Mutmaßlicher Clan-Streit eskaliert: BMW-Fahrer rast in Menschengruppe

In Neustadt am Rübenberge steuert ein Fahrer seinen BMW gezielt in eine Menschengruppe. Mindestens fünf Menschen werden verletzt, Polizisten schießen auf das Fahrzeug, die Tatverdächtigen flüchten. Nach Erkenntnissen der Ermittler führt die Spur ins Milieu krimineller Großfamilien.

picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg

„Kriminelle Clans haben in Niedersachsen keine Chance“, verkündete SPD-Justizministerin Kathrin Wahlmann noch im August. Zwei Monate später bietet sich in Neustadt am Rübenberge bei Hannover ein anschauliches Bild davon, wie sich diese vermeintliche Chancenlosigkeit in der Praxis ausnimmt.

Am Montagabend gegen 23.30 Uhr steuerte ein Tatverdächtiger einen BMW auf der Mecklenhorster Straße gezielt in eine kleine Gruppe von Menschen. Mindestens fünf Personen erlitten Verletzungen unterschiedlichen Schweregrads. Sie mussten in umliegende Krankenhäuser gebracht werden, nach bisherigen Angaben besteht für die Verletzten keine Lebensgefahr.

Dass die Polizei unmittelbar eingreifen konnte, war hierbei einem Zufall zu verdanken. Beamte führten in der Nähe gerade eine gewöhnliche Verkehrskontrolle durch, als sich vor ihren Augen der Angriff ereignete. Sie eröffneten das Feuer auf den BMW, um die Tat zu stoppen. Anschließend ließ der Fahrer das Fahrzeug zurück und flüchtete zu Fuß. Ob weitere Personen im Wagen saßen, ist bislang ungeklärt.

Eine sofort eingeleitete Großfahndung mit zahlreichen Einsatzkräften und einem Polizeihubschrauber blieb zunächst erfolglos. An der Anschrift des Fahrzeughalters traf die Polizei später drei Personen an, die vorläufig festgenommen wurden. Ob sie ebenfalls an dem Angriff beteiligt waren, müssen die Ermittlungen erst ergeben.

Am Tatort blieben beschädigte Fahrzeuge zurück, neben dem BMW stand ein Mercedes mit zerstörter Heckscheibe. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt wegen des Verdachts eines versuchten Tötungsdelikts.

Wenn Großfamilien ihre Konflikte zunehmend auf der Straße austragen

Brisant ist vor allem, was die Polizei inzwischen über den Hintergrund mitgeteilt hat. Die Beteiligten kannten sich offenbar, sie gehören nach Angaben der Ermittler Großfamilien an, die teilweise bereits im Zusammenhang mit Clankriminalität polizeilich in Erscheinung getreten sind. Offenbar könnte hier ein Konflikt aus einem Milieu eskaliert sein, in dem familiäre Zugehörigkeit und die Bereitschaft zur gewaltsamen Durchsetzung eigener Interessen stehen.

Die Polizei betont, nach bisherigem Kenntnisstand habe keine Gefahr für die Bevölkerung bestanden. Gemeint ist offenkundig, dass sich der Angriff gegen ganz bestimmte Personen gerichtet hat. Für die öffentliche Sicherheit ist diese Unterscheidung allerdings von äußerst begrenztem Trost. Wer einen tonnenschweren Wagen auf einer öffentlichen Straße als Waffe einsetzt und einen Polizeieinsatz mit Schusswaffengebrauch auslöst, gefährdet zwangsläufig auch Unbeteiligte.

Noch im August feierte die rot-grüne Landesregierung ihre Erfolge im Kampf gegen die Clankriminalität. Innenministerin Daniela Behrens und Justizministerin Kathrin Wahlmann präsentierten ein neues Lagebild, wonach die registrierten Straftaten mit Clanbezug 2025 auf 2.691 zurückgegangen waren. Immer noch 2.691 zu viele, könnte man sagen. Gegenüber dem Vorjahr bedeutete das einen Rückgang um 454 Fälle. Wahlmann erklärte, die konsequente Null-Toleranz-Strategie zeige Wirkung.

