Modells fast vollständig aus. Wer die top-down verordnete Effizienz Pekings bewundert, vergisst, dass dieser funkelnde Schein im Einzelfall mit brutaler Härte bezahlt wird. In China gilt das Individuum nichts, sondern wird als reine Verfügungsmasse einer Herde behandelt – Enteignungen ohne faire Abfindungen und die Inhaftierung von Kritikern sind dort an der Tagesordnung. Genau dieser Schutz des Einzelnen ist es aber, der das westliche Gesellschaftsmodell historisch auszeichnet. Zudem übersieht der Autor eine gewaltige… Mehr
„Die eigene Bevölkerung wird nicht als Ansammlung von Individuen gesehen, die man repräsentiert, sondern als eine Herde, die mit Anreizen und Strafen zu lenken sei.“ Betrachtet man unsere politische Situation und die ihnen zu Grunde liegenden Wahlergebnisse, kommt man nicht um hin, diese Einschätzung für nicht ganz verkehrt zu halten.
Sehr geehrter Herr Mattheis,
dieser Bericht ist sehr interessant. Besonders fiel mir dabei auf, dass China doppelt soviel Elektroenergie erzeugt wie die USA, sowie der „lautlose“ Verkehr in den Städten Chinas. Aber 2 Fragen habe ich dazu. Stimmt es, dass die Stadt-Chinesen den PKW für den Stadtverkehr benutzen, ansonsten für Fernreisen nur die Bahn oder das Flugzeug. Und wie wird der Individualverkehr (PKW) auf dem Land, in den riesigen Gebieten mit minimaler Bevölkerungsdichte, abgewickelt, mit Elektroautos oder Benzin- bzw. Dieselfahrzeugen?
Vielen Dank für Ihre Bemühungen.
Mit freundlichen Grüßen
M.S. (Budgie)
> Dass China vom Partner und Wachstumstreiber zum Systemgegner geworden ist, liegt nicht an der veränderten Politik Chinas. Europa verliert nur anders als noch vor zehn Jahren öfter Dazu sagte kürzlich Jeffrey Sachs: >>>Prof. J. Sachs: Kriegstreiber Merz stellt sich nicht den historischen Fakten und Verantwortungen – uncut-news.ch<<< > „… Der Aufstieg Chinas und die Rückkehr Asiens sowie die Tatsache, dass Europa und die Vereinigten Staaten ihre Dominanz in der Welt verlieren, erzeugt eine Art allgemeine Angst in der politischen Klasse. … Nun, mein Gefühl ist, wen kümmert schon Dominanz? … Ich denke, wir sollten uns auf Sicherheit, Schutz und… Mehr
Wie ein dumm impertinent, arroganter Käfer liegt die einstige Exportnation hilflos auf dem Rücken, zappelt dumm mit den Beinen und hält das herannahende Gewitter der Moderne für wohlverdienten Applaus❗
Immer weniger – TE erwähnte mal, dass 40% der schländischen Schüler kaum lesen können (in Berlin 54%). Dass etwa die Bahn-Infrastruktur marode ist, erwähnt der Artikel ein paar Absätze höher.