Die Zahlen, mit denen sich die SPD-Ministerinnen schmückten, verdienen allerdings einen genaueren Blick. Unter den 2.411 registrierten Tatverdächtigen waren rund 48 Prozent Mehrfachtäter. Fast jeder zweite fiel demnach innerhalb eines Jahres mehrfach auf. Bei den Delikten bildeten Gewaltkriminalität und Straftaten gegen die persönliche Freiheit mit 934 Fällen die größte Gruppe. Allein 520 Körperverletzungsdelikte wurden gezählt.

Auch die hochumstrittene SPD-Innenministerin Behrens musste bei der Vorstellung des Lagebildes einräumen, dass das Gefahrenpotenzial weiterhin hoch sei. Sie verwies ausdrücklich auf die große Verfügbarkeit von Waffen und die Bereitschaft, diese zur Durchsetzung eigener Interessen einzusetzen.

Ihre Justizministerin Wahlmann damals dazu: Kriminelle Clans führten ihre Kämpfe auf offener Straße aus, verbreiteten Angst und versuchten, das staatliche Gewaltmonopol zu untergraben.

Aufschlussreich war auch eine weitere Äußerung Wahlmanns: Mit der Abschöpfung krimineller Vermögen treffe man die Täter dort, wo es ihnen besonders wehtue: „Bei der Rolex und dem aufgemotzten Auto.“ Gestern steht dann ein aufgemotzter BMW im Zentrum eines mutmaßlich clanbezogenen versuchten Tötungsdelikts mitten auf der Straße.

Das eigentliche Problem ist längst deutlich ausgewachsener als die einzelne Tat in Niedersachsen. Wo kriminelle Familiennetzwerke Konflikte mit massiver Gewalt auf offener Straße austragen, wird der öffentliche Raum auch immer öfter zum Schauplatz privater Machtdemonstrationen. Den Preis dafür zahlt eine Gesellschaft, die darauf angewiesen ist, dass Recht ausschließlich von staatlichen Institutionen durchgesetzt wird.

Die Polizei in Neustadt am Rübenberge musste dieses Gewaltmonopol in der Nacht zum Dienstag mit gezogenen Schusswaffen verteidigen. Dass dabei niemand ums Leben kam, ist angesichts des Tatablaufs ein glücklicher Umstand.

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Kommentare ( 2 )

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h.milde
27 Minuten her

Ein „BrandMauerWagen“ war also diesmal das Tatfahrzeug. Wie gut, daß auch uns bereichernde Großfamilien „Freude am ÜberFahren“ mit gesichert antifaschistischen KfZ so zeigen & daß die rassistisch rechten Migrationsbefürworter von der AfD & ihre Wähler diese nicht mehr fahren sollen. Außerdem haben diese Rechten sowieso nicht mehr genug Geld, um sich diese leisten zu können, denn die von ihnen abgepressten Steuern sind gut angelegt in Diversität, Buntheit, Klimaneutralität & Fahrradwegen in Peru & eben in eine Willkommenskultur mit solchen kulturell anregenden Showeinlagen….

Last edited 20 Minuten her by h.milde
Haba Orwell
53 Minuten her

> Offenbar könnte hier ein Konflikt aus einem Milieu eskaliert sein, in dem familiäre Zugehörigkeit und die Bereitschaft zur gewaltsamen Durchsetzung eigener Interessen stehen.

Ich stelle mir das ungefähr so vor, wie die Wahl zum Piraten-König im dritten Teil der „Piraten der Karaiben“. Irgendwann prügeln die sich, worauf Captain Jack Sparrow sagt: „Das ist Politik!“
Zugegeben – im Film war den Piraten der Piraten-Kodex heilig, während es im real existierenden Schland nicht so zivilisiert zugeht.